24.10.2012

Union-Berlin-Präsident Dirk Zingler über Fans und Verbände

»Die harte Hand löst keine Probleme!«

Das Verhältnis zwischen Fußballfans und Verbänden ist so schlecht wie noch nie. Für unsere Reportage »Der tiefe Graben« (11FREUNDE #132, ab Donnerstag im Handel) trafen wir auch Union Berlins Präsident Dirk Zingler. Ein Gespräch über die harte Hand der Politiker, die Haltung des DFB und Solidarität unter den Fans.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Dirk Zingler, unsere Geschichte über den Dialog zwischen Fans und Verbänden trägt den Titel »Der tiefe Graben«.
Das passt.
 
Inwiefern?    
Ich finde, dass seit einigen Monaten aneinander vorbei geredet wird. Die Verbände verstehen nicht, welche Probleme die aktive Fanszene sieht. Es fing an mit der abrupten Beendigung der Gespräche zum Thema Pyrotechnik, es ging weiter mit der Bewertung der Vorfälle um das Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC und mündete in die Sicherheitskonferenz in Berlin, die wiederum eine Diskussion über die angeblich von Stehplätze ausgehende Gefahr nach sich zog.
 
Sie können also die massive Kritik am DFB, die sich mittlerweile szeneübergreifend über  Wechselgesänge oder gemeinsame Banner äußert, demnach verstehen.
Ich kann sie nachvollziehen, wenngleich ich die Wortwahl nicht angemessen finde. Ein Plakat wie »Fick dich DFB« ist sicher nicht zielführend. Ich sage: Es muss von beiden Seiten verbal abgerüstet werden, man kann nicht vor einer Schule für »Tempo 30« protestieren und dann mit 100 km/h da durchheizen. Allerdings drücken eben solche Plakate auch eine gewisse Ohnmacht und Resignation aus. Für mich ist das sehr alarmierend.
 
Wir haben mit verschiedenen Fanvertretern gesprochen, die uns erzählten, dass sich die Szenen mehr und mehr spalten. Hardliner vertreten mittlerweile die Meinung, dass die letzten Spielzeiten der Fankultur angebrochen seien. Wie sehen Sie das?
Das meine ich mit alarmierend. Die schlechte Kommunikation hat dazu geführt, dass die Hardliner in den Szenen mehr Zuspruch bekommen. Wenn sich in den Maßnahmen und in der Ansprache vonseiten der Verbände nichts ändert, wird sich die Situation weiter verschärfen. Man muss endlich mal einen richtigen Dialog starten – nicht mit dem immer wieder ins Feld geführten Großvater und seinem Enkel und nicht nur mit den Fanprojekten, sondern direkt mit der aktiven Fanszene. Das muss in den Vereinen beginnen, und zwar auf sachlicher Ebene. Da kann man sich auch nicht hinstellen und die eigenen Anhänger als »Arschlöcher« bezeichnen.
 
Der DFB sagt, es gibt weiterhin einen intensiven und konstruktiven Dialog. Die Fans behaupten allerdings, der Dialog sei in keiner Weise zufriedenstellend.
Das Problem ist, dass die meisten Verbands- oder Vereinsvertreter sich nicht in die Lage der aktiven Fans versetzen können. Ein Beispiel: Der Maßnahmenkatalog, den man auf der DFL-Tagung Ende September vorgestellt hat, wurde von erfahrenen Kollegen aus den Vereinen, so zumindest die Aussage der DFL, erarbeitet. Da stelle ich mir die Frage: Welche Art von Erfahrungen sind da eingeflossen? Wer von diesen Kollegen ist denn das letzte Mal in einem Auswärtszug mitgefahren und wurde von mehreren Hundertschaften schwer bewaffneter Polizisten empfangen? Wer erlebt denn Fußball in der Kurve? Wer sieht denn die Repressalien? Bei einem Auswärtsspiel Union gegen Frankfurt fuhren etwa 1500 Fans im Zug mit, davon wurden vielleicht 80 der Kategorie »gewaltbereite Anhänger« zugeordnet. Trotzdem wurden alle 1500 gleich behandelt: wie Kriminelle.
 
