Uruguays Sebastián Abreu über das Copa-Finale

»Ich habe alles auf Lager«

Sebastián Abreu ist zwar kein Stammspieler Uruguays, als DJ der Nationalelf allerdings unverzichtbar. Vor dem Copa-Finale trafen wir uns mit ihm im »Intercontinental« in Buenos Aires und sprachen über Cumbia und ein Wintermärchen in Argentinien. Uruguays Sebastián Abreu über das Copa-FinaleImago

Sebastián Abreu, ohne Ihre tragbare Anlage sieht man Sie selten.

Sebastián Abreu: Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung. Damit motivieren wir uns und bauen Spannung auf. Wenn wir mit dem Bus im Stadion angekommen und in die Kabine gehen, spiele ich immer die Nationalhymne, Das ist ein festes Ritual. Damit signalisieren wir dem Gegner: Achtung, Uruguay ist da!

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Was gehört sonst noch zu ihrem Repertoire?

Sebastian Abreu: Cumbia, Candombe oder Samba. Ich habe alles auf Lager. Immerhin war ich als Spieler in sieben verschiedenen Ländern aktiv. Da kommt einiges an Stilrichtungen zusammen. Ein Diktator am Mischpult bin ich aber nicht. Jeder darf seine Wünsche äußern. Ob ich das auch tatsächlich spiele, ist eine andere Frage. (lacht)

Dann unterbricht der 34 Jahre alte Oldie in Uruguays Team kurz das Gespräch, greift zur Thermoskanne neben sich und füllt dampfendes Wasser in eine Kalebasse. In dem Trinkgefäß befinden sich getrocknete, kleingeschnittene Blätter. Durch einen silberfarbenen Trinkhalm nimmt Abreu vorsichtig nippend den heißen Sud auf.

Können Sie bitte erklären, was Sie da gerade trinken?

Sebastian Abreu: Das ist Mate. Ein alter Brauch, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. So etwas wie die Teatime in England. Getrunken wird Mate meist in der Familie oder mit Freunden. Der Aufgussbecher wandert dann reihum. Für uns ist das immer eine gute Ausrede, um uns zusammenzusetzen. Außerdem ist Mate sehr gesund.

Ist das gute Mannschaftsklima ein Grund dafür, warum Uruguay nach Platz vier bei der WM in Südafrika nun im Finale der Copa América steht?

Sebastian Abreu: Auf jeden Fall. Wir verfügen mit Diego Forlán oder Luis Suárez zwar auch über herausragende Einzelspieler, aber am wichtigsten ist das starke Kollektiv. Wir sind eine in sich sehr gefestigte Gruppe von Freunden. Das spiegelt sich auf dem Platz wider.

Was erwarten Sie für das Duell am Sonntag mit Paraguay?

Sebastian Abreu: Wir stehen im Finale. Also gibt es kein anderes Ziel, als den Titel zu holen. Wir wollen Geschichte schreiben. Aber der Gegner verdient größten Respekt.

Viele behaupten jedoch, dass Paraguay nur aufgrund von unglaublich viel Glück so weit gekommen ist.

Sebastian Abreu: Das ist doch Quatsch. Auch wenn viele kritisieren, dass Paraguay kein einziges Spiel bei dieser Copa gewonnen, so haben sie sich den Erfolg dennoch redlich verdient. Wenn Du am Ende als Sieger dastehst, fragt doch hinterher kein Mensch mehr danach, wie du dich fürs Finale qualifiziert hast.

Ein Sieg und Uruguay würde mit 15 Titeln vor dem großen Nachbarn Argentinien als alleiniger Rekordsieger der Copa América dastehen. Eine zusätzliche Motivation?

Sebastian Abreu: Das ist ein Plus, wenn wir den Pokal am Ende tatsächlich in den Händen halten sollten. Dann können wir stolz auf diese Statistik sein. Vorher spielt das allerdings keine besondere Rolle in unseren Köpfen. Weder im positiven Sinne, noch als zusätzlicher Druck.

Paraguay hat in den beiden Elfmeterschießen gegen Brasilien und Venezuela jeweils starke Nerven bewiesen. Sind Sie auf eine eventuelle erneute Entscheidung vom Punkt vorbereitet.

Sebastian Abreu: Ja, natürlich. Unser Trainer Oscar Tabárez ist absolut detailversessen, Er überlässt nichts dem Zufall. Die Möglichkeit eines Elfmeterschießens ist immer Teil seiner Vorbereitung. Wir üben das entsprechend im Training. Trotzdem werden wir alles daran setzen, die Entscheidung während der 90 Minuten herbeizuführen.

Mit Elfmetern kennen Sie sich zur Not ja aber auch persönlich bestens aus.

Sebastian Abreu: Sie meinen das Viertelfinale bei der WM in Südafrika vor einem Jahr?

Genau. Als Sie den entscheidenden Strafstoß in bester Zidane-Manier mit der linken Fußspitze in die Tormitte gelupft haben.

