Udo Horsmann über Real Madrid, David Alaba und Jazz

»Der Weltpokalsieger unter den Möbelbauern«

Meisterschaft, DFB-Pokal, Landesmeister-Cup, Weltpokal – Udo Horsmann hat mit dem FC Bayern in den Siebzigern alles gewonnen, doch im Gegensatz zu Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer ist er beinahe in Vergessenheit geraten. Ein Gespräch über Spiele gegen Real Madrid, Jazzabende in Schwabing und die Genialität David Alabas.

Udo Horsmann, wenn der FC Bayern München in einem Champions League-Halbfinalhinspiel im Bernabéu-Stadion ohne Not in drei, vier Konter läuft, platzt ihnen da als ehemaliger Bayern-Abwehrspieler nicht der Kragen?
Die können doch gar nicht anders. Der FC Bayern unter Pep Guardiola spielt immer nach vorne. Und mir gefällt das auch. Bei Barca hat mich unter Guardiola irgendwann das ewige Ballherumgeschiebe genervt.  Aber beim FC Bayern ist das Spiel variabler. Es gibt nicht nur dieses Kurzpassspiel, sondern auch lange Bälle, Diagonalpässe und Flanken. Und dazu dieses Pressing. Die Bayern-Spieler sind auch gegen Real extrem drauf gegangen und eroberten bei Ballverlust sofort wieder die Kugel. Bis auf die Sturmattacken, die wirklich sehenswert waren, hat mich Real enttäuscht. Da war kein Spielaufbau zu erkennen.
 
Trotzdem reichte es zu einem 1:0-Sieg für Real – eine gefährliche Ausgangslage für den FC Bayern vor dem Rückspiel. Sie und Ihr Team reisten 1976 im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister mit einem 1:1 aus Madrid zurück nach München.
Dank Gerd Müller. Der hat das 1:1 gemacht. Dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar. Mir war gleich zu Beginn der Partie ein Riesenfehler unterlaufen. Mein missratener Rückpass auf Sepp Maier führte zum 1:0 für Real. Es war auch sonst nicht mein Tag. Ich musste gegen Amancio spielen...
 
… eine Real-Legende mit dem Spitznamen »El Brujo«, der Hexer.
Amancio war zwar schon 37 Jahr alt, aber immer noch ein wahnsinnig schneller und dribbelstarker Stürmer. Er hat mich an diesem Tag ziemlich naiv aussehen lassen.
 
Vielleicht hat Sie auch die Kulisse eingeschüchtert. Ein paar Monate zuvor kickten Sie noch für die SpVgg Beckum in der Verbandsliga Westfalen und jetzt der Auftritt im Estadio Santiago Bernabéu.
110.000 Zuschauern – das war natürlich schon gigantisch. Das Bernabéu ist eines der beeindruckendsten Stadien, das ich kenne. Aber ich fühlte mich vor dem Anpfiff nicht eingeschüchtert. Überhaupt wundert es mich heute, wie schnell ich mich nach dem Wechsel zu Bayern in dieser Mannschaft mit Weltstars wie Beckenbauer, Müller oder Maier integriert hatte. Eigentlich war ich kein Typ, der vor Selbstvertrauen förmlich strotzte. Aber innerhalb kürzester Zeit kam mir das alles wie selbstverständlich vor. Zum Zeitpunkt des Spiels in Madrid war ich schon relativ etabliert, obwohl ich erst neun Monate beim FC Bayern war. Doch dann passierte der Fehler und für den Rest der Partie wurde es schwierig.
 
Gab es aufbauende Wort von den arrivierten Kollegen?
Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß auch nicht, ob der Franz nach meinem Patzer seine abfällige Handbewegung gemacht hat, die typisch für ihn war, wenn ein Mitspieler den Ball nicht so spielte, wie er sich das vorstellte.
 
