Uli Borowka über die Folgen seines Alkohol-Outings

»Ich fiel in ein tiefes Loch«

Seit gut zwei Monaten ist die Biografie von Uli Borowka auf dem Markt. Die Reaktionen auf die alkoholgeschwängerte Lebensbeichte des »Eisenfußes« sind beeindruckend. Im Interview spricht Borowka über Alkoholiker in seinen Lesungen und ein Feedback von Andy Möller.

Uli Borowka, vor gut zwei Monaten wurde Ihre Biografie veröffentlicht, in der Sie schonungslos offen Ihre Karriere und die damit verbundene Alkoholsucht sezieren. Das Buch hat erstaunlich viele Reaktionen provoziert. Welches Feedback hat Sie ganz besonders berührt?
Ein Mann schrieb mir: »Uli, Danke für die Grätsche direkt in mein Herz. Ich habe vor acht Tagen aufgehört zu saufen«. Und er war nicht der einzige, der sich offenbar von meinen Erfahrungen hat positiv beeinflussen lassen. Noch persönlicher ist das Feedback bei den Lesungen: Da sitzen Menschen im Publikum, die ganz offen zugeben, dass sie nasse oder trockene Alkoholiker sind und mit mir das Gespräch suchen. Das zeigt mir, dass ich den richtigen Weg gewählt habe.

Sie galten als aktiver Spieler als Raubein und Bösewicht – nicht nur auf dem Platz. Das »Axt«-Image haben Sie auch als Privatperson ausgelebt. Wie reagieren die Menschen darauf, dass Sie nun so offen und ehrlich über Ihr Fehlverhalten sprechen?
Viele, ob nun Leser, Fans oder Journalisten, sind sich im Vorfeld immer sehr unsicher, ob ich sie nicht gleich über die andere Straßenseite treten würde. Und sind dann natürlich überrascht, dass ich doch eigentlich ein ganz netter Kerl bin, der durchaus unfallfrei drei gerade Sätze sagen kann. Ganz klar: Das Buch hat mir bislang auch geholfen, mein ramponiertes Image aufzupolieren.

Gab es in den vergangenen zwei Monaten einen Tag, an dem Sie dachten: Hätte ich bloß nicht dieses Buch geschrieben?
Nein. Während der Arbeit an der Biografie habe ich durchaus auch mal Zweifel gehabt, ob das richtig ist, was ich hier tue. Und als ich dann das erste Mal das vorläufige Manuskript gelesen hatte, bin ich richtig in ein Loch gefallen. Zwei Wochen lang ging es mir dreckig. Weil mir das, was in dem Buch steht, einfach noch mal vor Augen führt, was ich in meinem Leben alles falsch gemacht habe. Ich fuhr zu einem meiner besten Kumpels, wir redeten viel und ich konnte mich aus diesem Tief befreien. Seitdem kann ich das Buch und seine Folgen auch genießen.

Als Fußballer nannte man Sie »die Axt«, auf Ihrer Visitenkarte und Ihrer Homepage werben Sie noch immer mit dem Axt-Symbol. Gleichzeitig hat noch kaum ein Fußballer so offen über sein Fehlverhalten gesprochen und geschrieben wie Sie. Wenn man so will, ist die Axt zum größten Sensibelchen der Fußball-Szene geworden. Müssen Sie sich Gedanken über ein neues Image machen?
Ach was, ich bin einfach nur reifer geworden, habe mich seit der Therapie 2000 persönlich extrem weiterentwickelt. Dass ich heute so offen und ehrlich über meine Gefühle spreche, ist auch Teil der Bekämpfung meiner Alkoholsucht. Das Leben hat für mich heute einen ganz anderen Sinn und weil ich so offen an mich und mein Leben heran gehe, kann ich die Axt von früher und den Uli der Gegenwart auch sehr gut miteinander verknüpfen.

