Union-Fans kritisieren Sicherheitsgipfel

»Stadionverbote schaffen neue Probleme«

Der Verhaltenskodex, der Mitte Juli auf der Sicherheitskonferenz verabschiedet wurde, schlug hohe Wellen. Schließlich waren die, um die es ging, gar nicht eingeladen: Die Fans. Einen Monat später hat die Fanabteilung von Union Berlin eine Stellungnahme veröffentlicht.

Mitte Juli stellten DFB und DFL auf dem Sicherheitsgipfel einen umstrittenen Maßnahmenkatalog für den Umgang mit Fußballfans vor. Union Berlin war der einzige Profiverein, der den Kodex nicht unterschrieb. Nun, knapp vier Wochen später, hat die Fan- und Mitgliederabteilung (FuMA) von Union Berlin eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie kritisiert den Kodex in »seiner Diktion, seinem Inhalt und seiner Wortwahl« und wertet ihn als »ein falsches Signal«. Sie schließt mit einem Neun-Punkte-Plan, in der Alternativen zu Stadionverboten und die Bedeutung der Stehplätze aufgezeigt werden. Wir sprachen mit FuMA-Leiter Jacob Rösler.

Jacob Rösler, der Sicherheitsgipfel ist beinahe einen Monat her. Jetzt erst hat die Fan- und Mitgliederabteilung von Union Berlin eine Stellungnahme veröffentlicht. Warum so spät?
Wir wollten nicht denselben Fehler begehen wie die DFL und der DFB. Uns war es wichtig, eine einvernehmliche Stellungnahme rauszugeben. Und das bedeutet, dass das Schreiben von verschiedenen Fangruppen ratifiziert werden sollte.
 
Sie beziehen sich in der Stellungnahme auf den Kodex, der auf dem Sicherheitsgipfel von allen Profiklubs mit Ausnahme von Union Berlin unterschrieben wurde. Was kritisieren Sie?
Es geht gar nicht so sehr um den Inhalt, sondern eher darum, dass wir uns einen Dialog mit den Fans gewünscht hätten. Schließlich geht es in diesem Kodex um Fans. Ein solcher Dialog sollte auch trotz eines hierarchischen Verhältnisses zwischen Verband, Verein und Fans möglich sein.
 
Stattdessen wurden die Klubs erst am Vortag über diesen Kodex informiert. Zu spät?
Absolut. Das hatte was von »Friss oder stirb«.
 
Unions Präsident Dirk Zingler lehnte eine Unterzeichnung ab. Erstaunt es nicht, dass sich nicht viel mehr Klubs seinem Vorbild anschlossen?
Ich ziehe den Hut vor Dirk Zingler. Es war sicherlich keine leichte Entscheidung für ihn, schließlich will Union Berlin nicht in irgendeiner Hobby-Liga spielen, sondern im deutschen Profifußball. Dafür muss er die Lizenz- und Rahmenbedingungen akzeptieren. Und vermutlich sahen andere Vereine vor diesem Hintergrund gar keine andere Möglichkeit, als den Kodex abzunicken. 
 
In Ihrer Stellungnahme geht es auch um die Deutungshoheit des Begriffs »Fußballfan«. Wie kann man die Diskussion um Fußballfans überhaupt wieder auf eine sachliche Ebene bringen?
Das ist nicht leicht. Die Verbände und auch viele Vereinsvertreter haben seit einiger Zeit die Anwandlung, Ultras mit dem Duktus »Sogenannte Fans« zu belegen. Manchmal heißt es auch: »Das sind keine Fans.« Solche Formulierungen werden im medialen Rahmen ausdauernd wiederholt und münden in Aussagen wie »Ultras sind die Taliban der Fans« (Sandra Maischberger, d. Red.). Sie prägen somit den Diskurs und die öffentliche Wahrnehmung. Doch seit wann bestimmen Verbände, Vereine oder Medien, wer Fan ist und wer nicht? Das tut jeder für sich. Und auch wenn er Gewalt ausübt oder Pyrostäbe abbrennt, also im Sprachgebrauch der Verbände ein Problem darstellt, kann sich dieser selbst als Fußballfan definieren.
 