Sebastian Abreu: Ganz schön leichtsinnig, was? (lacht) Nein, aber ernsthaft. Ich war mir meiner Verantwortung schon voll bewusst. Die große Chance aufs Halbfinale durfte ich meinen Kameraden nicht vermasseln.

Wussten Sie auf dem Weg zum Punkt schon, wie sie schießen würden?

Sebastian Abreu: Natürlich. Der Entschluss stand schon vorher fest. Ich hatte mir Ghanas Torwart genau angeschaut und seine Bewegungsabläufe studiert. Im Nachhinein hat sich die Entscheidung als goldrichtig erwiesen.



Es war nicht der erste Strafstoß, den Sie auf außergewöhnliche Art und Weise verwandelt haben. Haftet Ihnen deshalb der Spitzname »El Loco«, der Verrückte, an?

Sebastian Abreu: Nein, das hat andere Gründe. Darüber rede ich aber nicht so gerne selbst. Das sollen andere tun.

Nach der WM 1950 in Brasilien hat Uruguay erneut den »Partyschreck« gespielt und die Titelträume der Gastgeber platzen lassen. Empfinden Sie so etwas wie Schadenfreude?

Sebastian Abreu: Auch das spielt eine untergeordnete Rolle. Der Austragungsort ist unwichti.  Die Freude besteht darin, Champion zu werden. Egal, in welchem Land das auch sein mag. Wenn wir woanders den Titel holen würden, wäre das genauso schön.

Wie beurteilen Sie insgesamt das Niveau bei der 43. Auflage der Copa América?

Sebastian Abreu: Das Niveau war vielleicht nicht immer herausragend. Aber man hat gesehen, wie ausgeglichen der südamerikanische Fußball ist. Jeder kann jeden schlagen. Krasse Außenseiter, die man im vorbeigehen besiegt, gibt es nicht mehr. Das war schon ein guter Vorgeschmack auf das, was uns in der kommenden Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien erwartet. Das wird ganz hart.

Uruguay ist ein sehr kleines Land. Fußballerisch gehört es mit zwei WM-Titeln und bisher 14 Südamerikameisterschaften aber zu den weltweit erfolgreichsten Nationen. Wie erklären Sie sich das?

Sebastian Abreu: Die Menschen in meiner Heimat lieben Fußball und das Trikot der Nationalmannschaft. Das ist die Basis. Vielleicht saugen die Kinder dieses Gefühl schon mit der Muttermilch auf. Der Wunsch, unsere Farben würdig zu repräsentieren und im Fußball große Triumphe zu feiern, ist tief in uns verwurzelt. Die Leidenschaft für den Sport gepaart mit großer Disziplin ist auch der Grund, warum uruguayische Fußballer bei großen Klubs in Europa immer beliebter werden.

Sie selbst haben unter anderem sechs Jahre in Spanien bei Deportivo La Coruña gespielt. Stand jemals auch ein Wechsel in die Bundesliga zur Debatte?

Sebastian Abreu: Lose Anfrage gab es immer mal wieder. Richtig konkret wurde es aber nie. Deutschland fehlt mir in meiner langen Liste.

Bedauern Sie das?

Sebastian Abreu: Ein bisschen schon, Der deutsche Fußball zeichnet sich durch große Tradition und Siegermentalität aus. Das wäre schon eine spannende Erfahrung gewesen. Aber auch so habe ich viel erlebt und möchte mich nicht beschweren.

Nach dem erneut frühen Aus der Selección, wird in Argentinien derzeit viel über fehlende Konzepte diskutiert. Als positives Beispiel wird dabei immer wieder DFB-Elf genannt. Zu Recht?

Sebastian Abreu: Absolut. Deutschland ist ein sehr gut organisiertes Land. Das zeigt sich auch im Fußball. Am wichtigsten sind Kontinuität und klare Ideen. Von einzelnen Resultaten lässt man sich nicht blenden und wirft nach Rückschlägen nicht gleich alles wieder über den Haufen. Nicht umsonst sind deutsche Mannschaften immer ganz vorne mit dabei.

Sagt Ihnen eigentlich der Name Sönke Wortmann etwas?

Sebastian Abreu: Nein, keine Ahnung, Wer soll das sein?

Das ist ein deutscher Regisseur, der die Klinsmann-Elf während der WM 2006 begleitet hat. Später ist aus den Aufnahmen der Kinofilm »Deutschland. Ein Sommermärchen« entstanden.

Sebastian Abreu: Ich verstehe. Jetzt weiß ich, worauf Sie hinauswollen.

In diesen Tagen sieht man Sie auch ständig mit einer kleinen Videokamera herumlaufen.

Sebastian Abreu: Stimmt. Am Anfang war das eine private Angelegenheit. Ich wollte diese unvergessliche Zeit einfach für mich und meine Kinder festhalten. Jetzt überlege ich aber tatsächlich, später daraus einen Film zu machen. Der Titel würde dann »Uruguay. Ein Wintermärchen« lauten. Hier in Argentinien befinden wir uns ja gerade in der kalten Jahreszeit.

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