29.04.2014

Udo Horsmann über Real Madrid, David Alaba und Jazz

»Der Weltpokalsieger unter den Möbelbauern«

Meisterschaft, DFB-Pokal, Landesmeister-Cup, Weltpokal – Udo Horsmann hat mit dem FC Bayern in den Siebzigern alles gewonnen, doch im Gegensatz zu Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer ist er beinahe in Vergessenheit geraten. Ein Gespräch über Spiele gegen Real Madrid, Jazzabende in Schwabing und die Genialität David Alabas.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago

Udo Horsmann, wenn der FC Bayern München in einem Champions League-Halbfinalhinspiel im Bernabéu-Stadion ohne Not in drei, vier Konter läuft, platzt ihnen da als ehemaliger Bayern-Abwehrspieler nicht der Kragen?
Die können doch gar nicht anders. Der FC Bayern unter Pep Guardiola spielt immer nach vorne. Und mir gefällt das auch. Bei Barca hat mich unter Guardiola irgendwann das ewige Ballherumgeschiebe genervt.  Aber beim FC Bayern ist das Spiel variabler. Es gibt nicht nur dieses Kurzpassspiel, sondern auch lange Bälle, Diagonalpässe und Flanken. Und dazu dieses Pressing. Die Bayern-Spieler sind auch gegen Real extrem drauf gegangen und eroberten bei Ballverlust sofort wieder die Kugel. Bis auf die Sturmattacken, die wirklich sehenswert waren, hat mich Real enttäuscht. Da war kein Spielaufbau zu erkennen.
 
Trotzdem reichte es zu einem 1:0-Sieg für Real – eine gefährliche Ausgangslage für den FC Bayern vor dem Rückspiel. Sie und Ihr Team reisten 1976 im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister mit einem 1:1 aus Madrid zurück nach München.
Dank Gerd Müller. Der hat das 1:1 gemacht. Dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar. Mir war gleich zu Beginn der Partie ein Riesenfehler unterlaufen. Mein missratener Rückpass auf Sepp Maier führte zum 1:0 für Real. Es war auch sonst nicht mein Tag. Ich musste gegen Amancio spielen...
 
… eine Real-Legende mit dem Spitznamen »El Brujo«, der Hexer.
Amancio war zwar schon 37 Jahr alt, aber immer noch ein wahnsinnig schneller und dribbelstarker Stürmer. Er hat mich an diesem Tag ziemlich naiv aussehen lassen.
 
Vielleicht hat Sie auch die Kulisse eingeschüchtert. Ein paar Monate zuvor kickten Sie noch für die SpVgg Beckum in der Verbandsliga Westfalen und jetzt der Auftritt im Estadio Santiago Bernabéu.
110.000 Zuschauern – das war natürlich schon gigantisch. Das Bernabéu ist eines der beeindruckendsten Stadien, das ich kenne. Aber ich fühlte mich vor dem Anpfiff nicht eingeschüchtert. Überhaupt wundert es mich heute, wie schnell ich mich nach dem Wechsel zu Bayern in dieser Mannschaft mit Weltstars wie Beckenbauer, Müller oder Maier integriert hatte. Eigentlich war ich kein Typ, der vor Selbstvertrauen förmlich strotzte. Aber innerhalb kürzester Zeit kam mir das alles wie selbstverständlich vor. Zum Zeitpunkt des Spiels in Madrid war ich schon relativ etabliert, obwohl ich erst neun Monate beim FC Bayern war. Doch dann passierte der Fehler und für den Rest der Partie wurde es schwierig.
 
Gab es aufbauende Wort von den arrivierten Kollegen?
Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß auch nicht, ob der Franz nach meinem Patzer seine abfällige Handbewegung gemacht hat, die typisch für ihn war, wenn ein Mitspieler den Ball nicht so spielte, wie er sich das vorstellte.
 