Trotz des Aussetzers und der Probleme gegen Amancio durften Sie im Rückspiel wieder ran.
Das war tatsächlich erstaunlich. Denn das erste Spiele ist wirklich nicht das Gelbe vom Ei gewesen. Die Presse war entsprechend schlecht und dann bekommst du tatsächlich nochmals eine Chance. Aber mit Dettmar Cramer hatten wir einen Trainer, der immer Verständnis für junge Spieler hatte. Er hat Karl-Heinz Rummenigge und mich wie Söhne geführt. Dettmar Cramer legte mit uns vormittags oft Sonderschichten ein, um an Dingen zu arbeiten, wo er noch Schwächen sah. Beckenbauer, Müller und die andere kamen erst am Nachmittag zum Training.
 
Das Rückspiel gegen Real lief für Sie besser. Es heißt, es sei Ihr bestes Spiel im Dress des FC Bayern gewesen.
Das mag so sein. Ich drehte den Spieß um und hatte Amancio voll im Griff. Der war deshalb gefrustet. Zudem lag sein Team 0:2 hinten. Und dann hat er die Nerven verloren, drosch den Ball weg, als das Spiel schon unterbrochen war. Amancio hatte vorher schon Gelb gesehen und flog vom Platz. Wir zogen mit einem 2:0-Sieg ins Finale ein.
 
Das der FC Bayern 1:0 gegen St. Étienne gewann.
Das war kein Glanzstück. St. Étienne war besser. Uns flogen die Bälle um die Ohren. Doch dann zog Bulle Roth ab und es stand plötzlich 1:0. An die Siegesfeier kann ich mich gar nicht mehr so erinnern. Ich weiß nur noch, dass wir in einem edlen Schlosshotel 50 Kilometer außerhalb von Glasgow untergebracht haben und die Rolling Stones dort auch nächtigten. Wir haben die sogar getroffen.
 
Die galaktischen Zeiten bei Real sind vorbei, aber mit Gareth Bale und Cristiano Ronaldo haben die Königlichen aktuell zwei Superstars in ihren Reihen. Wie war das 1976 bei Real Madrid?
Ich denke, das Real-Team von damals war nicht mit so vielen internationalen Stars besetzt. Es gab Breitner und  Netzer. Und Netzer war für mich zu jener Zeit eine absolut beeindruckende Persönlichkeit. Seine langen Haare, sein Laufstil – der Mann hatte Ausstrahlung. Ich war  als Zuschauer im Düsseldorfer Rheinstadion, als sich Günter Netzer im DFB-Pokal-Finale selbst einwechselte und den Siegtreffer gegen Köln schoss. Günter Netzer imponiert mir heute noch. Ich habe großen Respekt vor ihm und würde ihn gern mal treffen. (Lacht) Aber er würde sich wahrscheinlich nicht daran erinnern, dass sich unsere Wege mal gekreuzt haben.
 
Der Einzug ins Finale des Europapokals der Landesmeister, der im dritten Titelgewinn in Folge gipfelte, war gleichzeitig der Endpunkt einer glorreichen Zeit beim FC Bayern München. War für Sie als Spieler schon zu spüren, dass die Mannschaft ihren Zenit überschritten hatte?
Es gab Anzeichen, dass die goldenen Jahre bald vorbei sein würden. In der Bundesliga war es schon länger nicht mehr so gut gelaufen. Ich glaube, in der Winterpause lagen wir auf Platz zehn. Die älteren Spieler hatten ganz klar ihren Fokus auf den Europapokal gerichtet, was auch ein Stück weit verständlich gewesen ist. Wir hatten einen vergleichsweise kleinen Kader und viele Spiele, der Verschleiß war hoch. Es waren nicht wie heute sämtliche Positionen doppelt besetzt. Das Rotationsprinzip, das Ottmar Hitzfeld später einführte, konnte Dettmar Cramer nicht anwenden. Aber vielleicht zeigte Cramer auch manchmal ein bisschen zu viel Verständnis für die Spieler.
 

