22.10.2013

Über den Mythos Celtic Park

»Heiß, stickig, dunkel – wie im Dschungel!«

Zuhause ist Celtic Glasgow eine Macht. Was macht den Celtic Park so besonders? Einer, der es weiß, ist Sven Brux, Gründer des legendären Fanzines »Millerntor Roar« und Initiator der Fanfreundschaft von Celtic Glasgow und dem FC St. Pauli. Ein Gespräch über Fanzines, britische Fankultur und eine Leiche.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Was wussten Sie vorher von Celtic Glasgow und von den Fans?
Ich kannte mich oberflächlich mit der irischen Geschichte des Klubs und den politischen Positionen der Fans aus. Ich wusste, dass Celtic Glasgow 1967 als erster Fußballklub aus Großbritannien den Europapokal gewinnen konnte und dass die Gegengerade Jungle genannt wird. Ich war beim ersten Besuch also recht unbedarft.
 
Hatte der Jungle seinen Namen zurecht?
Die ganze Gegend um den Celtic Park herum hatte eine gewisse Endzeitatmosphäre. Viele Häuser ächzten aus allen Ritzen, manche Gebäude waren komplett zugenagelt. Als wir dann den Jungle betraten, war das für uns wie eine Ankunft in einer anderen Welt. Es war elektrisierend. Wir blickten von unseren Plätzen auf zwei weitere reine Stehtribünen. Im Jungle selbst war es brechend voll und trotz winterlicher Temperaturen sehr heiß und stickig. Das Dach hing tief und lang über den Zuschauern, es war richtig dunkel. Es gab außerdem kaum Wellenbrecher, die Stufen waren ziemlich niedrig. Unter der Geraden befand sich das vermutlich größte Stadionklo der Welt. Eine endlose Pissrinne. Ja, tatsächlich, es war ein Dschungel!
 
Anfang der Neunziger war Fußball in Großbritannien und Deutschland eine Männerdomäne. Die Architektur der Stadien wirkte abweisend, die Gegenden, in denen sie standen, waren oft rau. Über den Celtic Park sagte man dennoch: »It's like leaving a graveyard to enter paradise.« Das Stadion steht in unmittelbarer Nähe zu einem Friedhof, daher auch der Spitzname »Paradise«.
Dennoch: Der Celtic-Park war gewiss kein schönes Stadion im klassischen Sinne. Die Ränge gingen nicht mal bis zum Spielfeld, es gab eine Art Umlaufbahn, nicht so breit wie in deutschen Stadien, aber störend.

Jetzt in 11FREUNDE: »Zeckenblatt! Lügen satt!« – eine Würdigung zum 20. Geburtstag des »Übersteiger«
 
Zwölf Jahre nach Ihrem ersten Besuch, im Jahr 2003, wählten die Hörer von BBC den Celtic Park mit großer Mehrheit zum beliebtesten Stadion Großbritanniens.
Das Stadion wurde ja 1998 renoviert. Mittlerweile sind die Ränge dicht am Spielfeld und die Tribünen steil und hoch. Doch ich denke, dieses Ergebnis resultiert auch aus einer Faszination für das Andere, für das Besondere. Celtic-Anhänger hatten immer schon ihren sehr eigenen Charakter und Ansichten. Sie sind herzlich und entsprechen nicht den Klischees vom bärbeißigen und Ärger suchenden britischen Fußballfan. Sie grenzen sich in ihrem ganzen Habitus bewusst von den englischen Supportern und deren Kultur ab. Im Celtic Park sieht man dementsprechend auch nirgendwo den Union Jack, sondern ausschließlich die irische Nationalflagge.
 
Was war bei Ihrem ersten Besuch außerdem neu für Sie?
Der Bierkonsum vor und im Stadion. Die Leute stürzten vor den Eingängen ein Pint nach dem anderen und gingen relativ spät in die Kurven hinein. Was mich aber vor allem faszinierte, waren die langen Gesänge der Fans, die Chants. Die Leute sangen nicht stakkatoartig wie ich es aus deutschen Kurven kannte, sondern richtige Lieder. Gerne über die britische Queen, die sie mit jedem zweiten Lied zur Hölle wünschten.
 
Zwei Jahre vor Ihrem Trip starben bei der Hillsborough-Katastrophe in Sheffield 96 Menschen. Wie sehr hat Sie das im Gedränge des Jungles beschäftigt?
Überhaupt nicht, auch wenn der Celtic Park damals sehr baufällig war. In dem Moment mussten wir einfach zu viele andere Eindrücke verarbeiten. 
 
Hillsborough steht dennoch für eine Zäsur im britischen Fußball, die auch Sie als Stehplatzfan betraf.
Letztendlich bedeutete die Tragödie von Hillsborough das Ende der lebhaften britischen Fankultur. Wenig später wurden Stehplätze in England verboten und die Arbeiterklasse verschwand aus den Stadien.
 
Richter Lord Taylor, der damals mit der Aufarbeitung der Geschehnisse von Hillsborough beauftragt wurde, forderte allerdings, dass der Umbau der Stadien keine Preiserhöhung mit sich bringen sollte.
Kein Verein hielt sich an die Vorgabe. Heute kosten Spiele manchmal mehr als ein Besuch in der Oper – und die Stimmung ist ähnlich, auch in Schottland. Dabei bestand dort nie ein gesetzliches Stehplatzverbot. Es war eine Empfehlung, die von allen schottischen Vereinen angenommen wurde. Die Fankultur leidet darunter.
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