22.08.2012

Ultra-Roundtable: Seid ihr die Taliban der Fans? (1)

»Natürlich gibt es Leute, die Gewalt suchen«

Ultras stehen am Pranger, Ende der vergangenen Saison wurden sie in einer Talkshow gar mit Terroristen verglichen. Für unsere Bundesliga-Ausgabe trafen wir uns mit Ultras aus Hamburg, Mainz und Kaiserslautern zu einem Roundtable. Lest in Teil 1 ihre Meinung zu Medien, Alt-Hools und dem Reiz des Illegalen.

Interview: Andreas Bock und Ron Ulrich Bild: David von Becker

Fabian Beyer, Jahrgang 1981, gründete vor 13 Jahren mit Schulfreunden die »Meenzer Metzger ’99«. Das Logo schmückt ein Schwein. Die Gruppe wollte damit das Martialische der Ultrakultur (»Commando«, »Inferno« und »Brigade«) ironisieren.

Einst rief Philipp Markhardt, Jahrgang 1980, den Fanbeauftragten des HSV an, weil er Ideen für Banner hatte. So kam er in die Choreogruppe des Supporters Club. Später gründete er mit Freunden die Ultragruppe »Chosen Few« und ist heute führendes Mitglied.

Christian Hirsch, Jahrgang 1979, war Anfang der Neunziger erstmals auf dem Betzenberg und wurde später Mitglied bei der »Generation Luzifer«. Heute ist er führendes Mitglied bei der »Berliner Bagaasch« und Mitarbeiter beim Online-Fanzine »Der Betze brennt«.

Fabian Beyer, Philipp Markhardt und Christian Hirsch, wir haben für dieses Interview einige Ultragruppen angefragt, doch zumeist Absagen bekommen. Warum besteht eine derartige Skepsis der Ultraszene gegenüber den Medien?
Fabian Beyer: Ein Grund ist sicherlich, dass man schon oft verarscht wurde. Viele Szenen haben es probiert, mit Medienvertretern zu sprechen, wurden dann aber falsch zitiert. Oder es wurden Statements aus dem Zusammenhang gerissen.
Philipp Markhardt: Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Doch da schwingt nicht nur die Befürchtung mit, falsch zitiert zu werden. Manche fürchten, dass sie etwas Falsches sagen. Schließlich muss man rechtlich und rhetorisch etwas drauf haben. Und es besteht immer die Gefahr, komplett zerrissen zu werden. Und wer liest schon gerne Dreck über sich im Internet?
Beyer: Man darf auch nicht vergessen, dass wir alle auch einem normalen Beruf nachgehen. Nur als Beispiel: Ich möchte nicht aufgrund eines Interviews über meine Fußballleidenschaft meine Kunden verlieren. Ultras gelten bei vielen immer noch als Kinderfresser mit Bengalos in der Hand.

Doch wäre es nicht gerade jetzt an der Zeit, aus Sicht der Ultras mit den Vorurteilen aufzuräumen?
Markhardt: Es ist ein Teufelskreis, den man durchbrechen muss. Ganz klar.
Christian Hirsch: Der Fankongress hat gezeigt, dass es wichtig ist, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Wenn man die Ultrakultur schützen und verteidigen will, dann muss man auch mit den Medien kommunizieren. Man muss nur schauen, wem man vertrauen kann.
Beyer: Gegenöffentlichkeit ist das Stichwort. Die fehlende PR der Ultras ist ein echtes Problem. Dabei haben wir in der Szene genug Leute, die die Anliegen auch vernünftig kommunizieren können.

Ultras kritisieren die Medien für die einseitige Berichterstattung. Doch wenn sie sich selbst nicht äußern, bleibt den Medien eben nur der Rückgriff auf Polizeiberichte.
Markhardt: Interessanterweise wird immer direkt der Polizeibericht abgeschrieben, wenn er dazu dienen kann, ein Horrorszenario zu unterstreichen. Nur nicht nach dem Spiel Düsseldorf gegen Hertha. Dort stand nachzulesen, dass es keinerlei Verletzte gab – 
in den Medien hat das aber keinen interessiert. Ganz einfach, weil damit keine Schlagzeile zu machen war.
Hirsch: Nach dem Sportstudio im Januar, in dem alle Beteiligten in eine Runde geholt wurden, war man doch auf einem guten Weg. Doch dann hat die ARD mit ihren Talks bei Plasberg und Maischberger absoluten Müll fabriziert. Das war nur noch tendenziös. Maischberger hat gesagt: »Ultras sind die Taliban der Fans.« Ich lache mich kaputt. Da kann man doch nicht mehr diskutieren.

