Udineses Alexander Merkel über Deutschland gegen Italien

»Matthäus und Brehme sind hier wie kleine Könige«

Der Deutsche Alexander Merkel spielt seit über fünf Jahren in Italien. Mit dem AC Mailand wurde er 2011 sogar italienischer Meister. Ein Gespräch über das neue Italien, alte Helden und Mario Balotelli.

Alexander Merkel, in Deutschland gilt Italien als Angstgegner. Wie sehen die Italiener die DFB-Elf?
Es ist nicht so, dass Deutschland hier als Lieblingsgegner verschrien ist. Im Gegenteil: Die Italiener haben einen Heidenrespekt vor der DFB-Elf. Gerade nach der letzten Saison, wo zwei deutsche Mannschaften im Champions-League-Finale gestanden haben und Spieler wie Mesut Özil oder Mario Götze zu großen Stars gereift sind.
 
Können Sie sich an einen Sieg der Deutschen gegen Italien erinnern?
Eine Fangfrage? Hat Deutschland überhaupt mal gegen Italien gewonnen, seitdem ich auf der Welt bin?
 
Zuletzt im Juni 1995.
Da war ich drei Jahre alt. Wer hat denn die Tore gemacht?
 
Christian Ziege schoss das 1:0, das 2:0 war ein Eigentor von Paolo Maldini.
Ziege hat auch mal beim AC Mailand gespielt. Lange vor meiner Zeit.
 
Kennen Sie Bilder der Deutschen, die damals in Italien gespielt haben?
Klar. Die Spiele der WM 1990 werden hier häufig im Fernsehen wiederholt. Lothar Matthäus’ grandioses Tor gegen Jugoslawien zum Beispiel. Oder Andreas Brehmes Elfmeter gegen Argentinien. Ich kenne das alles, doch die erste WM, die ich bewusst erlebt habe, war die in Frankreich 1998.
 
Die Mailänder sprechen also heute noch über die deutschen Spieler, die um 1990 für Inter gespielt haben?
Besonders über Matthäus und Brehme. Die sind da immer noch wie kleine Könige. Gehen Sie mal in ein Mailänder Restaurant und sagen diese Namen: Die Leute werden sich sehr ausführlich mit Ihnen unterhalten wollen.
 
Können Sie denn erklären, warum Deutschland von 31 Spielen gegen Italien nur sieben gewinnen konnte?
Schwierig. Eigentlich hat Deutschland in den vergangenen Jahren gegen große Mannschaften immer ganz gut ausgesehen. Vielleicht waren die Italiener aber in den letzten Spielen taktisch besser.
 
Und robuster in der Defensive?
Das klingt so, als könnten die Italiener nur Catenaccio. Seit Cesare Prandelli Trainer ist, spielen die aber einen ganz anderen Fußballer, offensiver und oftmals auch mit Risiko.
 
Trotzdem fanden die Deutschen weder bei der WM 2006 noch bei der EM 2012 ein Mittel.
Die Deutschen galten zumindest bei der EM als Favorit. Doch wie es so ist im Fußball: Oft entscheidet eine kleine Szene, ein bisschen Glück...
 
...oder ein Mario Balotelli. Was haben Sie gedacht, als er sich nach seinem Tor aufstellte wie eine Statue?
Ich habe das Spiel damals mit ein paar italienischen Kumpels gesehen, und wir haben sehr gelacht. Er ist ein großartiger Fußballer. Über seine privaten Eskapaden kann ich nicht urteilen, dafür kenne ich den Mann zu wenig.
 
Sie sind im Sommer vom AC Mailand zu Udinese Calcio gewechselt. Wieso?
Ich wollte öfter spielen.
 
Sie haben aber in dieser Saison noch keinen Einsatz gehabt.
Das stimmt. Und ich weiß nicht mal woran es liegt, zumal ich den Rückhalt in der Vereinsführung spüre. Aber was bringt es mir, darüber zu verzweifeln? Ich muss einfach weiter Gas geben.
Sie haben vier Jahre in Mailand gelebt. Vermissen die Stadt?
Natürlich kann man Udine nicht mit Mailand vergleichen. Udine ist dagegen ein Dorf, hier leben nicht mal 100.000 Menschen. Doch vermissen? Ich denke, dass dieses Provinzielle vielleicht gar nicht so schlecht für einen jungen Profi ist, denn so kann ich mich voll und ganz auf Fußball konzentrieren.
 
Sie haben beim FC Genua und AC Mailand mit etlichen italienischen Nationalspielern zusammengespielt. Gibt es einen, der Sie am meisten geprägt hat?
Andrea Pirlo. Ein genialer Spieler. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, dass er dem Spiel zehn Sekunden voraus ist. Er sah Dinge, die andere erst später in der Zeitlupe nachvollziehen konnten.
 
Was ist mit Alberto Gilardino?
Auch ein großer Spieler. Der ist über 30 und bombt trotzdem noch in der Serie A.
 
Und Gegenspieler?
Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini von Juventus Turin sind verdammt harte Gegner. Ich denke, das ist auch eine Stärke von der italienischen Nationalmannschaft. Wenn diese beiden eingespielten Verteidiger gemeinsam im Defensivzentrum stehen, gibt es kaum ein Durchkommen.
 
Herr Merkel, Sie haben beim AC Mailand gespielt und können sich sogar italienischer Meister 2011 nennen. Warum laufen Sie heute Abend nicht neben den gefeierten DFB-Youngsters ins San Siro ein?
Es wäre ein Traum. Das Stadion ist einfach fantastisch. Doch ich bin noch nicht so weit. Ich weiß auch, dass ich noch an mir arbeiten muss. Allerdings bin ich weder enttäuscht noch neidisch. Ich gönne den Jungs ihren Erfolg. Gerade für einen Spieler wie Mario Götze freue ich mich wahnsinnig. Ihm schaue ich gerne zu und fand auch seinen Wechsel zum FC Bayern gut.
 
Ihr Tipp für heute Abend?
Der Bessere soll gewinnen.
 
Ach, Sie wollen es sich nicht mit Ihren italienischen Freunden verscherzen?
Darum geht es nicht. Ich werde das Spiel sogar gemeinsam mit meinen Mitspielern irgendwo in Udine gucken – und wenn Deutschland ein Tor schießt, werde ich auch jubeln. Doch ich war immer schon so: Ich mag Mannschaften, die attraktiven Fußball spielen. Und wenn diese Mannschaft gewinnt, freut es mich umso mehr.

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