Pep Guardiola hat nach dem frühzeitigen Titelgewinn auf nationaler Ebene die Bundesligasaison für abgehakt  erklärt, den Fokus ebenfalls voll auf die europäische Königsklasse gerichtet. Und er hat das auch noch nach außen so kommuniziert.
Das war ein Fehler. Ich habe den Eindruck, dass die Bayern-Spieler einen wahnsinnigen Respekt vor Pep Guardiola haben. Alles was er von sich gibt, wird von ihnen beachtet. Und wenn Pep Guardiola sagt, den Titel haben wir, die Liga interessiert uns nicht mehr, dann kommt das bei den Spielern so an. Seitdem zirkuliert der Ball nicht mehr so in den Reihen des FC Bayern München wie zuvor. Es war immer ein Klassenunterschied zu erkennen. Das ist jetzt nicht mehr so. Auch David Alaba, mein Lieblingsspieler, hat etwas verloren. Das Zusammenspiel zwischen ihm und Ribery hat nachgelassen. Aber Alaba selbst ist auch nicht mehr ganz so stark.
 
Sie waren wie Alaba linker Außenverteidiger...
Aber ich war bei weitem nicht so begabt wie David Alaba, mir fiel nichts zu. Ich kenne keinen Verteidiger, der technisch so brillant ist wie David Alaba. Er wirkt so geschmeidig. Über mich hat mein späterer Trainer Gyula Lóránt mal gesagt: »Horsmann ist wie Luft, aber ohne Luft geht es nicht.« Ich glaube, er wollte damit sagen, dass ich sachlich, unauffällig meinen Job erledigt habe und damit ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft war. Ich war schon ein offensiver Verteidiger, aber ich zeichnete mich vor allem durch die Zweikampfstärke aus. Und die fehlt mir manchmal bei den modernen Verteidigern. Das sind doch gar keine richtigen Abwehrspieler mehr. Wir haben das Stellungsspiel und das Zweikampfverhalten noch tagtäglich geübt. Das scheint mir heute nicht mehr der Fall zu sein.

Beckum hatte im Mai 1976 plötzlich einen Fußballstar, der den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte. Wie war der Empfang in der Heimat?
Da wird man schon bestaunt. »Die Glocke«, so heißt die örtliche Tageszeitung, schrieb von »unserem Udo«, der heimkehrte. Auch später stand immer in der Zeitung, wenn ich mal zu Hause bei meinen Eltern war. Und dann sind bisweilen schon kuriose Dinge passiert. Zum Beispiel haben nachts Leute aus der Kneipe bei uns angerufen haben und gefragt, ob ich nicht vorbei kommen könnte, weil sie eine Wette am Laufen hätten und ein Bierchen gewinnen würden, wenn ich plötzlich am Tresen auftauchen würde.
 
Und haben Sie den Zechbrüdern den Gefallen getan?
Ich fand das lustig, sympathisch, habe aber dankend abgelehnt.
 
Der Starrummel war Ihnen nicht lästig?
Nein, das war okay. Ich fand das Leben als Fußballer einfach gut.
 
Aber Sie hatten den Ruf des Sonderlings im Bayern-Team.
Das kam nach außen so rüber. Weil ich im Mannschaftsbus Bücher las und nicht Karten spielte. Aber ich bin nicht der Einzige gewesen, der gelesen hat, und war kein Außenseiter, sondern gut integriert. Es war eine tolle Zeit bei Bayern. Ich empfinde für diese Phase meines Lebens eine Art von Dankbarkeit und Verbundenheit.
 
Vor Ihrer Profilaufbahn hatten Sie eine Schreinerlehre absolviert.
Ja, und ich habe auch noch vier Semester Innenarchitektur studiert. Ich sollte mal den elterlichen Betrieb übernehmen. Aber dann kam das Angebot vom FC Bayern. Und da konnte ich ja nicht nein sagen.
 
