Uwe Klimaschefski über Homburg 08

»Woanders wäre ich geflogen«

Uwe Klimaschefski war einer der kuriostesten Trainer der Bundesliga-Geschichte. Wir sprachen mit dem Trainer-Urgestein über blutige Füße, Kopfbälle mit Medizinbällen und rote Ampeln in Homburg. Uwe Klimaschefski über Homburg 08
Heft#99 02/2010
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Berlin, Zoologischer Garten. In der legendären Fußball-Kneipe »Hanne am Zoo« sind wir am Samstagmorgen mit Uwe Klimaschefski verabredet. In Begleitung seiner Frau kreuzt der Bundesliga-Veteran von einst pünktlich auf, ordert überraschenderweise ein Soft-Getränk (»Viel zu früh für Bier!«) und wird in den kommenden zwei Stunden nicht einen Schluck davon nehmen. Es gibt genug zu erzählen.

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Herr Klimaschefski, Ihren Namen verbindet man unweigerlich mit dem FC Homburg, warum haben Sie den Klub eigentlich so oft verlassen?


Da muss ich ganz vorne anfangen.

Wir bitten darum.

Das erste Mal bin ich nur deshalb zum FSV Mainz gegangen, weil ich nicht damit rechnen konnte, das Homburg den Aufstieg in die 2. Bundesliga schaffen würde. Zehn Spieltage vor dem Ende der Spielzeit bekam ich ein Angebot aus Mainz, die wären dank der damaligen Aufstiegsregel sicher drin gewesen.

Da sind Sie einfach übergelaufen?

Moment, ich steckte in der Klemme. Die Regionalliga wollte ich mir auf Dauer nicht antun, Homburg zu verlassen aber auch nicht. Unser damaliger Präsident Udo Geitlinger, der war vom gleichen Schlag wie ich. Mit dem habe einen Plan ausgetüftelt.

Der da war?


Er meinte: »Uwe, unterschreib da erstmal, und wenn wir tatsächlich den Aufstieg schaffen, holen wir Dich schon irgendwie zurück.« Als wir den Aufstieg in der Tasche hatten, bin ich zum Präsi und habe ihn gefragt: »Und nun?« Was hat der schlaue Fuchs gemacht? Er hat den Kollegen Herbert Wenz von Eintracht Kreuznach verpflichtet und ihn einen Vierteljahresvertrag unterschreiben lassen. Ich bin nach der Saison zu Mainz 05 gegangen.

Wie ging es weiter?

Das Vierteljahr war rum, und ich stand mit Mainz auf dem fünften Platz, Homburg war abgeschlagen Letzter. Udo Geitlinger rief mich an: »Uwe, Du musst unbedingt zurückkommen!« Das wollte ich auch, ich habe mich nie wohl gefühlt in Mainz, ich weiß auch nicht warum. Komische Stadt. Jedenfalls habe ich freundlich angefragt, ob ich denn wieder nach Homburg dürfte. Die haben natürlich mit dem Kopf geschüttelt. Der damalige Präsident war gleichzeitig auch der Chef von Blendax, kennen Sie doch, dieses Zahnputzunternehmen?

Na, sicher.


Jedenfalls hat der immer mal ganz gerne einen gesoffen, und mich wollte er häufig mit am Tresen haben. Wenn er dann einen intus hatte, habe ich ihn wieder belabert: »Mensch, lass mich doch gehen.« Und irgendwann hatte ich ihn soweit. Ich bin zurück nach Homburg gegangen, die Zeitungen haben kurz geschrien, und dann war alles in Butter.

Ein paar Jahre später sind Sie dann nach Israel gegangen. Warum das denn?


Auch bei dieser Geschichte muss ich etwas weiter ausholen.

Immer gerne.

Ich hatte meine Trainerausbildung an der Sporthochschule Köln absolviert, zusammen mit Otto Rehhagel und Siggi Held im letzten Jahrgang unter der Leitung von Hennes Weisweiler. Jahre später, Hennes trainierte Mönchengladbach, ich den FC Homburg, rief er mich an. »Uwe«, sagt er, »du weißt doch, dass ich mit der Borussia in Israel war.« Jawohl, das wusste ich. Die Gladbacher waren als eine der ersten deutschen Sportmannschaften nach Israel eingeladen worden, damals knüpften beide Länder erstmals wieder zarte Bande.

