Türkiyems Manager im Interview

»Wir sind noch nicht soweit«

Seit 25 Jahren arbeitet Manager Fikret Ceylan ehrenamtlich für Türkiyemspor Berlin. Wir sprachen mit ihm über die Aussichten in der Regionalliga, verlockende Angebote aus der Türkei und fremdenfeindliche Angriffe. Türkiyems Manager im InterviewPamela Spitz
Heft #94 09/2009
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Fikret Ceylan, seit wann sind Sie schon bei Türkiyemspor?

Seit 25 Jahren. In den großen Zeiten, als wir vor rund zwanzig Jahren beinahe in die Bundesliga aufgestiegen wären, war ich der größte Sponsor. Der Verein hat mich arm gemacht.

Seit wann sind Sie Manager
?

Seit zehn, fünfzehn Jahren. Genau kann man die Grenze nicht ziehen, weil ich eben auch Sponsor war und immer noch bin. Aber ich mache das alles ehrenamtlich, wie alle hier. Ich sage ganz gerne: »Ich bin der dümmste Manager«.  Andere Manager verdienen 100 000 Euro im Jahr, auch in der Regionalliga.

Wieviel verdienen die Spieler?


Die Spieler verdienen zwischen 150 und 1300 Euro, genau genommen verdienen nur drei der älteren Spieler 1300 Euro. Mehr als die Hälfte der Spieler arbeitet nebenher oder studiert. Deswegen sind vormittags auch nie alle da.

Sie haben jetzt einen Etat von 800 000 Euro. Das ist für einen Regionalligaverein nicht viel. Für Türkiyem im Vergleich zu den letzten Jahren aber doch eine stolze Summe.

Das ist aber der Etat des gesamten Vereins, etwa die Hälfte davon geht in die erste Mannschaft. Der Rest geht in die Jugendarbeit und in die Projekte. Immerhin müssen wir nichts für den Platz bezahlen, der wird von der Stadt Berlin gestellt.

Sind Sie zufrieden mit dem Platz?

Ja schon. Er ist nichts besonderes, aber immerhin haben wir nach über dreißig Jahren zum ersten Mal einen Trainingsplatz. Zumindest für die nächsten zwei Jahre. Leider ist der Rasen ziemlich ramponiert. Eigentlich war der Platz vor der Saison für sechs Wochen gesperrt, aber Jugendliche aus der Gegend hier sind über den Zaun geklettert und haben trotzdem gespielt. Als wir anfangen wollten, war der Rasen deswegen kaputt.

Betrachten Sie Türkiyemspor als professionellen Verein?

Wenn ich ehrlich bin, sind wir als Verein noch nicht soweit. Einige Leute arbeiten sehr professionell, aber als Verein kommen wir nicht richtig hinterher. Türkiyemspor steigt so schnell auf, da kommen wir nicht richtig dazu, auch die Strukturen anzugleichen. Wir bräuchten Leute, die richtig professionell sind. Aber, das muss man auch sagen, dieses Jahr sind einige dazugekommen, Leute, die richtig gute Arbeit machen, sitzen jetzt im Vorstand. Das ist ein großer Schritt nach vorne.

Was ist durch die Regionalliga anders geworden?

Wir haben jetzt eine bessere Versorgung durch die Ärzte. Die Betreuung ist besser geworden. Und die Spieler trainieren häufiger und sind motivierter. In der Oberliga kannten sie jeden Gegenspieler, in der Regionalliga durch die weiteren Entfernungen nicht. Aber das wirkt sich positiv aus. Die Jungs werden auch motiviert, weil sie wissen, dass schon viele den Sprung von uns ins Ausland, vor allem in die Türkei, oder in höhere Ligen geschafft haben.

Sie bieten Türkiyemspor also ganz bewusst als Zwischenstation für die Spieler an?

Ja, das ist auch okay so. Ich mache mit jungen Spielern grundsätzlich immer Drei-Jahres-Verträge. Aber wenn sie bessere Angebote haben, können sie weg.

Davon lebt der Verein auch, oder?

