Union-Präsident Dirk Zingler über den Sicherheitsgipfel

»Stehplätze abschaffen bringt nichts!«

Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin, ist Teil des heute in Berlin stattfindenden Sicherheitsgipfel, bei dem Fans nicht eingeladen sind. Ein Gespräch über Sinn und Unsinn von Stehplatzverboten und Lösungsvorschläge in einer festgefahrenen Diskussion.

Dirk Zingler, heute diskutieren die Vertreter der 56 Profiklubs mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und anderen Sicherheitsexperten über Ausschreitungen und Gewalt in deutschen Stadien. Fanvertreter werden nicht dabei sein. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Gesprächsrunde?

Letztlich kann das heute nur der Auftakt sein. Für mich gehören die Fans mit an den Tisch. Wenn man die Probleme wirklich lösen will, muss der Dialog auch mit der Fanszene erfolgen.
In den vergangenen Monaten kam es in Köln, Düsseldorf oder Karlsruhe zu Ausschreitungen. Davor in Rostock oder Dortmund.

Hat der deutsche Fußball ein Gewaltproblem?


Ich will nichts beschönigen, aber aus meiner Sicht würde ich nicht von einem Gewaltproblem sprechen. Nach dem Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC waren später in einigen Medien Begriffe wie »Blutbad« oder »Todesangst« zu lesen. So etwas führt nicht dazu, die Auseinandersetzung auf einer sachlichen Ebene zu belassen.

Halten Sie die Diskussionen für übertrieben?


Nein, aber ich würde mich in Bezug auf Ausschreitungen und Fangewalt über mehr Sachlichkeit und das Halten an Fakten freuen.

Bundesinnenminister Friedrich drohte nach den Relegationsspielen damit, die Stehplätze in den Stadien abzuschaffen. Inzwischen ist er davon wieder abgerückt, hat es aber auch nicht grundsätzlich ausgeschlossen und vom Verhalten der Fans abhängig gemacht. Macht ein Stehplatzverbot aus Ihrer Sicht Sinn?


Gewalt und Ausschreitungen in Zusammenhang mit Stehplätzen zu betrachten macht keinen Sinn. Folgt man dieser Logik, müssten wir der Verein mit den meisten Vorfällen im Stadion sein, weil wir prozentual über die meisten Stehplätze verfügen. 95 Prozent aller Polizeieinsätze, die mit Fußball zu tun haben, finden aber außerhalb der Stadien statt. Wenn man glaubt, die Probleme beseitigen zu können, indem man mehr Sitzplätze einführt, ist man auf dem falschen Weg.

Was sollte man Ihrer Meinung nach stattdessen tun? Mehr Stadionverbote aussprechen?


Wir müssen das Problem als ein gesamtgesellschaftliches begreifen. Eine bestimmte Gruppe von Menschen aus Stadien zu verbannen, verlagert das Problem nur an andere Orte wie Raststätten oder Bahnhöfe.

Sie sehen also die Politik mehr in der Pflicht?


Alle Beteiligten, Vereine und Politik, sind gefordert. Man kann nicht die Verantwortung auf die Vereine abwälzen und gleichzeitig Sozialeinrichtungen und Jugendklubs schließen. Die Kommunen haben immer weniger Geld für die Betreuung von Jugendlichen zur Verfügung. Das geht nicht. Die Klubs müssen sich allerdings auch fragen, ob sie ausreichend in die Fanbetreuung investieren.

Glauben Sie, dass in diesem Bereich zu wenig getan wird?


Lassen Sie es mich so ausdrücken: Die Vereine nehmen Millionen ein, beim Thema Fanbetreuung aber versuchen viele zu sparen.



Wie stark investiert der 1. FC Union in die Fanbetreuung?


Wir konnten in den vergangenen Jahren einen massiven Zuschauerzuwachs verzeichnen. Also haben wir auch die Zahl unserer Fanbetreuer aufgestockt. Aktuell kümmern sich drei Leute hauptamtlich um unsere Fans, einer ausschließlich um diejenigen mit Stadionverbot.

Sie kümmern sich weiterhin um Leute, die wiederholt auffällig geworden sind?


Diese Menschen verschwinden ja nicht einfach, nur weil sie ein Stadionverbot bekommen haben. Die fahren weiterhin mit, halten sich in Stadionnähe auf und verfügen weiter über Einfluss.

Also Resozialisierung statt Ausschluss?


Beides ist notwendig. Bei uns wird ein Stadionverbot bei entsprechender Führung auch wieder zurückgenommen oder auf Bewährung ausgesetzt. Einige helfen freiwillig bei Spielen, zum Beispiel als Ordner auf dem Parkplatz oder zeigen anderweitig ihren guten Willen. Da sagen wir: »Okay, du hast einen Fehler gemacht, deine Strafe bekommen und jetzt wollen wir es dabei belassen.«

Innenpolitiker fordern ein einheitliches Konzept von den Klubs. Wie könnte das aussehen?


Ich würde es sinnvoll finden, wenn jeder Verein verpflichtet wäre, einen bestimmten Teil seines Etats in die Fanbetreuung investieren zu müssen. Das wäre ein Anfang.

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Dirk Zingler, 47, ist seit 2004 Präsident des Zweitligisten 1. FC Union. In der Vergangenheit sprach er sich unter anderem für die Legalisierung von Pyrotechnik in den Stadien aus.

Das Interview erschien im Tagesspiegel vom 17. Juli 2012

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