Uli Sude im Interview

„Doc, gib mir Drogen!“

Einst hütete Uli Sude ein Scheunentor – einen Verein gab es in seinem Dorf nicht. Trotzdem wurde er später einer der besten Keeper der Gladbacher Geschichte. Wir sprachen mit ihm über Stärke, Willen und Schmerzen des letzten Mannes. imago
Heft #72 11 / 2007
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Herr Sude, was zeichnet einen sehr guten Torhüter aus?

Ich bin ein Freund von Torhütern, die ein Spiel lesen können. Das ist heute gefragter denn je. Torhüter müssen wie Tiger auf Beutesuche sein. Das heißt antizipieren: Wann muss er springen? Wann muss er sich heranschleichen?

Welches „Raubtier“ fällt Ihnen darauf spontan ein?

Jörg Stiel! Der besaß für all das die Erfahrung, den richtigen Riecher, und konnte als Libero die Bälle abfangen. Aber ihm kam auch Hans Meyers System, den Gegner weit vom Tor fernzuhalten, zu gute. Wenn ein Trainer die Philosophie hat, sich in die Räume zurückfallen zu lassen und hinten zu stehen, kann der Torwart natürlich nicht am 16er herumgeistern.

Wem eiferten Sie nach?


Der Wolfgang Kleff hatte die Stärke, Stürmer und ihre Vorhaben zu beobachten, Dinge vorherzusehen. Er war für mich einfach ein Mann, der damals schon der voraus denkende Torwart war, der sehr viel spekuliert und Spiele gelesen hat. Das vermittelte er uns Torleuten. Es gab damals in dem Sinne ja keinen Torwarttrainer, sondern du hast dir das einfach abgeschaut. Sei es das Dirigieren, die Kommunikation mit den Defensivspielern – ein ständiger Dialog, der viele Situationen schon im Vorfeld bereinigte.

Sie begannen erst mit 12 Jahren, in einem Fußballverein zu spielen. Das ist ein ungewöhnlich später Zeitpunkt.

Sie müssen die geografische Situation vor Augen haben. In der kleinen Gemeinde Goldhausen (in Nordhessen, Anm. d. Red.), wo ich wohnte, gab es selbst keinen Fußballverein. Wenn man die Hühner mitzählt, waren wir 300 Seelen im Dorf. Mein Vater hatte einen kleinen Hof samt Scheune, und wir verbrachten jede freie Minute, um an das Scheunentor zu ballern oder den Ball hochzuhalten.

Wie verschlug es Sie dann eines Tages, fern der Hühner und des elterlichen Hofes, zu Ihrer ersten Mannschaft?

Ich werde nie vergessen, wie mein Kumpel mir sagte: „Mensch, lass uns mal nach Immighausen fahren und bei einem Spiel zuschauen. Ich gehe da zur Schule und habe ein paar Kumpels, die dort spielen.“ Also machten wir eine Radtour. Zur Halbzeit lagen die 0:4 zurück, wir beide hatten uns in der Halbzeit schnell ne Turnhose angezogen, und einfach mitgespielt. Nach einem Spielerpass oder dergleichen fragte da keiner. Wir gewannen noch 13:4. Nach dem Spiel war Immighausen natürlich heiß auf uns. Von da an spielten wir mit - auch mit Pass (lacht). Wir sind dann jedes Mal 13km hin und zurück mit dem Fahrrad gefahren, um am Training oder Spiel teilnehmen zu können.

Warum wechselten Sie wenig später vom Feld ins Tor?


Wie bei vielen anderen Beispielen eher durch Zufall. Ein Freund von mir brach sich die Hand. Dann bin ich rein gegangen und auch nicht mehr raus gekommen, weil ich Spaß daran hatte.

Zu welchem Zeitpunkt stellte sich heraus, dass in Ihnen mehr als der Held von Immighausen stecken könnte?


