Union-Legende Olaf Seier vor dem Derby

»Der Sieger hieß Berlin«

Zwei Monate nach dem Mauerfall trifft auch im Fußball zum ersten Mal Ost auf West. Beim Derby zwischen Hertha und dem 1. FC Union ist Olaf Seier Kapitän der »Eisernen«. Wir sprachen über Gänsehaut und den Drink danach. Union-Legende Olaf Seier vor dem Derby

Olaf Seier, wie sind Sie und Ihr Verein mit der Situation umgegangen, so kurz nach dem Mauerfall im West-Berliner Olympiastadion anzutreten?

Wir haben in der DDR schon als sogenannte Staatsamateure gespielt. Wir waren fast alle Vollprofis und haben schon vorher in großen Stadien gespielt. Von daher waren wir gut vorbereitet. Ich selbst war damals schon dreißig. Deswegen war ich auch nicht so aufgeregt wie die jungen Spieler.

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Welche Ereignisse in den Tagen vor der Begegnung sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Auj jeden Fall war der ganze Medienrummel für uns als Spieler eine ganz neue Erfahrung. Bei jedem Training waren Presseleute vor Ort, die die Spieler interviewten, natürlich auch mich als Kapitän. Das war schon deutlich anders als vorher.

Was war beim Spiel selbst neu für Sie?

Wir bekamen die Spielbekleidung gestellt und mussten alle mit einem bestimmten Trikotsponsor auflaufen. Zudem sollten wir eine bestimmte Schuhmarke tragen. Aber dagegen haben sich alle in der Mannschaft gewehrt. Schließlich waren unsere Schuhe schon eingelaufen, die neuen nicht. Wir sagten: »Einen Tag vorm Spiel und neue Schuhe? Da bekommen wir doch alle Blasen! Das machen wir nicht mit!« Die Schuhe von damals waren schon gut, aber noch kein Vergleich zu heute. Heute könnte man sagen, »Die zieh` ich an« und kann gleich losrennen.

Die letzte Begegnung fand 1950 vor dem Mauerbau statt. Welche Rolle spielte der Zeitpunkt der Begegnung?


Es war kein Prestigekampf. Es wollte keiner den anderen weghauen, es war wirklich ein Freundschaftsspiel. Man hatte als Spieler von Union die Möglichkeit, sich auf großer Fußballbühne zu präsentieren. Vordergründig war es ein Schaulaufen, um zu zeigen, dass wir mit den West-Profis mithalten können.

Also auch eine Möglichkeit, sich für Vereine im Westen zu empfehlen?


Das ging alles sehr schnell. Das Spiel war im Januar, der Mauerfall war erst zwei Monate her. Aber natürlich hatten wir das im Kopf. Andreas Thom war schon als erster in den Westen gegangen. Das Spiel war für viele von uns eine Möglichkeit, sich anzubieten und zu zeigen was wir drauf haben. Offen gesagt hat das niemand. Aber der Anreiz war schon groß.

Als Sie um 14.45 Uhr als Mannschaftskapitän des 1.FC Union das Spielfeld im Olympiastadion betreten haben, muss das ein besonderer Moment für Sie gewesen sein.

Zuerst lief es mir eiskalt den Rücken runter. Allein das Gefühl, wenn 50.000 Fans im Olympiastadion auf dich warten. Ich kam aus dem Tunnel raus und ging die Treppen hoch ins Stadion. Und da waren die schreienden, grölenden und johlenden Massen. Das war ein außergewöhnliches Erlebnis und ich habe mich stolz dabei gefühlt.

»Die Eisernen« sind bekannt für ihre Fanverbundenheit. Wie verhielten sich die Fanlager auf den umliegenden Rängen?

Es waren wohl fast so viele Fans von uns da wie von Hertha. Es gab klar getrennt einen Hertha-Block und einen Union-Block. Auf den gemischten Tribünen saßen die Anhänger aus Ost und West nebeneinander. Da konnte man lediglich noch nach Fanschal-Farbe unterscheiden.  

Zur Halbzeit stand es 1:1. Was haben Sie als Kapitän in der Kabine ihrer Mannschaft gesagt?

Da waren keine besonderen Worte notwendig. Wir waren mitten in der Ligavorbereitung und haben daran festgehalten, uns so gut wie möglich zu präsentieren. Wir haben gesehen, das wir mithalten können. Dementsprechend wollten wir das Match auch gewinnen. Genau das habe ich den Jungs auch gesagt.

Trotzdem hat es mit dem Sieg letztendlich nicht geklappt.

Der sportliche Wettkampf war aber im Endeffekt zweitrangig. Der Sieger hieß einfach Berlin, egal welcher der beiden Klubs das eine Tor mehr geschossen hat. Wichtig war, dass dieses Spiel so schnell zustande kam und dass so viele Zuschauer dabei waren.

Was passierte nach dem Spiel?

Spieler und Funktionäre beider Mannschaften sind danach in eine Gaststätte nach Charlottenburg gegangen. Eingeladen wurden wir vom damaligen Senat. Wir haben zusammen gegessen und getrunken. Danach ist jeder wie immer seiner Wege gegangen.

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