26.10.2012

Uli Hoeneß im Interview

»In zehn Jahren beherrscht die Bundesliga Europa«

Uli Hoeneß ist noch immer der geheime Taktgeber der Bundesliga. Im großen Interview aus 11FREUNDE #131 spricht er über Pyrotechnik, das Standing der Bundesliga in Europa, Jürgen Klopp als Bayern-Trainer und die möglichen Folgen des Financial Fairplay.

Interview: Philipp Köster und Tim Jürgens Bild: Imago

Uli Hoeneß, kneifen Sie sich noch oft in den Arm, weil Sie nicht glauben, was aus dem FC Bayern geworden ist, den Sie 1979 als Manager übernommen haben? 

Manchmal fällt mir Friedrich Schiller ein: »Er stand auf seines Daches Zinnen und schaute mit vergnügten Sinnen«. Ich war kein guter Zeichner, hatte immer eine vier in Kunst, aber wenn ich den Klub 1979 hätte malen müssen, hätte ich nie die Phantasie aufgebracht, ihn mir so vorzustellen.

Wovon träumten Sie damals?

Ich wollte etwas Großes: einen Klub wie Real Madrid. Der deutsche Fußball fristete ein stiefmütterliches Dasein. Wir hatten einen Jahresumsatz von 12 Millionen Mark, lebten von den Besucherzahlen und wenn es regnete blieben die Leute zuhause. So war die Stimmung im Verein. Obwohl wir drei Mal die Champions League gewonnen hatten, nahm man uns nicht als Top-Klub wahr.

Sondern? 

Noch als wir im Jahr 2000 die ersten Sitzungen mit der G14 veranstalteten, spürten Karl-Heinz Rummenigge und ich, dass Adriano Galliani von Inter, Josep Lluís Núñez aus Barcelona oder Lorenzo Sanz von Real uns nicht auf Augenhöhe betrachteten. Da hieß es: »Oh, hello, the Germans!« Aber ich war mir nicht zu schade, Núñez in den Sitzungen auch mal härter anzusprechen. Und so änderte es sich im Laufe der Jahre.

Nun liegt das gelobte Land vor Ihnen. Wenn »Financial Fairplay« greift und alle europäischen Klubs nur noch soviel Geld investieren dürfen, wie sie erwirtschaften, wird der FC Bayern auf Jahre der Spitzenklub in Europa sein.
Momentan merke ich noch nicht viel von »Financial Fairplay«, aber sollte es kommen, dann liegen vor allen deutschen Klubs glorreiche Zeiten. Denn die gesamte Bundesliga wirtschaftet seit Jahren sehr ordentlich.

Sie haben offenbar Zweifel an der Umsetzung?

Gar nicht. In Gesprächen mit Michel Platini höre ich ständig: »Believe me, believe me.«

Klubs wie Real Madrid oder der FC Barcelona sind extrem verschuldet. Würde »Financial Fairplay« dafür sorgen, dass solche Vereine von der europäischen Bühne verschwinden?

Da trauen Sie den handelnden Personen aber wenig Flexibilität zu. Wenn Real gezwungen ist, wird es anders arbeiten. Dann werden sie viel mehr Wert auf die Nachwuchsarbeit legen. Im Moment gehen sie, wenn es eng wird, zur Bank und leihen sich 30 Millionen für den nächsten Toptransfer. Es ist wie in der EU: Solange man Griechenland weiterwursteln lässt, haben die noch in fünf Jahren 200 000 Tote, die Rente beziehen. Aber wenn die EU sagt, das geht nicht, wird es sich ändern. Wichtig ist nur, dass man die Regeln konsequent durchsetzt.

Aber es gibt sehr viele Klubs, die von externen Geldgebern abhängig sind.

Die eigentliche Gefahr geht nicht von einzelnen Mäzenen aus, sondern von Klubs, die von einem Staat in Person eines Scheichs subventioniert werden. Hinter Manchester City steht der Staat Abu Dhabi, hinter Paris St. Germain Katar. Dort wirken ganz andere Kräfte, es sind sehr clevere Leute am Werke. Da muss die UEFA-Kommission sehr genau arbeiten, um alle Geldströme nachzuvollziehen.

Wäre es vorstellbar, dass in zehn Jahren alle Topspieler nach China gehen, weil nach »Financial Fairplay« plötzlich dort die höchsten Gehälter bezahlt werden?

In China ist eine rasante Entwicklung im Gange. Wenn die mit einer ähnlichen Vehemenz wie in anderen Wirtschaftzweigen anfangen, Fußballklubs aufzubauen, halte ich es durchaus für denkbar, dass die europäische Vereine ins Hintertreffen geraten.

Aber kann ein Land ohne jegliche Fußballtradition überhaupt mit europäischen Maßstäben mithalten?
Mit ihren unglaublichen Möglichkeiten können die Chinesen so ein Gefühl in zwanzig Jahren ohne weiteres herstellen. Dort habe ich eine sehr ehrliche, emotionale Begeisterung erlebt. Wir kamen nachts mit dem Flugzeug in Guangzhou an und 3000 Kids empfingen uns singend mit »Stern des Südens«. Sowas wäre vor zehn Jahren unmöglich gewesen, aber übers Internet verbreitet sich sogar so ein Lied weltweit. Wir müssen also dringend unsere Strategie ändern.

