Uli Hoeneß im Interview

»In zehn Jahren beherrscht die Bundesliga Europa«

Uli Hoeneß ist noch immer der geheime Taktgeber der Bundesliga. Im großen Interview aus 11FREUNDE #131 spricht er über Pyrotechnik, das Standing der Bundesliga in Europa, Jürgen Klopp als Bayern-Trainer und die möglichen Folgen des Financial Fairplay.

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131

Uli Hoeneß, kneifen Sie sich noch oft in den Arm, weil Sie nicht glauben, was aus dem FC Bayern geworden ist, den Sie 1979 als Manager übernommen haben? 

Manchmal fällt mir Friedrich Schiller ein: »Er stand auf seines Daches Zinnen und schaute mit vergnügten Sinnen«. Ich war kein guter Zeichner, hatte immer eine vier in Kunst, aber wenn ich den Klub 1979 hätte malen müssen, hätte ich nie die Phantasie aufgebracht, ihn mir so vorzustellen.

Wovon träumten Sie damals?

Ich wollte etwas Großes: einen Klub wie Real Madrid. Der deutsche Fußball fristete ein stiefmütterliches Dasein. Wir hatten einen Jahresumsatz von 12 Millionen Mark, lebten von den Besucherzahlen und wenn es regnete blieben die Leute zuhause. So war die Stimmung im Verein. Obwohl wir drei Mal die Champions League gewonnen hatten, nahm man uns nicht als Top-Klub wahr.

Sondern? 

Noch als wir im Jahr 2000 die ersten Sitzungen mit der G14 veranstalteten, spürten Karl-Heinz Rummenigge und ich, dass Adriano Galliani von Inter, Josep Lluís Núñez aus Barcelona oder Lorenzo Sanz von Real uns nicht auf Augenhöhe betrachteten. Da hieß es: »Oh, hello, the Germans!« Aber ich war mir nicht zu schade, Núñez in den Sitzungen auch mal härter anzusprechen. Und so änderte es sich im Laufe der Jahre.

Nun liegt das gelobte Land vor Ihnen. Wenn »Financial Fairplay« greift und alle europäischen Klubs nur noch soviel Geld investieren dürfen, wie sie erwirtschaften, wird der FC Bayern auf Jahre der Spitzenklub in Europa sein.
Momentan merke ich noch nicht viel von »Financial Fairplay«, aber sollte es kommen, dann liegen vor allen deutschen Klubs glorreiche Zeiten. Denn die gesamte Bundesliga wirtschaftet seit Jahren sehr ordentlich.

Sie haben offenbar Zweifel an der Umsetzung?

Gar nicht. In Gesprächen mit Michel Platini höre ich ständig: »Believe me, believe me.«

Klubs wie Real Madrid oder der FC Barcelona sind extrem verschuldet. Würde »Financial Fairplay« dafür sorgen, dass solche Vereine von der europäischen Bühne verschwinden?

Da trauen Sie den handelnden Personen aber wenig Flexibilität zu. Wenn Real gezwungen ist, wird es anders arbeiten. Dann werden sie viel mehr Wert auf die Nachwuchsarbeit legen. Im Moment gehen sie, wenn es eng wird, zur Bank und leihen sich 30 Millionen für den nächsten Toptransfer. Es ist wie in der EU: Solange man Griechenland weiterwursteln lässt, haben die noch in fünf Jahren 200 000 Tote, die Rente beziehen. Aber wenn die EU sagt, das geht nicht, wird es sich ändern. Wichtig ist nur, dass man die Regeln konsequent durchsetzt.

Aber es gibt sehr viele Klubs, die von externen Geldgebern abhängig sind.

Die eigentliche Gefahr geht nicht von einzelnen Mäzenen aus, sondern von Klubs, die von einem Staat in Person eines Scheichs subventioniert werden. Hinter Manchester City steht der Staat Abu Dhabi, hinter Paris St. Germain Katar. Dort wirken ganz andere Kräfte, es sind sehr clevere Leute am Werke. Da muss die UEFA-Kommission sehr genau arbeiten, um alle Geldströme nachzuvollziehen.

Wäre es vorstellbar, dass in zehn Jahren alle Topspieler nach China gehen, weil nach »Financial Fairplay« plötzlich dort die höchsten Gehälter bezahlt werden?

In China ist eine rasante Entwicklung im Gange. Wenn die mit einer ähnlichen Vehemenz wie in anderen Wirtschaftzweigen anfangen, Fußballklubs aufzubauen, halte ich es durchaus für denkbar, dass die europäische Vereine ins Hintertreffen geraten.

Aber kann ein Land ohne jegliche Fußballtradition überhaupt mit europäischen Maßstäben mithalten?
Mit ihren unglaublichen Möglichkeiten können die Chinesen so ein Gefühl in zwanzig Jahren ohne weiteres herstellen. Dort habe ich eine sehr ehrliche, emotionale Begeisterung erlebt. Wir kamen nachts mit dem Flugzeug in Guangzhou an und 3000 Kids empfingen uns singend mit »Stern des Südens«. Sowas wäre vor zehn Jahren unmöglich gewesen, aber übers Internet verbreitet sich sogar so ein Lied weltweit. Wir müssen also dringend unsere Strategie ändern.