Irgendwann spielte ich in Korbach und fand meine persönliche Goldgrube, denn ein Mann sprach mich an, Sindo Bengeochea, ein Spanier. Er spielte früher selbst in San Sebastian und kam nach Deutschland, um zu arbeiten. Der hatte das komplette Torwartrepertoire drauf. Diesem Mann habe ich sehr, sehr viel zu verdanken. Er sagte: „Pass mal auf, Junge. Ich hab’ dich beobachtet. Da müssen wir noch was mit deinem Gewicht machen, und an deiner Sprungkraft, deiner Technik arbeiten. Aber ansonsten hast du ein Talent für gewisse Dinge.“ Er nahm sich dann über drei Jahre unentgeltlich meiner an. Ob nach dem Training, vor dem Training, immer in der Sandgrube, da die Plätze gesperrt waren. Diese Freundschaft hält heute noch.

1976 ging es dann mit dem Fahrrad weiter nach Mönchengladbach?

(lacht) Nein, aber ich habe mein Glück in beide Hände genommen, wollte mich einfach mit den Profis messen und ging nach Gladbach: „Hallo, hier ist der Uli Sude, ich will mich mal vorstellen.“ Und alle gucken dich an. Udo Lattek sagte nur: „Na gut, kommt, Jungs, dann schießt mal ein paar Bälle drauf.“ Daraus wurde eine Stunde. Danach lag ich halb im Koma, aber wäre lieber tot umgefallen, als aus dem Tor zu gehen.

Etliche Jahre standen Sie in der zweiten Reihe. Es muss doch Momente gegeben haben, an denen Sie einfach nur weg wollten.

Ich war viereinhalb Jahre Ersatztorwart. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass ein Torwart das heute aushält. Da war Wolfgang Kneib, da war Wolfgang Kleff, zwei große Schatten. Man merkt im Laufe der Jahre natürlich selbst, wie man sich entwickelt. Ich merkte einfach, dass ich aufgeholt hatte. Dann kam ein Angebot von Bielefeld, wo Horst Köppel Trainer war. Ich ging mit dem Willen zu wechseln zu Jupp Heynckes. Heynckes lehnte ab: „Ich gebe dich nicht frei, weil du nächstes Jahr mein Stammtorwart bist.“

Gerade hatten Sie das Vertrauen bekommen, da brachen Sie sich die Hand.

Ich brach mir meine Mittelhand, fing jedoch schon wieder an zu spielen, als sie noch immer nicht verheilt war. Das wurde vor Spielen notdürftig getapet, die Sehnen verklebt und festgestellt. Ich konnte die Finger also nicht krumm machen, nicht fausten, musste deshalb jeden Ball mit steifen Händen in der Luft fangen. Das machte ich ein halbes Jahr mit, und Kritik an meinem Stil kam schon auf. Bei einem Spiel gegen Bielefeld knallte Dirk Hupe mit mir in der Luft zusammen, und fällt mir am Boden voll auf den Ellenbogen. Alle Bänder im Ellenbogen waren gerissen. Das konnte nur eingegipst werden.

Wie weit war der Weg zurück ins Tor?


Das bedeutete ein Dreivierteljahr wirklich Kampf und Überwindung pur. Ich habe noch heute 15 Grad Einschränkung bei der Beweglichkeit im Ellenbogen. Dann kam Uwe Kamps, der eine sehr gute Serie spielte. Aber ich habe an mich geglaubt, immer wieder mit Heynckes Gespräche geführt. Uwe kam dann 1983 nicht so gut in die Saison rein, und ich erhielt gegen Werder Bremen am dritten Spieltag meine Chance.

Das Glück hielt verhältnismäßig kurz, denn ein sportlicher Schicksalsschlag beendete 1986 jäh Ihre Laufbahn.

Am Anfang wurde der Kreuzbandriss gar nicht diagnostiziert, ich hatte lediglich Schmerzen im Knie. Erst nachdem man bei der OP mal reinschaute, war das Unheil perfekt. Als ich aufwachte, hatte ich solche Schmerzen, und flehte: „Doc, gib mir Drogen, ich halt’s nicht mehr aus.“ Und der sagte: „Uli, dann geb ich dir etwas, was einen Elefanten umhaut.“ Das waren die schlimmsten sechs Tage, die man sich vorstellen kann.