War das Buch auch Teil Ihrer Langzeittherapie gegen die Sucht?
Absolut! Ich habe mir damals in der Klinik vorgenommen, die Sucht schonungs- und kompromisslos zu bekämpfen. Dazu gehört, dass ich keinen Tropfen Alkohol mehr anrühre, dazu gehört, dass ich gleich nach der Therapie wieder in der elterlichen Gaststätte am Tresen stand, dazu gehört, dass ich ein Buch geschrieben habe, dazu gehört, dass ich brutal ehrlich zu mir selbst bin. Diese Ehrlichkeit, das haben mir viele andere Betroffene gesagt, würden sich die meisten Süchtigen oder Suchtgefährdeten auch wünschen. Aber dazu muss man auch bereit sein. Leicht ist es nicht. Womöglich kommt mir dabei die Disziplin des ehemaligen Leistungssportlers zugute.

Hätte der Uli Borowka im Winter 2012 dem Uli Borowka kurz vor dem Alkohol-Exitus eigentlich helfen können?
Nein. Wenn der Süchtige nicht auch nur ein Fünkchen Eigeninitiative zu seiner Rettung verspürt, kann ihm niemand helfen. Ich erlebe diese Tragödie gerade im Freundeskreis. Ich will helfen, ich will alles tun, aber Süchtige können einen so dicke Mauer um sich heraus aufbauen, dass kein anderer Mensch die einreißen kann, außer sie selbst. Dass ich damals gerettet wurde, war einfach nur Glück und der Verdienst von meinen alten Gladbacher Freunden, die mir zum richtigen Zeitpunkt Hilfe angeboten haben.

Ihr Freund Christian Hochstätter hat Ihnen damals einen Platz in der Suchtklinik verschafft. Wie hat die Fußballszene eigentlich auf die Veröffentlichung Ihrer Biografie reagiert?
Mal von einigen wenige Ausnahmen abgesehen sehr positiv. Andy Möller hat mir erst neulich auf dem Sportpresseball seinen Respekt bezeugt und auch von anderen Sportlern war das Feedback toll. Die ehemalige Boxerin Regina Halmich etwa hat gesagt, ihr wäre ein so ehrlicher Typ wie ich tausendmal lieber, als all die glattgebügelten Kollegen.

Sie wirken bei Ihren Auftritten sehr geläutert, fast schon demütig: Müssen Sie jetzt eigentlich aufpassen, bei all der Öffentlichkeit nicht die frisch gewonnene Bodenhaftung zu verlieren?
Natürlich. Ich war schon immer ein Typ, dem das Leben schnell den Kopf verdrehen kann. Es gibt ein altes Sprichwort, das passt bei mir wie die Faust aufs Auge: Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis. Aber ich habe meine Frau, meine Freunde – und schließlich auch mich selbst, um aufzupassen, dass das nicht passiert.

Trockener Alkoholiker, die Biografie veröffentlicht – was kommt als Nächstes?
Gemeinsam arbeiten wir an der Gründung eines gemeinnützigen Vereins, der eine Anlaufstelle für suchtkranke oder suchtgefährdete Leistungssportler werden soll. Keine Sorge, die Arbeit wird mir nicht ausgehen.

Letzte Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass der neue sympathische Uli Borowka plötzlich auch auf dem Fußballplatz ein ganz netter Zeitgenosse ist?
Tja, auf dem Rasen brennen mir tatsächlich immer noch regelmäßig die Sicherungen durch, ein altes Überbleibsel aus den alten Bundesligatagen… Ich muss bei jedem Kick aufpassen, dass mich nicht mein Fußballer-Ich übermannt, schließlich sind wir alle schon etwas in die Jahre gekommen, da ist der Körper doch ziemlich verletzungsanfällig. Aber kein Angst, die Axt werde ich schon nicht begraben...

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Uli Borowkas Biografie »Volle Pulle - mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker« ist im Edel-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.

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