Inwiefern?
Der FC Bayern muss sich intensiver mit dem Markt beschäftigen. Bisher sind wir dorthin gefahren, haben viel Geld als Antrittsprämie kassiert und sind wieder abgehauen. Aber wir müssen dieses Land ernst nehmen. Wir werden Leute rüberschicken, die sich mit Sponsoren zusammensetzen und die Bedürfnisse checken. Und wir werden Einfluss auf die DFL nehmen, dass sie dort hinsichtlich der Übertragungsrechte mehr Gas gibt.

Moment erlebt die Bundesliga einen unglaublichen Boom. Ist dies die beste Zeit, die der deutsche Fußball je erlebt hat?

Die Akzeptanz war nie größer. Aber auf den Aktiven lastet auch ein enormer Druck. Vor zwanzig Jahren konnten die Spieler auf dem Oktoberfest in irgendeiner Ecke von mittags zwölf bis Mitternacht unbehelligt feiern. Wenn ich heute über die Wiesn gehe, werde ich in zehn Minuten 400 Mal fotografiert.

Aber das Positive überwiegt?

Auf jeden Fall. Das Schöne ist doch, dass all diese Nebengeräusche samstags um 15.30 Uhr beendet sind. Dann regiert wieder Fußball. Das Spiel ist wie unter einer Käseglocke – so laut das Kreischen drumherum ist, das Spiel hat sich nicht verändert.

Es gibt aber immer wieder leichte Regelkorrekturen. Welche befürworten Sie?

Vielleicht gerade noch die Einführung der Torkamera, aber dann muss gnadenlos Schluss sein. Es darf nicht sein, dass die Leute aufhören zu diskutieren, ob ein Foul inner- oder außerhalb des Strafraums war, weil darüber nun TV-Bilder entscheiden. Wir leben in schwierigen Zeiten. Jeder kann sich im Internet das Tina-Turner-Konzert von 1996 in der Amsterdam Arena runterladen. Alles ist verfügbar und belegbar geworden. Gerade deshalb darf es nie passieren, dass alle Faktoren eines Fußballspiels überprüfbar sind. Der Fußball muss sich die totale Unsicherheit bewahren.

Innerhalb des Rasenvierecks soll sich nichts verändern. Gibt es auch beim Drumherum Tabus?

Ich war immer ein Anhänger des eigenen Stadions, das Fans eine Heimat bietet. Die Jahre von 1972 bis 2005 im Olympiastadion waren für den FC Bayern eine heimatlose Zeit. An Regentagen kamen die Leute fünf Minuten vor Anpfiff und waren oft kurz vor Schluss wieder auf dem Heimweg. Erst seit wir in der Arena spielen, wissen alle Fans, wo ihr Platz ist. Die Leute kommen teilweise zwei Stunden vor dem Spiel. Aber wir müssen aufpassen, dass dieser Event-Charakter nicht Überhand nimmt. Die Menschen müssen sich weiter an einem Steilpass oder einem Volleyschuss berauschen – nicht am Drumherum.

In der Sommerpause wird beim FC Bayern sogar das Training zum Event. Teilweise kommen täglich bis zu 5000 Zuschauer an die Säbener Straße.

Unser Ziel ist, dem Fußball den Geruch des Elitären zu nehmen. Der Fan erwartet Höchstleistungen, aber er soll auch erkennen, dass dahinter viel Arbeit von Menschen steckt – und nicht von Gladiatoren. Deswegen müssen die Fans auch die Möglichkeit bekommen, dies im Training zu beobachten.

Sie haben mal gesagt: »Die Bundesliga ist der letzte Freiraum, den die Menschen in unserer beengten, mechanisierten Welt noch haben. Wo sonst dürfen sie samstags noch toben und schreien und ungestraft Arschloch sagen?«
Würde ich so heute noch unterschreiben.

»Arschloch« zu rufen, ist noch okay?
Sowas ist sogar mir schon während eines Spiels rausgerutscht. Bei rassistischen Äußerungen und Diskriminierungen hört der Spaß allerdings auf. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen »Idiot« und »schwarzes Schwein«.

Ist es noch freie Meinungsäußerung, wenn Fans Zettel mit der Aufschrift »Koan Neuer« hochhalten?

Jeder Fan hat das Recht, bei schlechten Leistungen die Mannschaft oder den Vorstand zu kritisieren. Von mir aus auch mit Plakaten. Aber es kann nicht sein, dass Manuel Neuer aus einer bestimmten Ecke bis zum heutigen Tag schon beim Warmlaufen beleidigt wird und sogar Feuerzeuge auf ihn geworfen werden. Das ist keine freie Meinungsäußerung, sondern fällt in den Bereich Diskriminierung.

