Uwe Gospodarek über die 96-Krise

»Nicht zu viel denken«

Uwe Gospodarek hätte es auch leichter haben können, doch jetzt spielt er bei Hannover 96. Der 36-jährige Torwart im Exklusiv-Interview über seine Zukunft auf der Ersatzbank und die Entlassung von Trainer Andreas Bergmann. Uwe Gospodarek über die 96-Krise

Uwe Gospodarek, seit der Winterpause sind Sie bei Hannover 96 unter Vertrag. Hätten Sie sich nicht einen einfacheren Klub auswählen können?

Sicher ist es eine Herausforderung bei 96 zu spielen, aber ich bin froh, überhaupt wieder bei einem Erstligaverein arbeiten zu dürfen. Nach meiner Zeit bei Borussia Mönchengladbach hatte man mich ja quasi abgeschrieben. Ich war aber nie weg, ich habe nur keinen Verein gefunden!

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Es war auch der Trainer Andreas Bergmann, der Sie aus der Versenkung geholt hat. Der wurde am Dienstag entlassen. Was bedeutet diese Personalie für Sie persönlich?

Ich weiß nicht, warum ich mir darüber Gedanken machen soll. Das ändert nichts an meiner Einstellung und meinen Zielen mit 96. Wir warten jetzt ab, wer der neue Trainer wird und dann konzentrieren wir uns wieder auf den Abstiegskampf.

War Bergmann nicht der richtige Mann für den Job in Hannover?

Dafür bin ich noch nicht lange genug hier, um das beurteilen zu können.

Man hat Ihm immer vorgeworfen, er sei ein Jugendtrainer und nicht in der Lage eine Profimannschaft zu führen. Sehen Sie das genauso?

Das hat damit nichts zu tun. Jeder Trainer hat seinen eigenen Stil. Und einige haben eben das Glück, damit erfolgreich zu sein, andere nicht. Andreas Bergmann ist ein neuer  Bundesliga-Trainer und genau wie junge Spieler das tun, wird er aus seinen Fehlern nur lernen können.

Welcher Trainer hat den richtigen Stil, um Hannover jetzt im Abstiegskampf zu helfen?

Wer Trainer in Hannover wird, ist fast zweitrangig, es geht darum, dass die Mannschaft wieder in die Spur kommt und Erfolgserlebnisse feiern kann. Egal wer als Trainer verpflichtet wird: Umsetzen müssen es wir als Spieler auf dem Platz. Wer das nicht schafft, für den gibt es die Ersatzbank.

Sie sind offiziell nur als zweiter Torwart hinter Florian Fromlowitz verpflichtet worden. Bedeutet dieser Trainerwechsel nicht auch eine neue Chance für Sie?

Unabhängig von dem Trainerwechsel und meiner Rangfolge im Tor war und bin ich schon immer ein Typ, der im Training so hart und intensiv wie möglich arbeitet. Ob ich nun Stammspieler bin oder auf der Bank sitze, ändert nichts an meiner Einstellung im Training. Was dann draus wird kann ich sowieso nicht beeinflussen, ich kann mich nur jeden Tag anbieten, mehr nicht.

Die klare Nummer Eins in Hannover ist ohne Zweifel Florian Fromlowitz. Wie schätzen Sie Ihren Kollegen ein?

Er ist ein junger Torwart, auf dem jetzt die Last der Stammposition lastet. Als Robert Enke verletzt war, wusste Flo, dass Robert nach seiner Rückkehr auf jeden Fall wieder in der ersten Mannschaft stehen würde. Jetzt ist er die klare Nummer Eins, und natürlich bedeutet das als Keeper viel mehr Druck. Diese Belastung muss er abschütteln. Als Torwart darfst du eh nicht zu viel denken.

Nach Ihrer Verpflichtung wurde Hannovers Sportdirektor Jörg Schmadtke mit den Worten zitiert: »Mit Uwe Gospodarek haben wir einen erfahrenen Keeper, der Florian Fromlowitz ideal den Rücken frei halten kann.« Sehen Sie das auch als Ihre primäre Aufgabe?

Meine Hauptaufgabe besteht ja nicht nur darin, Florian Fromlowitz den Rücken frei zu halten, sondern auch der Mannschaft mit meiner Erfahrung weiter zu helfen. Das fängt schon mit der täglichen Trainingsarbeit an.

Inwiefern?

Wenn ich Defizite oder Fehler erkenne, spreche ich das auch deutlich an. Ich war schon immer ein Freund der klaren Worte. Nur so kommt man auch weiter. Wenn man alles verschweigt, was einen stört, immer den Mantel rüber legt, tritt man auf der Stelle. Stillstand kann sich Hannover 96 aber nicht leisten.

Ihr neuer Klub steckt aktuell in einem Dilemma. Aussagen des Sportdirektors (»Betriebssport!«) und fragwürdige Banner in der Fankurve (»Tod und Hass«) werden immer im Vergleich mit dem Selbstmord von Robert Enke gewertet. Wie schafft man es in der täglichen Arbeit diese Gradwanderung anständig zu meistern?

Wir sind alle Profi-Fußballer, wir müssen mit diesem Druck, dieser Situation umgehen können. Wir haben einen wunderbaren Beruf, meines Erachtens sogar den schönsten Job der Welt und dafür lohnt es sich jeden Tag alles zu geben, was man leisten kann. Das gilt für uns als Spieler natürlich vor allem in der Arbeit auf dem Rasen. Nur wenn wir jetzt immer einen Schritt mehr machen, als andere, kommen wir irgendwann aus diesem Loch heraus. Vielleicht nicht morgen und auch nicht nächste Woche, aber langfristig ist das unsere einzige Chance. Wir müssen endlich dahin gehen, wo es weh tut. Denn das haben wir in den letzten Wochen scheinbar zu wenig gemacht.

Sie haben die Mannschaft in den vergangenen Wochen kennen gelernt. Beantworten Sie uns eine Frage: Warum steigt Hannover 96 in dieser Saison nicht ab?

Weil dieser Kader einfach zu viel Qualität hat, um abzusteigen. Momentan ist halt der Wurm drin. Aber: Jeder Spieler muss sich hinterfragen, ob er wirklich alles dafür tut, dass der Verein wieder Erfolg hat. Jeder muss über die Schmerzgrenze gehen. Muss in einen Zweikampf gehen, den er eigentlich schon verloren hat, muss Wege gehen, für die eigentlich keine Luft mehr da ist. Nur so verhindern wir auch den Abstieg.

Nach Robert Enkes Freitod hat man in der deutschen Fußball-Landschaft viel darüber diskutiert, ob Fußballer einer zu hohen Belastung ausgesetzt sind. Torhüter sind diesbezüglich noch mal ein Sonderfall. Wie schaffen Sie es, nicht an dem Druck zu zerbrechen?

Ich hatte ja auch nicht immer rosige Zeiten in meiner Karriere, gerade jetzt am Ende, als ich keinen Verein mehr gefunden habe. Weil ich aber meinen Job liebe und noch zu jung für die Rente bin, habe ich zwei Schritte zurück gemacht und bei Wacker Burghausen angeheuert. Vor dem Wechsel zu 96 habe ich natürlich immer gehofft, dass so ein Klub bei mir anklopft, aber man kann nur warten. Dass ich jetzt hier spiele zeigt aber, dass es sich lohnt jeden Tag wieder Gas zu geben.      

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