TV-Legende Dieter Kürten über 50 Jahre Bundesliga

»Wir fühlten uns wie Kanalarbeiter«

Dieter Kürten ist der Nestor des deutschen TV-Fußballs. Die Bundesliga begleitete er seit ihrer Gründung 1963 und gehörte auch zu den Geburtshelfern des »Aktuellen Sportstudios«. Hier erinnert er sich an die Geburtsstunde zweier Dauerbrenner.

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Dieter Kürten, welche ist die prägendste Erinnerung, die Sie an Ihre Anfangstage als Sportjournalist in der Bundesliga haben?
Das sind vor allem die Freiheiten, die wir damals genossen haben. Gerade beim »Sportstudio« konnten wir sehr viel ausprobieren. Heute ist da vieles zwangsläufig genormt und zeitlich festgefügt.

Wenn Fernsehjournalisten heute ein Fußballspiel begleiten, haben sie ihr kleines Studio im Übertragungswagen dabei. Wie sah Ihre Grundausstattung in den Sechzigern aus?
Grundausstattung? Dass ich nicht lache. Wir standen bei Wind und Wetter im Freien. Ich hatte einen Schreibblock, ein paar Stifte und einen Kameramann, mit dem ich nicht selten auf dem Stadiondach postiert war. Und wenn ich Pech hatte, musste ich dem guten Mann auch noch immer wieder Beine machen, wenn unten auf dem Spielfeld Torgefahr drohte, damit er auch rechtzeitig seine Kamera anwarf. Das war abenteuerlich.

Es wurde nicht das ganze Spiel aufgezeichnet?
Nein, im Grunde mussten wir bei jedem Angriff eine neue Aufnahme starten, auch wenn der Ball im Seitenaus landete. Man wusste ja nie, was als Nächstes geschehen würde. Wir haben ja noch auf 16-Millimeter-Filmen gedreht, und so kamen schnell Hunderte von Metern an Filmband zusammen. Und trotzdem war man am Ende nicht sicher, ob alle Tore drauf waren.

Die Kameramänner verpassten Tore?
Ja, leider! Nicht jeder war immer zu 100 Prozent konzentriert, und manche hatten einfach kein Empfinden für Fußball. Als Fan und Jungredakteur ahnte ich, wenn sich auf dem Feld etwas Besonderes anbahnte. Doch mancher Kameramann reagierte nur auf Zuruf. Nach einer verpassten Szene hieß es dann: »Das Tor habe ich leider nicht, aber dafür viel Jubel.«

Von manchen Spielen gibt es allerdings auch wunderbare Hintertoraufnahmen.
Zum Glück. Bei besonderen Spielen wurden auch mal zwei Kameras eingesetzt. Eine durfte man hinter das Tor stellen. Da war nur die Frage: hinter welches? Hatte man sich falsch entschieden, konnte man von Glück sagen, wenn man den Kollegen per Walkie-Talkie umdirigieren konnte.

Wie viele Tore sind dem Fernsehpublikum durch diese Pannen entgangen?
Das kam natürlich nicht jede Woche vor, aber dennoch war es unangenehm für uns Redakteure. Wir mussten häufig vor dem Abpfiff des Spiels schon das Stadion verlassen, um die ersten Filmrollen frühzeitig zur Entwicklung zu bringen.

Sie haben die Spiele nicht bis zum Ende gesehen?
So ist es. Wir arbeiteten unter Zeitdruck, weil wir am Anfang mit dem »Sportstudio« schon um 21.15 Uhr auf Sendung gingen. Deswegen durften wir keinesfalls in das Verkehrschaos nach Spielschluss geraten. Wir mussten ja oft noch mit dem Auto hunderte Kilometer zum nächsten Kopierwerk rasen. Wenn man beispielsweise aus Braunschweig berichten sollte, musste man nach Hamburg. Von Bielefeld aus nach Düsseldorf.

Sie waren also eine Art Autokurier im Gewand eines Reporters.
Gewissermaßen. Doch die Kollegen der ARD standen unter noch größerem Zeitdruck, weil die »Sportschau« ja drei Stunden vor uns gesendet hat. Die haben sogar manchmal ein halbes Dutzend Motorradfahrer als Kuriere eingesetzt, weil die schneller durchkamen. Die fuhren mit ihren Kassetten quer durch das Land. Leider kam es dabei dann und wann zu schweren Unfällen.

Weil die Konzentration eigentlich zu 100 Prozent auf dem Straßenverkehr liegen sollte.
Na, klar. Dennoch: Im Kopf legte ich mir nebenbei schon die Texte für meine Beiträge zurecht, während ich wie auf der Flucht über die Autobahn jagte. Und wenn ich dann im Radio hörte, dass in der Schlussphase noch ein paar Tore gefallen waren, konnte ich nur hoffen, dass der Kameramann einen guten Job gemacht hatte.