Würden Sie einem jungen Spieler abraten, sich klar zu einem Verein zu bekennen, so wie es Neuer bei Schalke gemacht hat?
Im Gegenteil, ich fordere von den Jungs das Bekenntnis. Die sollen sich identifizieren und den Mut haben, ja und nein zu sagen. Wenn ich Spieler in eine künstliche Situation drängen müsste, würde ich aufhören. Aber die Gesellschaft muss akzeptieren, dass einer, der mit 15 Jahren eingefleischter Bayern-Fan ist, mit 20 auch zu Manchester United wechselt, wenn er meint, dass es ihn dort weiterbringt. Ich bin doch auch nicht der Meinung, dass Joschka Fischer ein katastrophaler Außenminister war, weil er mit zwanzig mal einen Stein geworfen hat.
Sind Ihnen Ihre Stehplatzfans noch ganz geheuer? 

Mehr denn je. Ich kann jedenfalls keinen übermäßigen Fanatismus feststellen – zumindest bei unseren Fans.

Dennoch scheint es, als würden Sie ständig im Clinch mit der Südkurve sein. Ihre »Scheißstimmung«-Brandrede bei der Jahreshauptversammlung 2007 ist unvergessen.

Damals hieß es: »Hoeneß attackiert die Fans«. Völlig falsch, ich habe nicht die Fans von der Südtribüne kritisiert, sondern die Ultras der »Schickeria«. Es darf nicht sein, dass es einer kleinen Gruppe gelingt, dem FC Bayern ihren Willen aufzudrücken. Es gibt für einen Klub, der im globalen Fußball bestehen will, nun mal nur den modus vivendi, dass Logenfans und Stehtribünenfans nebeneinander existieren. Ich habe damals nur den Respekt der »Schickeria« gegenüber denjenigen eingefordert, die für ihren Business-Seat im Jahr 8.000 Euro bezahlen. Genauso wie ich von den VIPs Respekt für die einfordere, die im Stadion für Stimmung sorgen. Denn ohne Fangesänge haben auch die oben auf der Ehrentribüne weniger Spaß, aber die Refinanzierung findet eben da oben statt und nicht durch Tickets für sieben Euro.

Hat sich der Modus Vivendi, den Sie ansprechen, in den letzten Jahren verbessert? 

Beim FC Bayern ist er auf einem stabilen Niveau, ohne perfekt zu sein. Wir sind in einem permanenten Dialog, aber auch in einem dauernden Konflikt, weil um jeden Zentimeter Fahnenlänge gerungen wird.

Wie stehen Sie zu Pyrotechnik im Stadion?

Ich weiß schon, dass ihre Zeitschrift sich sehr für Fanbelange einsetzt. Ich dulde fast alles im Stadion, aber bei Gewalt hört der Spaß auf. Und Gewalt ist für mich auch, wenn einer in der 70. Reihe Pyrotechnik zündet und die Fackel fallen lässt, sodass sie unten ein Kind verletzt.

Pyro ist also ein Tabu?

Ich habe zu Managerzeiten auch mal 10.000 Wunderkerzen im Stadion verteilt. Und musste hinterher dafür 10.000 Mark bezahlen, weil die Leute die Kerzen leider nicht wie bei Popkonzerten über den Köpfen schwangen, sondern manche sie auch dem Nebenmann an den Hals hielten. Und dann ist es eben nicht mehr lustig. Wir haben 2011 sechsstellige Beträge wegen Pyrovergehen bezahlt. Da drängt sich der Eindruck auf, dass einige nicht nur ins Stadion gehen, um den FC Bayern anzufeuern. Und wenn Leute nicht einsehen, dass wir rechtsstaatliche Vereinbarungen haben, müssen wir als Verein handeln.

Sie sagen, Sie befänden sich in einem permanenten Dialog, dennoch scheinen die Gräben zwischen Klubs und Fangruppen größer zu werden. 

Die Leute des FC St. Pauli haben mir erzählt, dass sie alle sechs Wochen mit Fans zusammenkommen, um deren Anliegen zu besprechen. Da stehen also acht Probleme auf der Tagesordnung, für vier wird eine Lösung gefunden, vier weitere werden vertagt. Jetzt würde ich annehmen, dass sechs Wochen später die verbleibenden vier Anliegen besprochen werden. Aber nein, dann stehen acht neue Probleme auf dem Papier. Da drängt sich mir der Eindruck auf, dass bestimmte Leute gar kein Interesse daran haben, Lösungen zu finden, sondern nur Probleme aufwerfen. Und es macht mich krank, wenn Leute nicht bereit sind, mit Kompromissen zu leben. Wobei wir beim FC Bayern verglichen mit Vereinen wie dem 1. FC Köln, Hansa Rostock, Eintracht Frankfurt oder Dynamo Dresden paradiesische Zustände haben. Dort sind die Dinge in puncto »gewaltbereite Fans« aus dem Ruder gelaufen.

Wird es in zehn Jahren in deutschen Stadion noch Stehplätze geben? 

Wenn es nach mir geht, auf jeden Fall.

Wird es ein legitimiertes Abbrennen von Pyrotechnik geben?
Wenn es dafür eine rechtliche Grundlage gibt. Aber gegenwärtig kann ich mir das nicht vorstellen, denn der Reiz würde verloren gehen, wenn Pyro in einer sterilen Ecke unter Aufsicht abgebrannt würde. Es ist doch wie bei Kindern: Solange sie etwas nicht dürfen, ist es interessant, wenn es erlaubt ist, bleibt das Spielzeug liegen.

