Traumhüter Lars Leese im Interview

„Ich bin ein C-Promi“

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Lars Leese, im Roman erzählen Sie, wie Sie auf Ihren Autofahrten zu den Spielen in der Kreisliga Westerwald immer drei Zigaretten nach einem strikten Ritual geraucht haben. Aus Aberglaube, um das Spiel zu gewinnen. Wie ich sehe, haben Sie das Rauchen noch nicht drangegeben!

(lacht) Nein, ganz im Gegenteil. Als Trainer verstärkt sich das noch, weil man den Druck durch das Rauchen kompensiert, was eigentlich völliger Schwachsinn ist. Früher habe ich sogar deutlich weniger geraucht, aber jetzt, um regelrecht gegen den Abstiegskampf in der Oberliga anzustinken, brauche ich ab und zu eine Zigarettenpause, um etwas herunterzukommen.

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Im Roman geben Sie einen Teil Ihres Lebens mit allen Höhen und Tiefen preis. Ist es unangenehm, so eine öffentliche Person zu sein?

Es hält sich bei mir in schönen Grenzen. Ich genieße alle Vorteile eines C-Promis oder Vorstadtstars und habe trotzdem meine Ruhe. Wenn ich mal irgendwo hin möchte, lässt sich das meistens arrangieren, aber ich kann trotzdem ungestört in Köln durch die Straßen schlendern. Es ist ein sehr angenehmer Status. Durch das Buch haben die Leute, die mich treffen, immer das Gefühl, sie kennen mich schon sehr lange, weil sie einen Teil meiner Biografie gelesen haben.

Nutzen die Spieler die Insider-Informationen über die Eskapaden des früheren Spielers Lars Leese nicht aus?

Meine Spieler wissen selbst, was sie machen müssen, um unter die ersten Elf zu kommen. Wenn man freitags einen trinkt und am Sonntag gewinnt, dann ist das egal; verliert man aber, und es kommt heraus, dann gibt es einen auf die Backen. Das war zu meiner aktiven Zeit so und das ist heute auch noch so. Diese Grundregel wird sich wohl im Fußball nicht mehr ändern. Aber das Buch hat bei den Spielern eher dafür gesorgt, dass ich eine hohe Glaubwürdigkeit bekommen habe. Eben weil ich nicht der achtzigfache Nationalspieler bin, der von oben herunter guckt und darüber philosophiert, dass früher alles besser gewesen ist. Letztlich bin ich ein Typ wie sie selbst und habe alle Facetten des Fußballer-Daseins von der Anonymität der Kreisliga bis zum Ruhm der Premier League, vom „Held des Tages“ bis zum aussortierten Spieler auf der Tribüne miterlebt. Meiner Spieler finden das Buch auch deswegen gut, weil es eine Geschichte ist, die mit ein bisschen Glück jedem von den Jungs passieren könnte: Der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort, auf einmal sieht dich jemand und plötzlich spielst du zwei Klassen höher - so groß ist der Unterschied ja nicht.

Prägen die Höhen und Tiefen, die Sie als Spieler erlebt haben, auch den Trainer Lars Leese?

Ich hoffe! Ich habe immer gerne mit Menschen gearbeitet und kameradschaftlich nie in einer Mannschaft Probleme gehabt. Hier in Bergisch Gladbach hatte ich das Glück, zu Beginn einer neuen Phase des Vereins einzusteigen. Das Präsidium hatte sich verändert, und gleich im ersten Jahr sind wir überraschend in die Oberliga Nordrhein aufgestiegen. Das war ein toller Auftakt meiner Trainertätigkeit, aber trotzdem bleibt die Verantwortung, sich ständig weiterzubilden. Torhüter ist meines Erachtens fast die ideale Position, um Trainer zu werden. Man hat von hinten mehr oder weniger im ganzen Spiel die Sichtweise des Trainers. Schon zu meiner aktiven Zeit habe ich meine Mannschaft lautstark dirigiert und gestellt. Für mich ist es wichtig, sich mit den Jungs auseinanderzusetzen. Ich weiß von meinen Spielern, was sie im Job machen, ob sie eine Freundin haben und wie ihr ganzes Drumherum aussieht. Ich befasse mich mit dem ganzen Spieler und nicht nur mit dem, der beim Training und sonntags auf dem Platz steht. Ich denke, der Respekt meiner Spieler kommt nicht daher, dass ich eine Romanfigur bin, sondern entsteht aus der Kompetenz, die ich ihnen beim Training und im Spiel vermittele.

Aber Sie haben sich voll und ganz der Trainertätigkeit verschrieben?

Ja, auch mit aller Konsequenz. Ich besitze die A-Lizenz und habe mich jetzt für den Fußball-Lehrer-Lehrgang 2008 an der Sporthochschule in Köln beworben. Kurzfristig wollen wir hier in Bergisch Gladbach die neue NRW-Liga erreichen, mittelfristig ist es natürlich mein privates Ziel, irgendwann eine Profimannschaft zu trainieren.
Und wenn jetzt eine Anfrage des FC Barnsley aus der zweiten englischen Liga kommen würde?
(lacht) Die würden das wahrscheinlich diesmal besser prüfen, als sie es damals gemacht haben. Als Trainer kann man sich heutzutage nicht aussuchen, wo man seinen Job macht. Jedenfalls nicht die Sterblichen in diesem Metier. Barnsley war für mich eine traumhafte Zeit, auch wenn es am Ende sportlich nicht mehr klappte. Aber es ist eine tolle, alte Kohlenstadt, die ganz einfach strukturiert ist - mit Menschen, die ein ganz großes Herz für den Fußball haben.

