31.01.2013

Uerdingen-Legende Helmut Rahner über seine Karriere

»Zur Begrüßung ein Tackling mit Ball«

Einst war Helmut Rahner der härteste Verteidiger der Bundesliga. Vorm Uerdinger fürchteten sich Riedle, Elber und Kuntz. In unserem Ranking »Die 50 härtesten Fußballer der Welt« sicherte sich »Alu« Rahner Platz 10. Wir sprachen einst mit ihm über die Tugenden des Vorstoppers, seinen Kirschlikör »Blutgrätsche« und seine Kandidatur als Bürgermeister.

Interview: Daniel Müller Bild: imago

Helmut Rahner, Sie haben das Fußballspielen in Ihrem Heimatort Weingarts begonnen und später in der B- und A- Jugend des 1. FC Nürnberg gespielt. Ihre erste Station im Profifußball war Blau Weiß 90 Berlin, wohin Sie im Jahr 1990 gewechselt sind. Wie kam der Wechsel zustande?
Blau Weiß 90 hatte zu der Zeit einen fränkischen Mäzen, was zur Folge hatte, dass immer einige Spieler aus Franken oder Bayern in Berlin unter Vertrag standen. Als 18-Jähriger bin ich direkt nach der A-Jugend nach Berlin gegangen. Dort konnte ich in der zweiten Bundesliga spielen, außerdem war die Stadt unmittelbar nach der Wende eine unheimlich interessante Adresse: Da ging für mich natürlich ein Traum in Erfüllung.

Nur ein Jahr später ging der Transfer zu Bayer Uerdingen über die Bühne. Stimmt es, dass Uerdingen Sie seinerzeit nur im Paket zusammen mit Thomas Adler und Alexander Kutschera verpflichten wollte?
Das stimmt: Ich bin damals zusammen mit Adler und Kutschera nach Uerdingen gekommen und war sozusagen die Dreingabe. Thomas Adler galt damals als ausgesprochener Knipser, und auch Alexander Kutschera war schon relativ etabliert. Mein Glück: Uerdingen suchte noch einen Spieler für die linke Mittelfeldseite, bis dahin meine Stammposition. Außerdem verband mich mit Bayer Uerdingen bereits ein sehr einschneidendes Erlebnis: In der B-Jugend verlor ich mit dem Club das Deutsche Pokalendspiel zuhause im Frankenstadion – ausgerechnet gegen Uerdingen mit 0:4.

Wie war Ihr erster Eindruck vom Verein und vom Umfeld?

Damals spielte Uerdingen eine ähnliche Rolle wie heute der VfL Wolfsburg: Durch die Nähe zum Bayer-Konzern war alles sehr gut strukturiert, das Umfeld war äußerst professionell. Auch im Nachhinein muss ich sagen: Der Wechsel nach Uerdingen war für mich wie ein Sechser im Lotto.

Nach dem Bundesligaabstieg im Sommer 1993 schaffte die Mannschaft in der darauffolgenden Saison den direkten Wiederaufstieg. Im Laufe dieser Zeit wurden Sie zu einer festen Größe – obwohl die Konkurrenz groß war. Wie haben Sie es geschafft, sich durchzusetzen?

Obwohl ich vom damaligen Manager Felix Magath quasi als Zugabe verpflichtet wurde, hat Friedhelm Funkel mir von Anfang an eine faire Chance gegeben. Ich gab im Training ordentlich Gas, das sorgte für Respekt bei Trainer und Mitspieler und half mir, zu Einsatzzeiten zu kommen. Tugenden wie Wille, Fleiß, Disziplin und die Überwindung, niemals aufzugeben waren natürlich auch wichtig. Härter trainieren als andere, denn Qualität kommt von quälen. Ich lebte meinen Traum: Fußball, Fußball, Fußball. Außerdem hatte ich schnell verstanden, dass man als junger Spieler den älteren gegenüber, wie beispielsweise den Leitwölfen Peschke, Dreher oder Lässig, einen gewissen Respekt entgegenbringen muss, Koffer tragen gehört dann auch dazu.