Können Sie verstehen, dass Zuschauer für eine einheitliche Anstoßzeit um 15.30 Uhr plädieren?
Natürlich, aber die Gleichung ist relativ einfach: Wenn die Bundesliga einheitlich samstags um 15.30 Uhr anstößt, erlöst sie in Zukunft statt 628 Millionen Euro TV-Geld nur 400 Millionen, was einen Leistungsabfall zur Folge hat und am Ende nur zwei Bundesligisten in der Champions League antreten. Ich bin überzeugt, dass von unseren Fans neunzig Prozent für die Champions League sind und nur zehn Prozent für 15.30 Uhr.

Das heißt im Umkehrschluss… 

dass wir eine demokratische Lösung haben: Die Mehrheit entscheidet.

Es heißt aber auch, dass der Spieltag sich im Interesse der TV-Investoren immer weiter aufsplitten wird.

Ich bin überzeugt, dass die gegenwärtige Lösung ideal ist. Und soweit ich weiß, gibt es keine Bestrebungen, den Spieltag weiter aufzugliedern.

Der aktuelle Vertrag wurde gerade erst geschlossen. Wie sieht es nach Auslaufen im Jahr 2017 aus?

Es muss Grenzen geben. Für kein Geld der Welt gebe ich mein Sakko an der Kasse ab. Natürlich ist auch »Monday Night Football« wie in den USA denkbar. Aber ich kann von dem Bayern-Fan aus Kassel nicht erwarten, dass er – nachdem er schon die Strapazen der Champions League unter der Woche auf sich nimmt – auch noch montags zu Spielen anreist.

Glauben Sie, dass die TV-Gelder noch weiter steigen?

Ich bin überzeugt, dass die Bundesliga bald eine Millarde pro Saison von den Fernsehanstalten bekommen wird. Auch weil nicht einzusehen ist, dass wir so viel weniger als in England einnehmen, wo jährlich 1,2 Milliarden Euro bezahlt werden. Warum soll die Bundesliga weniger als die Premier League wert sein?

Wie lange währt der Fußball-Boom noch? 

Ewig. Denn ich sehe im Bereich Sport nichts, was dem Fußball Konkurrenz machen könnte. Ein erneuter Tennisboom ist nicht in Sicht, weil wir nie wieder zwei Spieler wie Boris Becker und Steffi Graf parallel haben werden. Anderen Sportarten traue ich eine Breitenwirkung ehrlich gesagt nicht zu. Und dazu kommt ein gesellschaftliches Problem.

Nämlich?

Solange das Internet die Menschen immer mehr vom wirklichen Leben ablenkt, ist Fußball eine Möglichkeit aus der virtuellen Welt auszubrechen. Der Druck auf jeden Einzelnen steigt, noch nie haben soviele Menschen sechs Tage in der Woche gearbeitet. Ich bin überzeugt, dass es insgeheim eine Sehnsucht nach Muße gibt und danach, den Computer auszumachen und sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Diese Möglichkeit bietet der Stadionbesuch.

Dennoch besteht die Gefahr, dass die Wahrnehmung des Fußballs leidet, etwa durch Manipulation… 

oder Doping. Das fällt für mich in den Bereich »höhere Gewalt«. Sowas kann niemand voraussehen. Es kann ja auch ein Tsunami über Deutschland rollen.

Wird es beim FC Bayern in zehn Jahren für junge Leute überhaupt noch die Möglichkeit geben, den Klub live kennenzulernen?
Viele Fans wollen aufgrund des Kartenmangels in der Arena ihre Dauerkarte bis zum Tod nicht mehr abgeben. 
Das ist ein Luxusproblem. Vielleicht sollten wir dazu übergehen, Dauerkarten nur noch für einen Zeitraum von fünf Jahren abzugeben, oder Stehplatzkarten nur noch für bestimmte Altersgruppen anzubieten – etwas von 12 bis 28 Jahre.

Gerade hat der der FC Bayern seinen eigenen Twitter-Kanal eröffnet. 

Mag sein, da müssen Sie mich nicht fragen.

Sie halten offenbar wenig davon. 

Das spielt letztlich keine Rolle, denn in diesen Dingen bin ich Demokrat. Wenn eine Mehrheit sagt, dass wir sowas brauchen, dann sei’s drum. Ich habe ja auch ein Handy und ständig schicken mir Leute Nachrichten. Aber immer, wenn der Speicher voll ist, lösche ich die hundert SMS einfach weg.

Ohne sie gelesen zu haben?

In 99,9 Prozent der Fälle schon. Aber ich finde es gut, dass zumindest die theoretische Chance besteht, sie zu lesen.

Und das war immer so? 

Vor zehn Jahren sicher nicht, aber heute gibt es Tage, an denen ich mein Handy den ganzen Tag nicht dabei habe. Diese permanente Erreichbarkeit muss aufhören. Wenn wir in zehn Jahren wieder zusammensitzen, muss sich etwas verändert haben, sonst bekommt die Gesellschaft ernste Probleme.

