26.10.2012

Uli Hoeneß im Interview

»In zehn Jahren beherrscht die Bundesliga Europa«

Uli Hoeneß ist noch immer der geheime Taktgeber der Bundesliga. Im großen Interview aus 11FREUNDE #131 spricht er über Pyrotechnik, das Standing der Bundesliga in Europa, Jürgen Klopp als Bayern-Trainer und die möglichen Folgen des Financial Fairplay.

Interview: Philipp Köster und Tim Jürgens Bild: Imago

Aber mal generell: Ein Profi beim FC Bayern wird schon extrem gepampert? 

Die Überversorgung ist da, speziell bei den deutschen Spielern. Einen jungen Mann, der aus Rio de Janeiro kommt, muss man eine Zeitlang an die Hand nehmen. Aber dass wir Jungs dabei haben, die nach Jahren noch nicht wissen, wie man vom Marienplatz mit der U-Bahn nach Schwabing kommt, geht nicht.

Es fährt doch kein Bayern-Spieler mehr mit der U-Bahn durch München.

Ich hoffe doch. Ich glaube, da unterschätzen Sie manche unserer Profis.

Inwiefern muss sich der Einfluss der Berater auf den Profifußball verändern?
Ich hätte eine Lösung: Wenn der Spieler beim Transfer das Honorar des Beraters zahlen müsste, würde sich vieles regulieren. Dann würden nämlich Spieler genauer darauf achten, was der Berater für sein Geld tut. Viele Berater schauen nämlich nur auf ihren persönlichen Nutzen. Ich hatte es schon mit Leuten zu tun, die ein halbes Jahr nichts anderes machten, als ihren Schützling bei anderen Klubs anzubieten. Und am Ende fanden wir die Einigung mit dem Spieler und mussten perverser Weise wegen der Vertragsverlängerung auch den Berater bezahlen, der den Profi die ganze Zeit vom FC Bayern weglocken wollte. 

Bei welchem Spieler war das so?
Das passiert leider sehr oft. Riberys Berater hat ihn x-mal bei Real Madrid angeboten – und dann ist er für viel Geld bei uns geblieben.

Gibt es da Aussicht auf Verbesserung?
Leider nein, aber vielleicht fangen wir mal an, einige zu sanktionieren, indem Spieler von diesem oder jenem Berater beim FC Bayern keinen Vertrag mehr bekommen.

Gibt es bei Ihnen eine schwarze Liste von Beratern? 

Die habe ich im Kopf.

Lange verpflichteten Sie Spieler nach dem Prinzip »FC Bayern Nationalelf«. Wäre es für Sie vorstellbar, dass der Klub eines Tages mit elf Ausländern aufläuft?

Mein Motto lautet: »In dubio pro Vilshofen«. Aber wenn es in Vilshofen keinen gibt, kann er auch aus Rio kommen. Diese Idee mit der Nationalmannschaft hatte ich vor der WM 2006 und ich gebe zu, dass mir deutsche Nationalspieler lieber sind als eine Weltauswahl. Aber wir sind ein Global Player mit Fans überall auf der Welt, deswegen ist es unerheblich, woher unsere Profis stammen.

Mit Matthias Sammer gibt es nun einen neuen starken Mann in der sportlichen Leitung. Ziehen Sie sich langsam aufs Altenteil zurück?

Damit habe ich schon vor geraumer Zeit langsam angefangen. Karl-Heinz Rummenigge ist bei der strategischen Ausrichtung inzwischen der wichtigste Mann. Natürlich gebe ich in unseren Sitzungen eine Meinung ab, aber operativ entscheiden andere. Ich reduziere auch die Anzahl an Interviews, damit sich der Eindruck verflüchtigt, Hoeneß sei immer noch der Strippenzieher.

Dennoch sorgten Sie mit der Ansage an Mario Gomez für Rauschen im Blätterwald, er sei als Torjäger »gut, aber nicht sehr gut« und er könne 40 Tore in der Saison erzielen.

