23.08.2012

Ultra-Roundtable: Seid ihr die Taliban der Fans? (2)

»Andere Ligen beneiden uns um unsere Kurven«

Ultras stehen am Pranger, Ende der vergangenen Saison wurden sie in einer Talkshow gar mit Terroristen verglichen. Für unsere Bundesliga-Ausgabe trafen wir uns mit Ultras aus Hamburg, Mainz und Kaiserslautern zu einem Roundtable. Lest in Teil 2 ihre Meinung zu Steinewerfern, Platzstürmen sowie ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Interview: Ron Ulrich und Andreas Bock Bild: David von Becker

Fabian Beyer, Jahrgang 1981, gründete vor 13 Jahren mit Schulfreunden die »Meenzer Metzger ’99«. Das Logo schmückt ein Schwein. Die Gruppe wollte damit das Martialische der Ultrakultur (»Commando«, »Inferno« und »Brigade«) ironisieren.

Einst rief Philipp Markhardt, Jahrgang 1980, den Fanbeauftragten des HSV an, weil er Ideen für Banner hatte. So kam er in die Choreogruppe des Supporters Club. Später gründete er mit Freunden die Ultragruppe »Chosen Few« und ist heute führendes Mitglied.

Christian Hirsch, Jahrgang 1979, war Anfang der Neunziger erstmals auf dem Betzenberg und wurde später Mitglied bei der »Generation Luzifer«. Heute ist er führendes Mitglied bei der »Berliner Bagaasch« und Mitarbeiter beim Online-Fanzine »Der Betze brennt«.

Wie wurde der Busangriff von Kölner Ultras auf Gladbacher Anhänger diskutiert?

Markhardt: Da brauchen wir nicht zu diskutieren, das ist ein absolutes No-Go.
Beyer: Das ist eine kriminelle Handlung und hat nichts mit Fußball zu tun. Wie kann man einen Stein in einen Bus werfen?
Markhardt: Was keiner weiß: Die beschuldigten Personen sind freiwillig aus der Gruppe ausgestiegen. Man darf da nicht eine ganze Gruppierung in Sippenhaft nehmen. Von der war nämlich nichts geplant.

Warum distanzieren sich Ultras nicht klar von Gewalt?
Markhardt: Weil Gewalt ein Teil von Ultra ist. Das ist nicht wegzudiskutieren. Es ist nicht das primäre Ziel, aber es gehört einfach dazu. Weil aber auch Gewalt immer zum Fußball gehörte. Wer etwas anderes behauptet, ist weltfremd oder er lügt.

In den Stellungnahmen der Ultras zu Vorfällen mit Gewalt vermissen Polizei und Verbände die Selbstkritik.
Markhardt: Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Und die Kritik an den Mitgliedern meiner Gruppe äußere ich intern, nicht über Stellungnahmen.
Beyer: Die Polizei hat auch ihren Korpsgeist. Da werden ebenso Dinge beschönigt, die eigentlich nicht zu beschönigen sind.
Hirsch: Soll man die eigenen Leute an den Pranger stellen? Intern wird schon heftig diskutiert, aber man muss auch den Leuten eine zweite Chance zugestehen. Was der DFB mit seinen Stadionverboten eben nicht tut.
Beyer: Genau, Stadionverbote auf Bewährung würden fruchten, davon bin ich überzeugt. Selbst der Papst hat bestimmt schon einmal Scheiße gebaut. Und zweitens: Wenn sich einer aus der Gruppe einen Fehltritt leistet, hat die Gruppe doch nichts damit zu tun. Wir sprechen hier von losen Gruppen, von Interessengemeinschaften, nicht von Parteien.

Ist es nicht ein Teil von Ultra, sich als geschlossene Gruppe zu präsentieren?
Beyer: Wir sind uns aber doch nicht in jeder Lebenslage gegenseitig verpflichtet. Wenn einer meiner Jungs in 500 Kilometern Entfernung Mist baut, trage ich daran doch keine Schuld. Davon mal abgesehen: Selbstregulierung passiert auch in einem viel größerem Maße, als es die öffentliche Meinung erahnen kann. Auf jeder verdammten Auswärtsfahrt gehen ältere Ultras auf die Jüngeren zu, die über die Stränge schlagen. Leute, die in Züge pinkeln oder sonst was. Da gehen wir hin und sagen: »So nicht.«

Was haltet ihr von den Platzstürmen in Karlsruhe oder Frankfurt als direkte Reaktion auf den Abstieg?
Markhardt: Oliver Kreuzer vom KSC hat sinngemäß gesagt, dass er das nicht gutheißen kann, aber dass man auch bedenken soll, was für einen Dreck die Fans in den Wochen davor ertragen mussten. Das fand ich sympathisch. Irgendwann setzt das Hirn in solchen Phasen wohl nun mal auch aus.
Hirsch: Fußballfans sind nun einmal Teil des Spiels. Du willst mit deinen Jungs feiern, ihnen aber auch die Meinung sagen, wenn es scheiße läuft. Das gehört zur Emotionalität des Sports. Und der wird nun einmal auf dem Rasen gespielt.
Markhardt: Für mich würde eine Welt untergehen, wenn mein Verein absteigt. Ich würde mir hinterher nichts vorwerfen, wenn ich den Platz gestürmt hätte.

Rechtfertigt ein Abstieg wirklich einen Platzsturm?
Beyer: Es ist nicht die Frage, ob es das rechtfertigt! Wie kanalisiert man das sonst? Will man, dass die Leute raus gehen und dem Erstbesten auf die Fresse hauen? Ich will lieber, dass die Leute friedlich den Platz stürmen und somit ihre Emotionen rauslassen. Aber in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin – was wäre denn dort passiert, wenn die Polizei nicht da gewesen wäre?

Ja, was wäre denn passiert?
Beyer: Keinem einzigen Spieler wäre auch nur ein Haar gekrümmt worden. Man hätte die Spieler zur Rede gestellt. Mehr auch nicht. Nicht mal ein Dummbrot-Möchtegern-Hool hätte einen Spieler umgeboxt. Das ist medial aufgebauschter Quatsch.
Markhardt: Da wird immer das Ende des Abendlandes beschrien.

>> Seite 2: Werden sich die Fronten verhärten?

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