Später, nach Ende Ihrer Laufbahn, haben Sie sich Ihrer Ausbildung erinnert.
Zum Glück. Zuerst arbeitete ich für einen Sportartikelhersteller im Außendienst, was ja damals viele Ex-Fußballprofis taten, später dann für eine Autofirma. Aber ich habe mich dabei nicht wiedergefunden. Es waren einfach nur irgendwelche Beschäftigungsverhältnisse, die mich nicht befriedigten. Mir war dann klar, dass das ein Ende finden musste. In dieser Selbstfindungsphase bin ich auch für zwei Monate nach Malaga gegangen, um Spanisch zu lernen. Das ist ja das Schwierigste für einen Fußballprofi: nach der Laufbahn eine neue Aufgabe zu finden, die einen erfüllt. Das war zu meiner Zeit schon so und ist heute nicht anders. Irgendwann kommt für jeden Berufsfußballer der Tag, an dem Schluss ist.
 
Sie waren zehn Jahre Fußballprofi, davon allein acht in Diensten des FC Bayern München. Finanziell müssten Sie wenigstens ausgesorgt haben.
Nein, ich musste schon noch was dazu verdienen. Der FC Bayern München hat sicher zu jener Zeit schon mehr gezahlt als andere Bundesligaklubs. Aber ich gehörte innerhalb der Mannschaft zum unteren Drittel im Gehaltsgefüge. Generell waren die Gehälter deutlich niedriger als heute, wo sich ein Spieler des FC Bayern München nach dem Karriereende sicher keine Gedanken mehr über Wohnen und Brot machen muss.
 
Sie sprachen von einer Selbstfindungsphase. Während dieser Zeit fingen Sie unter anderem damit an, Saxophon zu spielen und traten sogar mit einer Jazz-Band auf.
Nur ein einziges Mal, in einer Gaststätte in Schwabing vor vielleicht 100 Zuhörern, darunter viele Freunde und Bekannte. Trotzdem war es viel aufregender als vor 110.000 Zuschauern im Bernabéu-Stadion gegen Real zu spielen. Beim Fußball wusste ich, was ich kann. Beim Saxophon-Spielen war das anders. Ich hatte schon immer ein Faible für dieses Instrument und habe dann drei, vier Jahre lang Unterricht genommen. Heute spiele ich nicht mehr – ich will ja die Nachbarn nicht belästigen.
 
Bei der Suche nach einer neuen Aufgabe, kamen Sie schließlich auf den Holzweg...
(Lacht) Kann man so sagen. Das ist jetzt 15 Jahre her. Als Möbelbauer fand ich sehr viel Selbstzufriedenheit. Ich habe eine kleine Werkstatt angemietet und arbeite dort vier, fünf Stunden am Tag – das bewegt sich alles im kleinen Rahmen. Es ist das Ausleben einer Leidenschaft, aus der ich sehr viel Kraft ziehe. Gleichzeitig bleibt mir noch genügend Zeit für meine Familie und Hobbies.
 
Sie werben auf Ihrer Homepage mit dem Slogan »Der Weltpokalsieger unter den Möbelbauern«.
(Lacht) Klingt ein bisschen hochstaplerisch... Aber ich behaupte ja nicht, dass ich als Möbelbauer Weltpokalsieger bin.
 
Unter anderem entwarfen und bauten Sie ein spezielles Bord für die 28 Kilogramm schwere FC Bayern-Chronik »4 Sterne – 111 Jahre«.
Der Verlag, in dem die Chronik erschien, ist auf die Idee gekommen. Es hat richtig Spaß gemacht – aber es war auch richtig viel Arbeit. Insgesamt 300 Bords habe ich angefertigt und mir dabei einen Tennisarm geholt. (Lacht) Der FC Bayern München ist quasi Schuld daran, dass ich meine Tenniskarriere beenden musste.

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