Wie oft standen Sie am Ende eines Spieltags mit leeren Händen da?
Naja, irgendwas war immer zu gebrauchen. Es trug allerdings nicht unbedingt zur Beruhigung bei, wenn der Kameramann zwei Stunden später mit dem Restmaterial im Schneideraum ankam und sagte: »Jetzt bin ich aber selber mal gespannt, was ich drauf habe.«

Gab es nie Konflikte mit dem Gesetz?
Einmal bin ich während des Spiels in einen Wolkenbruch geraten. Ich hatte keine trockene Faser mehr am Körper. Also habe ich mir meinen Schlafanzug angezogen und bin auf die Autobahn gestürmt. Weil ich unter hohem Zeitdruck war und die Hand vor den Augen kaum sehen konnte, habe ich die richtige Ausfahrt vielleicht um zehn Meter verpasst. Also habe ich jäh gestoppt, den Rückwärtsgang eingelegt, und wer stand hinter mir? Die Polizei!

Der Führerschein war weg.
Von wegen. Der Polizist erstaunt: »Ach, Sie sind das, Herr Kürten. Was machen Sie da?« Ich schilderte ihm meine Notlage. Dann sah er mein Outfit und fragte: »Was haben Sie überhaupt an?« Auch das konnte ich plausibel erklären. Der Mann mochte mich offenbar und eskortierte mich durch die richtige Ausfahrt.

So was wäre heute ein gefundenes Fressen für die Presse.
Die Schlagzeile kann man sich ja vorstellen: »Verkehrssünder Kürten – So kungeln die Promis mit der Polizei!«

Konnten Sie wenigstens entspannen, wenn Sie Ihr Ziel pünktlich erreicht hatten?
Im Gegenteil. Im Kopierwerk war die Hetzjagd noch nicht vorbei. Dann begann das Bangen, ob mit der Entwicklung alles in Ordnung sein würde. Man wartete mindestens eine Stunde auf die fertigen Bilder, telefonierte währenddessen mit der Redaktion, und nicht selten kam der Kopierwerksmeister und sagte: »Tut mir leid, Teile des Materials sind unbrauchbar. Die Maschine ist stehengeblieben.«

Angesichts solcher Geschichten verwundert es, dass überhaupt Bundesligaszenen aus den Sechzigern überliefert sind.
Wir lernten uns zu behelfen und zeigten bei fehlenden Toren, wie gesagt, viel Jubel. Dazu dürftiger Text. Etwa, dass wir das Tor nicht zeigen könnten, weil gerade ein Kassettenwechsel nötig gewesen sei. Unter diese improvisierten Bilder legten wir dann ein bisschen Atmosphäre aus der Konserve.

Aus der Konserve?
Natürlich hätten wir den Ton parallel zum Film aufnehmen können, so viel Zeit war aber nicht. Das hätte den Produktionsaufwand weiter erhöht. Dann hätte man zu zahlreichen Metern Filmmaterial noch entsprechende Tonbänder gehabt, die man hätte synchron anlegen müssen. Also haben wir ins Archiv gegriffen. Das war nach Zuschauermenge und Emotionen sortiert. Es gab Tonspuren für 20 000 jubelnde Fans oder etwa für 10 000 aufgebrachte Anhänger. Das führte allerdings auch zu dem einen oder anderen Kuriosum.

Zum Beispiel?
Es kam schon mal vor, dass während eines Spiels zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln plötzlich »Uwe, Uwe«-Rufe erklangen.
Das hat nie jemand gemerkt? Wer weiß? Beschwert hat sich zumindest niemand. Ich denke, die Zuschauer waren sehr nachsichtig, weil alle wussten, dass wir uns viel Mühe für sie gaben.



Klingt sehr stressig.
Jeder wusste, dass er diesen Job nicht sein ganzes Leben lang würde machen können. Die körperlichen und psychischen Belastungen waren enorm. Man arbeitete viel allein, ein Feedback von der Redaktion gab es in aller Regel erst am Montag. Wenn man zum Beispiel wusste, dass etwas nicht ganz glatt gelaufen war, grübelte man den ganzen Sonntag lang.

Sie kamen kurz vor dem ersten Sendetag am 1. April 1963 zum ZDF. Wie müssen wir uns die Arbeitsbedingungen in der Sportredaktion damals vorstellen?
Kann man sich kaum vorstellen! Ich kam aus Düsseldorf nach Eschborn und hatte mich für meinen ersten Arbeitstag richtig schick gemacht: Kamelhaarmantel, teure Schuhe. Es regnete in Strömen, und als ich unsere Redaktionsräume sah, wusste ich schlagartig, ich war overdressed.

