06.09.2009

U21-Coach Adrion im Interview

»Ich gehöre zu keinem Lager«

Er trat in die meterlangen Fußstapfen von Horst Hrubesch. Hier spricht U-21-Nationaltrainer Rainer Adrion über sein schwieriges Erbe sowie sein Verhältnis zu den Obermotzen Joachim Löw und Matthias Sammer. 

Interview: Stefan Hermanns Bild: Imago
 Herr Adrion, haben Sie eigentlich eine gute Nackenmuskulatur?

Ich fürchte nicht. Für die Formel 1 würde es wohl nicht reichen. Warum fragen Sie?

Weil demnächst von zwei Seiten an Ihnen gezerrt werden könnte: von Joachim Löw auf der einen und Matthias Sammer auf der anderen.

Das fürchte ich nicht. Ich halte diese Diskussion zudem für schädlich. Der DFB ist doch ein Verband, wir sitzen alle in einem Boot. Das heißt nicht, dass wir uns alle auf eine Seite begeben müssen – sonst kippt das Boot um.



Für die Öffentlichkeit sind Sie der U-21-Trainer, den Joachim Löw Matthias Sammer aufgezwungen hat.

So habe ich das nie empfunden. Ich will auch zu keinem Lager gehören. Mit Matthias Sammer habe ich schon frühzeitig vor meiner Berufung wichtige Gespräche geführt. Es war ein gemeinsamer Entschluss, dass ich jetzt beim DFB an der Schnittstelle zwischen Jugend und Profis arbeite, so wie ich es zehn Jahre lang in Stuttgart getan habe. 

Im Grunde sind Sie der perfekte Moderator: Sie waren Kotrainer unter Löw und haben die U 23 trainiert, als Sammer Cheftrainer beim VfB war. 

Wenn Sie das so interpretieren wollen. Aber ich glaube nicht, dass ein Moderator vonnöten ist. Mein Verhältnis zu Joachim Löw ist gut. Ich komme aber auch blendend mit Matthias Sammer aus. Wir können wunderbar über Fußball diskutieren, und bei unseren Ideen gibt es viele Übereinstimmungen. Er macht mir nicht den Eindruck, dass er mich nicht unterstützen möchte. Das Gleiche gilt für Horst Hrubesch.

Aber Löw und Sammer haben sehr konträre Ansichten vom Fußball.


Ich sehe da nichts Konträres. Ich wehre mich auch gegen diese Polarisierung Löw-Sammer. Die gibt’s nicht. 

Sammer verlangt von den Nachwuchsteams des DFB eine klare Erfolgsorientierung. Fühlen Sie sich dadurch unter Druck gesetzt?

Das gehört doch dazu. Ich will ja nicht nur ausbilden; ich will ausbilden und Erfolg haben. Das war immer mein Ziel. Ich bin für die Eliteförderung. Es findet da inzwischen auch ein Umdenken statt. Ich erinnere mich noch, dass man vor einiger Zeit darüber diskutiert hat, ob der Wettbewerbsgedanke ein Kind nicht zu sehr unter Druck setzt. Man macht doch Sport, um zu gewinnen. Ein Kind weint, weil es einen Elfmeter verschossen hat, und muss von seiner Mutter getröstet werden – wenn man das richtig aufarbeitet, bringt einen das doch auch weiter. 

Wie gehen Sie mit Ihren Spielern um?

Ein Boxer hat mal gesagt: Meine beste Waffe ist mein Auge. Man muss bestimmte Dinge erkennen. Aber man braucht auch pädagogisches Geschick, wenn man an den Spieler rankommen und ihm verständlich machen will, was ihm noch fehlt. Er hat ja genügend Berater und Freunde in seinem Umfeld, die das möglicherweise anders sehen.

Der Übergang vom Nachwuchs zu den Profis ist der vielleicht schwierigste überhaupt. In Ihrer Zeit beim VfB Stuttgart haben etliche Spieler, Kuranyi, Hinkel, Gomez oder Khedira, diesen Übergang geschafft. Haben Sie ein Rezept?

Wir haben beim VfB dafür gekämpft, dass wir die Mittel bekommen, die auch uns als Übergangsmannschaft ein vollprofimäßiges Training ermöglichen. Es bringt nichts, wenn ein Spieler erst mit 21 anfängt, zweimal am Tag zu trainieren. Unterforderte Talente brauchen einfach länger als Talente, die in jedem Spiel und in jedem Training an ihre Leistungsgrenze gehen müssen. Dieses Prinzip gilt überall. Deshalb will ich auch beim DFB schon jüngere Spieler in die U21 einbauen, die das entsprechende Potenzial haben. 

Aber die entscheidende Arbeit wird immer noch in den Vereinen geleistet.


Die Vereine und der DFB arbeiten am selben Projekt: junge Spieler zu fördern und weiter zu bringen. Deshalb habe ich als allererstes versucht, eine enge Kommunikation mit den Bundesligatrainern aufzubauen. Die kennen ihre Spieler schließlich am besten. 

Wie sieht die Kommunikation aus?

Das läuft über den persönlichen Kontakt. Ich war in der Sommerpause in Österreich, da konnte ich in kurzer Zeit zehn Mannschaften in deren Trainingslager abarbeiten. Und ich hatte das Gefühl, dass ich auf offene Ohren stoße. Aber das müssen wir jetzt weiter pflegen.

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