Trotz des Aussetzers und der Probleme gegen Amancio durften Sie im Rückspiel wieder ran.
Das war tatsächlich erstaunlich. Denn das erste Spiele ist wirklich nicht das Gelbe vom Ei gewesen. Die Presse war entsprechend schlecht und dann bekommst du tatsächlich nochmals eine Chance. Aber mit Dettmar Cramer hatten wir einen Trainer, der immer Verständnis für junge Spieler hatte. Er hat Karl-Heinz Rummenigge und mich wie Söhne geführt. Dettmar Cramer legte mit uns vormittags oft Sonderschichten ein, um an Dingen zu arbeiten, wo er noch Schwächen sah. Beckenbauer, Müller und die andere kamen erst am Nachmittag zum Training.
 
Das Rückspiel gegen Real lief für Sie besser. Es heißt, es sei Ihr bestes Spiel im Dress des FC Bayern gewesen.
Das mag so sein. Ich drehte den Spieß um und hatte Amancio voll im Griff. Der war deshalb gefrustet. Zudem lag sein Team 0:2 hinten. Und dann hat er die Nerven verloren, drosch den Ball weg, als das Spiel schon unterbrochen war. Amancio hatte vorher schon Gelb gesehen und flog vom Platz. Wir zogen mit einem 2:0-Sieg ins Finale ein.
 
Das der FC Bayern 1:0 gegen St. Étienne gewann.
Das war kein Glanzstück. St. Étienne war besser. Uns flogen die Bälle um die Ohren. Doch dann zog Bulle Roth ab und es stand plötzlich 1:0. An die Siegesfeier kann ich mich gar nicht mehr so erinnern. Ich weiß nur noch, dass wir in einem edlen Schlosshotel 50 Kilometer außerhalb von Glasgow untergebracht haben und die Rolling Stones dort auch nächtigten. Wir haben die sogar getroffen.
 
Die galaktischen Zeiten bei Real sind vorbei, aber mit Gareth Bale und Cristiano Ronaldo haben die Königlichen aktuell zwei Superstars in ihren Reihen. Wie war das 1976 bei Real Madrid?
Ich denke, das Real-Team von damals war nicht mit so vielen internationalen Stars besetzt. Es gab Breitner und  Netzer. Und Netzer war für mich zu jener Zeit eine absolut beeindruckende Persönlichkeit. Seine langen Haare, sein Laufstil – der Mann hatte Ausstrahlung. Ich war  als Zuschauer im Düsseldorfer Rheinstadion, als sich Günter Netzer im DFB-Pokal-Finale selbst einwechselte und den Siegtreffer gegen Köln schoss. Günter Netzer imponiert mir heute noch. Ich habe großen Respekt vor ihm und würde ihn gern mal treffen. (Lacht) Aber er würde sich wahrscheinlich nicht daran erinnern, dass sich unsere Wege mal gekreuzt haben.
 
Der Einzug ins Finale des Europapokals der Landesmeister, der im dritten Titelgewinn in Folge gipfelte, war gleichzeitig der Endpunkt einer glorreichen Zeit beim FC Bayern München. War für Sie als Spieler schon zu spüren, dass die Mannschaft ihren Zenit überschritten hatte?
Es gab Anzeichen, dass die goldenen Jahre bald vorbei sein würden. In der Bundesliga war es schon länger nicht mehr so gut gelaufen. Ich glaube, in der Winterpause lagen wir auf Platz zehn. Die älteren Spieler hatten ganz klar ihren Fokus auf den Europapokal gerichtet, was auch ein Stück weit verständlich gewesen ist. Wir hatten einen vergleichsweise kleinen Kader und viele Spiele, der Verschleiß war hoch. Es waren nicht wie heute sämtliche Positionen doppelt besetzt. Das Rotationsprinzip, das Ottmar Hitzfeld später einführte, konnte Dettmar Cramer nicht anwenden. Aber vielleicht zeigte Cramer auch manchmal ein bisschen zu viel Verständnis für die Spieler.
 

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