Aber noch einmal: Die Initiative »Pyrotechnik legalisieren« hat doch das beste Beispiel gegeben, dass die Stimme von Ultras gehört wird.
Beyer: Vom DFB mit Sicherheit nicht. Die Fanseite hat einen Dialog auf Augenhöhe angeboten, doch der wurde vom Verband abgebrochen. Diese Leute haben das Konzept der Initiative null Komma null gelesen. Auch das Gutachten des DFB ist übrigens zu dem Schluss gekommen, dass Pyrotechnik unter bestimmten Bedingungen legal ist.
Markhardt: Die Initiative hat dem DFB den Wind aus den Segeln genommen und ihn in die Ecke gedrängt. Der hat aber einfach so das Thema für beendet erklärt. Der DFB argumentiert, man könne die Gesetze nicht ändern. Das verlangt aber auch keiner, es ging immer nur um Pilotprojekte und Sondergenehmigungen. Warum sagt der DFB nicht einfach: »Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen da sind, dann geben wir die Zustimmung«?
Hirsch: In den neunziger Jahren hat sich Dieter Kürten vom Betzenberg gemeldet und gesagt: »Super südländische Atmosphäre, hier werden Leuchtfeuer gezündet.« Pyro gab es lange vor den Ultras. Ich habe schon damals die Fackeln gesehen und da hatte keiner im Block Angst. Es wäre doch nie jemand auf die Idee gekommen, die Dinger zu werfen. Pyro gehörte dazu wie die Fahnen im Fanblock.

Mittlerweile werden Pyrostäbe jedoch immer häufiger aufs Feld geworfen. Was denkt denn die Szene darüber?
Markhardt: Man denkt natürlich: Scheiße. Doch es gibt auch Leute, die das eben nicht so sehen.
Hirsch: Für die Initiative war es natürlich nicht förderlich. Sie hat sich von vornherein gegen das Werfen von Pyro und gegen Böller ausgesprochen.

Würde durch kontrolliertes Abbrennen nicht der Reiz des Illegalen verschwinden?
Markhardt: Gegenfrage: Warum sollten die Ultras Zonen anbieten, in denen kontrolliert abgebrannt wird, wenn sie das gar nicht wollen? Der Reiz des Illegalen fällt mit Sicherheit nicht ins Gewicht.
Beyer: Es wird immer per se daran gezweifelt, dass die Kurve sich selbst regulieren kann. Aber warum lässt man es nicht einmal auf einen Versuch ankommen?
Hirsch: Es würde dazu beitragen, dass die ständige Kriminalisierung aufhört.
Markhardt: Es funktioniert immer, den Leuten Verantwortung zu übertragen. In einem Sonderzug agierten mal Ultras als ehrenamtliche und Hools als bezahlte Ordner. Da fiel nichts vor, weil die Leute sich kennen.

Gehört das »Räuber und Gendarm«-Spiel für viele jüngere Ultras nicht auch dazu?
Markhardt: Klar. Aber ich kann doch nicht im Jahr 2012 anfangen, ein Verhalten zu korrigieren, das es schon immer gab. Junge Leute testen eben ihre Grenzen aus.
Beyer: Man sollte sich aber auch mal auf der anderen Seite anschauen, mit welcher Macht, mit welcher Gewalt die Polizei gegen diese Jugendlichen vorgeht. Da stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht.

Könnt Ihr ein Beispiel nennen?
Markhardt: 2009 kam es zu Konflikten am Bielefelder Bahnhof, ein 16-jähriges Mädchen aus dem Umfeld der »Chosen Few« wurde damals in Gewahrsam genommen. Dabei hatte sie sich extra vom Gefahrenherd entfernt. Gegen sie wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, sie bekam Stadionverbot. So reißt man junge Leute bewusst aus ihren Bezugsgruppen.
Hirsch: Es sind eben auch die Ultras, die jungen Leuten Halt geben. Sie geben ihnen Aufgaben, wie die Betreuung am Fanstand, und übertragen ihnen damit Verantwortung.
Markhardt: Die Ultrabewegung wirkt für Jugendliche einfach attraktiv. Doch wenn bei uns Leute dazukommen, dann merken sie auch relativ schnell, wie der Hase läuft.

Wie funktioniert das? Es soll Hierarchien wie in Burschenschaften geben.
Markhardt: Beispielsweise muss ein neues Mitglied sich über einen längeren Zeitraum aktiv beteiligen, um den Status zu erlangen, die Gruppenklamotten zu tragen. Jedes Jahr legen wir eine Marschrichtung für die Gruppe fest. Wer zu uns kommt und einfach Action haben will, der wird nicht glücklich.
Beyer: Bei manchen Gruppen gibt es so etwas wie eine Anwärterschaft. Man muss sich erst beweisen.
Markhardt: In den ersten 18 Monaten wird man von einem Vollmitglied an die Gruppe herangeführt. Da trennt sich die Spreu vom Weizen.
Hirsch: Es ist auch grundsätzlich nicht verwerflich, dass man erst einmal schaut, ob ein Neuer zur Gruppe passt und ob er sich vernünftig verhält.

>> Seite 2: Ist die Ultraszene gespalten?

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