Und das im besten Torwartalter.

Eben, in dem Alter, Anfang 30, merkt man erstmal, was Routine, Sachlichkeit und Gelassenheit ausmacht, das sieht man als junger Mensch ganz anders. Wie dann die Sportinvalidität durch war und ich die ersten Male wieder auf dem Bökelberg bei der Mannschaft war... (überlegt einige Momente) Ich bekam feuchte Hände. Ein Abschiednehmen von der Bühne.

Manche Torhüterkonkurrenten können einander nicht in die Augen schauen. Wie war Ihr Verhältnis zu Uwe Kamps?

Sie dürfen raten, wer der Erste war, der mich am Krankenbett besucht hat. Nicht falsch verstehen, sondern ganz im Gegenteil, denn da dachte ich ja noch nicht an Invalidität. Wir pushten uns immer gegenseitig, hatten gemeinsame Hobbys, haben zusammen viel unternommen. Damals gab es noch keine Ausrüster, ich hatte ihm mal Torwarthandschuhe besorgt. Das war ein Geben und Nehmen. Später verpflichtete die Borussia Erik Thorstvedt, und Uwe liebäugelte mit einem Wechsel nach Utrecht. Ich sagte ihm: „Uwe, bleib! Nimm den Kampf auf.“ Bei aller Rivalität war der Respekt vor dem anderen immer da.

Sie hielten einige Elfmeter während Ihrer Laufbahn. Ist diese Fähigkeit in die Wiege gelegt, oder lernt man das?


Jeder hat so seine Philosophie. Ich habe mich immer sehr viel mit Fußball beschäftigt. Das hieß: Sportschau und Sportstudio schauen. Dann wusste man so ungefähr, wo der ein oder andere Schütze hin schießt. In der Elfmetersituation an sich aber hatte ich meine eigene Art, die Spieler sehr zu beobachten. Ein Spieler neigt beim Anlaufen immer ein bisschen dazu, in sein Ziel hineinzuschauen. In Köln hielt ich einmal zwei Elfer. Bei Stephan Engels wusste ich, dass er gerne schiebt, und Allofs lief bei seinem Elfer, übertrieben gesagt, 20 Meter an - der konnte ja gar nicht anders, als voll drauf halten. Ich bekam den dann ans Schultereckgelenk, das merkte ich gar nicht, so schnell kam der angeflogen.

Welchen positiven und negativen Anteil besitzt ein Trainer am Selbstvertrauen und der Verfassung eines Torwarts?

Ich habe selbst am eigenen Leib gespürt, wie wichtig es ist, dass der Trainer dem Torwart das absolute Vertrauen ausspricht. Sicherlich will jeder Spieler Vertrauen bekommen, aber was die Torhüter angeht – dass man sich festgelegt, so wie es beispielsweise Joachim Löw mit Lehmann tut – kann diese Wertschätzung gar nicht hoch genug sein. Weil du ein Einzelkämpfer bist, weil du der Letzte in der Abwehr bist, deshalb musst du wissen, dass du sein Mann bist.

Sind Torhüter wirklich Einzelkämpfer?

Teilweise ist es ja gar nicht anders möglich. Sicherlich hat man als Feldspieler allein schon im Grundlegenden Vorteile – beispielsweise das besseres Gefühl, in einer großen Gruppe zu trainieren, anstatt als Torwart teilweise isoliert sein Ding machen zu müssen. Der Einzelne kann natürlich nicht gewinnen, aber wichtig ist, dass er in der Mannschaft und beim Trainer die absolute Anerkennung besitzt, auf ihn gehört wird. Diese Macht, die auch Olli Kahn hat, musst du dir durch Fleiß erarbeiten. Natürlich muss der Torwart aber auch eine solche Dominanz ausstrahlen, dass überhaupt keine Diskussion aufkommen kann.

