Uli Sude über echte Typen

»Bailly ist eine Kultfigur«

Uli Sude stand 126 Mal für Mönchengladbach im Tor und ist jetzt als Scout für die Borussia auf den Fußballplätzen dieser Welt zu Hause. Der Fachmann über Wieses Diät, volksnahe Torhüter und echte Typen zwischen den Pfosten. Uli Sude über echte TypenImago

Uli Sude, Gladbachs neuer Held heißt Logan Bailly und steht im Tor. Sie sind Scout bei der Borussia und ehemaliger Torhüter. Haben Sie den Mann entdeckt?

Da muss man keine einzelnen Namen nennen. Bailly haben wir alle – Scouts, Trainer, Sportdirektor – gesehen und sofort gesehen: das ist einer für uns. Bei so einer stolzen Ablösesumme sollte man sich auch sicher sein. Bei Logan war das kein Problem: wir haben ihn alle abgenickt.

[ad]

Seit dem Spiel gegen Bremen, als Bailly mehr Ballkontakte hatte als jeder andere Gladbacher Spieler, gilt der Belgier ja als richtiger Glücksgriff.

Diese Partie gegen Werder war für Bailly unglaublich wichtig. Solche Ausnahmespiele bringen dich als Torhüter extrem weiter. Bei den Fans und auch bei der Mannschaft. Hans Meyer hat ihm nach dem Spiel das Prädikat »Weltklasse« verliehen, besser kann man ja gar nicht halten. Logan ist bei uns eine Kultfigur.

Kultfigur? Jetzt schon?

Ja. Er hat schon einen Status im Verein. Durch seine Leistungen und seine äußerliche Erscheinung ist er jemand der polarisiert, ein echter Typ. Jemand, der in den Raum kommt und man merkt sofort: das ist ein echter Typ! Der strahlt etwas aus und ist ein richtiger Gewinnertyp.

Was gefällt Ihnen an Bailly?

Er ist sehr volksnah. Er kommuniziert mit dem Publikum und das kommt an. Als Logan Genk verließ sind ihm einige Fans zum ersten Spiel mit Mönchengladbach hinterhergefahren, um sich von ihm zu verabschieden. Er hatte ja dafür keine Zeit mehr in Belgien.

Wie wichtig ist so eine Eigenschaft für Torhüter?

Ein Keeper, der polarisiert – sie merken, ich mag das Wort – kann vor allem dann für die Mannschaft wichtig sein, wenn das Spiel nicht so gut läuft. Bei mir war das ähnlich: lief es schlecht, habe ich versucht das Publikum mit Gesten anzustacheln und schon kamen die Gesänge aus der Nordkurve. Das bringt natürlich wieder neuen Schub.

Welche Fähigkeiten machen Bailly zu einem überdurchschnittlichen Bundesligatorhüter?

Man hat es ja in ganzer Pracht gegen Bremen gesehen: er verfügt über fantastische Reflexe, die sich auch aus seiner hervorragenden Athletik ableiten lassen. Mir gefällt, wie gut er mit dem Ball am Fuß umgehen kann. Gegen Werder hatte er auch deshalb mehr als 60 Ballkontakte, weil ihm die Mitspieler oft angespielt haben. So eine Sicherheit zu haben, ist wiederum wichtig für die Feldspieler.

Kritik bekam er hingegen für seine Strafraumbeherrschung.

Obwohl er auch da sich traut heraus zu kommen, um kompromisslos in die Zweikämpfe zu gehen. Übrigens zum Thema Strafraumbeherrschung: da ist jeder Torhüter noch ausbaufähig. Die Bälle sind schneller, die Flanken schärfer geworden, es bleibt für Torhüter wesentlich weniger Zeit, um zu reagieren.

Am Wochenende tritt die Borussia bei Hertha BSC an. Bei den Berlinern steht Jaroslav Drobny im Tor...

(unterbricht)...ein sehr guter Torhüter!

Wie schätzen Sie den ein?

Drobny ist ein absolut fertiger Torwart. Ich habe ihn dreimal in dieser Saison gesehen. Er ist ein sehr sachlicher Spieler, mit tollen Reflexen, die Strafraumbeherrschung ist großartig. Seine Schlagtechnik ist topp, Abwürfe und Abstöße kommen zielsicher – für mich ist Drobny definitiv unter den besten fünf Keepern der Bundesliga.

Welche Fertigkeiten sollte ein guter Torhüter denn besitzen müssen: guter Abschlag, schnelle Reflexe, gute Sprungkraft?

Man sagt doch: die Sicherheit geht von hinten aus. Entscheidend ist für den Torhüter, wenn er die Akzeptanz innerhalb der Mannschaft hat. Bailly beispielsweise hat die in Gladbach, weil er gegen Bremen so ein überragendes Spiel gemacht hat. Ein Torhüter muss auch mal verrückte Dinge tun, wie jetzt gerade erst Jens Lehmann. Der provoziert gerne, macht das aber nicht, weil das sein Hobby ist, sondern weil er damit die Mannschaft wachrütteln will. Wie bei Oliver Kahn. Man fragt sich doch, warum der so oft ausgerastet ist. Eben weil er damit seiner Mannschaft einen Tritt in den Hintern geben wollte, sie zu motivieren versucht hat.

