06.02.2011

Über St. Paulis einzigen Derbysieg 1977

Buttje Rosenfeld: »Wir nippten an der Sangria«

1977 kommt es in der Bundesliga erstmals zum Derby HSV gegen St. Pauli. Für die Rothosen ist die Sache vorher klar: »Wir gewinnen 8:0«, tönt Peter Nogly. Doch dem Underdog gelingt die Sensation. Buttje Rosenfeld erinnert sich.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Rolf-Peter Rosenfeld, im Sommer 1977 machten Sie Abitur, stiegen kurze Zeit später mit dem FC St. Pauli in die 1. Bundesliga auf und fuhren dann zum Saisonabschluss nach El Arenal.

1977 war mein Jahr, mein Sommer. Gerade für einen jungen Burschen, wie ich es damals war.



Wie überstanden Sie die Feierlichkeiten auf Mallorca?

Nicht sonderlich gut. Schon als wir im Hotel ankamen – aufgekratzt und voll guter Laune vom Aufstieg–, wurden wir mit Sangria empfangen. Ich muss dazu sagen: Jens-Peter Box und ich hatten bis zu dem Zeitpunkt noch nie Alkohol getrunken. Fanta, Cola und Spezi waren meine Getränke. Wir nippten also an der Sangria und waren begeistert, richtig lecker, schön süß, wie Fruchtsaft, freute ich mich. Nach zwei Stunden wollte ich zum ersten Mal auf Toilette, ich wankte und dachte: Wer hält mich da denn fest? Doch da war niemand – die Sangria zeigte ihre Wirkung. Von der Feier habe ich mich vier Tage nicht mehr erholt.

Wie reagierte Ihr damaliger Trainer Diethelm Ferner?

Ferner war an jenem ersten Abend noch gar nicht auf Mallorca, er befand sich noch auf Spielersuche in Deutschland. Zum ersten Mal sahen wir ihn bei einem Freundschaftsspiel gegen den damaligen spanischen Drittligisten Real Mallorca, bei dem wir uns im sehr angeschlagenen Zustand zu einem 1:1 mühten. Später erzählten mir einige Mitspieler, dass Ferner auf der Bank entgeistert gefragt hätte: »Hat der Buttje etwa auch getrunken?« Danach hörte ich ihn nur noch schreien: »Buttje, wir spielen in die andere Richtung!«

Die Mannschaft startete mit 16 Spielern in die Saison. Glaubte die Klubführung wirklich, mit diesem Mini-Kader bestehen zu können?

Es war einfach kein Geld für neue Spieler vorhanden. Wir testeten vor der Saison noch verschiedene Spieler, so etwa den Griechen Maik Galakos, der sogar auf dem offiziellen Mannschaftsfoto im »kicker« zu sehen ist. Die Verpflichtung scheiterte aber an der Ablöse. Doch daran würde ich den Abstieg nicht festmachen.

Das heißt, der FC St. Pauli war mit dem bestehenden Kader bundesligatauglich?

Wir hatten eine gute Mannschaft. Es fielen allerdings gleich zum Start einige wichtige Spieler aus, besonders schlimm traf uns die Verletzung von Walter Frosch. Froschi war ein eisenharter Verteidiger, vor dem die Gegenspieler Respekt hatten und der alle Mitspieler mit seiner Art mitgerissen hat. Dann verletzte sich auch noch Manfred Mannebach, der ebenfalls extrem wichtig für uns war. Ich glaube allerdings, es waren nicht die Verletzungen und der kleine Kader, die uns die Punkte gekostet haben, sondern die Tatsache, dass wir etliche Heimspiele im Volksparkstadion austragen mussten. Dort verloren wir nahezu alle Spiele, während wir am Millerntor ungeschlagen blieben.

Das erste Heimspiel gewann St. Pauli 3:1 gegen Werder Bremen.

Dietmar Demuth machte zwei Tore. Ich erinnere mich noch an die Fotos in den Hamburger Sportteilen der Hamburger Presse: Didi in Jubelpose. Eine Woche später war wieder Didi Demuth zu sehen, allerdings in stark gebeugter Haltung – wir hatten gerade in München 2:4 verloren und sein Gegenspieler Gerd Müller hatte alle vier Tore gemacht.

Vor dem Spiel gegen den HSV war vor allem Peter Nogly in den Zeitungen präsent. Er soll den Journalisten diktiert haben: »Wir gewinnen 8:0!«

Diethelm Ferner sagte danach: »Jungs, offensichtlich werden wir hier nicht für voll genommen. Lasst uns zeigen, was wir können!« Das klappte von Anfang an sehr gut. Der HSV war natürlich haushoher Favorit, die waren ein paar Wochen vorher Europapokalsieger geworden. Das waren ja Giganten: Peter Nogly, dieser beinharte Typ, Manni Kaltz, Rudi Kargus, Kevin Keegan, der erste Weltstar in Deutschland, Felix Magath, Peter Hidien – diese Namen hatten einen guten Sound.

Welchen Klang hatte der Name HSV?

Die Machtverhältnisse waren damals noch viel eindeutiger als heute geklärt. Der große HSV auf der einen, der winzig kleine FC St. Pauli auf der anderen Seite. Viele Leute meinten damals, der Klub strahle eine Arroganz aus. Es schien tatsächlich so. Allerdings trübte der äußere Schein, auf die Spieler ließ sich das jedenfalls nicht übertragen, die waren stets sehr freundlich, niemals hochnäsig.

Welche Bedeutung hatte das Derby damals in Hamburg?

Die Zeitungen quollen auch damals vor Berichten über – es war ja das erste Bundesligaderby dieser beiden Mannschaften. Dementsprechend voll war auch das Stadion. 50.000 Zuschauer sollen vor Ort gewesen sein, das war für damalige Verhältnisse eine unglaubliche Zahl. Von uns hatten die meisten jedenfalls noch nie vor so einer Kulisse gespielt.
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