Was passiert, wenn dieses sensible Gefüge aus Anerkennung und Vertrauen aus dem Gleichgewicht gerät?

Wenn dich ein Trainer oder die Mannschaft anzweifeln, insbesondere in der Öffentlichkeit, wirst du als Torwart schwach gemacht. Die Auswirkungen eines angeknacksten Gliedes in der Kette sind allseits bekannt. Du musst psychisch stabil sein. Wenn ein Torwart schlecht spielt, kann er die Unsicherheit auf die Mannschaft übertragen – aber wenn ein Stürmer ein Totalausfall ist, höre ich nie Schuldzuweisungen über einen längeren Zeitraum.

Einen erheblichen Anteil der großen Last muss demnach der Torwart alleine stemmen. Sozusagen ein neuzeitlicher Atlas?

(lacht) Ich finde, man sagt nicht umsonst, der Torwart ist der Rückhalt eines Teams. Ich würde sogar eine Pyramide aufbauen und umdrehen. Er ist die Spitze – und nicht umgekehrt.

Das abgedroschenste aller Torhüterklischees ist, dass sie zusammen mit den Linksaußen eine Macke haben sollen. Können Sie das bestätigen?

Ich sehe das andersherum. Nennen sie mir einen Torwart, der nicht ein gewisses Niveau hat. So viele Stürmer kann man gar nicht verpflichten. Und nach einem klassischen Linksaußen würden sich alle heute die Finger lecken.

Ihre erste Begegnung mit dem damaligen Bundesliga-Frischling Oliver Kahn geschah während einer Fahrradtour. Und er soll Ihnen gar nicht so unähnlich gewesen sein.

Ich hatte noch mit Winnie Schäfer zusammengespielt. Damals wohnte meine Familie im Naturschutzgebiet Brüggen, und an der Borner Mühle machte der KSC unter Schäfer Anfang der 90er die Vorbereitung. Durch Zufall radelte ich vorbei, das Training war beendet, und ein blonder Torwart, der die ganze Zeit den Ball hochwarf, einen Purzelbaum machte und danach nach dem Ball hechtete, fiel mir ins Auge. Schäfer und ich schnackten dann vielleicht dreißig Minuten, und als ich mich umdrehte, machte der immer noch die gleiche Übung. Schäfer sagte: „Das ist ein genauso positiv Bekloppter wie du, der wird mal Karriere machen, der beißt genauso in die Eisen wie du.“ Ein Vergleich, denn alles, was ich mir erarbeitet habe, kam durch meine Willenstärke. Weil ich es wollte.

Übersetzen Sie bitte „positiv bekloppt“.


Nie zufrieden sein mit einer Sache, auf Trainingsebene immer mehr fordern. Sich bis zur Erschöpfung und darüber hinaus quälen. Diesen Anspruch an sich selbst will man von seinen Mitspielern auch sehen. Manchmal bekommt man die Probleme, dass man dabei übers Ziel hinausschießt.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?


Ich war immer ein Mann, der, was den Strafraum angeht, viel riskiert hat, mit kühnen Paraden, und weit draußen stand. Wenn es sein musste, bin ich auch mit halsmörderischen Attacken da raus, Kopf vorneweg. Ich habe mich nie geschont. Wenn wir freitags bei Jupp Heynckes’ Abschlusstraining Eckbälle machten, flehten einige schon: „Können wir das nicht mit einem anderen Torwart machen?“ Da habe ich manchmal die eigenen Leute noch weggehauen. Das war meine positive Kampfeinstimmung.

Denken Sie manchmal darüber nach, warum Sie nie die Möglichkeit bekamen, in der Nationalmannschaft zu spielen?

