Uwe Bein über Eintracht Frankfurt in der Saison 1991/92

»Wie blöd warst du eigentlich?«

Genie und Wahnsinn: In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE berichtet Tim Jürgens in seiner Reportage »Ein dreckiger Haufen« über die verpasste Meisterschaft von Eintracht Frankfurt in der Saison 1991/92. Und sprach dafür natürlich auch mit ihm: Uwe Bein.

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Uwe Bein, wir wollen mit Ihnen über die Saison 1991/91 sprechen? 
Uwe Bein: Ach ja? Da habe ich doch gar nicht gespielt. (lacht) 

Doch, doch, Sie waren der Regisseur des »Fußball 2000«, der Lenker eines grandiosen Teams. Doch am letzten Spieltag verloren Sie beim Absteiger in Rostock die sicher geglaubte Meisterschaft. 
Uwe Bein: Es gab in der Endphase der Spielzeit mehrere strittige Schiedsrichterentscheidungen. Auch an diesem Tag in Rostock. Aber wir hätten den Sack schon vorher zumachen müssen.


Nämlich wann? 
Uwe Bein: Wir spielten am 33. Spieltag zuhause unentschieden gegen Wattenscheid, wenn alles normal gelaufen wäre, hätten wir die aus dem Stadion geschossen. Und am vorletzten Spieltag gelang es uns nicht, Werder zu deklassieren, obwohl die nach ihrem Sieg im Europapokal der Pokalsieger noch fast angetrunken nach Frankfurt kamen. Die haben vor dem Spiel gesagt: »Wir haben nichts dagegen, wenn ihr Deutscher Meister werdet.« Übrigens: In diesem Spiel wurde uns nach einem Foul an mir der klarste Elfmeter der Geschichte verweigert. Noch klarer als der in Rostock. Da hat sich aber keiner drüber aufgeregt, weil es nicht das letzte Spiel war.

Dennoch wurde das Team des »Fußball 2000« zum Mythos. Was machte diese Elf auch aus Ihrer Sicht besonders? 
Uwe Bein: Die Mannschaftsteile passten sehr gut zusammen. Die offensiven und defensive Mittelfeldspieler haben sich gut ergänzt, genauso wie das Mittelfeld und die Stürmer.

Sie waren berühmt für Ihren »tödlichen Pass«. Woher stammte das scheinbar blinde Verständnis zwischen Ihnen, Andreas Möller, Tony Yeboah und den anderen? 
Uwe Bein: Sowas kann man nicht trainieren. Entweder man kann miteinander oder eben nicht. Gerade Andi und mir wurde nachgesagt, wir hätten Stress miteinander. Aber das traf nicht zu. Wir haben uns nicht nur auf dem Platz verstanden, sondern auch außerhalb.

Wie eng standen Sie sich denn mit Möller? 
Uwe Bein: Während der WM in Italien 1990 waren wir zusammen unterwegs, auch unsere Frauen waren oft dabei. Auch mit Stefan Studer habe ich privat viel gemacht und wir haben uns blind verstanden. Toni Yeboah, Andi Möller und Studer wussten, dass sie die ersten Optionen waren, wenn ich am Ball war.

Ihr Trainer Dragoslav Stepanovic sagt, die Kombinationssicherheit habe daraus resultiert, dass sie im Training ständig gespielt hätten? 
Uwe Bein: Ich kann mich an keine Trainingseinheit erinnern, in der wir nicht gespielt haben. Das hat viel Menge Spaß gemacht und durch das Klein-Klein-Spiel wurden alle ballsicherer.

Brauchten Sie diese Ballsicherheit noch? 
Uwe Bein: Naja, ich weniger, eher die anderen.

Stepanovics Vorgänger war Jörg Berger. Welchen Anteil hatte er am attraktiven Spiel der Mannschaft? 
Uwe Bein: Einen sehr großen, denn »Stepi« hat eine vollständig intakte Mannschaft übernommen.

