Uwe Bindewald im Interview

»Du musst Opfer bringen«

Künstler kamen und gingen, ein Fußball-Malocher bleibt für immer in den Herzen der Eintracht-Fans: Uwe Bindewald. Heute trainiert der Mann, der sich alles erarbeiten musste, die Frankfurter U19. Was kann er den Jungspunden beibringen? Uwe Bindewald im Interview

Uwe Bindewald, woran erkennt man ein Fußball-Talent?

Gute Talente besitzen bereits eine ausgeprägte Technik und die nötige Grundschnelligkeit. Das sind schon mal die Grundvoraussetzungen. Um ins Profigeschäft einzusteigen, gehört aber noch mehr dazu, zum Beispiel die Einstellung und die Einsatzbereitschaft, immer alles zu geben. Natürlich gehört auch ein bisschen Glück dazu. Bei den U-19-Spielern in Frankfurt hat eigentlich jeder das Zeug dazu mal bei den Profis anzuklopfen.

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Hat denn jeder junge Spieler auf diesem Niveau die Bundesliga vor Augen?

Nein, prinzipiell will natürlich jeder nach ganz oben. Vielleicht gehen einige etwas lockerer an die Sache. Die brauchen die Bundesliga nicht, um zu überleben. Aber jeder will dahin. Wir müssen die Jungs auf dem Teppich halten, es gehört schon mehr dazu, um Fußballprofi zu werden, als den Ball dreimal auf der Hacke tanzen zu lassen.

Wann haben Sie selber gemerkt: »Ich werde Bundesligaspieler«?

Bei mir war das etwas anders: Ich wollte zwar schon gerne Profi werden, aber ich war nie so versessen darauf. Mein Vorteil war, dass ich immer versucht habe, alles zu geben, immer 100 Prozent abzurufen. In jedem Spiel, in jedem Training. Das war mein Plus. Ich hatte nicht das Talent, das die Jungs heute in der U19 haben. Wenn ich das noch gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Weltklassespieler geworden. So hat es halt nur zu 15 Jahren Bundesliga gereicht. (lacht)

Das heißt: Besessen muss man nicht sein, nur die Spur mehr Ehrgeiz haben.

Genau. Ab einem gewissen Alter musst du auch auf einige Dinge verzichten, zum Beispiel mit den Kumpels in die Disco gehen. So mit 16, 17, 18, da trennt sich die Spreu vom Weizen. Du musst für die Sache leben, musst Opfer bringen.

Wie kann man 18-jährige Jungs motivieren, auf Mädchen, Discos und Partys zu verzichten, um stattdessen fünfmal in der Woche auf dem Trainingsplatz zu schwitzen?


Das geht schon. Fußballprofi zu sein, das kann man sich nicht erkaufen! Unten auf dem Rasen vor 50.000 Leuten zu spielen, mit einer Gänsehaut in ein volles Stadion einzulaufen: Das ist unbezahlbar! Dafür muss man arbeiten.

Ist das das beste Gefühl, was man sich vorstellen kann?

Ich habe ja zum Ende meiner Karriere hin bei den Frankfurter Fans schon einen gewissen Status gehabt…

Sie sind gut: Die Fans haben ein eigenes Lied für Sie gesungen: »Uuuweee Bindewald, schalalalala…« Es wird noch heute im Waldstadion angestimmt, wenn die Fans von ihrer Mannschaft mehr Einsatz fordern.

Und das ist es auch, was ich vermisse. Diese Atmosphäre, die Fans, die für dich singen. Fußball spielen muss ich gar nicht unbedingt mehr, die paar Male bei den Senioren reichen aus. Aber unten auf dem Rasen zu stehen, wenn die Zuschauer deinen Namen rufen, dass ist schon ein ganz, ganz tolles Gefühl. Das bekommst du für kein Geld der Welt!