Ich bin doch kein Feind von Mario, aber manchmal muss ich eben Stachel setzen. Wie gesagt, ich schraube meine Aktivitäten zurück, aber wenn der FC Bayern nur noch einen Aufsichtsratchef benötigt, der die Sitzung eröffnet, muss er sich einen anderen suchen.

Ein Geheimnis des Erfolges ist, dass der FC Bayern es geschafft hat, viele altgediente Recken in der Vereinsspitze zu integrieren. Unter welchen Gesichtspunkten wählen Sie nun Ihre Nachfolger aus?

Ich habe dafür kein Handbuch. Aber wenn ich die Trainerfindungskommission beim HSV betrachte, gibt es auch anderswo Schwierigkeiten bei der Personalfindung. Im Ernst: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, höre mir viele Meinungen an und speichere ab, wenn mir etwas interessant erscheint.

Wie lange mussten Sie überlegen, bis Sie sich für eine Schlüsselpersonalie wie Matthias Sammer entscheiden konnten? 

Tag und Nacht, aber doch nicht nach Stundenplan. Manchmal wache ich nachts auf und mir schießen Dinge durch den Kopf, auch beim Golfen oder Spazierengehen. Die ersten Gespräche mit ihm fanden im Februar statt. Ich frage Herbert Hainer von adidas oder Franz Beckenbauer, was die davon halten. Es ist ein permanenter Meinungsabgleich.

Matthias Sammer ist keiner, der mit seiner Meinung hinterm Berg hält. So ein meinungsfreudiger Manager birgt auch Konfliktpotenzial. 

Aber sowas gefällt mir. Ich mag Leute mit Ecken und Kanten, die auch mal übers Ziel hinausschießen. Wenn ich ein ganzseitiges Interview in einer Tageszeitung lese und mir am Ende vier, fünf Aussagen hängengeblieben sind, ist es doch besser als wenn ich mich an nichts erinnere. Der FC Bayern braucht Leute, die aufregen und die Menschen da draußen beschäftigen.

Uli Hoeneß, wo wird die Bundesliga im internationalen Vergleich in zehn Jahren stehen?
Die Bundesliga wird Europa beherrschen, wenn – ja, wenn – »Financial Fairplay« in vollem Umfang greift.
Die Liga wird auch die Premier League überflügeln. 
Das wäre unter den Voraussetzungen keine Kunst, denn England ist auch politisch auf dem absteigenden Ast. Obwohl sie gerade super Olympische Spiele veranstaltet haben. Hätte ich ihnen gar nicht zugetraut.

Deutschland ist besser aufgestellt?
Ich würde sagen, besser als jedes andere Land in der westlichen Welt.

Wird auch die Nationalelf wieder weltweit führend sein, wie zu Ihrer aktiven Zeit Anfang der Siebziger?

Kann ich nicht voraussagen. Denn wenn die englischen Klubs ihre Kader zukünftig nicht mehr mit dem Geld der Scheichs auffüllen können, wird auch dort im Nachwuchsbereich ein Äquivalent geschaffen.

Bis zur Europameisterschaft hatte die Nationalelf die höchsten Sympathiewerte in ihrer Geschichte. Geht das so weiter?

Jetzt mussten wir erst einmal mit Erschrecken feststellen, wie radikal sich das Blatt wenden kann. Das war »Hosianna« und »Steinigt ihn«. Nach dem Griechenland-Spiel standen wir kurz vor der Weltherrschaft, dann kam die Niederlage gegen Italien und manche forderten den Kopf des Trainers. Da sollten alle ein wenig Maß halten.

Aber mit der Entwicklung der Mannschaft sind Sie zufrieden?

Bin ich. Aber ich glaube, dass nach dieser EM auch Jogi Löw sein Verhalten gegenüber den Spielern dringend überdenken muss.

Wie meinen Sie das?
Die flachen Hierarchien werden zukünftig nicht mehr ganz so flach sein. Viele Spieler werden nicht mehr so weich fallen, wenn sie Mist bauen. Nur wenn die Profis in entscheidenden Momenten etwas härter angefasst werden, kann der Bundestrainer auch die letzten fünf Prozent aus ihnen herauskitzeln. Ich bin sicher, dass Löw das auch bewusst geworden ist.
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