Aber auch Sie wurden von Uli Stein im Training mitunter hart angegangen. 
Uwe Bein: Ich weiß, worauf Sie anspielen. Wir machten ein Kleinfeld-Match, fünf gegen fünf, Uli stand bei den anderen im Kasten. Wir haben das andere Team mit kurzen Ballstafetten vorgeführt, nach fünf Minuten führten wir mit 4:0. Da sagte Uli: »Den nächsten, der mir zu nahe kommt, trete ich um!« Das war dann ich. Zu meinem Glück bin ich noch hochgesprungen, sonst hätte ich wahrscheinlich im Krankenhaus gelegen.

Wie haben Sie reagiert? 
Uwe Bein: Ich habe gesagt: »Du bist doch nicht ganz dicht!« und danach die Kommunikation für eine Woche eingestellt. Irgendwann kam er dann und hat sich entschuldigt. 

Und Sie haben angenommen? 
Uwe Bein: Na klar, aber ich habe auch gesagt: »Schön und gut, aber das hätte mal einer bei Dir machen müssen.« Bei mir hat er das nur einmal gemacht, aber es gab sicher Abwehrspieler, die öfter mit Muffensausen auf den Platz gegangen sind, wenn sie vor ihm spielen mussten.

Hat man bei so einem Klima Lust zur Arbeit zu gehen? 
Uwe Bein: Manchmal nicht. Das Schlimme war ja, dass Uli gar nichts zu sagen brauchte. Wenn er ein Tor bekam, reichte sein Blick und man wusste, gleich kommt wieder was. Über Uli gibt es viele lustige Geschichten. 


Was fällt Ihnen noch ein? 
Uwe Bein: Beim Torschusstraining habe ich manchmal den Ball geschlenzt. Aber er hat nur gehalten, wenn einer Vollspann draufschoss. Wenn ich den Ball aus 16 Metern flach ins Eck schob, reagierte er gar nicht.

Auch seine Ansprachen sind legendär. 
Uwe Bein: Im Pokal führten wir gegen einen Amateurligisten zur Halbzeit 3:0, aber natürlich hätten wir 6:0 führen müssen. Uli kommt in die Kabine und brüllt rum. Da bin ich aufgestanden und habe gesagt: »Stein, halt endlich mal deine Klappe!« Da hat er mich angeguckt und war ruhig. Sonst hat nie jemand was gesagt, aber da ist mir der Kragen geplatzt.


Wie ging das weiter? 
Uwe Bein: Abends nach dem Spiel, trafen wir uns in einer Diskothek. Uli saß an der Theke und kam rüber zu mir: »Uwe, fand ich gut, dass du heute mal was gesagt hast.«

Und darauf Sie? 
Uwe Bein: Ich sagte: »Das wurde doch auch mal Zeit.«

In dieser Zeit wurde aber auch viel unnötige Energie verpulvert, oder? 
Uwe Bein: Ich glaube, Uli hat seine Karriere durch solche Eskapaden abseits des Platzes auch ein bisschen verschludert. Er war mit Sicherheit nicht schlechter als Toni Schumacher, aber einer, der so auftritt, hat einfach keine Lobby. 

Aber die Mannschaft ist unter Stepanovic noch gewachsen? 
Uwe Bein: Mit Sicherheit. Er hat uns spielen lassen und nicht in irgendein Konzept gepresst. Zu mir sagte er: »Wenn zehn Pässe nicht ankommen, spiel auch den elften und zwölften!« Ich hatte unter ihm alle Freiheiten. Dazu gehörte natürlich, dass mich die anderen unterstützten. Unglaublich, wie viele Bälle Ralf Falkenmayer erkämpft und abgelaufen hat. Der »Falke« war der entscheidende Mann für unsere Spieleröffnung, er war sich nie zu schade, den kurzen Pass zu mir, anstatt selbst den langen Ball zu spielen.

Es heißt, Stepanovic habe sich im Laufe der Saison zum Negativen verändert. 
Uwe Bein: Natürlich verändert sich ein Trainer mit dem Erfolg. »Stepi« glaubte bald, dass es sein Verdienst sei, dass die Mannschaft so gut spielte. Dabei war es vor allem das Verdienst von Bernd Hölzenbein, der die Mannschaft zusammengebaut hatte.

