Über St. Paulis einzigen Derbysieg 1977

Buttje Rosenfeld: »Wir nippten an der Sangria«

1977 kommt es in der Bundesliga erstmals zum Derby HSV gegen St. Pauli. Für die Rothosen ist die Sache vorher klar: »Wir gewinnen 8:0«, tönt Peter Nogly. Doch dem Underdog gelingt die Sensation. Buttje Rosenfeld erinnert sich. Über St. Paulis einzigen Derbysieg 1977

Rolf-Peter Rosenfeld, im Sommer 1977 machten Sie Abitur, stiegen kurze Zeit später mit dem FC St. Pauli in die 1. Bundesliga auf und fuhren dann zum Saisonabschluss nach El Arenal.

1977 war mein Jahr, mein Sommer. Gerade für einen jungen Burschen, wie ich es damals war.

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Wie überstanden Sie die Feierlichkeiten auf Mallorca?

Nicht sonderlich gut. Schon als wir im Hotel ankamen – aufgekratzt und voll guter Laune vom Aufstieg–, wurden wir mit Sangria empfangen. Ich muss dazu sagen: Jens-Peter Box und ich hatten bis zu dem Zeitpunkt noch nie Alkohol getrunken. Fanta, Cola und Spezi waren meine Getränke. Wir nippten also an der Sangria und waren begeistert, richtig lecker, schön süß, wie Fruchtsaft, freute ich mich. Nach zwei Stunden wollte ich zum ersten Mal auf Toilette, ich wankte und dachte: Wer hält mich da denn fest? Doch da war niemand – die Sangria zeigte ihre Wirkung. Von der Feier habe ich mich vier Tage nicht mehr erholt.

Wie reagierte Ihr damaliger Trainer Diethelm Ferner?

Ferner war an jenem ersten Abend noch gar nicht auf Mallorca, er befand sich noch auf Spielersuche in Deutschland. Zum ersten Mal sahen wir ihn bei einem Freundschaftsspiel gegen den damaligen spanischen Drittligisten Real Mallorca, bei dem wir uns im sehr angeschlagenen Zustand zu einem 1:1 mühten. Später erzählten mir einige Mitspieler, dass Ferner auf der Bank entgeistert gefragt hätte: »Hat der Buttje etwa auch getrunken?« Danach hörte ich ihn nur noch schreien: »Buttje, wir spielen in die andere Richtung!«

Die Mannschaft startete mit 16 Spielern in die Saison. Glaubte die Klubführung wirklich, mit diesem Mini-Kader bestehen zu können?

Es war einfach kein Geld für neue Spieler vorhanden. Wir testeten vor der Saison noch verschiedene Spieler, so etwa den Griechen Maik Galakos, der sogar auf dem offiziellen Mannschaftsfoto im »kicker« zu sehen ist. Die Verpflichtung scheiterte aber an der Ablöse. Doch daran würde ich den Abstieg nicht festmachen.

Das heißt, der FC St. Pauli war mit dem bestehenden Kader bundesligatauglich?

Wir hatten eine gute Mannschaft. Es fielen allerdings gleich zum Start einige wichtige Spieler aus, besonders schlimm traf uns die Verletzung von Walter Frosch. Froschi war ein eisenharter Verteidiger, vor dem die Gegenspieler Respekt hatten und der alle Mitspieler mit seiner Art mitgerissen hat. Dann verletzte sich auch noch Manfred Mannebach, der ebenfalls extrem wichtig für uns war. Ich glaube allerdings, es waren nicht die Verletzungen und der kleine Kader, die uns die Punkte gekostet haben, sondern die Tatsache, dass wir etliche Heimspiele im Volksparkstadion austragen mussten. Dort verloren wir nahezu alle Spiele, während wir am Millerntor ungeschlagen blieben.

Das erste Heimspiel gewann St. Pauli 3:1 gegen Werder Bremen.

Dietmar Demuth machte zwei Tore. Ich erinnere mich noch an die Fotos in den Hamburger Sportteilen der Hamburger Presse: Didi in Jubelpose. Eine Woche später war wieder Didi Demuth zu sehen, allerdings in stark gebeugter Haltung – wir hatten gerade in München 2:4 verloren und sein Gegenspieler Gerd Müller hatte alle vier Tore gemacht.

