20.03.2012

Uli Borowka über seine Alkoholsucht

»...dann wäre ich heute tot«

Er war Meister und Europacup-Sieger. Aber als seinen größten Erfolg wertet Uli Borowka, dass er heute noch am Leben ist. Für die aktuelle 11FREUNDE-Ausgabe sprachen wir mit ihm über seine Alkoholsucht und andere harte Kämpfe. PS: Heute wird er 49.

Interview: Dirk Gieselmann und Alex Raack Bild: Volker Schrank

Ulrich Borowka, Sie haben vor einigen Jahren mit der Punkband »Dimple Minds« das Lied »Barfuß oder Lackschuh« aufgenommen. Was ist der derzeitige Stand?

Nichts von beidem. Wie Sie sehen, trage ich Turnschuhe.

Haben Sie den Extremen abgeschworen?

Kann man so sagen. Ich bin jetzt seit elf Jahren trockener Alkoholiker.

Wie fing es an mit dem Saufen? Und wie hörte es auf?

Los ging es sehr früh. Meine Eltern haben 40 Jahre lang die Vereinskneipe des FC Oese im Sauerland betrieben, deshalb war Alkohol für mich schon in meiner Jugend allgegenwärtig. Auch in meiner Lehre als Maschinenschlosser gehörte das Feierabendbierchen dazu. Psychisch abhängig wurde ich als junger Profi bei Borussia Mönchengladbach. Damals dachte ich auch während des Trainings ständig ans Trinken. Von da an habe ich fast 20 Jahre durchgetrunken, in stetig wachsenden Mengen. Bis mich vor elf Jahren meine alten Gladbacher Freunde Christian Hochstätter und Wilfried Jacobs in die Entzugsklinik Bad Fredeburg brachten. Hätten sie das nicht getan, wäre ich heute mit Sicherheit tot.



Wenn man sich als Durchschnittsmensch einen reinkippt, kann man sich am nächsten Morgen kaum am Schreibtisch halten. Wie konnten Sie den Leistungssport mit Ihrem exzessiven Alkoholkonsum vereinbaren?

Nur über meinen eisernen Willen. Ich bin teilweise um acht Uhr morgens aus der Kneipe gefallen, um neun stand ich auf dem Trainingsplatz und habe alles gegeben. Ich habe, obwohl ich Alkoholiker war, nie aufgehört, den Fußball über alles zu lieben. Aber der Fußball bietet nun mal sieben Gründe zu saufen: Jeder Wochentag ist einer. Wenn wir verloren hatten, habe ich gegen den Frust gesoffen, wenn wir gewonnen hatten, vor Freude. Aber im Gegensatz zu meinen Kollegen habe ich kein Maß gefunden.

Sie galten als harter Verteidiger. Glaubten Sie deswegen, besonders viel vertragen zu müssen?

Nein, es hing vielmehr damit zusammen, dass ich immer die Nähe zu den Fans suchte, weil ich selbst ein Fußballverrückter war. Bei diesen hochemotionalen Menschen fühlte ich mich am wohlsten. Und da fand sich immer einer, der dem Uli einen ausgeben wollte.

Gab es Situationen, die Sie als Warnung hätten werten müssen?

Als ich einmal halbbesoffen in mein Auto stieg und die Tür zuknallte, habe ich mir die halbe Fingerkuppe abgequetscht. Wie das geblutet hat! Im Krankenhaus wurde es noch in der Nacht genäht und geschient. Am nächsten Morgen habe ich versucht, die Schiene unter der Trainingsjacke zu verbergen. Aber Jupp Heynckes, unser Trainer, hat es natürlich spitzgekriegt.

Wie hat er reagiert?

»Uli, was machst du für Sachen?«, hat er gesagt. Ihm war sowieso nicht verborgen geblieben, dass ich gern und viel trank. Gladbach ist klein, da gibt es eigentlich nur den Alten Markt, wo man hingehen kann.

Der englische Weltmeister Jimmy Greaves spritzte Wodka in Orangen, die er dann massenhaft verspeiste. Wie haben Sie versucht, Ihre Sucht zu verbergen?

Ich hatte keine Tricks. Ich habe den Alkohol vernichtet, wo immer er mir in die Quere kam. Aber wo Sie von England sprechen: Dort zieht man den Hut vor Männern wie Greaves oder auch Tony Adams, die offen zugeben, dass sie ein Problem mit dem Alkohol haben. In Deutschland wirst du automatisch zur Persona non grata.

Hat Jupp Heynckes denn versucht, Ihnen zu helfen?

Nein, dass ich tatsächlich krank war, alkoholkrank, konnte damals noch niemand wissen. Wirkliche Ausfälle hatte ich auch erst in meiner Bremer Zeit ab 1987.

Hat man das Problem dort erkannt?

Dr. Franz Böhmert, der damalige Präsident, war Arzt und hat mich durchschaut. Er wollte mir helfen, aber ich ließ es nicht zu. Es war nicht so, dass ich es nicht wahrhaben wollte, nein: Ich habe das Problem nicht mal gesehen.

Der »Weser-Kurier« schrieb rückblickend: »Vielleicht war es die Duldung von Öffentlichkeit und Verein, die den urigen Kicker den Ernst der Lage verkennen ließ.«

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Otto Rehhagels Konzept als Werder-Trainer war es, dass Mannschaftsinterna nicht nach außen drangen. So hat er auch mich geschützt. Wenn ich wegen eines Saufgelages mal beim Morgentraining fehlte, sagte Otto zu den Journalisten: »Der Uli hat was mit dem Magen.« Ein Fehler, aber ein unbewusster. Heute weiß ich, dass es sich dabei um eine sogenannte Co-Abhängigkeit handelte.

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