Sie gelten als Klub-Präsident, der sehr viel mit aktiven Fans spricht. Was erzählen Ihnen diese Anhänger nach solchen Auswärtsfahrten?
Ich muss mir das nicht erzählen lassen. Ich gehörte zu den 1500. Die Fans bekommen das Gefühl, dass ihnen die soziale Heimat Fußball weggenommen wird. Die angesprochene Solidarisierung gegen solche Maßnahmen und letztendlich gegen den DFB oder die DFL ist also nur die logische Konsequenz. Ähnlich verhält es sich mit der Diskussion um Stehplätze. Das fängt doch schon damit an, dass man ein Drohszenario entwirft. Nach dem Motto: Wenn ihr euch nicht richtig verhaltet, dann nehmen wir euch die Stehplätze weg. Damit nimmt man die Fans in Sippenhaft. Hat so etwas irgendwo mal zu Lösungen geführt? Und: Warum muss man sich als Fan die Stehplätze überhaupt verdienen?
 
In der Alten Försterei müsste es die meisten Probleme geben. Das Stadion hat über 80 Prozent Stehplätze.
Nach der Logik einiger Innenminister müsste es in unserem Stadion jeden Spieltag Gewaltausbrüche geben. Das ist aber nicht der Fall. Vielleicht auch deshalb, weil wir seit Jahren Prävention vor Sanktionen stellen und ständig im Kontakt mit der aktiven Fanszene stehen.
 
DFB-Sicherheitschef Hendrik Große-Lefert sagt, der Staat stehe – gerade nach Vorfällen wie bei der Loveparade in Duisburg – ebenfalls unter Druck.
Das ist paradox. Da wird den Kommunen immer mehr Geld entzogen und es müssen soziale Einrichtungen schließen, weil Mittel fehlen. Aber der gleiche Staat, der vor Jahren aufgehört hat, soziale Jugendangebote zu schaffen, sagt nun: So Fußball, nun löse mal bitte am Wochenende das Problem, das wir von Montag bis Freitag nicht in den Griff bekommen.  
 
Wobei diverse Statistiken auch besagen, dass ein Stadionbesuch weniger gefährlich ist als zum Beispiel der Besuch des Oktoberfestes oder einer Fanmeile.
Ich habe das Gefühl, dass die Diskussion stark auf der medialen Berichterstattung der vergangenen Monate basiert. Es gab in Köln die schwarze Nebelwand, es gab den Vorfall von Karlsruhe, es gab den Platzsturm in Düsseldorf. Alle drei Ereignisse waren inakzeptabel, aber trotzdem hätte man sie differenziert betrachten müssen. Das geschah aber nicht, weder in den Medien noch in der Politik. Ich wünschte mir, dass das Innenministerium mal mit Fakten argumentieren würde. Tatsächlich ist es so, dass der überwiegende Teil aller Polizeieinsätze im Zusammenhang mit Fußball außerhalb der Stadien stattfindet. Ich bin auch dafür, dass man sich an Regeln halten muss. Doch vor allem plädiere ich für präventive Maßnahmen, für mehr finanzielle Mittel für Fanbetreuung durch die Vereine, für eine differenzierte Behandlung der Vereine und Szenen. Davon höre ich aber nichts. Nur durch die harte Hand innerhalb der Stadien oder im Fußball im Allgemeinen lösen wir die Probleme jedenfalls nicht, wir verlagern sie nur.
 
Sie erhoffen sich von den Verbänden, dass sie sich auf die Seite der Fans stellen?
Absolut. Der Ligaverband spricht von einer Solidargemeinschaft, aber davon spüre ich nichts. Oder welche meint er? Wir haben so viele Fangruppen, die im Grunde das tun, was eigentlich der Staat tun sollte, nämlich: ein gemeinnütziges Netzwerk bieten. Auch und insbesondere außerhalb der Stadien. Warum kann man sich nicht als Solidargemeinschaft Fußball auch gegenüber der Politik entsprechend positionieren? Es heißt neuerdings auch aus den Verbänden, Stehplätze seien »kein unveränderbarer Besitzstand«. Wenn das die Position der Politik ist, warum treten wir dem nicht gemeinsam entgegen? Wenn ich das frage, höre ich immer nur: Es war schon zwei Minuten vor Zwölf. Ach, ja, und warum? Diejenigen, die dieses Szenario heraufbeschwören, sollen es bitte auch unabhängig belegen, auch im Verhältnis zu anderen Großveranstaltungen.
 
DFB-Sicherheitschef Hendrik Große-Lefert sagte kürzlich in einem Interview mit der taz, dass der Fußball »zu keinem Zeitpunkt die Zielrichtung verfolgt habe, Stehplätze abzuschaffen«. Der Druck käme regelmäßig vonseiten der Politik. Will der Verband den Schwarzen Peter weitergeben?
So schlecht kann und will ich nicht denken.

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