Was hat Weisweiler Ihnen gesagt?


Er raunte nur durchs Telefon: »Uwe, Du musst für ein Jahr als Trainer nach Israel gehen.« Ich sagte: »Herr Weisweiler, das geht nicht, ich trainiere doch in Homburg.« – »Uwe«, sagt er nur, »Du musst das machen, ich habe denen schon zugesagt.«

Und wieder hat Sie Ihr Präsident einfach so gehen lassen?

Wie gesagt, mit dem konnte ich ganz gut reden. Meine Frau war zunächst sehr skeptisch, wir hatten schließlich zwei kleine Kinder, sie hat noch gesagt: »Mensch, die schreiben doch da von rechts nach links!« Am Ende habe ich sie überreden können, wir haben unsere Wohnung in Kaiserslautern hinter uns abgeschlossen und sind ab nach Israel zu Hapoel Haifa.

Wie lief das Jahr für Sie ab?

Zwei Spieltage vor Schluss standen wir auf Platz eins, das war eine Sensation, denn Hapoel war noch nie Meister geworden. Am vorletzten Spieltag haben wir auswärts bei Beitar Jerusalem gespielt, und diese Partie werde ich nie vergessen.

Was ist passiert?


Vor dem Spiel hatte mich schon mein Dolmetscher gewarnt, ich solle bei diesem Spiel meine Emotionen zurückhalten, sonst kämen wir da nicht lebend raus. Ich habe das nicht so ernst genommen. Als wir mit dem Mannschaftsbus auf dem Weg zum Stadion waren, überholten uns schon die ersten Autos mit Beitar-Fans. Ich guck aus dem Fenster und sehe nur, wie alle diese Geste hier machen (macht die Halsabschneider-Geste nach). Das konnte ja heiter werden.

Wie ging es weiter?

Zwei Kilometer vor dem Stadion steckten wir plötzlich fest, und die Jerusalemer bombardierten unseren Bus mit Steinen und hämmerten gegen die Türen. Die Polizei musste uns auf Pferden den Weg ins Stadion bahnen. Um es abzukürzen: Nach 80 Minuten stand es noch 0:0, der Punkt hätte mir schon gereicht und dann...

Ein sichtlich angeschickerter Herr im feinen Zwirn und Hornbrille steht plötzlich am Tisch und unterbricht das Gespräch. Es entwickelt sich folgender Dialog:

Angeschickerter Herr: Herr Klimaschefski, eines muss ich Sie mal fragen: Warum hat es dieser Hauptstadtverein aus Berlin bislang noch nie geschafft, eine konstante Sache aufzubauen? Ich bin Werder-Fan. Schaafs und Allofs, die machen´s. Warum schafft das die Hertha nicht?

Uwe Klimaschefski:
Die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt...

Angeschickerter Herr: Das gibt’s doch gar nicht!

Uwe Klimaschefski:
...warum Hertha es all diesen Jahren noch nicht geschafft hat, Deutscher Meister zu werden.

Angeschickerter Herr:
Ja, warum denn nicht?!

Uwe Klimaschefski:
Die Antwort kann wohl keiner wirklich geben.

Angeschickerter Herr:
Haben die denn keine gute Sponsoren, oder was?

Uwe Klimaschefski:
Na ja...

Angeschickerter Herr:
Mit so einem Monster-Potential hier! Gucken Sie sich meinen kleinen Verein Werder Bremen hat, die arbeiten da kontinuierlich!

Der gute Mann dreht sich um und geht zur Theke.


(Klimaschefski leise) Ich kenne den nicht.

72 Jahre und immer noch Groupies!

Ich will lieber weiter erzählen. Wo waren wir?

Im Stadion.

