Uwe Kamps im Interview

„Keine Luft mehr gekriegt“

DFB-Pokalhalbfinale 1992, Gladbach – Leverkusen, Elfmeterschießen, vier Schützen, ein Keeper, kein Tor. So wie unlängst Daniel Klewer (FCN) hielt Uwe Kamps alle vier Schüsse. Wie ihm das gelang, verrät er im Gespräch mit 11freunde.de. Imago
Heft #63 02 / 2007
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Herr Kamps, Sie haben fast 400 Bundesliga-Einsätze und zahlreiche DFB-Pokalspiele auf dem Buckel. Das ist eine Menge Holz. War das Halbfinale gegen Leverkusen denn ihr größtes Spiel?

Dieses Spiel ist schon schwer zu toppen. Das bleibt natürlich ein Leben lang in Erinnerung.

Vier Elfmeter, vier Glanzparaden – haben Sie das zuvor für möglich gehalten?

Eigentlich nicht. Natürlich versucht man immer sein Bestes. Aber das so etwas dabei herausspringt, das hält man im Vorfeld nicht für möglich.

Waren Sie traurig, dass es zu keinem fünften Elfmeter gekommen ist? Den hätten Sie doch bestimmt ebenfalls gehalten.

(lacht): Ich denke, dass war solch ein Tag, an dem mir das auch noch gelungen wäre. Vielleicht hätte ich einfach den letzten Elfer selbst schießen sollen.

Vor Ihnen hat schon jemand das gleiche geschafft. Aber fünf von fünf Elfmetern zu halten, das ist noch niemandem gelungen. Dann hätten Sie alleinig im Guiness Buch der Rekorde gestanden.

Helmuth Duckadam hat als Torwart von Steua Bukarest 1986 im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Barcelona ebenfalls vier Dinger gehalten. So mussten wir uns den Ruhm teilen. Aber es gibt schlimmeres.

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Wie vollbringt man eine solche Leistung? Haben Sie in die psychologische Trickkiste gegriffen, um die Schützen zu verunsichern?

Ich bin halt lange stehen geblieben und habe somit versucht, die Schützen zu irritieren. Aber mehr auch nicht. Das war halt ein Tag, an dem vom Timing und der Intuition alles super gepasst hat.

Also eine Eintagsfliege.

Absolut. Etwas anderes zu behaupten wäre vermessen.

Werden Sie heutzutage noch auf dieses Spiel angesprochen?

Ständig. Das ist ja auch ein Erlebnis, das haften bleibt.

Sie haben die Elfmeter-Vorlieben der potenziellen Leverkusener-Schützen sicher gekannt. Konnten Sie auf Statistiken zurückgreifen?

Nein, da war lediglich ein Hinweis von Jürgen Gelsdorf. Er hat zuvor in Leverkusen gearbeitet und konnte mir einen entscheidenden Tipp geben: Er wusste ganz genau, wohin Jorginho schießen wird. Er sagte, der schießt immer gleich – so wird er es auch diesmal machen. Das war ein super Einstieg, der mir Sicherheit gegeben hat.

Und wie hat er denn geschossen, der Jorginho?

Ein schwacher Schuss. Von mir aus gesehen, halbhoch auf die linke Ecke. Aber dank Gelsdorf war das ja keine Überraschung für mich.

Und der zweite von Heiko Herrlich?

Heiko hat die gleiche Ecke anvisiert, ebenfalls halbhoch. Allerdings war der Elfer ein wenig besser geschossen – letztlich musste ich mit der rechten Hand übergreifen, um den Ball noch zu erreichen. Gar nicht so leicht.

Wie war es bei Ioan Lupescu?

Der Ball kam mittig und recht hoch. Den Schuss habe ich gerade so erwischt, dass er als Bogenlampe gleich wieder in meine Arme fiel. Bei dem Elfmeter hatte ich sicherlich ein wenig Glück.

Und zu guter Letzt Martin Kree – der Mann mit dem gefürchteten Bums.

