02.11.2007

Uli Sude im Interview

„Doc, gib mir Drogen!“

Einst hütete Uli Sude ein Scheunentor – einen Verein gab es in seinem Dorf nicht. Trotzdem wurde er später einer der besten Keeper der Gladbacher Geschichte. Wir sprachen mit ihm über Stärke, Willen und Schmerzen des letzten Mannes.

Interview: 11Freunde Bild: imago

Herr Sude, was zeichnet einen sehr guten Torhüter aus?

Ich bin ein Freund von Torhütern, die ein Spiel lesen können. Das ist heute gefragter denn je. Torhüter müssen wie Tiger auf Beutesuche sein. Das heißt antizipieren: Wann muss er springen? Wann muss er sich heranschleichen?

Welches „Raubtier“ fällt Ihnen darauf spontan ein?

Jörg Stiel! Der besaß für all das die Erfahrung, den richtigen Riecher, und konnte als Libero die Bälle abfangen. Aber ihm kam auch Hans Meyers System, den Gegner weit vom Tor fernzuhalten, zu gute. Wenn ein Trainer die Philosophie hat, sich in die Räume zurückfallen zu lassen und hinten zu stehen, kann der Torwart natürlich nicht am 16er herumgeistern.

Wem eiferten Sie nach?


Der Wolfgang Kleff hatte die Stärke, Stürmer und ihre Vorhaben zu beobachten, Dinge vorherzusehen. Er war für mich einfach ein Mann, der damals schon der voraus denkende Torwart war, der sehr viel spekuliert und Spiele gelesen hat. Das vermittelte er uns Torleuten. Es gab damals in dem Sinne ja keinen Torwarttrainer, sondern du hast dir das einfach abgeschaut. Sei es das Dirigieren, die Kommunikation mit den Defensivspielern – ein ständiger Dialog, der viele Situationen schon im Vorfeld bereinigte.

Sie begannen erst mit 12 Jahren, in einem Fußballverein zu spielen. Das ist ein ungewöhnlich später Zeitpunkt.

Sie müssen die geografische Situation vor Augen haben. In der kleinen Gemeinde Goldhausen (in Nordhessen, Anm. d. Red.), wo ich wohnte, gab es selbst keinen Fußballverein. Wenn man die Hühner mitzählt, waren wir 300 Seelen im Dorf. Mein Vater hatte einen kleinen Hof samt Scheune, und wir verbrachten jede freie Minute, um an das Scheunentor zu ballern oder den Ball hochzuhalten.

Wie verschlug es Sie dann eines Tages, fern der Hühner und des elterlichen Hofes, zu Ihrer ersten Mannschaft?

Ich werde nie vergessen, wie mein Kumpel mir sagte: „Mensch, lass uns mal nach Immighausen fahren und bei einem Spiel zuschauen. Ich gehe da zur Schule und habe ein paar Kumpels, die dort spielen.“ Also machten wir eine Radtour. Zur Halbzeit lagen die 0:4 zurück, wir beide hatten uns in der Halbzeit schnell ne Turnhose angezogen, und einfach mitgespielt. Nach einem Spielerpass oder dergleichen fragte da keiner. Wir gewannen noch 13:4. Nach dem Spiel war Immighausen natürlich heiß auf uns. Von da an spielten wir mit - auch mit Pass (lacht). Wir sind dann jedes Mal 13km hin und zurück mit dem Fahrrad gefahren, um am Training oder Spiel teilnehmen zu können.

Warum wechselten Sie wenig später vom Feld ins Tor?


Wie bei vielen anderen Beispielen eher durch Zufall. Ein Freund von mir brach sich die Hand. Dann bin ich rein gegangen und auch nicht mehr raus gekommen, weil ich Spaß daran hatte.

Zu welchem Zeitpunkt stellte sich heraus, dass in Ihnen mehr als der Held von Immighausen stecken könnte?


Irgendwann spielte ich in Korbach und fand meine persönliche Goldgrube, denn ein Mann sprach mich an, Sindo Bengeochea, ein Spanier. Er spielte früher selbst in San Sebastian und kam nach Deutschland, um zu arbeiten. Der hatte das komplette Torwartrepertoire drauf. Diesem Mann habe ich sehr, sehr viel zu verdanken. Er sagte: „Pass mal auf, Junge. Ich hab’ dich beobachtet. Da müssen wir noch was mit deinem Gewicht machen, und an deiner Sprungkraft, deiner Technik arbeiten. Aber ansonsten hast du ein Talent für gewisse Dinge.“ Er nahm sich dann über drei Jahre unentgeltlich meiner an. Ob nach dem Training, vor dem Training, immer in der Sandgrube, da die Plätze gesperrt waren. Diese Freundschaft hält heute noch.

1976 ging es dann mit dem Fahrrad weiter nach Mönchengladbach?

(lacht) Nein, aber ich habe mein Glück in beide Hände genommen, wollte mich einfach mit den Profis messen und ging nach Gladbach: „Hallo, hier ist der Uli Sude, ich will mich mal vorstellen.“ Und alle gucken dich an. Udo Lattek sagte nur: „Na gut, kommt, Jungs, dann schießt mal ein paar Bälle drauf.“ Daraus wurde eine Stunde. Danach lag ich halb im Koma, aber wäre lieber tot umgefallen, als aus dem Tor zu gehen.

