20.03.2012

Uli Borowka über seine Alkoholsucht

»...dann wäre ich heute tot«

Er war Meister und Europacup-Sieger. Aber als seinen größten Erfolg wertet Uli Borowka, dass er heute noch am Leben ist. Für die aktuelle 11FREUNDE-Ausgabe sprachen wir mit ihm über seine Alkoholsucht und andere harte Kämpfe. PS: Heute wird er 49.

Interview: Dirk Gieselmann und Alex Raack Bild: Volker Schrank


Irgendwann waren die Eskapaden nicht mehr zu verbergen.

Nach Rehhagels Wechsel zum FC Bayern 1995 platzte die schützende Blase. Ich soff nun quasi in der Öffentlichkeit, baute einen Verkehrsunfall und verbrachte eine Nacht in der Ausnüchterungszelle. Einmal wachte ich sogar unter einer Brücke auf und hatte einen riesigen Cut im Schädel. Ich wusste nicht, wie das passiert war. War ich von der Brücke gefallen? Hatte mir jemand einen übergezogen? Ich wusste nur: Ich stand mit anderthalb Beinen im Grab.

Sie haben erzählt, dass Ihre Freunde Hochstätter und Jacobs Sie schließlich in die Entziehungsklinik verfrachteten. Was haben Sie dort erlebt?

Ich habe einen Menschen getroffen, der nur noch ein halbes Jahr zu leben hatte. Ein anderer galt eigentlich als geheilt, und am Tag nach seiner Entlassung hat er sich mit Benzin überschüttet und angezündet. Ich aber wollte überleben. Unbedingt.

Nach vier Monaten wurden Sie entlassen und waren trocken. Wie ging es dann für Sie weiter?

Ich habe mich bei etlichen Vereinen als Trainer beworben, aber ich bekam von allen eine Absage, »aufgrund deiner Alkoholkrankheit«, wie es hieß. Ich bin nicht mehr vermittelbar, und das wird wohl auch so bleiben.

Haben Sie sich je einsam gefühlt?

Manchmal schon. Als ich mit meiner damaligen Frau ein Haus baute, wollte ich auch einen Kühlraum haben, um dort Obst und Gemüse einzulagern. Als sie mich dann mit den Kindern verlassen hatte, habe ich mich da reingesetzt und einen Kasten Weizenbier leer gemacht.

Als 1995 berichtet wurde, Sie seien im Alkoholrausch gewalttätig gegenüber Ihrer Frau geworden, soll KSC-Trainer Winnie Schäfer seinen Spielern eingebläut haben, Sie doch mal auf Ihre Eheprobleme anzusprechen.

War er dabei, als das bei uns zu Hause passierte? Waren Sie dabei? Winnie Schäfer ist ein schlechter Mensch. Mehr sage ich dazu nicht.

Waren Sie auch auf dem Platz so einsam wie in Ihrem Kühlraum?

Einsam nicht, aber allein. Allein gegen alle – das war meine Haltung. Ins Dortmunder Westfalenstadion bin ich zum Beispiel immer absichtlich als Letzter eingelaufen. Mein Gott, haben die mich ausgepfiffen, haben die gebuht! Und ich habe es genossen, im Adrenalin zu baden.

Da hätten Sie doch Ihre Droge gehabt. Wozu dann noch der Alkohol?

Um wieder runterzukommen. Wenn du von Zehntausenden ausgebuht wirst, bist du eine halbe Stunde nach dem Spiel nicht schon wieder auf Normaltemperatur. Dann brauchst du ein Bierchen. Aber ich brauchte bald zwei, dann vier, sechs ...

Wie war Ihr Verhältnis zu anderen Profis?

Den Umständen entsprechend. Ich wurde von den Kollegen regelmäßig mit weitem Abstand zum unbeliebtesten Bundesligaspieler gewählt. Wenn ich sie dann zur Rede stellte, Jürgen Klinsmann, Andreas Möller oder wie sie alle hießen, dann haben sie immer nur gesagt: »Wer? Ich? Niemals!« Darauf ich: »Na gut, dann werde ich heute dafür sorgen, dass du mich beim nächsten Mal wählst.«

Olaf Thon begrüßten Sie mal mit den Worten: »Heute breche ich dir die Beine.«

Zum Job eines Vorstoppers gehörte es damals, Angst zu verbreiten. Sie hätten sehen müssen, wie die weggerannt sind vor mir! Herrlich! Wenn ich gegen den Möller spielte, war der nach wenigen Minuten plötzlich der zweite Libero, tief in der eigenen Hälfte, damit er mir ja nicht begegnete. Nur bei einem ist meine Strategie nicht aufgegangen.

Wer war der Furchtlose?

Der »Schwatte« – Ulf Kirsten! Kaum war das Spiel angepfiffen, hatte ich auch schon seinen Stollenabdruck auf der Wade. Ein geiler Stürmer!

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