Sie sind als A-Jugendlicher von den Kickers Offenbach ausgerechnet zum Erzrivalen Eintracht Frankfurt gewechselt. Damals hat man mit Sicherheit noch nicht für Sie gesungen.

Nein, die Rivalität war damals sogar noch größer als heute. Die Eintracht war ja bereits an mir dran, als ich in der B-Jugend von meinem Heimatverein nach Offenbach gewechselt bin. Ich hatte aber das Gefühl, dass mich die Kickers noch mehr haben wollte, also bin ich dorthin gegangen. Frankfurt, vor allem Klaus Gerster, hat sich aber weiterhin um mich bemüht, im zweiten Jahr in der A-Jugend bin ich dann gewechselt – was ja im Endeffekt auch eine sehr gute Entscheidung war.

Wie bewältigt man als junger Spieler das erste Profijahr, vor allem nach einem so brisanten Wechsel?

Als junger Kerl gehst du da sehr locker rein. Du bist ja frisch, willst dich beweisen. Die Rivalität wurde zwischen den Fangruppen ausgelebt, nicht auf dem Platz. Ich erinnere mich allerdings an ein Spiel zwischen den Frankfurt-Amateuren und dem OFC, da war ich gerade gewechselt. Nach der Partie saß ich auf dem Platz, wir hatten 1:0 verloren. Da ist so ein Bekloppter auf den Rasen gerannt und hat mir volle Kanne auf den Rücken gehauen. Ich glaube, heute ist das nicht mehr ganz so extrem wie damals.

Wer hat sich um Sie gekümmert, als Sie neu zur Mannschaft stießen?


Ich hatte ja das Glück, in eine Truppe zu kommen, in der Spieler wie Manni Binz, Ralf Falkenmeyer oder Charly Körbel gespielt haben, die mich in der Anfangszeit geführt haben. Das waren glücklicherweise sehr bodenständige Spieler, keine Abgedrehten. Wenn du in eine Mannschaft kommst, in der du nur hochgenommen wirst, kann es gut sein, dass du die Brocken schnell hinwirfst.

Habens Sie sich an einem Spieler wie Charly Körbel orientiert, der seinem Verein ewig treu geblieben ist und 602 Bundesligaspiele für Frankfurt bestritten hat?

Ich bin nicht von Charly Körbel geprägt worden. Jeder hat eine eigene Persönlichkeit. Es hat sich einfach so ergeben, dass ich nie gewechselt bin. Ich komme ja aus der Region, nach dem Training konnte ich gleich nach Hause fahren. Natürlich gab es Situationen, in denen ich über einen Wechsel nachgedacht habe, wenn es mal nicht so rund lief in der Saison. Aber im Endeffekt bin ich froh, dass ich so lange bei der Eintracht spielen durfte.

Sie dürften in Ihrer Karriere einer Vielzahl junger Talente begegnet sein. Wer fällt Ihnen da zuerst ein?

Naja, Potenzial hatten viele. Der Jermaine (Jermaine Jones, Anm. d. A.) zum Beispiel hat viel lernen müssen, als er zur ersten Mannschaft stieß. Der dachte am Anfang, dass alles von alleine geht. Mittlerweile gibt er auf dem Platz immer 100 Prozent, auch wenn er das nicht mehr für die Eintracht tut. Albert Streit fällt mir noch ein. Ein sehr guter Techniker, der sich sehr schnell entwickelt hat.

Nach dem Karriereende haben Sie Ihre eigene Fußballschule »UB13« gegründet. War das schon immer geplant?

Nicht unbedingt. Ich habe immer gehofft, bei der Eintracht unterzukommen, vor allem nachdem ich so lang dort gespielt hatte. Das hat sich damals halt nicht ergeben.

Trauern Sie verpassten Chancen hinterher?

Nein, es ist schon alles in Ordnung, wie es sich letztlich entwickelt hat. Ich habe meine eigene Fußballschule, und kann mich jetzt als Co-Trainer in der U19 präsentieren. Der Vertrag mit Frankfurt geht bis zum 30. Juni 2008.