Kahn hat immer von diesem »Druuck« gesprochen. Wie groß ist der wirklich?

Torhüter nehmen in der heutigen Zeit einfach eine noch wichtigere Funktion ein, einfach, weil sie durch die Einführung der Rückpassregel auch fußballerisch viel mehr gefordert sind und deswegen häufiger im Fokus stehen. Ein anderes Beispiel für den Druck auf Torhüter: sie können bereits nach sehr kurzer Zeit in der Kritik stehen. Als Dennis Eilhoff seine ersten Saisonspiele für den verletzten Rowen Fernandes im Tor von Bielefeld gemacht hat, sah man ihm die Nervosität an, ihm fehlte die Spielpraxis. Auf den Rängen hörte man jedes mal einen Raunen, wenn der Ball auf sein Tor kam. Dann macht er ein Riesenspiel gegen Eintracht Frankfurt und hält danach überragend! Er hat das nötige Herzblut, bei ihm spürt man sofort, dass er sich mit dem Verein identifiziert. Wenn er jetzt mal ein schwächeres Spiel macht, steht er nicht gleich so unter Druck. Eben wegen seiner Vorleistung. Zeit ist ein wichtiger Faktor.

Zeit sollte eigentlich auch Michael Rensing bekommen. Doch quasi seit Saisonbeginn steht er in der Kritik. Was sind die Ursachen?

Das lässt sich gar nicht so deutlich ein einer Sache festmachen. Sicherlich war es für ihn nicht leicht, als mit Sepp Maier der Mann ging, der ihn jahrelang trainiert und gefördert hat. Rensing war für Maier ja so etwas wie ein Ziehsohn. Ich persönlich halte Rensing für einen sehr guten Torwart, seine Karriere verfolge ich seit seinen Spielen in den Junioren-Auswahlteams. Er ist technisch sehr gut ausgebildet, was das fußballerische angeht war er damals schon viel weiter, als seine Altergenossen. Schlagtechnik, Fangtechnik, der hat ja eigentlich alles. Jetzt sind wir wieder bei der Akzeptanz innerhalb der Mannschaft. Wenn Rensing ein Tor fängt, wird er gleich von den Kollegen schief angeschaut, vielleicht versuchen da auch einige einen Sündenbock zu finden. Das ist wie in der Tierwelt. Auf dem kranken Tier wird herumgepickt. Das hätten sie ich bei Kahn nicht erlauben können, der wäre ihnen an die Kehle gesprungen! Rensing braucht mal so ein Highlight, wie Bailly es gegen Bremen hatte. Die Akzeptanz muss er sich erarbeiten.

Wie wichtig sind Torwarttrainer für Torhüter?


Das kann man mit einer Ehe vergleichen. Da baut sich über die Jahre ein emotionales Vertrauens-Verhältnis auf und als Torhüter merkst du: der bringt mich weiter, der erkennt meine Fehler, baut sie mit mir methodisch ab und merzt sie aus. Das ist ein sehr wichtiges Miteinander. Man merkt das zum Beispiel bei einem Typen wie Gerry Ehrmann, wie sehr Torwarttrainer auf einer Wellenlänge mit ihren Schützlingen sind.

Einer der Ehrmann-Schüler ist Tim Wiese, am Wochenende trifft er mit Werder auf Rensings Bayern. Wiese hat insgesamt 15 Kilo abgenommen und fühlt sich nach eigener Aussage wie ein neuer Mensch. Eine übliche Maßnahme?

Nicht unbedingt, aber das Beispiel zeigt ja, wie ehrgeizig Tim Wiese ist und mit welcher Entschlossenheit er seine Ziele verfolgt. Jeder Torhüter setzt sich Ziele, um nicht in Stillstand zu geraten. Ob das die Verbesserung der Fangtechnik ist, oder eben eine Gewichtsreduzierung. Ich spreche immer von einem »Wohlfühlgewicht« auf das man sich einpendeln sollte. Letztlich entscheidet sowieso die Leistung. Ob ich ein kleines Bäuchlein habe oder nicht, interessiert doch keinen mehr, wenn ich die Bälle halte.

Lars Leese sagt: »Ich brauche einem Torhüter nur eine Minute lang die Bälle zuzuwerfen um zu wissen, ob er ein Guter ist, oder nicht.« Wie ist das bei Ihnen?


Ich finde es sehr wichtig, dass sich nicht nur eine Person den zu beobachtenden Spieler anschaut, sondern mehrere. Das war auch bei Logan Bailly so. Ich persönlich achte besonders auf das Warmmachen bei Torhütern. Da sehe ich schon: welche Technik hat er, wie athletisch ist sein Spiel, wie kommt er rüber? Bailly hat sich sehr akribisch auf seine Spieler vorbereitet, ich war positiv überrascht, wie gewissenhaft er sich aufgewärmt hat. Im Spiel stürmte er dann bei einer Flanke heraus, haute drei Mann und griff sich den Ball. Da merkst du gleich: das ist ein echter Typ.

Wie sehr werden Bailly und Drobny am Samstag im Fokus stehen?


Wahrscheinlich ziemlich häufig. Aber mir ist es egal, wer letztendlich die Bälle von der Linie kloppt, oder die Gegentreffer verhindert. Hauptsache Gladbach bleibt in der 1. Liga.


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!