Im Herbst 1994 gab es eine ziemliche Hetzkampagne seitens Medien und Gegenspielern gegen Sie. Die »Bild« betitelte Sie unter anderem als »Rambo-Rahner«, Spieler wie Karl-Heinz Riedle oder Giovanne Elber beschwerten sich über Ihre angeblich überharte Gangart. Wie sind Sie persönlich mit dem Ruf eines Treters umgegangen?

Ganz ehrlich: ein größeres Kompliment kann man ja als Abwehrspieler gar nicht bekommen. In den 90er Jahren wurde ja generell noch viel mannorientierter gespielt als heute. Damals hatten die großen Vereine immer zwei bis drei Top-Stars, die man an die Kette legen musste, und jede Mannschaft brauchte Spieler, die diesen Job erledigten. Das ist heute übrigens immer noch so: Mike Franz, Marc van Bommel oder auch Gattuso sind gute Beispiele für solche Spielertypen. Besser, du hast sie in deiner Mannschaft ...

Stichwort »Treter«: In insgesamt 151 Spielen für Bayer Uerdingen beziehungsweise den KFC sind Sie nur zwei Mal vom Platz gestellt worden.
Da muss ich selbst nachdenken, wann das gewesen sein könnte. Jürgen Kohler, der letzte deutsche Weltklasse-Vorstopper, und der gesamte deutsche Fußball der 80er und 90er Jahre lebten es uns vor, die berühmten deutschen Tugenden. Durch Trainer wie Gerland, Funkel oder auch Magath habe ich gelernt, immer an der Grenze des Erlaubten zu spielen. Meistens ist mir das auch ganz gut gelungen. Den Stürmern habe ich versucht, keine Ballkontakte zu geben. Zur Begrüßung gab es in den ersten Minuten ein Tackling mit Ball. Verbal und mit Mimik und Gestik wurde dem Gegenspieler der Hinweis gegeben: Lass dich lieber auswechseln, bleib besser in deiner Hälfte! Ein Vorstopper der wirklich klassischen Prägung ließ in einer Halbzeit vielleicht fünf bis sechs Ballkontakte des Stürmers zu. Und der musste ja meistens schon in der Halbzeitpause frustriert und schimpfend auf Mitspieler und Schiedsrichter herausgenommen werden, da er rotgefährdet war. Gutes Zweikampfverhalten, eine gesunde Grundaggressivität und der absolute Wille, Gegentore zu verhindern – das ist es, worauf es ankommt. Eben, authentisch bleiben, hart aber herzlich!

Die Saison 1994/95 haben viele Uerdingen-Fans noch heute in sehr schöner Erinnerung. Insbesondere die Abwehr trug maßgeblich dazu bei, dass die Mannschaft während der ganzen Saison nicht einmal auf einem Abstiegsplatz stand. Was war das Erfolgsrezept?
In erster Linie unsere mannschaftliche Geschlossenheit und unsere gute Kameradschaft. Gerade die Achse um Peschke, Dreher, Gorlukowitsch, Bittengel, Lässig und mich hat ja über Jahre hinweg zusammen gespielt und war entsprechend gefestigt. Hinzu kam mit Friedhelm Funkel ein super Trainer. Da passte einfach alles zusammen. Und bei aller harten gewissenhaften Arbeit habe ich durch meine Zeit im Rheinland auch eine gewisse Lockerheit dazugelernt.

Ausgerechnet im Jahr eins nach dem Ausstieg des Bayer-Konzerns erfolgte nach einer schwachen Saison 1995/96 der Abstieg in die 2. Liga. Was lief nicht mehr so wie zuvor?
Noch in der Vorrunde der Saison hatten wir die beste Abwehr der Liga. Danach wurden wir wahrscheinlich ein wenig übermütig, und es wurde zu offensiv gespielt. Das ging bekanntlich leider nach hinten los. Hinzu kam, dass der Teamgeist der vorherigen Saison mehr und mehr nachließ. Zusätzlich hatten einige Spieler bereits in der Winterpause bei anderen Vereinen zugesagt, so dass sie in der wirklich heißen Phase der Saison gedanklich wahrscheinlich schon woanders waren. Hinzu kam Verletzungspech, verschossene Elfmeter verschossen, das berühmte zweite Jahr des Aufsteigers eben. Von den Namen her waren wir natürlich noch stärker besetzt als im Jahr zuvor, deshalb war der Abstieg auch unnötig und wäre eigentlich vermeidbar gewesen.

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