Ich sage ihnen ganz ehrlich, dass eine Sache mir wehtat. Nach dem Pokalfinale 1984, ich war 28. In diesem Jahr hatte ich aus meiner Sicht eine überragende Saison gespielt, wurde dreizehnmal in die Kicker-Elf des Tages berufen. Und am Ende der Saison war ich im Urlaub und freute mich, „jetzt siehst du dich im Kicker mit 13 Berufungen in der Elf des Jahres.“ An meiner Stelle war Uli Stein abgebildet, mit viel weniger Berufungen. Nach zwei oder drei Wochen hat dann ein Leser mal darauf aufmerksam gemacht, dass ich da hätte stehen müssen. Irgendwann schrieben sie in einer kleinen Heftecke, dass sie mich vergessen hatten. Das wäre auf der einen Seite für mich selbst eine schöne Sache gewesen – und außerdem wäre auch eine gewisse Aufmerksamkeit auf mich gefallen. Ich weiß nicht, ob es einfach Zufall war, aber ich muss sagen: Das tat schon weh.

Also entscheidet an gewissen Stellen einfach auch die Lobby und nicht ausschließlich nur die Leistung?


Natürlich muss man fair sein. Uli Stein und Toni Schumacher hatten über Jahre ihre Klasse bewiesen. Aber komisch war schon, dass ich in dem Sinne nicht existierte in der Liga.

Fühlen Sie sich im Nachhinein nicht genug gewürdigt?

Jupp Heynckes sagte einmal: „Uli Sude werden wir mal als Nachfolger von Toni Schumacher sehen.“ Man muss das nüchtern sehen. Ich hatte natürlich auch noch nicht das geleistet, was ein Uli Stein geleistet hatte. Ich hatte eine hervorragende Saison. Mehr war mit meinen Verletzungswidrigkeiten zu dem Zeitpunkt nicht möglich. Durch den Kreuzbandriss wurde ich jäh herausgerissen.

Was hätte sein können, wenn...?


Ich wäre gespannt gewesen, wie das ausgegangen wäre ohne die Invalidität. Das frage ich mich schon mal. Du merkst es ja selbst an dir. Am Anfang kommen dir die Trainerworte, dass ein Torwart erst mit den Jahren reifer wird, völlig unverständlich vor, und du als junger Spund denkst: „Was will denn der, ich schmeiße mich hier kreuz und quer durch die Prärie. Also lass mich gefälligst ins Tor!“ Aber der Erfahrene steht dann bereits an der Stelle, wo du hinspringen willst, hat die noch größeren Nerven und die noch größere Gelassenheit. Das versteht man erst, wenn man selbst das reife Alter erreicht hat.

Sie kamen sehr lange nicht an Wolfgang Kneib und Wolfgang Kleff vorbei. Als zweiter Mann hält man ständig die Spannung, bekommt dann immer wieder mitgeteilt, nur Ersatzmann zu sein, und muss dennoch zu jeder Sekunde bereit sein, einspringen zu können. Wann schlagen Ungeduld und Enttäuschung in einen Leistungsabfall um?

Bei mir war es anders, vor allem war ich in dieser Zeit noch sehr jung. Ich glaube, es ist dann ein Problem, wenn der Trainer auf dich zukommt, wenn du Ende 20 bist, und sagt: „Ich brauch’ einen anderen.“ Ich habe mich schon einfach immer daran erfreut, trainieren zu können. Das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Ich bin gelernter Elektriker und weiß, wie man mit Fäustel und Hammer umgeht. (Wird aus dem Hintergrund unterbrochen: „Du hast doch` nen Kurzen in der Hose, deshalb bist du Elektriker.“ Worauf Sude aus der Pistole geschossen erwidert: „Ganz im Gegenteil, ich bin nämlich Starkstromelektriker." Lautes Gelächter) Ich sage ihnen ganz ehrlich, wenn du im Berufsleben steckst, weißt du auch über das Leben ein bisschen mehr bescheid, als derjenige, der seit der Jugendnationalmannschaft nur hofiert worden ist und dann im Männerbereich ankommt und davon ausgeht, die Welt liege ihm sowieso zu Füßen.

Sie waren dankbar, überhaupt bei Mönchengladbach einen Vertrag erhalten zu haben?

Das war für uns einfach auch ein sozialer Aufstieg, da wollen wir nicht drum herumreden. Fußball war Anerkennung, hier konntest du mehr Geld verdienen als der Ottonormalverdiener.