Martin Kree war immer gefürchtet. Glücklicherweise hat er diesen Ball aber lediglich mit dem linken Fuß in die rechte Torwartecke geschoben, anstatt mit Vollspann abzuziehen. Bei ihm hätte ich möglicherweise alt ausgesehen. Aber dass er die Elfer manchmal auf diese Weise macht, hatte ich zuvor einige Male gesehen.

Waren die Schützen so schlecht oder Sie schlicht und ergreifend unbezwingbar?

Kree und Jorginho haben wirklich nicht gut geschossen. Aber die Dinger von Herrlich und Lupescu waren nicht leicht zu halten.



Und nach dem Spiel waren Sie sicherlich in einer Art Rauschzustand.

Das war natürlich der absolute Wahnsinn. Ich habe schon eine Zeit gebraucht, um zu realisieren, was an diesem Abend geschehen war. Nach dem letzten Elfmeter bin ich in Richtung Eckfahne gelaufen und lag dann dort. Wenige Sekunden später habe ich ein Paket von zwanzig Leuten auf mir liegen. Kurze Zeit habe ich gedacht, dass mir die Lichter ausgehen (lacht). Ich habe beinahe keine Luft mehr gekriegt. Doch dann hat Frank Schulz die Jungs einem nach dem anderen wegsortiert, so dass ich wieder atmen konnte. Das es Frank Schulz war, habe ich dann später im TV gesehen.

Nach dem Schlusspfiff haben sich auf dem Rasen ausgelassene Szenen abgespielt. Und Rolf Töpperwien ist auf dem Platz seine Brieftasche geklaut worden.

Toppi war immer mittendrin. Irgendwie hat er es ständig geschafft, an die Leute ranzukommen, um Interviews einzufangen. Doch diesmal hat er einen hohen Preis dafür bezahlt (lacht).

Mit Lupescu und Herrlich haben Sie einige Zeit später zusammen in Gladbach gespielt. Wurden Sie von den beiden noch einmal auf diese Pokal-Nacht angesprochen?

Ja, na klar. Das ist bei den beiden schon noch hängen geblieben. Lupescu sagte später, dass dies der einzige wichtige Elfmeter seiner Karriere gewesen, den er verschossen hätte. Und Heiko Herrlich hat nichts mehr dazu gesagt.

Sie sind nach dem Spiel gegen Leverkusen ins Finale gegen den damaligen Zweitligisten Hannover eingezogen. Und erneut kam es zum Elfmeterschießen. In diesem Spiel konnten Sie jedoch nur den Schuss von Oliver Freund halten.

Das Halbfinale war aus meiner Sicht super – da konnte ich mich auszeichnen. Im Finale jedoch dachte ich, dass werden die Jungs auf dem Feld schon schaukeln. Aber Hannover war spielerisch besser und hatte die deutlicheren Chancen. Als es zum Elfmeterschießen kam, war ich ziemlich selbstsicher. Immerhin hatte ich mehr Infos über die Hannoveraner als über die Leverkusener. Doch wie das manchmal so ist: Es hat nichts genützt.

Daniel Klewer, Ersatztorwart von Nürnberg, hat neulich ebenfalls vier Elfmeter im DFB-Pokal gehalten. Er sagte, dass er Kontakt zu seinen Verwandten aufnimmt. Was hören Sie beim Elfmeter?

Ich höre nichts, sondern verlasse mich auf mein Bauchgefühl. Dazu überlege ich: Wer kommt als Schütze, habe ich den schon mal vom Elferpunkt schießen sehen? Ist er Linksfuß oder Rechtsfuß – das sind für mich die entscheidenden Informationen.

Derzeit sind Sie Torwart-Trainer bei der Borussia. Was geben Sie Ihren Keepern bezüglich Elfmeter-Situationen mit auf den Weg?

Wir sammeln viele Informationen über die Schützen. Zum Beispiel, wer welche Ecke bevorzugt. Und wer wann zuletzt wohin geschossen hat. Das sind wertvolle Tipps für die Jungs.

Weiß Kasey Keller eigentlich von der Pokalnacht gegen Leverkusen?

Ja, er weiß es. Schließlich haben wir uns das zusammen angeschaut.

Wie war seine Reaktion?

Er war sehr überrascht. Das hat er mir wohl nicht zugetraut (lacht).

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