Ulli Potofski über seine Karriere

»Mein Gott, die sind tot«

Best of 2011: Ulli Potofski über seine Karriere

Ulli Potofski, seien Sie mir nicht böse, aber die Frage muss erlaubt sein: Was hatten Sie bloß in der furchtbaren RTLII-Show »Bingo! Bingo!« verloren?

Ulli Potofski: Vielleicht werden Sie es nicht verstehen, aber für mich war das einfach nur ein Job, um Geld zu verdienen. Geld, das ich brauche. Das macht die Sendung natürlich nicht besser und rechtfertigt für manche Menschen vielleicht auch nicht meinen Auftritt.

Sie mussten bei »Bingo! Bingo!« unter anderem Wurstwettessen, Senioren-Formel 1 und das Wettrutschen eines stark beharrten Halbglatzenträgers auf eingeseiften Bikinischönheiten kommentieren...

Ulli Potofski: Ich weiß wirklich nicht, wer sich solche Formate einfallen lässt, aber ich stimme Ihnen zu: Toll war das nicht. Trotzdem schäme ich mich nicht dafür, dafür gibt es keinen Grund. In Dänemark hat die gleiche Sendung übrigens einen Preis gewonnen. Die müssen das Format scheinbar anders interpretiert haben...

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Haben Sie als ehemaliges Mitglied der RTL-Familie nicht auch etwas Verständnis für solche Sendungen?

Ulli Potofski: Im Privatfernsehen ging es schon immer nur darum, aus einem Euro, 1,10 Euro zu machen. Geld, das war und ist der Antrieb des Privatfernsehens. Daran gibt es nichts Verwerfliches, aber man muss sich darüber im Klaren sein, wenn man eine Sendung wie »Bingo! Bingo!« sieht.

Lassen Sie uns über etwas Schöneres sprechen: Sie sollen 1958, bei der bislang letzten Deutschen Meisterschaft von Schalke 04, ganz nah dabei gewesen sein...

Ulli Potofski: Wir wohnten damals in Gelsenkirchen in der Schalker Straße, gleich über einem damals noch florierenden Möbelhaus in der Nähe der Glückauf-Kampfbahn. Als Schalke die Meisterschaft perfekt gemacht hatte, zogen die Fans mit ihren Schals, Fahnen und Hüten direkt an unserer Wohnung vorbei. Meine Mutter legte mir ein Kissen auf das Fensterbrett und ich schaute mir diese verrückten Szenen an. Wenn ich daran denke, wird mir richtig warm ums Herz. Das sind wunderschöne Kindheitserinnerungen!

Waren Sie in diesen Jahren auch selbst im Stadion, um Schalke spielen zu sehen?

Ulli Potofski: Mein Vater arbeitete damals unter Tage und weil er nichts gelernt hatte, musste er wirklich den letzten Dreck machen. Einer seiner Arbeitskollegen war der Schalke-Spieler Günter »Ille« Karnhof. Mein Vater war darauf unglaublich stolz. Klar, dass er mich bald mit in die Glückauf-Kampfbahn nahm.

Ihre ersten Erinnerungen?

Ulli Potofski: In der Saison 1961/62 spielte Schalke am fünften Spieltag auswärts gegen den TSV Marl-Hüls und gewann 8:1! Eine Woche später war Preußen Münster in der Glückauf-Kampfbahn zu Gast. Ich ging natürlich ins Stadion und erwartete einen hohen Sieg. 8:1 gegen Marl-Hüls und jetzt Münster – zweistellig sollte es doch mindestens werden.

Wie ging das Spiel aus?

Ulli Potofski: Schalke verlor sang- und klanglos mit 1:5. Das war einer der traurigsten Tage meiner Kindheit.

Ihre Karriere als Kommentator soll allerdings deutlich glücklicher begonnen haben.

Ulli Potofski: Ich war 14, als ich von zu Hause weg musste. Unsere Wohnung war einfach zu klein. Also wohnte und arbeitete ich auf dem Schloss Horst. Nahm Kaninchen aus, reparierte die Heizung, machte die Zwiebelsuppe. 1969 – ich war noch keine 18 und hätte also gar nicht wetten dürfen – gewann ich bei meiner ersten Dreierwette auf der Galopprennbahn 821 D-Mark. Mit 2,50 D-Mark Einsatz. Das war verheerend für mein weiteres Leben. 

Sie betranken sich ganz fürchterlich.