Jetzt werden einige Marketingexperten sagen, dieser Hoeneß ist aus der Zeit gefallen.
Ich verstehe auch vieles nicht mehr, aber ich weiß, dass man alles ausprobieren muss. Das Wichtigste ist, ein Gespür dafür zu entwickeln, was sich nicht lohnt, und den Mut zu haben, Dinge zu beenden. Der FC Bayern war immer ein Trendsetter, aber auch ein Klub, der als erster den Rückwärtsgang einlegte, wenn etwas nicht funktionierte.

Es gibt zwei Formen des FC Bayern: Den echten Klub im Stadion und beim Training und den virtuellen FC Bayern, der sich über Twitter, Facebook oder FCB.TV verbreitet. Passen diese beiden Formen noch zusammen? 

Sie müssen sich zusammenfinden, es ist ein Prozess. Am liebsten ist mir der Klub aber wie kürzlich bei einer Fanclubveranstaltung im Bayerischen Wald: mit 1000 Anhängern im Bierzelt.

Ist diese Bierzeltromantik noch in Einklang mit dem modernen Profis zu bringen?
Sie sagen doch selbst, dass die Beobachtung der Medien allgegenwärtig ist. 
Wir sind alle mitverantwortlich, wie sich die Jungs entwickeln und dass sie nicht in einer Scheinwelt leben. Gerade Berater spielen eine große Rolle: einige sind sehr gut, andere verhalten sich katastrophal, weil sie versuchen, die Jungs zu klonen, etwa indem sie sie mit eigenen Pressereferenten auszustatten, weil sie glauben, dass es den Marktwert verbessert. Ich halte das für Kokolores und bevorzuge das Prinzip «learning by doing«.

Das heißt?
Ein Spieler soll ins »Sport-Studio« gehen, wenn er möchte. Und wenn er dort Mist erzählt, wird er daraus lernen und es beim nächsten Mal anders machen.

Aber auch der FC Bayern hat eine Medienabteilung, die jedes Zeitungsinterview autorisiert.

Der Medien-Apparat ist zu groß geworden. Viele Interviews haben heute doch den Charakter von Verhören, jeder Halbsatz taugt zur Schlagzeile. Und dieser Situation sind die Jungs teilweise nicht gewachsen.

Also sind die Medien Schuld? 

Ich will jetzt keine Medienschelte betreiben, aber einfach machen sie es den jungen Burschen sicher nicht.

Wird sich diese Situation noch verschärfen?

Ich hoffe, dass die Profis zukünftig wieder entspannter leben. Mittlerweile reicht ein Nebensatz, um eine Schlagzeile zu produzieren. Selbst ich werde noch manchmal überrascht.

Wo zum Beispiel?
Als wir vor Kurzem von unserer Chinareise nach München zurückflogen, gab ich einem Boulevardkollegen von Ihnen in der Bordküche ein Interview. Wir sprachen über Breno und ich erwähnte, dass er nach drei Jahren Gefängnis ohne regelmäßiges Training nie mehr seinen Job als Profi ausüben kann und ihn dieser Umstand von einem Maurer unterscheide, der nach seiner Entlassung gleich wieder arbeiten könne. Das Problem: Der Kollege interpretierte meine Aussage so, als hätte ich vom Richter verlangt, Breno müsse anders als der Mauer behandelt werden.

Aber Sie kennen das Geschäft doch.

Das sind neue Dimensionen. Nur aufgrund so einer fehlinterpretierten Aussage begann eine Hexenjagd. Deshalb kann ich gut verstehen, wenn Spieler nichts mehr öffentlich sagen.

Aber mal generell: Ein Profi beim FC Bayern wird schon extrem gepampert? 

Die Überversorgung ist da, speziell bei den deutschen Spielern. Einen jungen Mann, der aus Rio de Janeiro kommt, muss man eine Zeitlang an die Hand nehmen. Aber dass wir Jungs dabei haben, die nach Jahren noch nicht wissen, wie man vom Marienplatz mit der U-Bahn nach Schwabing kommt, geht nicht.

Es fährt doch kein Bayern-Spieler mehr mit der U-Bahn durch München.

Ich hoffe doch. Ich glaube, da unterschätzen Sie manche unserer Profis.

Inwiefern muss sich der Einfluss der Berater auf den Profifußball verändern?
Ich hätte eine Lösung: Wenn der Spieler beim Transfer das Honorar des Beraters zahlen müsste, würde sich vieles regulieren. Dann würden nämlich Spieler genauer darauf achten, was der Berater für sein Geld tut. Viele Berater schauen nämlich nur auf ihren persönlichen Nutzen. Ich hatte es schon mit Leuten zu tun, die ein halbes Jahr nichts anderes machten, als ihren Schützling bei anderen Klubs anzubieten. Und am Ende fanden wir die Einigung mit dem Spieler und mussten perverser Weise wegen der Vertragsverlängerung auch den Berater bezahlen, der den Profi die ganze Zeit vom FC Bayern weglocken wollte. 

Bei welchem Spieler war das so?
Das passiert leider sehr oft. Riberys Berater hat ihn x-mal bei Real Madrid angeboten – und dann ist er für viel Geld bei uns geblieben.

