Umstrittenes Banner in Hannover

»Wir sind keine Totschläger!«

Ein meterlanges Banner mit der Aufschrift »Tod und Hass dem BTSV« in der Fankurve von Hannover 96 hat nach dem Spiel gegen Hertha BSC für viel Wirbel gesorgt. Wir sprachen mit dem 96-Fanbeauftragen Frank Watermann. Umstrittenes Banner in Hannover

Frank Watermann, beim Heimspiel der 96er gegen Hertha BSC Berlin hing in der Nordkurve ein metergroßes Banner mit der Aufschrift »Tod und Hass dem BTSV«. Die »Bild«-Zeitung schreibt: »Hass-Plakat im Trauer-Stadion«. Dabei hing das Banner doch sicherlich nicht das erste Mal im Niedersachsenstadion?

Doch! Tatsächlich das erste Mal. Jedenfalls in dieser Form und dieser Größe ist das neu. Ich habe auch gleich den Kontakt zu den Fans aufgenommen, wir haben heute ein Treffen, um das Thema anzusprechen. Diejenigen, die das Banner aufgehängt haben, sind auch auf jeden Fall gesprächsbereit.

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Die Rivalität zwischen Hannover und Braunschweig ist enorm groß, die Gesänge »Tod und Hass« hört man doch an jedem Wochenende – und nicht nur in Hannover...


Schon, aber so ein auffälliges Banner besitzt doch eine ganz andere Wirkung. Allerdings muss man auch sagen: Wer denkt denn tatsächlich so, wie es auf dem Banner steht? Es ist eine – wenn auch diskutable – Art seine Abneigung gegenüber dem großen Rivalen aus Braunschweig zu äußern. Was noch lange nicht heißt, dass wir hier lauter Totschläger in der Kurve stehen haben!

Haben Sie gleich im Stadion reagiert?

Nein, ich stand ebenfalls im Oberrang der Nordkurve, habe das Banner also nicht sehen können. Erst am Samstagabend bin ich darauf hingewiesen worden – von den Medien. Im Stadion ist das sonst auch keinem groß aufgefallen.

Dieses Banner wird den Hannover-Fans jetzt zum großen Vorwurf gemacht, in der »Bild« heißt es weiter: »Gerade mal zwei Monate ist es her, dass die Fans in der AWD-Arena Abschied nahmen von Robert Enke. Jetzt ist der Hass zurück in der Fankurve.« Müssen 96-Fans jetzt befürchten bei jedem deftigen Spruch die Moral-Keule verpasst zu bekommen?

Diese Gefahr besteht durchaus, dass manche Medien den Selbstmord von Robert Enke als Anlass nehmen unseren Fans bei jedem Ausrutscher den Spiegel vor das Gesicht zu halten. Meiner Meinung nach machen sie es sich damit ziemlich leicht, denn wie viele Moralapostel haben denn bei uns in den vergangenen Monaten gepredigt und wer hat sich an das, was er gefordert hat, gehalten?

Was meinen Sie damit konkret?

Alle reden davon, dass sich was ändern muss, aber keiner tut tatsächlich was dafür. Die Probleme, die wir beim Fußball haben, fangen doch nicht beim Fußball an, die haben ihren Ursprung in der Gesellschaft.

In den Fanforen verweisen einige Anhänger in Bezug auf diese Banner-Diskussion auf den Übergriff einer Braunschweiger auf einen Zug der Hannoveraner. Worum geht es da genau?

Das waren 96-Fans, die im Herbst 2009 auf dem Rückweg vom Auswärtsspiel der Amateure gegen Babelsberg waren und kurz vor dem Braunschweiger Bahnhof von Braunschweiger Hooligans mit Eisenstangen angegriffen worden. Das war eine Qualität von Fan-Gewalt, die so nun wirklich nicht alltäglich ist.

In Hannover wird das Banner als Reaktion auf diesen Übergriff gewertet. Müssen Sie jetzt in der Fanarbeit konkret auf dieses Thema eingehen?

Natürlich befassen wir uns damit, aber man darf die Diskussion über das Banner auch nicht überbewerten. Da haben einige Fans nicht nachgedacht, und man darf Fußball-Fans auch mal einen Ausrutscher zugestehen. Natürlich stehen wir in Hannover nach der Tragödie um Robert Enke im Fokus.

Können 96-Anhänger denn dann in Zukunft noch unbefangen ihre Fan-Kultur ausleben?

Das denke ich schon. Sie sind im Moment noch selber auf der Suche, wie man das schafft ohne immer gleich anzuecken. Man spürt schon eine gewisse Zurückhaltung, alle Äußerungen von Hannover-Fans werden in Zukunft sicherlich mit zweierlei Maß gewertet.

96-Stadionchef Thorsten Meier wird – ebenfalls in der Bild« – mit der Androhung zitiert: »Gegen die, die das Plakat aufgehängt haben, werden wir wohl ein Stadionverbot verhängen.« Wird das tatsächlich so umgesetzt?

Ich hoffe nicht. Meiner Meinung nach bewirken Stadionverbote häufig das Gegenteil. Da geraten dann junge Fans, denen am Spieltag der Gang ins Stadion verwehrt wird, in Kreise, die ihnen wirklich nicht gut tun.

Was kann man also tun?

Ich habe ein ganz gutes Beispiel, was man machen kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist keine generelle Lösung. Aber wir hatten mal einen jungen Fan, eigentlich ein hoffnungsloser Fall. Der hatte nach den alten Gesetzen schon fünf Jahre Stadionverbot bekommen, nach den neuen Bestimmungen wollte man ihm noch drei weitere Jahre aufbrummen. Ich habe gebeten, dass ich ihn stattdessen unter meine Fittiche nehme, er hat mir am Spieltag bei der Fanarbeit geholfen, hat mich bei der Organisation unterstützt – und heute ist er wieder ein ganz normales und friedliches Mitglied unserer Fankurve.    

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