Ihre Geschichte war auch deswegen so erfolgreich, weil Sie ausgerechnet in England, dem Mutterland des Fußballs, im Rampenlicht standen. Was macht den Fußball auf der Insel so besonders?

Es liegt an der Verankerung des Fußballs in der Gesellschaft und in den Menschen dort. Wir sind mit Barnsley nach einem Jahr aus der Premier League abgestiegen und konnten trotzdem durch die Stadt gehen. Es gab keine Busblockade, es wurden keine Fahnen verbrannt. Als wir zwei Spieltage vor Schluss in Leicester City mit 0:1 verloren und damit der Abstieg besiegelt war, standen 4.000 Fans auf der Tribüne und haben „We love you, Barnsley“ gesungen und dabei geweint. Das war ein bewegendes Bild. Sicher war es in Barnsley auch eine Ausnahmesituation. Schließlich war es das einjährige Premier League-Abenteuer in der 110-jährigen Vereinsgeschichte. Die Fans waren also von vornherein einfach stolz darauf, dass ihr Verein aus der kleinen Kohlenstadt mit Liverpool, ManU und Arsenal in einer Klasse spielte. Ich habe gerade mit Thomas Hitzlsperger gesprochen, der lange bei Aston Villa spielte. Auch er sagte, dass mit den Fans in England nichts vergleichbar ist. Dort singt nicht nur eine Kurve, sondern das ganze Stadion. Wenn man bereit ist, sich den Arsch aufzureißen, dann kann man auch zu Hause mit 0:3 verlieren und bekommt trotzdem Applaus. Die Fans wollen sehen, dass das Trikot von oben bis unten eingesaut ist und man die Zweikämpfe annimmt. Wenn es am Ende nicht reicht, wird der Zuschauer immer noch das Gefühl haben, diese Mannschaft auf dem Rasen hat heute meinen Verein anständig vertreten. Natürlich läuft es in Deutschland nicht viel anders, aber hier verhalten sich die Zuschauer ergebnisorientierter und honorieren weniger den Aufwand, egal was dabei am Ende herauskommt.

Die Auffassung der Fans klingt sehr traditionell, dabei sind die englischen Vereine extrem kommerzialisiert.
Das stimmt, aber irgendwie greift es die Fans in ihrer Vereinstreue nicht an. Manchmal scheint es mir, als ob dort die Menschen einen Fanschal von Liverpool oder ManU in die Wiege gelegt bekommen, dem sie dann ein Leben lang folgen. Ob nun eine Aktiengesellschaft oder ein Saudi den Verein führt, das ist ihnen letztlich egal. Die Vereinsfarben müssen die gleichen bleiben, das Wappen muss erkennbar sein, und dann kann die Engländer in ihrer Fußball-Leidenschaft nichts mehr erschüttern. Zum Beispiel wird heutzutage die Premier League exklusiv von Sky-Channel vermarktet und auf BBC laufen abends um elf Uhr Ausschnitte von nur drei Spielen. Die Fernsehvermarktung ist also im Land der Traditionalisten viel extremer als hier in Deutschland, aber es regt sich fast niemand mehr darüber auf.

Aber es gibt auch Gegenbewegungen bei den Fans…

Okay, der von Fans im Sommer 2005 gegründete Verein FC United of Manchester, eine Bewegung gegen die Übernahme der Red Devils durch den amerikanischen Millionär Malcolm Glazer, spielt heute in der achthöchsten Spielklasse und hat 3.000 Zuschauer im Schnitt. Davon können wir in Bergisch Gladbach nur träumen, aber trotzdem müssen wir nicht über ManU diskutieren. Die werden in den nächsten 50 Jahren das Stadion immer voll haben. Die Stadionauslastung in der Premier League liegt nahezu bei einhundert Prozent. Die Menschen leben den Fußball einfach brutal. Damit meine ich nicht die Gewalt und die Hooligans, ein Problem, das es ja zur Genüge gab, sondern „brutal“ im Sinne von einem großen Herz und ungeheuer leidenschaftlich. Das spürt man als Spieler in jeder Sekunde, in der man auf dem Rasen steht.

Ihre Spiele in England liegen nun zehn Jahre zurück. Schauen Sie ab und an selbst in das Buch, um sich zu erinnern, wie es eigentlich war?

Es ist tatsächlich so, dass die Erinnerung immer mehr verblasst. Von meinen Videos mit den Spielausschnitten ist mittlerweile schon eins zerrissen, weil ich es mir so oft angeguckt habe oder Freunden vorführen durfte - wie auch immer. Wenn ich heute im Fernsehen eine Partie der Champions League an der Anfield Road sehe, wie die Spieler unter dem Gesang von „You never walk alone“ einlaufen, und daran denke, dass ich das selbst erlebt habe, dann muss ich feststellen: Die eineinhalb Stunden, die ich dort auf dem Rasen verbringen durfte, waren definitiv zu kurz, um eine lebenslange Erinnerung zu prägen. Den ideellen Wert behält man, aber letztendlich kann ich mir heute kaum noch vorstellen, dass ich dort vor zehn Jahren selbst gespielt habe.


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