US-Amerikaner als Profi in Afghanistan

»Außerhalb Kabuls kann es schnell gefährlich werden«

Nick Pugliese ist US-Amerikaner und der einzige Ausländer im afghanischen Profifußball. Er trainierte heimlich beim Kabuler Klub Ferozi FC, bis man ihm einen Vertrag anbot. Die Eltern waren schockiert, doch Pugliese kündigte seinen Job und unterschrieb. Für die 11FREUNDE-Ausgabe #146 trafen wir ihn zum Interview.

Privatarchiv Nick Pugliese
Heft: #
146

Nick Pugliese, Sie sind Amerikaner und spielen Profifußball in Afghanistan. Wie ist das denn passiert?
Ich habe schon früher im College gekickt. In Kabul habe ich für eine Telekommunikationsfirma gearbeitet, aber da habe ich weder regelmäßig Fußball spielen können noch die Stadt kennengelernt. Die Sicherheitsbedingungen für angestellte Ausländer, speziell für Amerikaner, sind so streng, dass man gezwungen ist, in einer Art Parallelwelt zu leben. Man wohnt in einer überwachten Anlage und kann selbst zum Einkaufen im Supermarkt um die Ecke nur in gepanzerten Fahrzeugen fahren. Jedes Mal, wenn ich bei einem Fußballspiel mitmachen wollte, musste ich die Sicherheitsleute überreden. Aber irgendwann habe ich heimlich begonnen, beim Ferozi FC mitzutrainieren und im April hat mir der Verein dann einen Profivertrag angeboten. Ich habe unterschrieben und meinen Job gekündigt.

Die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall. Ich bekomme nicht viel Geld, aber genug zum Leben, und muss dafür nur das tun, was ich liebe. Außerdem kann ich mich endlich frei bewegen und lerne so das Land und die Leute erst richtig kennen. Wenn ich meine afghanischen Freunde zu Hause besuche, mit ihnen koche, beginne ich zu verstehen, was die Menschen hier bewegt. Wer in einem fremden Land lebt und die Sprache nicht richtig spricht, fühlt sich schnell isoliert. Fußball war für mich der Weg, aus dieser Isolation auszubrechen.

Aber Sie kommen aus dem Land der Besatzungsmacht, die meisten Ihrer Landsleute tragen Uniformen und Waffen. Wie sind Sie im Team aufgenommen worden? 
Das läuft wahrscheinlich so ab wie in jeder Mannschaft der Welt. Wenn man seine Leistung bringt, fragt keiner groß nach, woher man kommt. Im Frühjahr konnte ich dabei helfen, dass wir den Kabul-Pokal gewinnen, das war ein großer Erfolg und seitdem bin ich im Team voll akzeptiert. Mittlerweile bin ich sogar mit einigen Mitspielern befreundet. Auch von den Gegnern bekomme ich keine Sonderbehandlung, weder im Guten noch im Schlechten.

In Afghanistan ist fast alles politisch. Wird im Team über Politik gesprochen?
Nein, das wird ausgeblendet. Es herrscht so eine Art passive Frustration über die allgegenwärtige Korruption, darüber, dass kaum etwas im Land richtig funktioniert. Und die Leute haben sicher auch Angst, alte Wunden aufzureißen.

Haben Sie keine Angst, wenn Sie durch die Straßen laufen?
Angst nicht, aber ich verhalte mich schon vorsichtig. Die größte Gefahr ist, entführt zu werden. Deshalb versuche ich nicht aufzufallen, trage landestypische Kleidung und variiere meine Wege.

Was hält eigentlich Ihre Familie von der Sache?
Am Anfang waren meine Eltern geschockt. Doch der Wille, das zu machen, kam bei mir von Herzen und niemand hätte mich davon abbringen können. Ich glaube, mit der Zeit haben sie das verstanden. Ich rufe sie jeden Tag an, um zu sagen, dass alles okay ist, auch wenn ich mit Freunden im Restaurant esse oder im Park Tee trinke. Dann hören sie, dass da im Hintergrund ein ganz normales Leben abläuft, mit Vogelgezwitscher und lachenden Menschen, und das hier nicht ständig irgendwas explodiert.

Trotzdem kann man sich kaum vorstellen, dass in Afghanistan professionell Fußball gespielt wird.
Es gibt zwei Stadien in Kabul, die beide in ganz ordentlichem Zustand sind. Ferozi spielt im Ghazi-Stadion und meistens trainieren wir da auch. In letzter Zeit mussten wir aber oft in die Halle ausweichen – warum, weiß ich auch nicht. Der ganze Betrieb ist ziemlich chaotisch, oft erfährt man spontan, dass am nächsten Tag ein Spiel ansteht.

Und wie funktioniert das Ligasystem?
Es gibt zwei Ligen. Ich spiele in der Kabul-Liga, in der ausschließlich Vereine aus der Hauptstadt gegeneinander antreten. Deren Spiele werden nicht im Fernsehen gezeigt. Es gibt aber auch die landesweite Afghan Premier League, die ein bisschen wie eine Reality-TV-Sendung abläuft.

Wie bitte?
Die Liga wird von einem großen Telekommunikationsunternehmen gesponsert, jeder der acht Vereine vertritt eine Region des Landes. In den unterschiedlichen Gebieten können die Spieler zum Probetraining kommen. Die Auswahl läuft dann fast wie bei der Fernsehsendung »Das Supertalent«. Der größte Privatsender hat daraus eine Castingshow gemacht. Die Kandidaten mussten fernsehtaugliche Prüfungen absolvieren, etwa mit großen Gummireifen umherrennen, was ich noch nie bei einem Fußballtraining gesehen habe. Eine Expertenjury wählt dann die Spieler aus. Im ersten Jahr haben sogar die Fernsehzuschauer per SMS für ihre Lieblinge gestimmt. Das wurde im zweiten Jahr gelassen, weil es offenbar nicht nach Qualität ging.

Haben Sie sich nicht beworben?
Bisher durften Ausländer nicht in dieser Liga spielen. Für die nächste Saison haben sie mich aber zum Probetraining eingeladen. Es wäre ein Traum dort zu spielen, allein schon wegen der Möglichkeit, das gesamte Land kennenzulernen. Doch ich muss mir auch noch mal ganz genau überlegen, wie riskant das wäre. Außerhalb Kabuls kann es für Ausländer doch schnell gefährlich werden – erst recht, wenn mich alle aus dem Fernsehen kennen.

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