Ja. Vorletztes Jahr haben wir insgesamt fast 200 000 Euro durch Ablösesummen verdient, das ist bei unserem Etat sehr viel Geld.

Türkiyem soll als Karrieresprungbrett dienen
?

Ja. In dieser Hinsicht sind wir die Nummer eins in Berlin. In ein paar Tagen kommt erst wieder ein Erstligatrainer aus der Türkei, um gezielt einen unserer Jungs zu beobachten. Das wissen die anderen auch, dass sie sich dann anbieten können.

Weiß der Spieler das auch?

Ja, das weiß er. Ich bin da immer ganz korrekt. Wenn sie ihn für die erste türkische Liga haben wollen: Bitte sehr! Natürlich muss es dafür dann ein bisschen Geld geben, schließlich muss ich dann Ersatz holen, aber das ist okay. Ich freue mich für den Spieler und die anderen motiviert das auch, wenn sie merken, dass sie bei Türkiyem beobachtet werden. Damit haben wir kein Problem.

Reicht das, um erfolgreich zu spielen. Wie sind denn die Ziele für die Regionalliga?


Das erste Ziel ist der Klassenerhalt, ganz klar. Wir müssen realistisch sein. Wir haben weniger Geld als andere Vereine und vor allem haben wir nicht ein oder zwei Großsponsoren, die auf einen Schlag 500 000 Euro geben, sondern sammeln kleine Beträge mühsam von sehr vielen Partnern ein. Deswegen suchen wir nach jungen Spielern, die Leistung bringen und noch etwas erreichen wollen, die hungrig sind, und dafür in Kauf nehmen, bei uns nur sehr wenig zu verdienen. Von solchen Jungs kann ich nicht mehr verlangen als den Klassenerhalt. Wenn ich eine Million mehr hätte, könnten wir aufsteigen.

Wo könnten Sie die herbekommen?

Keine Ahnung, das ist schwer. Deutsche Sponsoren wollen nicht bei uns werben, vielleicht haben sie Angst vor dem Namen Türkiyemspor, ich weiß es nicht. Dabei sind wir ein deutscher, ein Berliner Verein, der nur noch Türkiyemspor heißt, weil der Name inzwischen eine Marke ist, die Aufmerksamkeit erzeugt. Aber die Deutschen sind in der Mannschaft inzwischen in der Mehrheit, in der Stammelf stehen zur Zeit nur noch zwei Türken. Mich interessiert das auch überhaupt nicht, woher die Spieler kommen.

Es gab Überlegungen, den Namen und das Wappen zu ändern, um deutscher zu wirken. Wie stehen Sie dazu?


Ich hätte kein Problem damit. Bei der Umbenennung 1987 standen drei Namen zur Auswahl: FC Berlin, SO 36, und Türkiyemspor. Und vor allem viele Deutsche, besonders Politiker, die bei uns Mitglied waren, wollten unbedingt den Namen Türkiyemspor. Auch heute noch, weil sie sagen: Wir wollen nur Leute hier haben, die der Name nicht stört. Wir sind ja ein Berliner Verein. Vielleicht stören sich auch Leute am Wappen, dass die türkische Flagge mit dem Berliner Bären zeigt, aber der Verein wurde eben von Berliner Türken gegründet. Es gab auch Überlegungen, die deutschen Farben noch mit reinzunehmen, aber da muss ich sagen: Nein, dann sähe es so aus, als seien wir ein türkisch-deutscher Verein, aber das sind wir nicht. Wir sind ein deutscher Verein. Sonst könnten wir auch ganz leicht an Geld kommen, aber das wollen wir nicht.

Wie meinen Sie das?

In der Türkei wäre es für uns ein leichtes, Partner zu finden. Aber dann wären wir kein deutscher Verein mehr, und das wollen wir nicht. Das verstehen manche Leute hier nicht. Es gibt Vereine, die mit türkischen Klubs kooperieren, ihnen für Geld ihren Kader zur Verfügung stellen. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen hier in Berlin mit unserem eigenen Fett brennen.

Wie sollte das aussehen?