Ulli Potofski: Nein, ich erfüllte mir meinen größten Traum und kaufte mir für 400 Mark ein TK 21 von Grundig, damals eines der besten Tonbandgeräte auf dem Markt. Damit spielte ich dann Radio. Ich ging auf die Straße und interviewte wildfremde Menschen oder tat so, als würde ich die aktuelle Nummer eins der englischen Hitparade ankündigen.



Die Musik sollte auch die nächsten Jahre Ihres Lebens bestimmen.

Eine Zeitlang arbeitete ich für »Radio Luxemburg« und tourte als Sänger »Ulli Mario« durch die Gegend.

Ihre größten Hits?

Ulli Potofski: »Ich kann an keinem Girl vorübergehn« und »Lauf nicht wie ein Hase vor der Liebe weg«. Das waren Spitzentexte, aber die Zeit war noch nicht reif dafür...

Geben Sie uns eine Kostprobe!

Ulli Potofski: Ich versuch es mal: (singt) »Ich kann an keinem Girl vorübergehen, weil hübsche Mädchen mir den Kopf verdrehen. Ich dreh mich immer um mich um und ich weiß auch ganz genau warum...« Und mit diesem Destillat des deutschen Schlagers bin ich dann quer durch Deutschland und Europa gezogen, habe gesungen und Radio gemacht. Ach, das waren herrliche Zeiten.



Wie sind Sie dann letztlich beim Fußball gelandet?

Ulli Potofski: Ganz einfach: Ende der Siebziger schrieb ich einen Brief an Kurt Brumme, den Godfather des deutschen Sport-Radios und bewarb mich bei ihm für einen Platz vor dem Mikrophon.

So einfach ging das?

Ulli Potofski: So einfach. Brumme war ein Patriarch wie es ihn heute nicht mehr gibt. Der konnte alles, wusste alles, bestimmte alles. Ein Mann mit unglaublicher Ausstrahlung und unfassbarer Stimme. »The voice of germany« nannte man ihn. Und er bemerkte sofort, ob jemand Talent hatte oder eben nicht. Wahrscheinlich gefiel ihm auch mein frecher Ton in der Bewerbung, also lud er mich ein. Ich kommentierte meinen ersten Spiele – und war dabei.

Wie sind Sie dann beim Fernsehen gelandet?

Ulli Potofski: 1984 rief mich plötzlich jemand an: »Hallo Ulli, wir haben da einen neuen Fernsehsender ins Leben gerufen: RTL. Willst du nicht bei uns anfangen?« Und obwohl ich eigentlich ein Radio-Gesicht habe, sagte ich zu. Aus Neugier. Außerdem hatte RTL seinen Sitz in Luxemburg und dort war ich eigentlich schon immer gerne.

Haben Sie diese Entscheidung je bereut?

Ulli Potofski: Nein, ganz im Gegenteil: Die Jahre bei RTL waren die schönste Zeit meines beruflichen Lebens.

Warum?

Ulli Potofski: Alles war neu, und wir durften wirklich alles ausprobieren, wozu wir Lust hatten. Ohne den Druck von Einschaltquoten, ohne den Druck von Geld. Das kam alles erst später.

Zum Beispiel?

Ulli Potofski: Wir mussten ja Sendefläche füllen, also kamen wir auf die Idee, einfach die Spiele unserer Betriebsmannschaft zu zeigen. Live und in voller Länge! Absolut bescheuert, aber wir fanden das genial. Und ich war alles in einer Person: Ich kommentierte und wenn wir Filmausschnitte zeigten, sprach ich live aus dem Off. Irre.

Wie hat sich die RTL-Auswahl geschlagen?

Ulli Potofski: Ganz gut, aber natürlich haben wir uns auch regelmäßig mit prominenten Namen verstärkt. Einmal spielte Jimmy Hartwig mit, einmal sogar Horst Eckel. Und das Verrückte war: Die Leute haben diese Spiele geliebt! In Castrop-Rauxel kamen einmal 25.000 Zuschauer zu unserem Betriebskick, die ganze Stadt brach zusammen. Wahnsinn!


1988 gingen Sie mit »Anpfiff« an den Start. Es war das erste Mal, dass die öffentlich-rechtlichen Programme die Rechte an der Bundesliga mit einem anderen Sender teilen mussten. Sie moderierten die erste Sendung gemeinsam mit einem alten Bekannten.