Vor dem Spiel gegen den HSV war vor allem Peter Nogly in den Zeitungen präsent. Er soll den Journalisten diktiert haben: »Wir gewinnen 8:0!«

Diethelm Ferner sagte danach: »Jungs, offensichtlich werden wir hier nicht für voll genommen. Lasst uns zeigen, was wir können!« Das klappte von Anfang an sehr gut. Der HSV war natürlich haushoher Favorit, die waren ein paar Wochen vorher Europapokalsieger geworden. Das waren ja Giganten: Peter Nogly, dieser beinharte Typ, Manni Kaltz, Rudi Kargus, Kevin Keegan, der erste Weltstar in Deutschland, Felix Magath, Peter Hidien – diese Namen hatten einen guten Sound.

Welchen Klang hatte der Name HSV?

Die Machtverhältnisse waren damals noch viel eindeutiger als heute geklärt. Der große HSV auf der einen, der winzig kleine FC St. Pauli auf der anderen Seite. Viele Leute meinten damals, der Klub strahle eine Arroganz aus. Es schien tatsächlich so. Allerdings trübte der äußere Schein, auf die Spieler ließ sich das jedenfalls nicht übertragen, die waren stets sehr freundlich, niemals hochnäsig.

Welche Bedeutung hatte das Derby damals in Hamburg?

Die Zeitungen quollen auch damals vor Berichten über – es war ja das erste Bundesligaderby dieser beiden Mannschaften. Dementsprechend voll war auch das Stadion. 50.000 Zuschauer sollen vor Ort gewesen sein, das war für damalige Verhältnisse eine unglaubliche Zahl. Von uns hatten die meisten jedenfalls noch nie vor so einer Kulisse gespielt.
Nach dem Spiel war im Hamburger Abendblatt zu lesen: »Auf dem Kopf eine HSV-Mütze, auf den Lippen ›Sankt-Pau-liii‹-Rufe. Die Zuschauer, die Gefallen an dem unkomplizierten und taktisch ausgefeilten Spiel des krassen Außenseiters St. Pauli gefunden hatten, nahmen das Bundesliga-Baby auf ihren Schoß und päppelten es mit Beifall und Anerkennung hoch.«

Das war tatsächlich so. Während des Spiel schwenkte die Stimmung plötzlich um und die HSV-Fans feuerten uns an. Heute ist das natürlich undenkbar. Damals aber schwang eine gewisse Schadenfreude über den HSV und gleichzeitig eine spontane Sympathie für den Underdog mit, den Außenseiter, der bis zum Umfallen kämpfte, während dem HSV nichts gelang.

Hatte Diethelm Ferner vor dem Spiel eine besondere Taktik ausgegeben?

Er stellte unseren Walter Oswald, einen extrem laufstarken und ausgebufften Spieler, gegen Kevin Keegan. Vielleicht war das der Schlüssel zum Erfolg, denn Keegan sah während des gesamten Spiels keinen Stich.

Hatten Sie auf Ihren Einsatz spekuliert?

Klar, ich war total aufgeregt. Leider hat es nicht für die erste Elf gereicht. Doch ich war niemandem böse, Ferner hat schließlich alles richtig gemacht, die Jungs, die auf dem Platz standen, haben sich zerrissen und famos gespielt.

Die Statistik zeugt allerdings von einem haushoch überlegenden HSV. Am Ende standen 20 Ecken für den HSV zu Buche, drei für St. Pauli.

Der HSV hat gedrückt ohne Ende. Allerdings: Ich kann mich an keine wirklich hochkarätige Chance des HSV erinnern. Sie haben planlos gespielt, sie wollten es mit der berühmten Brechstange versuchen. Doch unser Abwehrbollwerk stand gut, und hatten den Vorteil ab der 30. Minute auf Konter spielen zu können. Einer führte dann zum 2:0.

In der Presse wurde besonders Franz Gerber gelobt. Wie haben Sie seine Leistung gesehen?

Er hat ein fantastisches Spiel gemacht. Ich war ja eh Fan von ihm. Das war einer wie Gerd Müller. Wenn du gegen den im Training spielen musstest, hattest du kaum eine Chance, du kamst partout nicht an seine dicke Kiste ran. Zudem hat Gerber aus allen Lagen geschossen, seine Treffer ähnelten oft dem typischen Müller-Tor: kurze Drehung und ohne lange zu überlegen rein das Ding, ähnlich wie das 2:1 im WM-Finale 1974. Natürlich war Gerber eine Nummer kleiner als der Müller, doch hat er auch Tore am Fließband gemacht, in unserer Aufstiegssaison schoss er 27 und in der 1. Liga immerhin noch 16 Tore.

