22.10.2013

Über den Mythos Celtic Park

»Heiß, stickig, dunkel – wie im Dschungel!«

Zuhause ist Celtic Glasgow eine Macht. Was macht den Celtic Park so besonders? Einer, der es weiß, ist Sven Brux, Gründer des legendären Fanzines »Millerntor Roar« und Initiator der Fanfreundschaft von Celtic Glasgow und dem FC St. Pauli. Ein Gespräch über Fanzines, britische Fankultur und eine Leiche.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Sven Brux, Sie waren Ende Dezember 2011 das erste Mal nach über 15 Jahren wieder im Celtic Park. Hat das Stadion noch was mit Ihren Erinnerungen gemein?
Es hat sich vieles verändert. Die alten Arbeitersiedlungen im Stadtteil Parkhead, wo der Celtic Park steht, sind dem Erdboden gleichgemacht worden. Heute befinden sich dort sterile Wohnblöcke, moderne Supermärkte und riesige Parkplätze. Überall stehen Verbotsschilder, die Kneipen schließen um 24 Uhr. Und im Stadion gibt es keine Stehplätze mehr. Der Jungle, die alte Gegengerade, ist längst Geschichte. Trotzdem war die Reise im Dezember 2011 eine gute Sache, Celtic gewann das Old Firm gegen Glasgow Rangers mit 1:0.
 
Halten denn die alten Stehplatzfans aus dem einstigen Jungle noch die Stellung oder wurden sie wie andernorts in Großbritannien von Besserverdienern verdrängt?
Die Karten sind auch im Celtic Park teurer geworden, dementsprechend ist die Working Class – wie überall in Großbritannien – in die Pubs verdrängt worden. Dennoch sieht man bei Celtic immer noch Typen, die die Fanszene dort einst so lebendig und bunt gemacht haben. Wir trafen beim letzten Besuch einen etwa 60-jährigen Mann – graue Haare, dicke Furchen im Gesicht –, der uns seine frisch gestochene Rückentätowierung zeigte. Auf der einen Seite prangte das Wappen von Celtic, auf der anderen das vom FC St. Pauli. Drunter stand in geschwungenen Buchstaben »The Rebel’s Choice«.

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Sie sind im Winter 1991 zum ersten Mal bei einem Spiel im Celtic Park gewesen und haben somit die Freundschaft zwischen Teilen der Anhängerschaft des FC St. Pauli und Celtic Glasgow begründet. Wie kam es überhaupt dazu?
In den achtziger und neunziger Jahren fuhren wir während der Winterpause regelmäßig nach Großbritannien, schließlich wurde dort im Gegensatz zu Deutschland durchgespielt. Im Winter 1991 haben wir eine Fanzine-Tour gemacht, wir sind mit drei Jungs vom »Millerntor Roar« durch England gereist. Vorher hatten wir verschiedene Fanzinemacher angeschrieben, ob sie Zeit hätten, mit uns ein paar Bier zu trinken, über ihr und unser Fanzine zu sprechen und ein Fußballspiel zu gucken.
 
In einer Zeit ohne Internet war das sicherlich ein großer Organisationsaufwand.
Wir kannten es ja nicht anders. Man wühlte sich durch die Kontaktseiten der Fanzines, schrieb Briefe, telefonierte mit etlichen Leuten. Bei jener Tour im Winter 1991 reisten wir quer durchs Land, von London über Manchester und Birmingham bis Leeds und besuchten Fanzinemacher von »When Saturday Comes« oder »The Lion Roars«.
 
Was war denn das Besondere an diesen Fanzines?
Die britischen Fanzines waren damals ein Stück weit professioneller als die deutschen. Die hatten manchmal Auflagen von 15.000 Exemplaren. Sie waren auch ein Vorbild in Sachen Ironie und Humor. Vor dem Celtic Park rissen die Leute den Verkäufern das »Not The View« oder »Tiocfaidh ar la« (irisch, auf deutsch: »Unser Tag wird kommen«, d. Red.) regelrecht aus den Händen. Doch letztendlich waren wir auch dort oben, in England und Schottland, um Fußballspiele schauen. Die Reise, die im Celtic Park ihren Höhepunkt und ihr Ziel fand, war eine Reise durch Großbritanniens Stadien. Wir besuchten viele altehrwürdige Stätten, etwa den alten »Den«, um das Londoner Derby Millwall gegen West Ham zu sehen.
 
In den frühen neunziger Jahren waren solche Touren durch Großbritannien auch nicht ohne Risiko. Die »Millwall Bushwackers« und die »West Ham Inter City Firm« (ICF) galten in jener Zeit als die berüchtigtsten Hooligangruppen Europas. Hatten Sie keine Sorge um Ihre Gesundheit?
Ich erinnere mich noch, dass wir vor jenem Spiel an einem Schwarzmarktstand lehnten und uns einen Millwall-Schal anschauten. Plötzlich hörten wir einen höllischen Lärm. Ein 600-Mann-Mob der IFC bog um die Ecke. Wir legten den Schal schnell zur Seite und machten Platz. Glücklicherweise hatten die ein anderes Ziel: Die Millwall-Kneipe einen Block weiter, die sie komplett zerlegten. Es entstand eine Straßenschlacht, Fans gegen Fans, mittendrin berittene Polizei.
 
Kannten Sie diese Gewalt aus deutschen Stadien?
So extrem nicht. In Glasgow war es ja noch krasser. Nachdem wir in Leeds waren, besuchten wir Gerry vom Fanzine »Not The View«. Der hatte uns einen Tag vor unserer Abreise eine Einladung geschickt. Am Abend sind wir in eine Kneipe gegangen, »Bairds Bar«, ein mieses Absturzloch. Im Laufe des Abends wurde direkt vor dem Eingang jemand erstochen. Die Leute sind wieder in die Kneipe und haben weitergetrunken, als wäre nichts passiert. Gespenstisch.

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