24.02.2013

Trainer-Revolutionär Arrigo Sacchi über sein Lebenswerk

»Jürgen Klopp ist gut. Er hat mein Training gesehen!«

In den Achtzigern revolutionierte Arrigo Sacchi mit dem AC Mailand den Fußball. Für Ausgabe 135 trafen wir den Fußball-Weisen und sprachen mit ihm über Neckermann, Silvio Berlusconi und den hohen Wert des schönen Spiels. Vor dem Mailänder Derby AC gegen Inter veröffentlichen wir das Interview erstmals auch online.

Interview: Julius Müller-Meiningen Bild: Guido Clerici

Arrigo Sacchi, Sie waren als Trainer des AC Milan Weltpokalsieger, Vizeweltmeister mit der Nationalelf und schließlich Sportdirektor von Real Madrid. Was hat Sie einst bewogen, Trainer zu werden?
Es gefiel mir immer schon, anderen etwas beizubringen. Schon als Kind hatte ich nur drei Berufswünsche: Dirigent, Regisseur oder Fußballtrainer.

Und Letzteres wurde es.
Ich hatte einen guten Lehrer, der mir erklärte, dass es der Trainer ist, der einer Mannschaft ihr Spiel gibt, so wie ein Autor, der eine Idee hat und daraus eine Geschichte schreibt. Der Gedanke, elf Menschen beizubringen, sich wie eine einzige Person zu bewegen, macht mir immer noch Gänsehaut.

Zunächst mussten Sie aber Schuhe verkaufen.
Mein Vater hatte eine Schuhfabrik. Die meisten Schuhe verkauften wir nach Deutschland, an Neckermann, Karstadt, Kaufhalle und Kaufhof. Deshalb war ich viel mit meinem Vater unterwegs.

Welcher Fußball hat Sie damals inspiriert?
Ich sah die Spiele des FC Bayern, beobachtete später auch Trainer wie Otto Rehhagel, Roy Hodgson oder Johan Cruyff. In den siebziger Jahren begeisterten mich aber vor allem Ajax Amsterdam und die holländische Nationalmannschaft.

Was genau faszinierte Sie an deren Spiel?
Mir gefielen immer schon Mannschaften, die ein Spiel dominierten, den Ball besitzen wollten und Emotionen bei den Zuschauern weckten. Man konnte im Fernsehen gar nicht erkennen, wie dieses Kollektiv funktionierte. Die Einzelspieler waren auf einmal nicht mehr so wichtig. In Italien waren die Teams defensiv eingestellt, obwohl sie oft gewannen. Aber für mich waren nicht so sehr die Erfolge wichtig als vielmehr die Art, wie diese zustande kamen.

Sie begannen als Trainer in der Kreisklasse in ihrem Heimatverein Fusignano bei Rimini. Haben Sie dort den »Totaalvoetbal« bereits ausprobiert?
Ich hatte damals noch nicht das Selbstbewusstsein, aber ich war ein fleißiger Arbeiter. Zunächst einmal habe ich eine tägliche Trainingseinheit eingeführt. Die Jungs trainierten vorher nur einmal pro Woche.

Über die Stationen Cesena, Rimini und Parma wechselten Sie 1987 praktisch als Nobody auf die Trainerbank des AC Mailand.
Wir waren mit dem AC Parma gerade in die zweite Liga aufgestiegen und hatten den AC Mailand überraschend zweimal im Pokal mit 1:0 besiegt. Nach unserem ersten Sieg sagte Silvio Berlusconi zu mir, er werde meinen Weg aufmerksam verfolgen. Nach dem zweiten Sieg gab er mir einen Vertrag.

Wie war es, plötzlich vor dem Starensemble mit Marco van Basten, Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Franco Baresi zu stehen und Anweisungen zu geben?
Die Spieler waren skeptisch. Vor allem Van Basten hat uns Italiener insgesamt ein wenig unterschätzt. Ich wies ihn darauf hin, dass wir bereits dreimal Weltmeister geworden seien – und seine Holländer noch nie. Dabei war es gar nicht meine Absicht, den italienischen Fußball zu verteidigen, da er mir im Grunde nicht gefiel. Aber ich verlangte Respekt. Van Basten war lange verletzt und spielte anfangs nur wenige Spiele von Beginn an, doch schließlich wurden wir gleich im ersten Jahr Meister. Da kam er zu mir und sagte: »Ich hätte nie gedacht, dass es Ihnen in wenigen Monaten gelingt, die Mannschaft so zu verändern.«

Was hatten Sie verändert?
Meine Methoden waren viel anstrengender als das, was die Spieler bis dato kannten. Zunächst suchte ich Profis, die genau zu dem technischen Projekt passten, das ich im Kopf hatte. Auf die Spieler musste in erster Linie Verlass sein. Sie sollten sich im Training genauso anstrengen wie im Spiel. Das war damals neu. Van Basten war fraglos mein begabtester Fußballer, aber nicht der Spieler, auf den ich am wenigsten verzichten konnte.

Können Sie das genauer erklären?
Für meine Auffassung von Fußball brauchten wir eine neue Kultur der Arbeit. Wir schufteten die ganze Woche, um am Sonntag in der Lage zu sein, dem Gegner so schnell wie möglich den Ball abzunehmen. Wir sollten diejenigen sein, die das Spiel beherrschten. Vor allem in Italien war so ein Gedanke völlig neu. Folglich waren die Spieler zunächst eher unzufrieden, weil sie die Belastung nicht verstanden.

Ihr Name wird mit mehreren Innovationen assoziiert: Raumdeckung, Pressing und dem 4-4-2-System.
Wir entschieden von Fall zu Fall, ob es geschickter war, einen Spieler in Manndeckung zu nehmen oder den Raum zu verteidigen. Das Team war so flexibel. Wir trainierten, um die Bewegungen aller elf Spieler zu synchronisieren. Der Grundgedanke war, ein Bewusstsein für die Zusammenhänge dieses Spiels zu schaffen. Alle elf Spieler sollten immer in einer aktiven Position sein, mit oder ohne Ball. Dieser Gedanke hat den Fußball verändert.

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