Genau. Zehn Minuten vor dem Ende knallt einer von Beitar den Ball an die Latte, der von dort auf die Linie klatscht. So eine Art Wembley-Tor. Vor lauter Angst entscheidet der Schiedsrichter auf Tor, und ich sehe unsere Felle davon schwimmen. Jetzt hatte ich allerdings noch ein ganz anderes Problem. Vor dem Spiel hat mir der Dolmetscher gesagt: »Uwe, wenn die Partie beendet ist: Ein Spurt in die Kabine!« Die Zuschauer trennte nur ein grober Maschendrahtzaun vom Spielfeld, und mein T-Shirt war auf dem Rücken schon total voll gerotzt. Nach dem Schlusspfiff bin ich dann hinter meinen Spielern her gerannt und ab in die Kabine. Erst nach einer Stunde konnten wir endlich abfahren. Das war mein Erlebnis in Israel. Ach ja: Die Meisterschaft haben wir natürlich auch noch verpasst.

Nach einem Jahr sind Sie wieder nach Deutschland gegangen. Überraschenderweise zum FC Homburg.

Der Udo hat mich halt immer wieder genommen. Insgesamt war ich fünfmal weg aus Homburg. Und heute wohne ich wieder hier.

Von Ihnen stammt auch der legendäre Spruch: »Nur in Homburg darf ich ungestraft bei Rot über die Kreuzung fahren!«

Wie gesagt, ich hatte ein hohes Ansehen in der Stadt, vor allem beim Präsidenten. Wenn ich mir mal wieder einen Spruch erlaubt hatte und sich die Leute bei ihm ausheulten: »Der Klima hat uns als Arschlöcher bezeichnet!«, hat er gesagt: »Ja und? Ihr seid doch auch Arschlöcher!« 

Welche Geschichten gibt es noch von Ihrem ehemaligen Präsidenten?

Sehr viele. Eine fällt mir spontan noch ein. Wir hatten mal einen österreichischen Spielervermittler zu Gast, der seinen Mann bei uns unterbringen wollte. Wir trafen den Kerl im Hotel unseres Präsidenten. Ich habe mich dann abgeseilt, als es noch um etwa 500 Mark, da sollten sich die Herren ja wohl noch einigen. Ein paar Stunden später wurde ich neugierig und rief Gerd an. Wie es denn gelaufen wäre? »Ganz gut«, meinte er, »der Spieler kommt. Aber seinem Vermittler habe ich grade auf die Fresse gehauen.«

Wie bitte?


Das habe ich ihn auch gefragt. Aber der Typ hatte sich volllaufen lassen und hatte angefangen, herumzupöbeln und die Teller von den Tischen zu schmeißen. Das konnte sich der Besitzer des Hotels natürlich nicht gefallen lassen.

Ein anderer Ex-Fußballer kommt an den Tisch: Klaus Konieczka, Teil der Rekordverlierer-Mannschaft Tasmania Berlin in der Saison 1965/66.

Klimaschefski lacht sich kaputt: Passt auf, es gab im deutschen Fußball zwei Konieczkas: Einen, der Fußball spielen konnte (er meint den Schützen des ersten Bundesliga-Tores: Timo Konietzka) und ihn hier! Konni, erzähl doch mal, wie viele Punkte ihr damals geholt habt!

Konieczka zerknirscht:
Acht Punkte.

Klimaschefski lacht immer noch:
Konni, das ist Minusrekord. Tut mir leid, aber an diesem Tisch darfst du leider nicht sitzen.

Konieczka kontert: Lasst Euch nichts erzählen von dem. Der konnte den Ball weiter stoppen, als er ihn schießen konnte!

(lacht)

Ok, was wolltet Ihr noch wissen? Wie ich mal einen Spieler über die Autobahn habe rennen lassen?

Schießen Sie los!


Das passierte während meiner Zeit als Trainer in Saarbrücken. Am Montag nach einem Spiel in Dortmund, kam ich abends von einem Fanclub-Treffen und bin auf dem Weg nach Hause noch kurz in meine Stammkneipe, da brannte noch Licht. Und das erste, was ich sehe, ist ein betrunkener junger Kerl, der mich anpault: »So langsam, wie Deine Spieler sind, renne ich noch im Schlaf!« Der hat nicht aufgehört, mich zu nerven. Da habe ich gesagt: »Junge, dann komm doch morgen früh zu uns zum Training vorbei, dann werden wir ja sehen, wie schnell du bist.«

Wie ging es weiter?