Ich nennen keine Namen, aber wenn wir vor Türkiyem noch einen Klubnamen aus der Türkei gesetzt hätten, hätten die uns unterstützt. Aber das wollten wir nicht, weil wir unsere Tradition als deutscher Verein haben. Wir wollen ja nichts mit Gewalt erreichen.

Wie finanzieren Sie sich dann?

Durch in Deutschland lebende Türken und Deutsche, die kleine Summen in den Verein stecken.

Vor rund zwanzig Jahren stand Türkiyem kurz vor dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Was ist danach passiert?

Der Bruch kam, als wir 1991 das entscheidende Spiel gegen Tennis Borussia 5:0 verloren haben. Wir hatten da vier Nachholspiele in zehn Tagen machen müssen, das ging den Spielern auf die Knochen. Deshalb haben wir die letzte Partie eben 5:0 verloren. Aber viele Fans glauben noch heute, dass der damalige Vorstand das Spiel und den Aufstieg verkauft hat.

Stimmt es denn?


Davon weiß ich nichts. Ich glaube es auch nicht. Und ich war ja immer dabei, also hätte ich das merken müssen. Habe ich aber nicht.

Aber Sie leiden unter der Geschichte noch heute?

Ja, immer noch.            

Erklärt sich damit auch der Zuschauerschwund? Früher spielten sie vor mehreren tausend Zuschauern, letzte Saison lag der Schnitt bei 352.


Anfangs schon. Aber heute liegt es zum einen mehr daran, dass wir im Jahnstadion im Prenzlauer Berg spielen müssen und zum anderen am Satellitenfernsehen. Heutzutage können die Spiele der ersten türkischen Liga live in Deutschland empfangen werden. Das ganze Wochenende werden von früh bis abends Begegnungen ausgestrahlt. Wer sich Türkiyemspor live ansieht, verpasst zwei Spiele im Fernsehen. Die ganzen Geschäfte und Cafés sind voll, unser eigener Fanklub zeigt auf der einen Seite Fehnerbace und auf der anderen Galatasaray. Das hat viele Zuschauer gekostet.

Vor zwanzig Jahren war das anders?


Damals gab es das noch nicht. Wenn die Leute die türkische Liga verfolgen wollten, haben sie ihren Weltempfänger mit zu unseren Spielen genommen. Es ist öfter passiert, dass wir ein Tor kassiert haben und plötzlich haben die Leute gejubelt, weil sie gleichzeitig im Radio von einem Treffer ihres Klubs in der Türkei gehört haben.

Leiden Sie auch heute noch unter fremdenfeindlichen Angriffen?

Es ist viel besser geworden. Manchmal haben wir noch Probleme in den neuen Ländern, aber längst nicht mehr so häufig. Was auch daran liegt, dass inzwischen die Vorstände der anderen Vereine etwas dagegen tun. Das sind faire Leute. Für die ist das ja auch nicht schön, wenn wir angefeindet werden. Mitunter gibt es noch Probleme, aber längst nicht mehr so heftig wie früher.

Wie war das damals?


Wenn wir nach der Wende nach Cottbus oder Rostock kamen, gingen die Scheiben unserer Autos zu Bruch oder wurden die Reifen aufgestochen. Aber das wird wirklich immer weniger. Ein paar gibt es immer, aber das stört mich nicht mehr. Ich höre das inzwischen gar nicht mehr. Wenn jemand glaubt, dass er mich beschimpfen muss, dann soll er das machen. Ich habe damit kein Problem mehr.

Kommen noch viele Fans mit zu Auswärtsfahrten?


Nein, aus diesem Grund nicht. Ich kann das auch verstehen. Früher bin ich ab und zu mit meiner Tochter zu den Spielen gegangen und wenn mich jemand erkannt hat, hieß es plötzlich »Arschloch« oder sonst was und dann fragte meine Tochter mich, warum die das machen. Und ich konnte ihr keine Antwort geben. Da bin ich nicht mehr mit ihr gefahren. Ich bin mit einer Deutschen verheiratet. Obwohl meine Tochter kein Wort türkisch spricht, wurden wir beschimpft.


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