Inwiefern?
Wir waren in einem ehemaligen Bauernhof untergebracht. Hier standen jetzt Baracken. Die Regie saß in einem umgebauten Schweinestall, die Technik lagerte im früheren Kuhstall. Draußen grasten Schafe, und man kam nur über ausgelegte Bohlen in die Büros. Wenn es geregnet hat, war man dreckig bis ans Knie. Wir Sportredakteure fühlten uns selbst wie die Kanal­arbeiter. Aber wir schafften. Auch wenn der Sport immer als Erstes aus der Planung kippte. Dabei gab es jeden Tag sowieso nur eine Meldung.

Sportjournalisten galten als Fans, die über die Bande gesprungen sind.
Der Vorwurf ist so alt wie der Job selbst. Auch im ZDF wurden wir zunächst belächelt.

Heute ist Sport, und vor allem Fußball, medial omnipräsent.
Das hat sich bereits damals abgezeichnet. Allerdings keinesfalls aus Überzeugung, sondern aus reinem Pragmatismus. Sport war für einige Programmverantwortliche ein notwendiges Übel. Aber die Sender haben sehr früh gemerkt, dass man mit Sport sehr preiswert Sendezeit füllen kann. Und Zuschauer gewinnt! Also dominierte der Sport zunehmend das Programm.

Ihre erste Moderation im »Sportstudio« im Jahr 1967 dauerte drei Stunden und 18 Minuten. Das sind Sendelängen, die man sonst nur von Thomas Gottschalk kennt.
Heute undenkbar, aber damals hat man uns machen lassen. Ich hatte unter anderem drei Ingenieure zu Gast, die unseren Zuschauern die Funktionen einer brandneuen Magnetband-Aufzeichnungsmaschine erklären sollten. Das war ein riesiger Kasten, um den man herumgehen musste. Ich hatte den drei Herren das Wort erteilt und sie referierten sehr ausführlich. Ich glaube, allein dieser Teil der Sendung hat eine halbe Stunde gedauert.

In einer anderen Ausgabe im Jahr 1986 hatten Sie minutenlang keine Spielberichte, weil die Leitungen zusammengebrochen waren.
Genau. Ich saß da mit Jupp Heynckes und Steffi Graf und drohte, dass wir uns bald Witze erzählen müssten, weil ich nichts mehr zu senden hätte. Die Kollegen aus der Technik erklärten dann nach solchen Pannen gern: »Schuld ist die Post.«

Was hatte das zu bedeuten?
Während der ersten Jahre liefen alle Leitungen noch über die Post, sie wurden in einer Zentrale in Frankfurt, dem sogenannten »Stern«, gebündelt. Und wenn es da gehakt hat, mussten ganze Livesendungen mit allerlei Improvisation gerettet werden. Wir hatten sogar einen Pannen-DJ im Studio.

Einen was, bitte?
Eine Idee des damaligen Sportchefs, der die Kollegin Ursula Sternberg überzeugen konnte, als DJ zu fungieren. Also stand sie während der Sendung an einem Plattenteller. Und wenn etwas schief lief, spielte sie einfach ein bisschen Musik.

Im Internet gehen Neuigkeiten heute binnen Sekunden um die Welt. Wie sammelten Sie damals Informationen?
Wir telefonierten viel, waren immer im Kontakt mit den Protagonisten. Aber wenn Trainer oder Spieler nicht mit uns reden wollten, dann gingen sie uns aus dem Weg. Pressekonferenzen wie heutzutage gab es nicht. Dann hatten wir keine Chance auf exklusive Informationen. Deswegen musste man sich eben etwas einfallen lassen.

Verraten Sie uns Ihre Tricks?
Ich wählte häufig die Privatnummern der Trainer und hoffte, die Ehefrau würde den Hörer abnehmen. Mit viel Charme und kleinen Flirts entlockte ich den Gattinnen die eine oder andere Information, die ihre Männer am Kaffeetisch ausgeplaudert hatten.

Sie waren also die etwas andere Variante des »Witwenschüttlers«.
Das waren oft nur Häppchen, mit denen ich meine Vorberichte würzen konnte. Und die Frauen wussten irgendwann auch, was der Kürten wollte. Nicht selten haben die Lebenspartner angeordnet, dass sie mit mir, »dem Sauhund«, nicht mehr so viel quatschen sollten. Dann musste ich mich beim nächsten Mal besonders ins Zeug legen.

Dieter Kürten, wenn Sie auf diese Anfangsjahre der Fußballberichterstattung zurückblicken. Beneiden Sie die heutigen Kollegen um ihre Arbeitsbedingungen?
Und wie. Aber im Nachhinein möchte ich diese Zeit nicht missen. Nur als ich da drin steckte, war das nicht immer nur lustig. Aber es ging eben nicht anders. Die Vernunft blieb dabei oftmals buchstäblich auf der Strecke. Leidenschaft und Herzblut bestimmten unsere Arbeit.

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