U-21-Trainer Rainer Adrion über deutsche Fußballtalente

»Wir brauchen keine Angst zu haben«

Wer in der U-21-Nationalmannschaft überzeugt, ist dem A-Team ganz nahe. Trainer der besten deutschen Talente ist seit 2009 Rainer Adrion. Wir sprachen mit ihm über die Talentfülle in Deutschland und die Newcomer der vergangenen Saison.

Rainer Adrion und Patrick Herrmann

Rainer Adrion, Sie waren vergangene Woche mit der U21 in einem Teambuildings-Trainingslager. Wie war Ihr Eindruck?

Rainer Adrion: Super. Das Trainingslager hat uns als Mannschaft weitergebracht. Wir haben die Spieler mal von einer anderen Seite kennengelernt, die Spieler sich untereinander auch.

In der U21 herrscht erfahrungsgemäß eine große Fluktuation, sei es durch Verletzungen, altersbedingtes Ausscheiden oder Abstellungen an die A-Mannschaft. Macht da ein Teambuildings-Trainingslager überhaupt Sinn?

Rainer Adrion: Sicherlich mussten und müssen wir oft improvisieren. Wenn dies durch Abstellungen an die A-Nationalmannschaft passiert, ist es ja eigentlich eine tolle Sache, schließlich ist es unsere Aufgabe, möglichst viele Spieler an Joachim Löw abzugeben. Etwas weniger Fluktuation würde unsere Arbeit aber natürlich einfacher machen. Irgendwann ist der Sättigungsgrad an jungen Spieler im A-Team auch erreicht. Ich gehe ich davon aus, dass die Jungs, die mit im Trainingslager waren, die schwierige EM-Qualifikation im Oktober spielen.

Wählen Sie die Talente alleine aus oder gibt Joachim Löw vor, wer nominiert wird.

Rainer Adrion: Bei der Nominierung stehe ich im ständigen Austausch mit dem Bundestrainer. Wir beraten, welche Spieler für die U21 in Frage kommen, gleichzeitig wird die Strategie besprochen, wie lange wir sie behalten und wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um sie zum A- Team hochzuziehen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Übergangsbereich hervorragend funktioniert. Wie jetzt bei Julian Draxler, Ilkay Gündogan Marc-André ter Stegen, die alle im vorläufigen EM-Kader stehen.

Wem trauen Sie den Sprung in den endgültigen EM-Kader zu?

Rainer Adrion: Prädestiniert sind sie dafür alle, das Talent und die nötige Qualität ist zweifellos vorhanden. Doch man weiß nie, was in einer Vorbereitung so alles passiert. Wenn sie es diesmal nicht schaffen, dann halt beim nächsten Mal. Alle drei sind ja noch sehr jung.

In der Bundesliga haben sich in der vergangenen Saison viele weitere junge Spieler in den Fokus gespielt. Patrick Herrmann, Jan Kirchhoff, Daniel Didavi - wer ist für Sie der Newcomer der Saison?

Rainer Adrion: Für mich ist die Leistungsexplosion von Marc-André ter Stegen das Highlight der Saison. Marc-André war ja schon in der vergangenen Saison bei den Relegationsspielen und zuvor im Abstiegskampf sehr gut, hat sich aber noch einmal gesteigert. Die Nominierung in den vorläufigen EM-Kader war die logische Konsequenz.

Birgt die große Anzahl an Talenten eigentlich die Gefahr eines Talentestaus? Gibt es zu wenig Plätze für zu viele junge Spieler?

Rainer Adrion: Klar, der Konkurrenzkampf ist im Moment unter den Talenten wirklich hart. Doch an einen Talentestau, daran, dass Spieler trotz großer Qualität auf der Strecke bleiben, glaube ich nicht. Dafür gibt es zu viele Möglichkeiten Spielpraxis zu sammeln. Im Verein als auch bei uns in der U21. Wenn ein junger Spieler gut ist, dann setzt er sich auch durch.

Die U21  ist ein Ort, um Spielpraxis zu sammeln?

Rainer Adrion: Natürlich nicht ausschließlich. Wir haben ganz klare Anforderungen, ehrgeizige Ziele. Wir wollen die Qualifikation zur Europameisterschaft 2013 schaffen und diese auch gewinnen. Junge Spieler haben bei uns die Möglichkeit, auf höchstem Niveau Spielpraxis zu sammeln und mit Erfolgsdruck umzugehen. Das beste Beispiel ist das Europameister-Team von 2009. Mesut Özil, Manuel Neuer, Sami Khedira, Mats Hummels, Jerome Boateng und Marcel Schmelzer sind heute zum Teil Weltklassespieler.Die U21 hat ihren Anteil an dieser Entwicklung.

Bei der Talentfülle haben sie zurzeit neben Joachim Löw den besten Job im deutschen Fußball.

Rainer Adrion: (lacht) Das stimmt. Die Hauptarbeit bei der Entwicklung der Talente machen selbstverständlich die Vereine. Wir tragen unseren Teil dazu bei, vor allem was die internationale Erfahrung angeht und das macht einfach sehr viel Spaß. Bei so vielen und so guten Spielern natürlich noch mehr.

DieU-21-EM 2011 wurde verpasst, dadurch auch die Olympischen Spielen 2012. Wie weh tut das angesichts des eigentlich großen Spielerpotentials?

Rainer Adrion: Das war fraglos ein Rückschlag. Spieler wie Toni Kroos, Marko Marin und Jerome Boateng haben uns zum damaligen Zeitpunkt einfach gefehlt, weil sie bereits im A-Team zum Stamm zählten.

Die Gegner in der Qualifikation hießen Island und Tschechien, die sicherlich nicht übermächtig waren. Vergessen wir im Hype um unsere Talente vielleicht auch, dass die anderen Nationen inzwischen ebenfalls gute Nachwuchsarbeit leisten?

Rainer Adrion: Der Fußball ist auch im Jugendbereich enger zusammengerückt, aber ich glaube nicht, dass wir das unterschätzen. Wir müssen natürlich immer hellwach sein. Deutschland ist in der Talentförderung und Ausbildung nach wie vor führend. Andere Länder nehmen uns zum Vorbild.

Kann es die Spieler in ihrer Entwicklung bremsen, dass sie diese Turniere nicht spielen?

Rainer Adrion: Nein, das glaube ich nicht. Mats Hummels und Benedikt Höwedes waren damals in der Mannschaft, die in der Qualifikation zur EM 2011 gescheitert ist. Deren Entwicklung hat es sichtbar auch nicht geschadet. Allerdings haben sie zuvor auch das EM-Turnier bereits einmal gewonnen.

Sie haben die beste Übersicht: Sind weitere Newcomer in der nächsten Saison schon in Aussicht?

Rainer Adrion: In der U17 und U19 haben sich schon einige ins Rampenlicht gespielt, auch in der zweiten Liga. Doch Namen werde ich nicht nennen, das würde nur unnötig Druck aufbauen. Der kommt später schon von ganz alleine. Die Jungs sollen sich in Ruhe entwickeln. Eines ist aber sicher: Wir  brauchen vor der Zukunft kein Angst mehr zu haben.

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