Gibt es da Aussicht auf Verbesserung?
Leider nein, aber vielleicht fangen wir mal an, einige zu sanktionieren, indem Spieler von diesem oder jenem Berater beim FC Bayern keinen Vertrag mehr bekommen.

Gibt es bei Ihnen eine schwarze Liste von Beratern? 

Die habe ich im Kopf.

Lange verpflichteten Sie Spieler nach dem Prinzip »FC Bayern Nationalelf«. Wäre es für Sie vorstellbar, dass der Klub eines Tages mit elf Ausländern aufläuft?

Mein Motto lautet: »In dubio pro Vilshofen«. Aber wenn es in Vilshofen keinen gibt, kann er auch aus Rio kommen. Diese Idee mit der Nationalmannschaft hatte ich vor der WM 2006 und ich gebe zu, dass mir deutsche Nationalspieler lieber sind als eine Weltauswahl. Aber wir sind ein Global Player mit Fans überall auf der Welt, deswegen ist es unerheblich, woher unsere Profis stammen.

Mit Matthias Sammer gibt es nun einen neuen starken Mann in der sportlichen Leitung. Ziehen Sie sich langsam aufs Altenteil zurück?

Damit habe ich schon vor geraumer Zeit langsam angefangen. Karl-Heinz Rummenigge ist bei der strategischen Ausrichtung inzwischen der wichtigste Mann. Natürlich gebe ich in unseren Sitzungen eine Meinung ab, aber operativ entscheiden andere. Ich reduziere auch die Anzahl an Interviews, damit sich der Eindruck verflüchtigt, Hoeneß sei immer noch der Strippenzieher.

Dennoch sorgten Sie mit der Ansage an Mario Gomez für Rauschen im Blätterwald, er sei als Torjäger »gut, aber nicht sehr gut« und er könne 40 Tore in der Saison erzielen.

Ich bin doch kein Feind von Mario, aber manchmal muss ich eben Stachel setzen. Wie gesagt, ich schraube meine Aktivitäten zurück, aber wenn der FC Bayern nur noch einen Aufsichtsratchef benötigt, der die Sitzung eröffnet, muss er sich einen anderen suchen.

Ein Geheimnis des Erfolges ist, dass der FC Bayern es geschafft hat, viele altgediente Recken in der Vereinsspitze zu integrieren. Unter welchen Gesichtspunkten wählen Sie nun Ihre Nachfolger aus?

Ich habe dafür kein Handbuch. Aber wenn ich die Trainerfindungskommission beim HSV betrachte, gibt es auch anderswo Schwierigkeiten bei der Personalfindung. Im Ernst: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, höre mir viele Meinungen an und speichere ab, wenn mir etwas interessant erscheint.

Wie lange mussten Sie überlegen, bis Sie sich für eine Schlüsselpersonalie wie Matthias Sammer entscheiden konnten? 

Tag und Nacht, aber doch nicht nach Stundenplan. Manchmal wache ich nachts auf und mir schießen Dinge durch den Kopf, auch beim Golfen oder Spazierengehen. Die ersten Gespräche mit ihm fanden im Februar statt. Ich frage Herbert Hainer von adidas oder Franz Beckenbauer, was die davon halten. Es ist ein permanenter Meinungsabgleich.

Matthias Sammer ist keiner, der mit seiner Meinung hinterm Berg hält. So ein meinungsfreudiger Manager birgt auch Konfliktpotenzial. 

Aber sowas gefällt mir. Ich mag Leute mit Ecken und Kanten, die auch mal übers Ziel hinausschießen. Wenn ich ein ganzseitiges Interview in einer Tageszeitung lese und mir am Ende vier, fünf Aussagen hängengeblieben sind, ist es doch besser als wenn ich mich an nichts erinnere. Der FC Bayern braucht Leute, die aufregen und die Menschen da draußen beschäftigen.

Uli Hoeneß, wo wird die Bundesliga im internationalen Vergleich in zehn Jahren stehen?
Die Bundesliga wird Europa beherrschen, wenn – ja, wenn – »Financial Fairplay« in vollem Umfang greift.
Die Liga wird auch die Premier League überflügeln. 
Das wäre unter den Voraussetzungen keine Kunst, denn England ist auch politisch auf dem absteigenden Ast. Obwohl sie gerade super Olympische Spiele veranstaltet haben. Hätte ich ihnen gar nicht zugetraut.

Deutschland ist besser aufgestellt?
Ich würde sagen, besser als jedes andere Land in der westlichen Welt.

Wird auch die Nationalelf wieder weltweit führend sein, wie zu Ihrer aktiven Zeit Anfang der Siebziger?

Kann ich nicht voraussagen. Denn wenn die englischen Klubs ihre Kader zukünftig nicht mehr mit dem Geld der Scheichs auffüllen können, wird auch dort im Nachwuchsbereich ein Äquivalent geschaffen.

Bis zur Europameisterschaft hatte die Nationalelf die höchsten Sympathiewerte in ihrer Geschichte. Geht das so weiter?

