Vergangene Saison suchten Kölner Fans einen Spieler in dessen Wohnung auf. Markhardt: Ein Zeichen von Ohnmacht. Du stehst die komplette Saison in der Kurve und schreist dein Team Spiel für Spiel nach vorne – doch sie kapieren einfach nicht, dass dir der Klub alles bedeutet. Irgendwann bricht die angestaute Wut sich Bahn.
Beyer: Da gibt es den dringenden Wunsch, die Spieler zur Rede zu stellen.
Markhardt: Ich habe auch schon die Tartanbahn gestürmt, in Dnjepropetrowsk 2003. Wir waren über 40 Stunden mit der Bahn angereist und dann verlor die Mannschaft dort 0:3. Ein grauenhaftes Spiel. Alle Fans sind danach in den Innenraum. Dort haben wir Bernd Hoffmann und Christian Rahn zur Rede gestellt. Niemand wurde verletzt, wir haben einfach Tacheles geredet.
Nehmen Fußballprofis in einer solchen Situation diese Kritik auf? Markhardt: Natürlich nicht. Es geht darum, seinem Ärger Luft zu machen.
Was habt ihr Christian Rahn gesagt? Markhardt: Wir haben von unserer Anreise erzählt, davon, dass einige Fans drei Tage unterwegs waren, um dieses Spiel zu sehen. Er antwortete: »Wir hatten doch auch eine beschwerliche Anreise.«
Beyer: Die raffen nicht, was man auf sich nimmt. Wir sind in der vergangenen Saison etwa zum Pokalspiel nach Kiel mitgefahren, hatten alles selbst organisiert. Doch du merkst an den Reaktionen der Spieler, dass die das nicht mal wissen.
Markhardt: Viel hängt von der Kommunikation zwischen den Spielern und den Fans ab. Die passiert auch fernab der offiziellen Vereinsseite.
Könnt ihr mal ein Beispiel nennen? Markhardt: Es gab in der vergangenen Saison gute Gespräche mit Dennis Aogo, Heiko Westermann oder Jaroslav Drobny. Aogo schaut gelegentlich im Fanprojekt vorbei. Drobny schrieb nach der 0:4-Pleite gegen den VfB Stuttgart in der vergangenen Saison eine SMS an unseren Vorsänger Jojo Liebnau. Er entschuldigte sich für die schlechte Leistung. Er wisse, was es bedeute, für den HSV zu spielen. So was macht in der Nordtribüne natürlich die Runde. Fortan standen die Fans trotz der miesen Saison hinter der Mannschaft. Wir spürten eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl.
Beyer: Der Austausch ist wichtig. Ich kommuniziere regelmäßig mit Ex-Spielern oder aktuellen Profis. Mit dem Teammanager schicke ich einmal pro Woche SMS hin und her.
Was erwartet ihr von der kommenden Saison? Werden sich die Fronten verhärten?Beyer: Ich hoffe, dass es eine Entwicklung zum Dialog auf Augenhöhe gibt. Ich hoffe, dass die Funktionäre verstehen, dass die Fans das höchste Gut des deutschen Fußballs sind. Viele andere Ligen beneiden uns um unsere vollen und kreativen Kurven. Nimmt man den Leuten jedoch immer mehr Räume, dann führt das zu einer Verhärtung der Fronten. Fußball ist zwar immer auch ein Produkt gewesen, aber man darf die Vermarktungsspirale nicht überdrehen.
Hirsch: Bei Maßnahmen wie personalisierten Tickets oder Personalienabgaben für Fanutensilien werden sich die Fronten mit Sicherheit nicht aufweichen. Ich wünsche mir, dass die Vereine sich für ihre Fans stark machen und sagen: »So nicht. Unsere Fans, die Tag und Nacht für uns da sind, verdienen Besseres. Repression ist keine Lösung.« Aber auch die Fans sollten sich nicht spalten lassen, speziell die Ultras. Ich hoffe, dass die Gruppen sich weiter solidarisieren wie auf der Fandemo 2010 und dem Fankongress 2012 in Berlin. Nur so kann man die Stehplätze verteidigen und eine bunte Fankultur erhalten.