Bernd Hölzenbein war der Architekt dieser Mannschaft, Manager war allerdings Klaus Gerster, der Berater von Andreas Möller und Manfred Binz. Welchen Einfluss hatte er auf das Team? 
Uwe Bein: Genau kann ich das nicht sagen. Meines Erachtens war Holz derjenige, der die Transfers bestimmte. 


Haben Sie nie mit Gerster verhandeln müssen? 
Uwe Bein: Das ist zwar vorgekommen, aber keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Ich dachte: Der lacht sich doch kaputt, wenn er weiß, was ich verdiene, im Gegensatz zu dem, was der Andi verdient. Es war kein Geheimnis, dass Andi Möller in Frankfurt die meiste Kohle verdiente. Aber letztlich war es mir auch egal, was die anderen kriegten, ich war zufrieden mit dem, was ich bekam.

Allgemein heißt es über das Team, dass es drei Lager gab: Die große Gruppe von Neutralen… 
Uwe Bein: ...dazu zählte wohl auch ich...

…die Vertrauten von Manager Gerster, zu denen Manfred Binz und Andreas Mölller gehörten. Und die sogenannten »Rebellen« bestehend aus Uli Stein, Axel Kruse, Heinz Gründel und Lothar Sippel. 
Uwe Bein: Ja, es gab die drei Gruppen, aber der intensivste Stress ging von den Konflikten zwischen Uli Stein und Andi Möller aus. Der Andi war ein rotes Tuch für den Uli.

Wie kam es, dass Uli Stein ständig so ausrasten konnte? 
Uwe Bein: Er hat sich das herausgenommen. Da haben weder Jörg Berger, noch »Stepi« oder später Klaus Toppmöller was gesagt – zumindest nicht vor der Mannschaft. Eigentlich muss ein Trainer einschreiten, wenn ein Spieler in der Kabine so ein Brimborium macht. Ist aber nie passiert.


Warum hat die Vereinsführung nicht mehr Verantwortung übernommen? 
Uwe Bein: Bernd Hölzenbein hat ein fantastisches Team zusammen gestellt, er hat bloß einen Fehler gemacht: Er hat nie auf den Tisch gehauen. Dabei war er die einzige Person, die das hätte machen können. Einmal sagen: »Das geht nicht.«

Warum nicht? 
Uwe Bein: Weil er es jedem recht machen wollte. Als Uli mich umgetreten hat, hätte es eigentlich vereinsintern eine Strafe geben müssen. Aber das wurde so abgetan. Wenn es Probleme gab, hat Bernd immer versucht, es mit Reden zu lösen.

Hätten Sie als Führungsspieler bei einem wie Stein nicht gegenhalten können? 
Uwe Bein: Mir lag es nicht, eine dicke Lippe zu riskieren. Das wurde mir auch vorgeworfen. Aber ich bin letztlich mit meiner Art gut gefahren. Wenn mir etwas auffiel, habe ich mit dem Betreffenden oder dem Trainer darüber geredet. Es gab immer nur Stress, wenn die Gruppen gegeneinander Stellung bezogen. 


Und trotzdem spielten Sie Traumfußball. 
Uwe Bein: Schon komisch, dass sich das kaum auf dem Platz ausgewirkt hat. Bei unserem ständigen Theater war es eigentlich undenkbar, dass wir am Wochenende Fußball spielen und auch noch gewinnen.  

Die Eintracht führte in der Saison 1991/92 insgesamt 19 Spieltage lang die Tabelle an. Ab dem 30. Spieltag kam die gut geölte Maschine ins Stottern, sie spielten viermal in Folge unentschieden. 
Uwe Bein: In der Zeit war ich verletzt.