Haben Sie den Profi-Fußball anfangs unterschätzt?


Der Mund ist erstmal ganz weit auf, wenn du siehst, mit welchen Haken und Ösen im Profi-Fußball gespielt wird. Man kommt mit hohen Erwartungen und denkt: „Ach Mensch, das Probetraining war gut. So geht’s einfach weiter.“ Aber diese Leistung muss täglich abgerufen werden. Man muss gestählt sein, um den Belastungen standzuhalten.

Wäre ein Stammplatz in Ihren ersten Jahren bei der Borussia zu früh gekommen?

Ich hatte das Ziel, mich stetig zu verbessern, und zu Wolfgang Kleff aufzuschließen. Stillstand ist Rückstand. Wenn man seiner Meinung nach auf Augenhöhe ist, dann war ich zwar ein Talent, aber einfach noch nicht so weit, wie ich es dann Anfang der 80er geworden bin. Für mich waren das Lehrjahre.

War früher das Bewusstsein für das Privileg, Fußball-Profi sein zu können, stärker?

Es war zumindest sehr intensiv. Der Klub, die Borussia, hatte einfach dieses gewisse Etwas für mich. Mein erstes Trikot mit der Raute auf dem Herzen, das war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich weiß gar nicht, ob ein Spieler heute über den Klub, bei dem er spielt, genauer bescheid weiß. Man bekommt heute immer mehr mit, wie Spielerberater verhandeln und die Spieler nur noch zur Unterschrift vorbeikommen. Das ist keine Schlechtmalerei, aber die Zeiten haben sich da geändert.

Borussia Mönchengladbach ist die Episode ihres Lebens, der sie wie viel zu verdanken haben?

Die Borussia ist mein Leben. Nach meinem Karriere-Aus hat mir der Verein ermöglicht, im Jugendbereich als Trainer zu arbeiten. Spieler wie Kalle Pflipsen waren meine ersten Sprösslinge. Ich bin mit Unterbrechungen 21 Jahre hier. Das kann man ja nicht einfach auswischen. Das Borussenblut fließt durch meine Adern, alle was ein Fan mitmacht, mache ich vielleicht noch intensiver mit. Das ist eine Herzensangelegenheit.

Der Gladbacher Stall bringt in den letzten Jahren endlich wieder verheißungsvolle Fohlen zum Vorschein.


Man ist auf einem sehr guten Weg, die Eigengewächse, aber auch die Mischung zwischen Jung und Alt, machen Hoffnung. Ich ziehe den Hut vor jedem Trainer im Jugendbereich. Genauso vor denen im Bambini-Bereich, wo für die Kleinen die vorbei fliegende Amsel interessanter ist als der Ball, und der Trainer ihnen die Schuhe noch binden muss. Es gibt nichts Schöneres, als einen Spieler später im Fernsehen zu sehen, den man ein Stück auf seinem Weg begleitet hat. Da lacht das Herz, und es entschädigt für vieles.

Ihr Vertrag als Borussias A-Jugend-Trainer läuft 2008 aus. Was folgt?


Im Sommer 2008 haben zwei junge Damen gewonnen, meine Frau und meine Tochter. Wir wohnen in Verl, und meine Tochter wird nächstes Jahr eingeschult. Denn wenn die Frau nicht zum Mann kommen kann, dann muss der Mann eben zur Frau. Ich habe ihr hoch und heilig versprochen, dass ich nach Hause komme. Es sind dann noch etwa 100 Kilometer nach Goldbach, dort lebt mein Vater, der ist 88. Ich versuche immer, einmal in der Woche zu ihm zu fahren. Mich noch mal intensiver um meinen Vater kümmern zu können, würde auch den Kreislauf der Dankbarkeit schließen. Er hat noch genau den gleichen Hof, wo meine Anfänge liegen. Ich will mir später nicht vorwerfen müssen, dass man Dinge, die man im Herzen trägt, nicht umgesetzt hat.

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