Jetzt mussten wir erst einmal mit Erschrecken feststellen, wie radikal sich das Blatt wenden kann. Das war »Hosianna« und »Steinigt ihn«. Nach dem Griechenland-Spiel standen wir kurz vor der Weltherrschaft, dann kam die Niederlage gegen Italien und manche forderten den Kopf des Trainers. Da sollten alle ein wenig Maß halten.

Aber mit der Entwicklung der Mannschaft sind Sie zufrieden?

Bin ich. Aber ich glaube, dass nach dieser EM auch Jogi Löw sein Verhalten gegenüber den Spielern dringend überdenken muss.

Wie meinen Sie das?
Die flachen Hierarchien werden zukünftig nicht mehr ganz so flach sein. Viele Spieler werden nicht mehr so weich fallen, wenn sie Mist bauen. Nur wenn die Profis in entscheidenden Momenten etwas härter angefasst werden, kann der Bundestrainer auch die letzten fünf Prozent aus ihnen herauskitzeln. Ich bin sicher, dass Löw das auch bewusst geworden ist.

Uli Hoeneß, wird der BVB auf lange Sicht der Hauptkonkurrent des FC Bayern in der Bundesliga bleiben?
Ich glaube, dass Dortmund eine gute Chance hat, sich oben zu etablieren, weil sie es diesmal – im Gegensatz zur Niebaum-Ära – nicht auf spekulativem Fundament, sondern auf gesundem Boden an die Spitze geschafft haben. Der BVB damals war Hedge Fond, heute ist die Borussia…

…ein bisschen Festgeld.
Naja, noch haben sie ja keins, das kommt jetzt erst wieder. 

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob sich der BVB oben halten kann?
Wenn die Führung zusammenbleibt, kann es einige Jahre funktionieren. Herr Watzke macht einen prima Job, Michael Zorc ist nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut in die Spur gekommen. Die entscheidende Figur aber ist Jürgen Klopp, der alles zusammenhält und auf sich fokussiert. Sein Vertrag läuft bis 2016. Aber das soll mich nicht weiter kümmern, denn der FC Bayern muss aufhören, sich über andere Klubs Gedanken zu machen.

Hat der FC Bayern zuletzt zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht?

Definitiv. Wenn wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen, beherrscht der FC Bayern die Bundesliga.

Auch noch in zehn Jahren.

Dann erst recht, weil wir dann unser Stadion abbezahlt haben.

Wird Jürgen Klopp in zehn Jahren den FC Bayern trainiert haben?

Ich habe schon vor drei, vier Jahren für ihn plädiert. Er ist ein Mann, der zu uns passen würde.

Stattdessen haben Sie damals Jürgen Klinsmann nach München geholt.
Eine Entscheidung, die ich mitgetragen habe. Wir haben es gemeinsam beschlossen – und wir haben auch gemeinsam die Konsequenzen getragen.

In fünfzig Jahren Bundesliga haben es viele Klubs versucht, mit dem FC Bayern Schritt zu halten. Warum ist es keinem Verein langfristig gelungen? 

Das lässt sich leicht erklären: Der SV Werder ist von der Substanz her nicht in der Lage, es lange mit uns aufzunehmen. Der FC Bayern ist eine Weltmarke, Bremen immer noch ein sehr regionaler Verein. Dasselbe lässt sich über die Konkurrenz mit Borussia Mönchengladbach sagen.

Auch der Hamburger SV war einmal auf Augenhöhe.

Der HSV ist der einzige Klub, der es von der Stadt und vom Umfeld schaffen könnte, langfristig dem FC Bayern ebenbürtig zu sein. Ein Global Player, aber leider ist der Verein durch das Mitspracherecht der Supporters nicht so recht handlungsfähig.

Wird es in zehn Jahren noch die 50+1-Regel in der Bundesliga geben?
Sicher nicht, aber der FC Bayern wird von den neuen Möglichkeiten keinen Gebrauch machen. Wir haben in unserer letzten Aufsichtsratsitzung sogar auf Wunsch der Fans eine »70+1-Regel« festgelegt. Wir hätten also noch 12 Prozent, die wir verkaufen könnten – umgerechnet rund 120 bis 150 Millionen Euro. Damit wäre das Stadion schon jetzt bezahlt.

In der Bundesliga gibt es immer mehr von Unternehmen oder privat subventionierte Klubs.
Der VfL Wolfsburg ist vor drei Jahren sogar Deutscher Meister geworden. 
Das hat Volkswagen auch sehr viel Geld gekostet.

Es fehlen zusehends die Traditionsklubs. Was halten Sie davon, dass sich ein Klub wie die TSG Hoffenheim in der Bundesliga etabliert? Wird es noch mehr von diesen Vereinen geben? 
I
ch glaube nicht, weil es von diesen spendierfreudigen, charakterstarken Typen wie Dietmar Hopp in Deutschland nicht viele gibt.

Was ist mit Dietrich Mateschitz von Red Bull?

Er hat den Nachteil, dass die Leute ihm nicht abkaufen, dass er den Fußball – so wie Hopp es tut – liebt. Die Leute kaufen Hopp sein Engagement ab, bei Mateschitz wird es anders sein, wenn er mit RB Leipzig in die Bundesliga aufsteigen sollte. Und wenn Herr Mateschitz eines Tages nicht mehr ist, geht das es alles wieder den Bach runter, während Hopps Idee auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist.