Am nächsten Morgen stehe ich schon auf dem Trainingsplatz und warte auf meine Spieler, als Wolfgang Seel (361 Bundesligaspiele, 6 Länderspiele für Deutschland, d. Red.) mich fragt: »Uwe, da ist irgendein Typ in der Kabine und zieht sich um.« Und tatsächlich war der Kerl aus der Kneipe zum Training erschienen. Meine Spieler waren verwirrt, die wussten ja nicht was los war, und ich hatte auch noch keine Ahnung, was ich mit ihm anfangen sollte. Erst als wir am Mittelkreis standen, fiel mir etwas ein.

Strafrunden? Medizinbälle? Schuhe putzen?

Viel besser. »Jungs«, sage ich, »heute machen wir mal wieder unseren beliebten Autobahnlauf.« Unser Trainingsplatz lag damals direkt an einem Autobahnzubringer, 15 Kilometer vor Dudweiler. »Und du«, sage ich zu unserem Neuling, »fängst gleich mal als Erster an. Jeder bekommt einen Vorsprung von zwei Minuten.« Ich musste mir ja was einfallen lassen, damit meine Spieler nicht rennen mussten. »Und wohin, Trainer?« – »Bis zum Ortsschild von Dudweiler, da holt der Co-Trainer euch dann später alle ab. Aber pass auf, dass Du auf dem Standstreifen rennst, letztes Jahr haben wir Ärger mit der Polizei bekommen. Wollen mal sehen, wie schnell Du bist.« Also rannte er los, in Stollenschuhen.

Und damit hatte er das Probetraining überstanden?


Ach was! Wir haben ja normal trainiert, ich hatte den Typen total vergessen. Am nächsten Tag hat mir dann einer meiner Spieler, der in Dudweiler wohnte, erzählt, was noch passiert ist. »Trainer, ich wollte grade nach Duttweiler rein fahren und wen sehe ich auf der Leitplanke mit blutigen Füßen?« Da ist der Kerl doch tatsächlich in Stollenschuhen 15 Kilometer über die Autobahn gesprintet!

Sind Sie immer so mit Probespielern umgegangen?

Solche Idioten hatten wir damals dauernd. Selbst bei Mönchengladbach tauchten einfach Typen auf, die mittrainieren wollten. Die konnten oft nicht unfallfrei geradeaus gehen. Ich will Euch noch ein Beispiel geben.

Bitte.

In Homburg musst ich mal einen Geschäftspartner meines Präsidenten mittrainieren lassen, und den hatte ich schon gefressen, als ich sah, dass er einen dicken Porsche neben meinen kleinen Golf parkte. Als der die Sporttasche auspackte, wusste ich schon: Der kann nichts.

Woran sieht man das denn?

Als Bundesligatrainer siehst du doch schon am Gang, ob einer Fußball spielen kann oder bei der Müllabfuhr ist. Das Beste war aber, als ich den Typen frage, wo er denn spiele. Er nannte mir einen kleinen Kuhdorf-Verein. »Und wo spielst Du da in der ersten Mannschaft?« – »Ach was«, sagt der, »ich bin in der Zweiten.« Das muss man sich mal vorstellen, wir waren damals an der Spitze der zweiten Liga!

Was haben Sie gemacht?

Drei Übungen sollte er machen, um in die Mannschaft aufgenommen zu werden: 400-Meter-Lauf im Vollsprint, danach zehnmal um die eigene Achse drehen und abschließend zehn Kopfbälle.

Klingt machbar.

Die Kopfbälle allerdings mit einem Medizinball.

Oh...


Nach drei Kopfbällen wollte er nicht mehr und ist in die Kabine gewankt. Einen Tag später rief mich mein Präsident an »Uwe, was hast du blöder Hund mit dem Jungen gemacht? Doch nicht etwa wieder die Medizinball-Übung? Der hat mir heute Nacht das ganze Hotelzimmer vollgekotzt.« So eine Nummer hätte ich aber nur in Homburg erlauben können. Woanders hätte man mich wohl ziemlich bald danach gefeuert.

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