26.10.2012

Uli Hoeneß im Interview

»In zehn Jahren beherrscht die Bundesliga Europa«

Uli Hoeneß ist noch immer der geheime Taktgeber der Bundesliga. Im großen Interview aus 11FREUNDE #131 spricht er über Pyrotechnik, das Standing der Bundesliga in Europa, Jürgen Klopp als Bayern-Trainer und die möglichen Folgen des Financial Fairplay.

Interview: Philipp Köster und Tim Jürgens Bild: Imago
Sind Ihnen Ihre Stehplatzfans noch ganz geheuer? 

Mehr denn je. Ich kann jedenfalls keinen übermäßigen Fanatismus feststellen – zumindest bei unseren Fans.

Dennoch scheint es, als würden Sie ständig im Clinch mit der Südkurve sein. Ihre »Scheißstimmung«-Brandrede bei der Jahreshauptversammlung 2007 ist unvergessen.

Damals hieß es: »Hoeneß attackiert die Fans«. Völlig falsch, ich habe nicht die Fans von der Südtribüne kritisiert, sondern die Ultras der »Schickeria«. Es darf nicht sein, dass es einer kleinen Gruppe gelingt, dem FC Bayern ihren Willen aufzudrücken. Es gibt für einen Klub, der im globalen Fußball bestehen will, nun mal nur den modus vivendi, dass Logenfans und Stehtribünenfans nebeneinander existieren. Ich habe damals nur den Respekt der »Schickeria« gegenüber denjenigen eingefordert, die für ihren Business-Seat im Jahr 8.000 Euro bezahlen. Genauso wie ich von den VIPs Respekt für die einfordere, die im Stadion für Stimmung sorgen. Denn ohne Fangesänge haben auch die oben auf der Ehrentribüne weniger Spaß, aber die Refinanzierung findet eben da oben statt und nicht durch Tickets für sieben Euro.

Hat sich der Modus Vivendi, den Sie ansprechen, in den letzten Jahren verbessert? 

Beim FC Bayern ist er auf einem stabilen Niveau, ohne perfekt zu sein. Wir sind in einem permanenten Dialog, aber auch in einem dauernden Konflikt, weil um jeden Zentimeter Fahnenlänge gerungen wird.

Wie stehen Sie zu Pyrotechnik im Stadion?

Ich weiß schon, dass ihre Zeitschrift sich sehr für Fanbelange einsetzt. Ich dulde fast alles im Stadion, aber bei Gewalt hört der Spaß auf. Und Gewalt ist für mich auch, wenn einer in der 70. Reihe Pyrotechnik zündet und die Fackel fallen lässt, sodass sie unten ein Kind verletzt.

Pyro ist also ein Tabu?

Ich habe zu Managerzeiten auch mal 10.000 Wunderkerzen im Stadion verteilt. Und musste hinterher dafür 10.000 Mark bezahlen, weil die Leute die Kerzen leider nicht wie bei Popkonzerten über den Köpfen schwangen, sondern manche sie auch dem Nebenmann an den Hals hielten. Und dann ist es eben nicht mehr lustig. Wir haben 2011 sechsstellige Beträge wegen Pyrovergehen bezahlt. Da drängt sich der Eindruck auf, dass einige nicht nur ins Stadion gehen, um den FC Bayern anzufeuern. Und wenn Leute nicht einsehen, dass wir rechtsstaatliche Vereinbarungen haben, müssen wir als Verein handeln.

Sie sagen, Sie befänden sich in einem permanenten Dialog, dennoch scheinen die Gräben zwischen Klubs und Fangruppen größer zu werden. 

Die Leute des FC St. Pauli haben mir erzählt, dass sie alle sechs Wochen mit Fans zusammenkommen, um deren Anliegen zu besprechen. Da stehen also acht Probleme auf der Tagesordnung, für vier wird eine Lösung gefunden, vier weitere werden vertagt. Jetzt würde ich annehmen, dass sechs Wochen später die verbleibenden vier Anliegen besprochen werden. Aber nein, dann stehen acht neue Probleme auf dem Papier. Da drängt sich mir der Eindruck auf, dass bestimmte Leute gar kein Interesse daran haben, Lösungen zu finden, sondern nur Probleme aufwerfen. Und es macht mich krank, wenn Leute nicht bereit sind, mit Kompromissen zu leben. Wobei wir beim FC Bayern verglichen mit Vereinen wie dem 1. FC Köln, Hansa Rostock, Eintracht Frankfurt oder Dynamo Dresden paradiesische Zustände haben. Dort sind die Dinge in puncto »gewaltbereite Fans« aus dem Ruder gelaufen.