Ach wirklich? 
Uwe Bein: Die letzten zehn Spiele habe ich praktisch nicht mehr trainiert. Ich hatte eine Knochenhautentzündung am linken Spann, aber »Stepi« sagte, ich könne die ganze Woche machen, was ich will: Fahrrad fahren oder massieren. Ich tauchte nur zum Abschlusstraining am Freitag auf, bekam eine schmerzstillende Spritze und war bis Samstagabend so betäubt, dass ich spielen konnte. Heinz Gründel prägte damals den Spruch: »Woran erkennt man in Frankfurt, dass Freitag ist? Uwe Bein kommt zum Training!«

Auf der Zielgeraden der Meisterschaft kam heraus, dass Andreas Möller eine vier Mal höhere Titelprämie kassieren sollte als der Rest der Mannnschaft. 
Uwe Bein: Es gab ständig Zoff wegen der Kohle. Aber dass solche Sachen in der Zeitung standen, spricht auch nicht gerade für das Umfeld der Eintracht. Da war schon Einiges mit Absicht.

Wer war das Leck? 
Uwe Bein: Eigentlich kannten nur zwei Leute die Verträge: Bernd Hölzenbein und der Manager. Nur soviel: Ich frage mich bis heute, welche Funktion Klaus Gerster genau hatte.

Aber als Manager saß er doch mit in der Kabine. 
Uwe Bein: Gesagt hat er da fast nichts. Und, wie gesagt, als ich einmal mit ihm verhandeln sollte, war das für mich eigentlich ein No-Go.

Würden Sie sagen, dass auf die Länge der 38-Spieltage-Saison die Grabenkämpfe im Team dafür gesorgt haben, dass der Eintracht am Ende die Luft ausging? 
Uwe Bein: Das ständige Theater hat schon viel dazu beigetragen, dass wir es nicht geschafft haben.

Wissen Sie noch, wer damals im Mannschaftsrat war? 
Uwe Bein: Uli, Manni, Andi, ich? Genau weiß ich es auch nicht mehr. Das war eh kein richtiger Mannschaftsrat, denn bei uns lief es so: Uli hat irgendetwas gesagt und dann gingen die Diskussionen los. Denn einer war immer dabei, der nicht einverstanden war.

Als Sie nach dem letzten Saisonspiel in Rostock zum Flughafen fuhren, soll Uli Stein eine versöhnliche Ansprache an die Mannschaft gehalten und »The Show must go on« von Queen eingelegt haben. 
Uwe Bein: Daran kann ich mich nicht erinnern. Im Bus war bei mir nur Leere. Der ein oder andere hat geheult.

Was haben Sie gemacht? 
Uwe Bein: Einfach nur dagesessen. Da war nichts mehr.

Waren Sie noch beim Bankett an der Frankfurter Messe? 
Uwe Bein: Da mussten wir ja hin. Ich habe drei, vier Bier getrunken und bin dann ins Bett.

War Ihnen damals bewusst, wie großartig Sie trotz der Fehden im Team spielten? 
Uwe Bein: Natürlich war uns klar, dass wir geilen Fußball spielten, das haben sogar die Bayern gesagt. Wir waren fußballerisch eine Top-Mannschaft, die unfähig war, das Drumherum in den Griff zu kriegen.

Welcher Mitspieler hat in der Spielzeit 1991/92 am konstantesten gespielt? 
Uwe Bein: Ralf Falkenmayer, der hat immer seine Leistung abgerufen. Er hat in dieser Mannschaft die Arbeit gemacht, obwohl er gar nicht unbedingt der Kämpfertyp, sondern auch technisch sehr gut war.

Wie sehr beschäftigt Sie die vergebene Meisterschaft von 1992 heute noch? Sie haben nie mehr einen Titel geholt. 
Uwe Bein: Wenig. Aber wenn wir uns jetzt drüber unterhalten, kommt Einiges wieder hoch. Und manchmal denke ich: Wie blöd warst Du damals eigentlich?

Was würden Sie heute Sicht anders machen? 
Uwe Bein: Die Streitereien in der Truppe nicht so laufen lassen. Wenn Uli hinten anfing hat, uns unbegründet anzuschnauzen, hätte ich öfter einschreiten müssen. Ich hätte ihn öfter mal zur Seite nehmen sollen und sagen: »Ey Stein, hör auf! Konzentrier‘ dich auf deine Leistung, du bist der beste Torwart, den man haben kann, aber versuch doch auf positivem Weg Stimmung zu machen.«

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