Inwiefern?
Der FC Bayern muss sich intensiver mit dem Markt beschäftigen. Bisher sind wir dorthin gefahren, haben viel Geld als Antrittsprämie kassiert und sind wieder abgehauen. Aber wir müssen dieses Land ernst nehmen. Wir werden Leute rüberschicken, die sich mit Sponsoren zusammensetzen und die Bedürfnisse checken. Und wir werden Einfluss auf die DFL nehmen, dass sie dort hinsichtlich der Übertragungsrechte mehr Gas gibt.

Moment erlebt die Bundesliga einen unglaublichen Boom. Ist dies die beste Zeit, die der deutsche Fußball je erlebt hat?

Die Akzeptanz war nie größer. Aber auf den Aktiven lastet auch ein enormer Druck. Vor zwanzig Jahren konnten die Spieler auf dem Oktoberfest in irgendeiner Ecke von mittags zwölf bis Mitternacht unbehelligt feiern. Wenn ich heute über die Wiesn gehe, werde ich in zehn Minuten 400 Mal fotografiert.

Aber das Positive überwiegt?

Auf jeden Fall. Das Schöne ist doch, dass all diese Nebengeräusche samstags um 15.30 Uhr beendet sind. Dann regiert wieder Fußball. Das Spiel ist wie unter einer Käseglocke – so laut das Kreischen drumherum ist, das Spiel hat sich nicht verändert.

Es gibt aber immer wieder leichte Regelkorrekturen. Welche befürworten Sie?

Vielleicht gerade noch die Einführung der Torkamera, aber dann muss gnadenlos Schluss sein. Es darf nicht sein, dass die Leute aufhören zu diskutieren, ob ein Foul inner- oder außerhalb des Strafraums war, weil darüber nun TV-Bilder entscheiden. Wir leben in schwierigen Zeiten. Jeder kann sich im Internet das Tina-Turner-Konzert von 1996 in der Amsterdam Arena runterladen. Alles ist verfügbar und belegbar geworden. Gerade deshalb darf es nie passieren, dass alle Faktoren eines Fußballspiels überprüfbar sind. Der Fußball muss sich die totale Unsicherheit bewahren.

Innerhalb des Rasenvierecks soll sich nichts verändern. Gibt es auch beim Drumherum Tabus?

Ich war immer ein Anhänger des eigenen Stadions, das Fans eine Heimat bietet. Die Jahre von 1972 bis 2005 im Olympiastadion waren für den FC Bayern eine heimatlose Zeit. An Regentagen kamen die Leute fünf Minuten vor Anpfiff und waren oft kurz vor Schluss wieder auf dem Heimweg. Erst seit wir in der Arena spielen, wissen alle Fans, wo ihr Platz ist. Die Leute kommen teilweise zwei Stunden vor dem Spiel. Aber wir müssen aufpassen, dass dieser Event-Charakter nicht Überhand nimmt. Die Menschen müssen sich weiter an einem Steilpass oder einem Volleyschuss berauschen – nicht am Drumherum.

In der Sommerpause wird beim FC Bayern sogar das Training zum Event. Teilweise kommen täglich bis zu 5000 Zuschauer an die Säbener Straße.

Unser Ziel ist, dem Fußball den Geruch des Elitären zu nehmen. Der Fan erwartet Höchstleistungen, aber er soll auch erkennen, dass dahinter viel Arbeit von Menschen steckt – und nicht von Gladiatoren. Deswegen müssen die Fans auch die Möglichkeit bekommen, dies im Training zu beobachten.

Sie haben mal gesagt: »Die Bundesliga ist der letzte Freiraum, den die Menschen in unserer beengten, mechanisierten Welt noch haben. Wo sonst dürfen sie samstags noch toben und schreien und ungestraft Arschloch sagen?«
Würde ich so heute noch unterschreiben.

»Arschloch« zu rufen, ist noch okay?
Sowas ist sogar mir schon während eines Spiels rausgerutscht. Bei rassistischen Äußerungen und Diskriminierungen hört der Spaß allerdings auf. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen »Idiot« und »schwarzes Schwein«.

Ist es noch freie Meinungsäußerung, wenn Fans Zettel mit der Aufschrift »Koan Neuer« hochhalten?

Jeder Fan hat das Recht, bei schlechten Leistungen die Mannschaft oder den Vorstand zu kritisieren. Von mir aus auch mit Plakaten. Aber es kann nicht sein, dass Manuel Neuer aus einer bestimmten Ecke bis zum heutigen Tag schon beim Warmlaufen beleidigt wird und sogar Feuerzeuge auf ihn geworfen werden. Das ist keine freie Meinungsäußerung, sondern fällt in den Bereich Diskriminierung.

Würden Sie einem jungen Spieler abraten, sich klar zu einem Verein zu bekennen, so wie es Neuer bei Schalke gemacht hat?
Im Gegenteil, ich fordere von den Jungs das Bekenntnis. Die sollen sich identifizieren und den Mut haben, ja und nein zu sagen. Wenn ich Spieler in eine künstliche Situation drängen müsste, würde ich aufhören. Aber die Gesellschaft muss akzeptieren, dass einer, der mit 15 Jahren eingefleischter Bayern-Fan ist, mit 20 auch zu Manchester United wechselt, wenn er meint, dass es ihn dort weiterbringt. Ich bin doch auch nicht der Meinung, dass Joschka Fischer ein katastrophaler Außenminister war, weil er mit zwanzig mal einen Stein geworfen hat.

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