Sie haben in Ihrer Stellungnahme einen Neun-Punkte-Plan aufgestellt. Worum geht es da?
Die Stellungnahme möchte eine Gegenposition darstellen, aber auch ein Gesprächsangebot sein. Also die Basis liefern für einen kommenden Dialog. Deswegen haben wir nicht nur kritisiert, sondern auch Vorschläge gemacht. Zum Beispiel in punkto Stadionverbote.
 
Sie sind gegen Stadionverbote?
Dass es Gewalt im Fußball gibt, kann man nicht wegdiskutieren. Im Gegenteil: Man muss darüber sprechen. Stadionverbote sind allerdings in vielen Fällen ein falsches oder voreiliges Sanktionierungsmittel. Oft fehlt die Verhältnismäßigkeit. Man bedenkt gerade bei jungen Fans selten, was eine solche Maßnahme für Folgen hat.
 
Und zwar?
Ein Jugendlicher wird aus seinem sozialen Umfeld gerissen. Aus einer Gemeinschaft, die ihm Halt bietet und ihm in gewissen Bereichen auch Verantwortung überträgt. Nach dem neuen Kodex ist es nun möglich, Stadionverbote bis zu zehn Jahre zu verhängen. Das löst vielleicht das akute Problem, doch es kreiert neue Probleme.


 
Welche Alternativen gibt es?
Wir bieten zum Beispiel Anti-Aggressions-Seminare an. So haben Fans die Chance ihre Taten zu überdenken und sich weiterhin in ihrem sozialen Umfeld zu bewegen.
 
In dem Neun-Punkte-Plan sprechen Sie sich auch für den Erhalt von Stehplätzen aus. Ist eine Versitzplatzung überhaupt noch aufzuhalten?
Ich hoffe es. Denn der Erhalt der Fankultur geht einher mit dem Erhalt von Stehplätzen. Auf dem Fankongress im Januar war ein Fanvertreter aus Sunderland eingeladen, der genau diese These stützte. Er sagte: »Ein All-Seater bedeutet das Ende der Fankultur.« Ich finde es schon heute sehr problematisch, dass die Verbände vorgeben, was Fankultur ist. Nach ihrem Verständnis heißt Fankultur: Sitzen, Essen, Trinken, Jubeln.
 
Kurz nach dem Sicherheitsgipfel hat die Schwarz-Rote-Hilfe einen Text veröffentlicht, in dem es heißt: »Wie wir aus einer sehr zuverlässigen Quelle erfahren haben, hat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bereits einen Masterplan erarbeitet, wie das Stehplatzverbot in den oberen Ligen umgesetzt werden soll.« Wie bewerten Sie diesen Verdacht?
Ich habe den Text auch gelesen. Inwiefern das der Wahrheit entspricht, kann ich nicht beurteilen. Allerdings zeigt diese Reaktion, wie groß die Angst vor einer Abschaffung der Stehplätze ist. Was mich wirklich erschreckt, ist die Drohkulisse, die Verband und Politiker durch Ansagen im Vorfeld geschaffen haben. Die Ansage lautet: Noch ein Fehltritt, dann schaffen wir die Stehplätze ab. Da nimmt man eine ganze Kultur in Sippenhaft.
 
Tragen die Fans denn eine Mitschuld an den verhärteten Fronten?
Zweifelsohne ist es für die Fußballfunktionäre schwierig, mit den Fans umzugehen, denn sie erscheinen ihnen zunächst mal als große und unkontrollierbare Masse. Doch eine Mitschuld? Vieles von dem, was in der vergangenen Saison passiert ist, geschah aus einer Trotzhaltung heraus. Es war eine Reaktion auf die Haltung der Verbände.

Sie meinen den vermehrten Einsatz von Pyrotechnik.
Richtig. Nach Beendigung der Gespräche vonseiten des DFB war klar, dass die Fans massiv zündeln würden. Trotzdem blieb die Hand der Fans stets ausgestreckt. Beim Fankongress im Januar lud man Verbandsfunktionäre ein, doch nur Sicherheitschef Hendrik Große-Lefert erschien. Sogar im Rahmen des Sicherheitsgipfels wollten die Fans mit Vereins- und Verbandsvertreter diskutieren. Ohne Erfolg.

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