Ist ein Modell wie RB Leipzig eine Gefahr für die Bundesliga?
Es gibt keine Gefahr für die Bundesliga, solange alles demokratischen Voraussetzungen entspricht.

Wobei die Frage ist, ob das Prinzip von RB Leipzig nicht eher hyperkapitalistisch als demokratisch ist. 
Was soll daran undemokratisch sein?
Wenn sich die Zuschauer nicht für den Klub interessieren, brauchen sie doch nicht hinzugehen. Entweder der Zuschauer hat eine Beziehung zu dem Verein – oder eben nicht. Wir leben doch nicht in einer Diktatur, wo Menschen ins Stadion gezwungen werden.

Uli Hoeneß, wie oft wird der FC Bayern in zehn Jahren Deutscher Meister gewesen sein?

Das hätten Sie gern: »Hoeneß sagt, Bayern wird so und so oft Meister«. Ich hoffe – nochmal: ich hoffe, ich weiß es nicht –,  dass wir dann mindestens fünf Mal den Titel geholt haben.

Wie wichtig ist es, die traumatische Niederlage im Champions League-Finale 2012 so bald wie möglich durch den Gewinn des Wettbewerbs vergessen zu machen?
Überhaupt nicht. Es war ein Traum, dieses Spiel zu gewinnen. Es wird auf absehbare Zeit kein Finale mehr in München geben. Etwas nicht mehr schaffen zu können, das hat wochenlang an mir genagt. Karl Heinz Rummenigge war wie gelähmt. Aber das ist nun abgehakt.

Wie müssen wir uns einen Lähmungszustand beim FC Bayern vorstellen?
Totale Orientierungslosigkeit. Uns fehlte der Antrieb, uns für neue Aufgaben zu begeistern. Wir haben in dieser Phase auch keine Spieler verpflichtet. Es war einfach die Luft raus.

Im Mai 1999 haben Sie nach der Last-Minute-Niederlage gegen Manchester United einen ähnlichen Zustand erlebt.
Das war ganz anders, weil wir wussten, wir können diese Niederlage wieder gut machen. Aber dieses Finale kommt nicht wieder. Wir, die wir um die sechzig sind, werden nie mehr die Chance haben, im eigenen Stadion die Champions League zu gewinnen.

Und Sie sind nicht derjenige, der sagt: Jetzt erst recht?

Das geht in diesem Fall leider nicht. 

In sechs Jahren ist das Stadion abbezahlt. Dann können Sie alle Einnahmen, die der Klub generiert, für neue Spieler verballern.
Warum sollen wir etwas verballern? Sie haben insofern Recht, dass wir unsere gesamten Investitionen dann auf den Sport konzentrieren könnten. Aber das passiert doch nicht wahllos. Eine Entscheidung wie für Javi Martinez ist doch keine Schnapsidee. Sowas ist ein wochenlanger Prozess, bei dem ich mich oft frage, wie viele Kindergärten wir von 40 Millionen Euro Ablöse bauen könnten. Hinzu kam, dass er acht Millionen von seinem Gehalt dazu gegeben hat. Es sind also genau genommen 32 Millionen. Aus meiner Sicht immer noch zehn Millionen zu viel. Aber, sei’s drum.

Haben Sie schon Transfers platzen lassen, weil Ihnen die Summe unmoralisch erschien?

Ich gebe zu, dass der Martinez-Transfer grenzwertig war. Vor dreißig Jahren hätte ich mir einen Betrag von 40 Millionen nicht vorstellen können. Nun waren wir aber der Überzeugung, eine sehr starke Mannschaft zu haben, die durch diesen Spieler auf dieser Position optimiert wird. Da habe ich mich voll auf Jupp Heynckes und Matthias Sammer verlassen. Ich habe mir den Spieler bewusst nicht angesehen. Dennoch sollten die Leute nicht annehmen, dass nun auch beim FC Bayern der Automatismus des Wahnsinns greift. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in den nächsten zehn Jahren nochmal einen so teuren Transfer machen, ist ziemlich gering.

Uli Hoeneß, wer wird in zehn Jahren Präsident des FC Bayern sein?
Ich sicher nicht mehr. Sollte ich im November wiedergewählt werden, wäre ich am Ende der nächsten Periode 63 Jahre alt. Dann vielleicht noch einmal drei Jahre und dann… Sie wissen ja, was Udo Jürgens gesungen hat.

Mit 66 fängt also das neue Leben des Uli Hoeneß an?

Ich hoffe erstmal, dass ich dann noch gesund bin. Dann werde ich hoffentlich noch im Aufsichtsrat sitzen, den Klub lieben und hier am Tegernsee aufs Wasser schauen und mich des Lebens erfreuen. Aber vielleicht kommt auch alles ganz anders.

Das heißt, Sie hören nicht auf, über den Klub nachzudenken.

Als ich an die Säbener Straße kam, war ich achtzehn. Seitdem hat mich der FC Bayern jeden Tag begleitet. So etwas kann ich nicht mehr abschütteln.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!