Uli Stein im Interview

„Ich bin kein ängstlicher Typ“

Im neuen 11FREUNDE-Heft fragen wir uns: Wann schafft der afrikanische Fußball den Durchbruch? Als Torwarttrainer Nigerias will auch Uli Stein seinen Beitrag dazu leisten – der Hitze, mit Kuhmist eingeriebenen Wänden und dem Vodoo zum Trotz. Imago
Heft #74 01 / 2008
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Herr Stein, wie wird man Torwarttrainer der nigerianischen Nationalmannschaft?

Das ist eine längere Geschichte. Als Berti Vogts Nationaltrainer von Kuwait war, hat er mal kurzfristig für ein Trainingslager einen Torwarttrainer gesucht. Er kam auf mich zu, und ich sagte ja. Das war eine einmalige Sache. Dann ging Berti ja nach Schottland, und er wollte mich als Torwarttrainer mitnehmen. Aber das klappte nicht, weil die Schotten schon einen hatten und der Verband den unbedingt behalten wollte. Tja, und als dann Berti bei Nigeria unterschrieb, hat er mich gefragt, ob ich ihn als Torwarttrainer unterstütze.

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Wussten Sie, auf was Sie sich da einlassen?

Anders als Berti bin ich zuvor noch nie in Afrika gewesen. Man hört vieles über die teilweise schwierigen Bedingungen dort, auch was den Fußball angeht. Aber ich bin kein ängstlicher Typ. Irgendwie hat mich die Sache gereizt. Auch weil die Afrikaner exzellente Fußballer sind…

…aber keine besonders guten Organisatoren.

Das ist sicher richtig. Da muss man sich als Westeuropäer umstellen. Manchmal würdest du am liebsten die Wände hoch gehen. Aber irgendwann stellst du fest: warum sich aufregen, es bringt eh nichts.

Bekommen Sie wenigstens regelmäßig Ihr Gehalt überwiesen?


Ich bin nicht Angestellter des Verbandes, sondern bekomme für jeden Einsatz eine Aufwandsentschädigung. Das klappt ganz gut. In diesem Jahr war ich mit Berti und der Nationalmannschaft sechsmal unterwegs. Reich wird man davon sicher nicht. Aber darum geht es auch nicht. Ich sammle wichtige Erfahrungen, die mich weiterbringen. Man wird beispielsweise daran erinnert, wie prima wir es in Deutschland haben. Es ist jedes Mal eine Reise zurück zu den Wurzeln des Fußballs.

Lagos, mit über neun Millionen Einwohnern Nigerias größte Stadt, soll ein sehr gefährlicher Ort sein…

…das kann man wohl sagen. In Lagos sollte man als Weißer besser nicht alleine herumlaufen. In Abuja, der Hauptstadt, sieht das anders aus. Da fühlt man sich fast so wie in Europa. Es ist sicher dort. Ich kann mit Berti zum Joggen gehen, ohne dass uns Bodyguards begleiten. Der Wohnraum wird teuer gemacht, um die Armen fernzuhalten. Die sozialen Gegensätze in Nigeria sind eben sehr krass. Es gibt in Abuja auch ein richtig schickes Stadion mit perfektem Rasen, das Ähnlichkeit mit dem Gottlieb-Daimler-Stadion in Stuttgart hat.

Und was erlebt man als Fußballtrainer in Afrika außerhalb dieser Scheinwelt?

Unglaubliche Dinge. Am extremsten war das Auswärtsspiel in Uganda. Das fing schon mit dem Mannschaftshotel an. Es gab nicht einmal Wasser zum Duschen. Aber wirklich der Hammer war dann die Kabine im Stadion, in der wir uns umziehen mussten. Die Wände waren mit Kuhkot beschmiert. Es hat fürchterlich gestunken.

Hat Nigeria deshalb 1:2 verloren?

Keine Ahnung…

Vielleicht war auch Voodoo-Zauber im Spiel.

Gut möglich (lacht). Ich kann mich an eine Partie erinnern, bei dem unsere Spieler partout nicht in den Mannschaftsbus einsteigen wollten. Weil ein Voodoo-Mann von der Gegenseite vorher darin sein Unwesen getrieben hatte. Auf die Schnelle mussten andere Gefährte organisiert werden, die uns zum Stadion brachten, was nicht ganz einfach war. Am Ende saßen wir in alten, klapprigen VW-Bussen.

Anders als Thomas Hässler, der nach dem ersten Spiel schon seinen Job als Co-Trainer kündigte, haben Sie sich nicht abschrecken lassen.

Da müssen Sie den Icke selber fragen, warum er gleich wieder aufgehört hat. Mir macht die Arbeit riesig Spaß – trotz aller Unwägbarkeiten. Die Aufgabe in Nigeria hat meine Liebe zum Fußball neu geweckt. Ich war zehn Jahre raus aus dem Fußballgeschäft. Wenn im Fernsehen Fußball kam, habe ich auf Golf umgeschaltet. Jetzt schaue ich mir Golf und Fußball an. Ich sage immer, die Sache mit Nigeria ist eine Art Praktikum.

Macht es Lust auf mehr?

Ja, inzwischen kann ich mir durchaus vorstellen, mal als Torwarttrainer bei einem Bundesligisten zu arbeiten.

Inzwischen spielen viele afrikanische Fußballtalente in den europäischen Topligen – aber Torhüter sind keine darunter. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Gute Frage, auf die ich Ihnen keine Antwort geben kann. Es gibt in Afrika nicht nur technisch hervorragende Feldspieler, sondern auch sehr gute Torhüter. Als ich das erste Mal nach Nigeria kam, war ich von dem Niveau der beiden Schlussmänner der Nationalmannschaft angenehm überrascht. Austine, die Nummer eins, spielt beim FC Bastia in der zweiten französischen Liga und Dele, der Ersatztorwart, in der ersten Liga in Israel. Ehrlich gesagt, habe ich immer noch Probleme mit den Nachnamen – die kann ich mir einfach nicht merken.

Bis zum Africa-Cup Ende Januar müssen die aber sitzen…


…mal schauen (lacht). Diese nigerianischen Namen sind einfach sehr kompliziert.

Mit welchen Erwartungen fahren Sie zum Africa-Cup nach Ghana?


Das wird das ein Riesenerlebnis. Die ausgelassen Stimmung und dazu das hohe fußballerische Niveau der afrikanischen Teams – ich freue mich schon sehr auf das Turnier.

Berti Vogts Freude ist nicht uneingeschränkt…


…er freut sich auch auf den Africa-Cup. Aber ihm gefällt nicht, dass das Turnier alle zwei Jahre ausgetragen wird und dann auch noch zu einer Zeit, in der die europäischen Klubs mitten in der Saison stecken. Viele Spieler haben Angst, in ihrem Verein den Stammplatz zu verlieren. Da muss der afrikanische Fußballverband endlich umdenken und das Turnier wie die EM nur alle vier Jahre ausrichten.



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