24.02.2013

Trainer-Revolutionär Arrigo Sacchi über sein Lebenswerk

»Jürgen Klopp ist gut. Er hat mein Training gesehen!«

In den Achtzigern revolutionierte Arrigo Sacchi mit dem AC Mailand den Fußball. Für Ausgabe 135 trafen wir den Fußball-Weisen und sprachen mit ihm über Neckermann, Silvio Berlusconi und den hohen Wert des schönen Spiels. Vor dem Mailänder Derby AC gegen Inter veröffentlichen wir das Interview erstmals auch online.

Interview: Julius Müller-Meiningen Bild: Guido Clerici


Und deshalb waren Ballkünstler wie Van Basten und Gullit bei Milan oder auch später Roberto Baggio in der Nationalelf gar nicht so wichtig für Ihr System?
Das Talent war zweitrangig. Wichtiger waren Professionalität und Einsatzbereitschaft. Wenn die Spieler auch noch Talent hatten, umso besser. Denn Talent kann das Produkt, das man im Kopf hat, noch veredeln. Aber es kann die Idee nicht ersetzen. Robert De Niro ist ein ausgezeichneter Schauspieler. Aber er kann nicht so spielen, wie es ihm gefällt, sondern er muss dem folgen, was im Drehbuch steht. Ich war derjenige mit dem Drehbuch und erkannte im Training, ob ein Spieler eine Sekunde zu früh oder zu spät loslief, ob er zu nah oder zu weit vom Nebenmann stand, ob er den Ball nach vorne oder nach hinten spielen sollte. Wir simulierten ständig den Ernstfall und probten, was am Sonntag passierte.

Gelten Ihre Ideen im modernen Fußball bis heute?
Durchaus. Fußball ist ein Mannschaftssport. Ich setzte nicht auf elf Einzelspieler, der eigentliche Leader war das Spiel selbst. Und das ist eine Lehre für die Zukunft: Kein Scheich wird jemals das Zusammenspiel einer Mannschaft kaufen können. Er kann die besten Individualisten und erfolgreichsten Spieler versammeln, aber eine Spielidee kann nur durch Inspiration, Konzentration und Fleiß entwickelt werden. Das Spiel ist nicht käuflich.

Also werden Trainer in Zukunft immer wichtiger?
Ich denke schon. Das Spiel ist natürlich von den Akteuren und ihren Fähigkeiten abhängig. Aber es ist vor allem das Ergebnis der Genialität, der Sensibilität und der Intuition eines Trainers. Und natürlich seiner didaktischen Kompetenz.

Welchen Weg müssen Mannschaften gehen, wenn Sie in Zukunft Erfolg haben wollen?
Drei Mannschaften haben den Fußball vorangebracht: Ajax Amsterdam, der AC Mailand und heute der FC Barcelona. Alle drei sind festgelegt auf Ballbesitz und schnelle Rückeroberung des Balles. Das wird so bleiben. Es hat jeweils etwa 20 Jahre gedauert, bis eine neue Entwicklungsstufe des Ballbesitzfußballs erreicht wurde. Möglicherweise wird es bis zur nächsten Stufe wieder so lange dauern.

Wie wird diese Entwicklung weitergehen? Wie sieht der Fußball in 20 Jahren aus?
Der Fußball wird weiter perfektioniert sein, die elf Spieler werden sich immer mehr als Einheit bewegen. Und das Spiel wird noch schneller sein.

Mit Milan haben Sie innerhalb von drei Jahren eine Meisterschaft, zwei Landesmeister-Cups und den Weltpokal gewonnen. Paolo Maldini sagt, die Spieler seien am Ende extrem gestresst gewesen, die Rede war von »Taliban-Methoden«.
Ich gab alles und forderte auch alles. Nach dem dritten Jahr war ich ausgelaugt. Die italienische Fußballszene sah in mir einen Umstürzler. Ich musste gegen alles kämpfen, auch gegen weite Teile der Presse. Das war ein großer Druck. Ich habe 16 Stunden am Tag gearbeitet und nur an Fußball gedacht. Wie ein Besessener. Ich war überzeugt, dass man immer noch mehr und alles besser machen konnte.

Welche Rolle spielte Milan-Eigentümer Silvio Berlusconi damals für Sie?
Mein Glück war, dass Berlusconi meinen Methoden absolut vertraute. Das kommt im Fußball selten vor.

Versteht Berlusconi etwas von Fußball?
Wir hatten völlig unterschiedliche Vorstellungen. Er dachte, es handelte sich um ein Spektakel mit lauter Solisten. Ich hatte einen kollektiven Sport vor Augen, der seine Harmonie aus dem Zusammenspiel der Akteure bezog.

Berlusconi polarisiert Italien und Europa wieder einmal. Verstehen Sie ihn noch?
Alle Menschen verändern sich im Laufe des Lebens. Für mich war er damals sehr wichtig. Als ich bei Milan nach wenigen Monaten in Schwierigkeiten geriet, hat er mir sehr geholfen. Nach einer Niederlage im UEFA-Cup gegen Espanyol Barcelona schrieb die Presse, dass meine Entlassung kurz bevorstünde. Am folgenden Samstag kam Berlusconi zum Trainingsgelände nach Milanello und nahm sich die Spieler vor. Er sagte: »Diesen Trainer habe ich gewählt und er genießt mein absolutes Vertrauen. Wer seinen Ideen folgt, kann bleiben, alle anderen müssen gehen.«

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