Bis zu dem Derby verirrten sich selten mehr als 10.000 Fans bei den Heimspielen des FC St. Pauli. Wie war es nach dem Sieg gegen den HSV?

Nicht anders. Beim nächsten Heimspiel standen wieder nur 9000 Zuschauer auf den Rängen. Seltsamerweise. Doch war die Fankultur in den siebziger Jahren auf St. Pauli eine ganz andere, damals gingen die Zuschauer einzig wegen dem Fußballspiel zum FC St. Pauli – heute kommen sie eher wegen dem Ganzen. Ich habe vor einiger Zeit noch mal Fotos vom letzten Heimspiel der Aufstiegssaison 1976/77 gesehen: Da waren gegen Union Solingen 5000 Zuschauer im Stadion. Im Gegensatz dazu hatte St. Pauli 30 Jahre später, als es in der 3. Liga gegen den Abstieg ging, einen Zuschauerschnitt von 16.500.

Der FC St. Pauli fand in Hamburg nicht statt.

Es gab kaum Plakate, kaum Fahnen, keine Chöre, keine Power von den Rängen, ein paar Leute riefen »St. Pauli, St. Pauli.« Es stimmt, der FC St. Pauli war nicht so präsent.

Nach dem Spiel gegen den HSV ist der FC St. Pauli gegen den BVB 3:6 untergegangen. Wenn man sich den Saisonverlauf ansieht, scheint dieses 3:6 exemplarisch zu sein: Auf die wenigen Siege folgten prompt Niederlagen. Woran lag das?

Nach dem HSV-Spiel waren wir gespannt, wie es weitergehen würde. Und dann merkten wir: es geht überhaupt gar nicht weiter. Vielleicht gerieten wir in einen Euphoriestrudel, vielleicht war die letzte Zweitligasaison noch zu präsent, als wir eine unglaubliche Siegesserie hinlegten und wir uns in einen Rausch spielten. Allein: Wir wollten nicht wahrhaben, dass dieses Mal der Rausch ausblieb.

Sie spielten in dieser Saison nur elf Mal für den FC St. Pauli. Würden Sie dieses Bundesligajahr trotzdem als schönstes Ihrer Karriere bezeichnen?

Meine beste Zeit hatte ich zweifelsohne beim VfL Osnabrück unter Werner Biskup. Dennoch war die Bundesligasaison mit dem FC St. Pauli vom reinen Erleben her fantastisch. Wenn du plötzlich im Münchener Olympiastadion vor 40.000 Zuschauern dein Jugendidol Gerd Müller mit dem Ellenbogen abdrückst, ist das schon toll. Und daneben stehen Spieler wie Sepp Maier, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Ein erhabenes Gefühl.

Ist das nicht auch seltsam? Auf der einen Seite standen Spieler, die im Jahr sechsstellige Beträge verdienen. Auf der anderen Sie, der monatlich mit 1500 Mark brutto nach Hause kam.

In der Bundesliga bekam ich immerhin 2500 Mark brutto. Für mich als 20-Jährigen war das super, ich habe mich nicht beschwert. Immerhin konnte ich von dem Geld meine geliebten Schallplatten bei Michelle Records in der Hamburger Innenstadt kaufen.

Heute arbeiten Sie als Sportjournalist für die »Hamburger Morgenpost«. Haben Sie schon während Ihrer Profikarriere über ein Leben nach dem Fußball nachgedacht?

Ich habe mich tatsächlich schon relativ früh damit beschäftig. Als dem FC St. Pauli 1979 die Lizenz verweigert wurde, ging ich nach Osnabrück, auch weil es nicht so weit von Hamburg entfernt lag. Denn eigentlich wollte ich gar nicht weg aus Hamburg. In Osnabrück fing ich nebenbei an, die Stadionzeitung redaktionell betreuen. So kam ich auch in Kontakt zur »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Als ich mit 25 Jahren Sportinvalide wurde, war sofort klar, dass ich als Sportjournalist weiterarbeiten möchte. Hauptsächlich schreibe ich natürlich über den FC St. Pauli.

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