Etliche Jahre standen Sie in der zweiten Reihe. Es muss doch Momente gegeben haben, an denen Sie einfach nur weg wollten.

Ich war viereinhalb Jahre Ersatztorwart. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass ein Torwart das heute aushält. Da war Wolfgang Kneib, da war Wolfgang Kleff, zwei große Schatten. Man merkt im Laufe der Jahre natürlich selbst, wie man sich entwickelt. Ich merkte einfach, dass ich aufgeholt hatte. Dann kam ein Angebot von Bielefeld, wo Horst Köppel Trainer war. Ich ging mit dem Willen zu wechseln zu Jupp Heynckes. Heynckes lehnte ab: „Ich gebe dich nicht frei, weil du nächstes Jahr mein Stammtorwart bist.“

Gerade hatten Sie das Vertrauen bekommen, da brachen Sie sich die Hand.

Ich brach mir meine Mittelhand, fing jedoch schon wieder an zu spielen, als sie noch immer nicht verheilt war. Das wurde vor Spielen notdürftig getapet, die Sehnen verklebt und festgestellt. Ich konnte die Finger also nicht krumm machen, nicht fausten, musste deshalb jeden Ball mit steifen Händen in der Luft fangen. Das machte ich ein halbes Jahr mit, und Kritik an meinem Stil kam schon auf. Bei einem Spiel gegen Bielefeld knallte Dirk Hupe mit mir in der Luft zusammen, und fällt mir am Boden voll auf den Ellenbogen. Alle Bänder im Ellenbogen waren gerissen. Das konnte nur eingegipst werden.

Wie weit war der Weg zurück ins Tor?


Das bedeutete ein Dreivierteljahr wirklich Kampf und Überwindung pur. Ich habe noch heute 15 Grad Einschränkung bei der Beweglichkeit im Ellenbogen. Dann kam Uwe Kamps, der eine sehr gute Serie spielte. Aber ich habe an mich geglaubt, immer wieder mit Heynckes Gespräche geführt. Uwe kam dann 1983 nicht so gut in die Saison rein, und ich erhielt gegen Werder Bremen am dritten Spieltag meine Chance.

Das Glück hielt verhältnismäßig kurz, denn ein sportlicher Schicksalsschlag beendete 1986 jäh Ihre Laufbahn.

Am Anfang wurde der Kreuzbandriss gar nicht diagnostiziert, ich hatte lediglich Schmerzen im Knie. Erst nachdem man bei der OP mal reinschaute, war das Unheil perfekt. Als ich aufwachte, hatte ich solche Schmerzen, und flehte: „Doc, gib mir Drogen, ich halt’s nicht mehr aus.“ Und der sagte: „Uli, dann geb ich dir etwas, was einen Elefanten umhaut.“ Das waren die schlimmsten sechs Tage, die man sich vorstellen kann.

Und das im besten Torwartalter.

Eben, in dem Alter, Anfang 30, merkt man erstmal, was Routine, Sachlichkeit und Gelassenheit ausmacht, das sieht man als junger Mensch ganz anders. Wie dann die Sportinvalidität durch war und ich die ersten Male wieder auf dem Bökelberg bei der Mannschaft war... (überlegt einige Momente) Ich bekam feuchte Hände. Ein Abschiednehmen von der Bühne.

Manche Torhüterkonkurrenten können einander nicht in die Augen schauen. Wie war Ihr Verhältnis zu Uwe Kamps?

Sie dürfen raten, wer der Erste war, der mich am Krankenbett besucht hat. Nicht falsch verstehen, sondern ganz im Gegenteil, denn da dachte ich ja noch nicht an Invalidität. Wir pushten uns immer gegenseitig, hatten gemeinsame Hobbys, haben zusammen viel unternommen. Damals gab es noch keine Ausrüster, ich hatte ihm mal Torwarthandschuhe besorgt. Das war ein Geben und Nehmen. Später verpflichtete die Borussia Erik Thorstvedt, und Uwe liebäugelte mit einem Wechsel nach Utrecht. Ich sagte ihm: „Uwe, bleib! Nimm den Kampf auf.“ Bei aller Rivalität war der Respekt vor dem anderen immer da.

Sie hielten einige Elfmeter während Ihrer Laufbahn. Ist diese Fähigkeit in die Wiege gelegt, oder lernt man das?


Jeder hat so seine Philosophie. Ich habe mich immer sehr viel mit Fußball beschäftigt. Das hieß: Sportschau und Sportstudio schauen. Dann wusste man so ungefähr, wo der ein oder andere Schütze hin schießt. In der Elfmetersituation an sich aber hatte ich meine eigene Art, die Spieler sehr zu beobachten. Ein Spieler neigt beim Anlaufen immer ein bisschen dazu, in sein Ziel hineinzuschauen. In Köln hielt ich einmal zwei Elfer. Bei Stephan Engels wusste ich, dass er gerne schiebt, und Allofs lief bei seinem Elfer, übertrieben gesagt, 20 Meter an - der konnte ja gar nicht anders, als voll drauf halten. Ich bekam den dann ans Schultereckgelenk, das merkte ich gar nicht, so schnell kam der angeflogen.

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