Wird es in zehn Jahren in deutschen Stadion noch Stehplätze geben? 

Wenn es nach mir geht, auf jeden Fall.

Wird es ein legitimiertes Abbrennen von Pyrotechnik geben?
Wenn es dafür eine rechtliche Grundlage gibt. Aber gegenwärtig kann ich mir das nicht vorstellen, denn der Reiz würde verloren gehen, wenn Pyro in einer sterilen Ecke unter Aufsicht abgebrannt würde. Es ist doch wie bei Kindern: Solange sie etwas nicht dürfen, ist es interessant, wenn es erlaubt ist, bleibt das Spielzeug liegen.

Können Sie verstehen, dass Zuschauer für eine einheitliche Anstoßzeit um 15.30 Uhr plädieren?
Natürlich, aber die Gleichung ist relativ einfach: Wenn die Bundesliga einheitlich samstags um 15.30 Uhr anstößt, erlöst sie in Zukunft statt 628 Millionen Euro TV-Geld nur 400 Millionen, was einen Leistungsabfall zur Folge hat und am Ende nur zwei Bundesligisten in der Champions League antreten. Ich bin überzeugt, dass von unseren Fans neunzig Prozent für die Champions League sind und nur zehn Prozent für 15.30 Uhr.

Das heißt im Umkehrschluss… 

dass wir eine demokratische Lösung haben: Die Mehrheit entscheidet.

Es heißt aber auch, dass der Spieltag sich im Interesse der TV-Investoren immer weiter aufsplitten wird.

Ich bin überzeugt, dass die gegenwärtige Lösung ideal ist. Und soweit ich weiß, gibt es keine Bestrebungen, den Spieltag weiter aufzugliedern.

Der aktuelle Vertrag wurde gerade erst geschlossen. Wie sieht es nach Auslaufen im Jahr 2017 aus?

Es muss Grenzen geben. Für kein Geld der Welt gebe ich mein Sakko an der Kasse ab. Natürlich ist auch »Monday Night Football« wie in den USA denkbar. Aber ich kann von dem Bayern-Fan aus Kassel nicht erwarten, dass er – nachdem er schon die Strapazen der Champions League unter der Woche auf sich nimmt – auch noch montags zu Spielen anreist.

Glauben Sie, dass die TV-Gelder noch weiter steigen?

Ich bin überzeugt, dass die Bundesliga bald eine Millarde pro Saison von den Fernsehanstalten bekommen wird. Auch weil nicht einzusehen ist, dass wir so viel weniger als in England einnehmen, wo jährlich 1,2 Milliarden Euro bezahlt werden. Warum soll die Bundesliga weniger als die Premier League wert sein?

Wie lange währt der Fußball-Boom noch? 

Ewig. Denn ich sehe im Bereich Sport nichts, was dem Fußball Konkurrenz machen könnte. Ein erneuter Tennisboom ist nicht in Sicht, weil wir nie wieder zwei Spieler wie Boris Becker und Steffi Graf parallel haben werden. Anderen Sportarten traue ich eine Breitenwirkung ehrlich gesagt nicht zu. Und dazu kommt ein gesellschaftliches Problem.

Nämlich?

Solange das Internet die Menschen immer mehr vom wirklichen Leben ablenkt, ist Fußball eine Möglichkeit aus der virtuellen Welt auszubrechen. Der Druck auf jeden Einzelnen steigt, noch nie haben soviele Menschen sechs Tage in der Woche gearbeitet. Ich bin überzeugt, dass es insgeheim eine Sehnsucht nach Muße gibt und danach, den Computer auszumachen und sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Diese Möglichkeit bietet der Stadionbesuch.
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