Ulli Potofski: Günter Netzer! Wenn man so will, habe ich ihn ja quasi für das Fernsehen entdeckt. All sein Handwerkszeug als TV-Experte hat er bei »Anpfiff« gelernt. Dabei waren die ersten Kritiken sehr negativ, man warf Netzer vor, er sei viel zu dröge. Das stimmte aber nicht. Doch seine stille und ironische Art passte nicht so ganz zum bunten Privatfernsehen. Wenn, dann war das Konzept nicht auf Günter zugeschnitten und dafür übernehme ich dann die völlige Verantwortung.

Ihre schönste Anekdote aus der Zeit bei RTL?

Ulli Potofski: Einige Male hatten auch wir die Gelegenheit ein Bundesligaspiel live und voller Länge zu zeigen. 1989 durften wir die Partie FC St. Pauli gegen Bayern München übertragen, das Spiel fand am Freitagabend um 19.30 Uhr statt. Kurzfristig fiel mein Flug aus, also setzte ich mich in die Bahn, die dann um exakt 19.08 Uhr in Hamburg ankam. Vorher hatte ich die Polizei gebeten, man solle mich doch mit Blaulicht so schnell wie möglich zum Stadion bringen. Und das taten die auch, obwohl es natürlich verboten war. Auf der Fahrt vom Hauptbahnhof bis zum Millerntor schwitzte ich Blut und Wasser. Fünfmal hätte es fast einen Unfall gegeben!

Kamen Sie denn pünktlich?

Ulli Potofski: Um 19.29 Uhr erreichten wir endlich das Stadion und stürzten die steile Treppe zu den Presseplätzen hinauf. Gerade, als das Spiel angepfiffen werden sollte, hatte sich eine Frau das Mikrophon gegriffen, um für uns einzuspringen: Barbara Eligmann!

Die Society-Expertin des Privatsenders.

Ulli Potofski: Barbara wäre die erste Frau im deutschen Fernsehen gewesen, die ein Fußballspiel live kommentiert hätte. Und ich werde niemals ihren enttäuschten Gesichtsausdruck vergessen, als ich ihr das Mikro aus der Hand riss. Und auch nicht die Erleichterung von Co-Kommentator Günter Netzer, der sich wirklich freute, nun doch nicht Teil dieser weiblichen Premiere zu werden.

Sie haben allerdings noch ganze andere Erfahrungen in einem Fußballstadion machen müssen. Stichwort: Heysel-Katastrophe 1985.

Ulli Potofski: Furchtbare Erinnerungen. RTL hatte mich nach Brüssel geschickt, um dort das Finale im Europapokal der Landesmeister zu kommentíeren. Zunächst war die Stimmung gut, dann geriet alles außer Kontrolle: Menschen fingen an zu schreien, zu rennen, sich zu prügeln. Ich verlor die Übersicht. Dann sah ich Menschen auf den Stufen der Tribüne liegen, merkwürdig verrenkt. Ich weiß noch, wie ich dachte: Die liegen aber komisch. Bis mir plötzlich bewusst wurde: Mein Gott, die sind tot. Tot!

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ulli Potofski: Ich rief meine Zentrale in Luxemburg an und sagte den Kollegen: »Hier ist eine Katastrophe passiert.« Hans Meiser, damals RTL-Nachrichtensprecher, hat diese ersten Informationen auch gleich verwendet. Und ich war plötzlich in der furchtbaren Situation statt von einem Fußballspiel über eine Katastrophe zu berichten. Bei RTL standen die Telefone nicht mehr still, die Menschen wollten wissen, was mit ihren Angehörigen im Stadion passiert sei, also bemühte ich mich, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. 

Sie brachen die Übertragung nicht ab?

Ulli Potofski: Während das ZDF bei Spielbeginn aus Rücksicht auf die Opfer die Übertragung abbrach, bekam ich die Order, auch noch dieses Spiel zu kommentieren, das niemals hätte angepfiffen werden dürfen. Ich blieb auf Sendung, sagte aber kein Wort zum Spiel. Danach fuhr ich nach Hause und nahm mir vor, nie wieder zu einem Fußballspiel zu gehen.

Weil Sie Angst hatten?

Ulli Potofski: Ja. Ich habe mich später erst wieder langsam an den Gang ins Stadion gewöhnen müssen. Ich besuchte zunächst nur Spiele mit unter 1000 Zuschauern. Es hat lange gedauert, bis ich wieder bei einem Spitzenspiel der Bundesliga auftauchte. Und bis heute habe ich Angst vor Stehplätzen. 

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