Die »UB13« läuft nebenbei noch weiter?

Auf jeden Fall, zumal der Co-Trainer-Posten ja kein Fulltime-Job ist. Meine Frau geht nebenbei auch noch arbeiten. Die »UB13« ist für mich auch eine Herzensangelegenheit, ich habe viele Kinder, die immer wieder kommen. Da habe ich schon eine besondere Beziehung zu den Kids aufgebaut.

Wie kam der Ihre Tätigkeit als Co-Trainer der U19 zu Stande?

Der ehemalige U23-Trainer Peter Houbtchev ist nach Wolfsburg gewechselt, dafür ist Alexander Schur aufgerückt und trainiert jetzt die U23. Oskar Corrochano (Ein Zweitligaspiel für Eintracht Frankfurt in der Saison 1996/97, Anm. d. A.), mein Cheftrainer, hatte zuvor die U17 trainiert, der hat an mich als Co-Trainer gedacht. So ist das entstanden.

Oskar Corrochano ist der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt. Wie ist Ihre Beziehung zu ihm?

Mit Oskar habe ich zusammen unter Horst Ehrmanntraut trainiert, er ist dann später zu den 98ern nach Darmstadt gewechselt. In Eschborn haben wir uns dann wieder getroffen. Später hat er mir auch bei der Fußballschule ausgeholfen. So ist der Kontakt zu Stande gekommen.

Sie trainieren jetzt fast fertige Spieler, die auf der Schwelle zum Profifußball stehen. Was kann ein Uwe Bindewald diesen Jungs noch mitgeben?

Da gibt es schon noch einiges. Die Jungs haben ein gutes Fundament, das ist klar, sonst wären sie nicht in der U19. Sie haben dieses Sprungbrett namens Eintracht Frankfurt, sie repräsentieren den Verein. Meine Aufgabe ist es unter anderem, den Spielern die nötige Einstellung mit auf den Weg zu geben, Talent alleine reicht nicht! Ohne Disziplin und Charakter ist der Weg nach oben verbaut. Da kannst du nicht sagen: »Ach, heute bleibe ich zu Hause, mein linker Fuß tut mir weh.« Dann hast Du Dich geschnitten. Nach spätestens einem Jahr Bundesliga wärst Du weg vom Fenster, würdest in der Oberliga spielen, ohne diese Spielklasse abwerten zu wollen. Einstellung, Disziplin, Wille: das sind einfach Dinge, die brauchst Du.

Ist der Co-Trainerposten für Sie auch eine Art Karrieresprungbrett?

Ja, das kann man so sehen. Ich will hier viel lernen, mich bei der Arbeit mit den Jungs weiterentwickeln. Oskar lässt mir dabei auch sehr viele Freiheiten. Ich will ja auch sehen, ob das Trainerdasein überhaupt mein Fall ist. Kann ich etwas bewegen? Schaffe ich es, den Spielern etwas Bestimmtes zu vermitteln? Der erste Monat hat allerdings gezeigt, dass wir beide, Oskar und ich, das schaffen.

Was würde der 39-jährige Uwe Bindewald dem 18-jährigen Nachwuchstalent Uwe Bindewald mit auf den Weg geben?

Er würde ihm raten, noch selbstbewusster zu werden, so wie es die Spieler heute sind. Er würde ihm wahrscheinlich sagen, dass er stark genug wäre, um sich bei jedem Verein durchzubeißen. Als junge Spieler wurden wir damals oft bei Vertragsunterzeichnungen unter Druck gesetzt, nach dem Motto: Unterschreib das, oder Du kannst gehen! Da wäre etwas mehr Selbstbewusstsein angebracht gewesen. Aber: Ich hatte eine schöne Zeit, ich bereue nichts.

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Unser Autor Alex Raack ist Herausgeber des beidfüßigen Blogs »3eckeneinelfer« www.3eckeneinelfer.de


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