17.04.2010

Uwe Kliemann über die Hertha-Misere

»Zu viele Pflegefälle«

In den siebziger Jahren wachte »Funkturm« Uwe Kliemann über die Abwehr der Hertha. Am Ende stieg er mit den Berlinern ab. Gleiches droht nun erneut. Ein Gespräch über Dieter Hoeneß und britische Panzer.

Interview: Johannes Ehrmann Bild: Imago
Herr Kliemann, Sie arbeiten für die Scouting-Abteilung von Werder Bremen. Stimmt es, dass Sie sich vor einigen Jahren auch bei Hertha BSC als Scout beworben haben?

Ja, aber das ist schon eine Weile her... Ich hatte damals in der Sport-Bild gelesen, dass Hertha Bedarf im Scouting-Bereich habe. Mit Dieter Hoeneß habe ich mich auf seine Einladung hin beim ersten Spiel von Andy Thom getroffen, Hertha spielte gegen Wolfsburg und gewann 1:0, Thom machte das Tor. Danach kam dann aber nichts mehr von Hoeneß.



Wissen Sie, warum sich Hoeneß nicht mehr meldete?

Lange später habe ich von einem alten Weggefährten gehört, dass dem damaligen Trainer Röber und Hoeneß eine Aussage von mir zu besagtem Spiel nicht besonders gut gefallen haben soll. Ich habe damals gesagt, ich hätte schon bessere Spiele gesehen. Das war vielleicht ein Fehler.

Schaaf, Allofs, Votava, Wolter: Werder Bremen bindet enorm viele verdiente ehemalige Spieler in die Vereinsstruktur ein. Warum ist das bei Hertha – mit Ausnahme von Michael Preetz – nicht der Fall?

Unter anderem wohl deswegen, weil eine Zeitlang bei Hertha tote Hose war. Die Spieler haben sich nach dem Abstieg aus der Bundesliga in alle Winde zerstreut. Hertha hat ja teilweise sogar in der Oberliga gespielt, Geld war keines da. Dann kam Dieter Hoeneß und mit ihm zunächst auch der Erfolg.

Wann begann Ihrer Ansicht nach die Talfahrt?

Es scheint so, als hätte der Größenwahn eingesetzt, als Hertha den AC Mailand schlug und erfolgreich in der Champions League spielte. Man dachte damals, man könnte innerhalb von drei Jahren auf Augenhöhe mit Bayern München sein. Stattdessen wurden gravierende Fehleinkäufe getätigt, Alex Alves, Luizao, das war ja Geldverbrennung hoch drei!

Hätte das Hertha-Management die Spieler besser auswählen müssen?

Gegen solche Sachen ist kein Verein gefeit. Werder Bremen hat ja mit Carlos Alberto auch solch einen Einkauf getätigt. Aus Südamerika kann man sehr gute Leute wie Jorginho oder Ze Roberto bekommen, aber eben auch Pflegefälle. (lacht) Davon hatte Hertha ein paar zu viel.

Hertha hat 6 Punkte aus 17 Spielen geholt. Glauben Sie noch an den Klassenerhalt?

Friedhelm Funkel kann am wenigsten dafür, ich schätze ihn als ehrlichen, korrekten Arbeiter, der auch schon Erfolge gefeiert hat. Wenn man drei Mal in einem Spiel an den Pfosten schießt, kann das ja nicht die Schuld des Trainers sein. Wenn Hertha gut in die Rückrunde startet, aus den ersten drei Spielen vielleicht sechs Punkte einfährt, ist noch etwas möglich. An einen Sprung auf Rang 15 denke ich gar nicht, aber vielleicht schafft die Mannschaft es in die Relegation.

Was wäre, wenn Hertha trotz allem absteigt?

Mit dem Ausbau des Trainingsgeländes am Olympiastadion mit Internat, Amateurstadion und Kunstrasenplätzen hat Dieter Hoeneß etwas Tolles aufgebaut. Wenn Hertha absteigen sollte, wird es wohl sehr problematisch, das beizubehalten. Zu meiner Zeit in den Siebzigern durften wir nur mit Genehmigung aufs Maifeld, das damals unter britischer Verwaltung war. Wenn die Queen Geburtstag hatte, sind die Briten schon vier Wochen vorher mit den Panzern aufs Feld gerollt und haben die Parade geübt. Wir mussten zum Training auf einen Sandplatz ausweichen, wo es nicht mal einen Wasseranschluss gab. Bei trockenem Wetter ist man dort fast an Staublunge gestorben!

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden