Trainer-Globetrotter Jochen Figge über Fußball in Afrika

»Sie bewarfen uns mit brennenden Geckos«

Jochen Figge hat über 30 Jahre als Fußballtrainer gearbeitet. Er engagierte sich in Guinea, Nepal oder Sambia. Für unsere Reihe »Trainer-Globetrotter« sprachen wir mit ihm über ein Flugzeugunglück, kuriose Wurfgeschosse und Handrasenmäher. Trainer-Globetrotter Jochen Figge über Fußball in AfrikaFigge/Obermann

Jeder kennt Fußball-Weltreisende wie Rudi Gutendorf, Otto Pfister oder Dettmar Cramer. Doch wer sind eigentlich Jochen Figge, Horst Kriete oder Burkhard Pape? Wie haben sie den Fußball in Afrika oder Asien geprägt und verändert? Holger Obermann, ebenfalls Trainer auf Weltreisen (über 50 Stationen, u.a. Afghanistan und Osttimor), kennt diese und zahlreiche andere Fußball-Entwicklungshelfer. Zuletzt schrieb er über seine Erfahrungen und Abenteuer eine Kolumne auf 11freunde.de. Und er fragte: »Warum macht ihr nicht mal was über all diese vergessenen Trainer?« Ja, warum eigentlich nicht? Wir starteten gemeinsam mit Holger Obermann die 11FREUNDE-Serie »Trainer-Globetrotter«.

Nachdem Eckhard Krautzun vergangene Woche den Anfang machte, unterhielten wir uns nun mit Jochen Figge, der als Trainer und technischer Berater der FIFA auf fünf verschiedenen Kontinenten aktiv war. Ursprünglich studierte Figge Sport in Kiel und an der Sportschule Malente. Während seines Studium wurde er von Hans Merkle gefördert und trainierte zunächst Schleswig-Holsteins U18. Seine A-Lizenz machte er 1976 zusammen mit Jupp Heynckes und Klaus Sieloff. Als Figge 1978 seine Ausbildung zum Fußballlehrer absolvierte, lernte er seinen langjährigen Freunde Otto Pfister kennen, der ihn später beim DFB für Auslandsaufgaben empfahl.

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Jochen Figge, sind Sie neidisch auf Rudi Gutendorf oder Otto Pfister?

Jochen Figge: Nein, warum sollte ich?

Wenn es in den Medien um Fußballentwicklungshelfer geht, werden die Namen Gutendorf und Pfister stets als erste genannt. Sie, Herr Figge, sind trotz Ihrer Verdienste kaum bekannt.

Jochen Figge: Zum einen ist es mir nicht wichtig, häufig in den Medien aufzutauchen. In Deutschland genieße ich es vielmehr, mit Freunden unerkannt am Stammtisch zu sitzen und ein Bierchen zu löffeln. Dafür ist die mediale Aufmerksamkeit in den jeweiligen Ländern umso höher. Ein Botschafter in Guinea sagte einmal zu mir: »Ich habe gerade 30 alte Bundeswehr-LKWs verschenkt und bekomme dafür nur einen sechszeilige Meldung in der Zeitung. Doch Sie stehen jeden Tag drin.« Ich antwortete: »Tja, 420 Gramm Schweinsleder (Gewicht des Balls, d. Red.) und die Hütte ist mit 60.000 Menschen voll. Da können Sie so viele LKWs übergeben, wie Sie wollen.«

60.000 Zuschauer bei einem Spiel in Afrika?

Jochen Figge: Wir hatten manchmal bis zu 10.000 Fans beim Training. Fußball ist in Afrika Religion. Und nicht nur dort: Als ich kürzlich in der Mongolei war, konnten mir einige Fans alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft aufsagen.

Sie waren in Entwicklungsländern wie Guinea, Sambia, Eritrea, Nepal und Papua-Neuguinea im Einsatz. Kann der Fußball gerade unter schwierigen Verhältnissen eine integrative Kraft entwickeln?

Jochen Figge: Mehr als das. Man kann sich kaum vorstellen, was für Menschenmassen in Afrika von Fußballspielen angezogen werden. Bei einem Abendspiel kann es vorkommen, dass in bestimmten Stadtteilen der Strom abgeschaltet wird, damit genug Power für das Flutlicht zur Verfügung steht.

Ihren ersten Einsatz als Fußballexperte im Ausland hatten Sie Anfang der achtziger Jahre in Guinea. Was reizte Sie an einem Trainerjob im Ausland?

Jochen Figge: Die Herausforderung. 1980 rief der DFB und fragte: »Kannst Du Französisch?« Ich antwortete »Klar!«, obwohl ich höchstens »Rien ne va plus« aus dem Casino kannte. Ich machte also einen Crash-Kurs und ging 1981 nach Guinea. Dort gab es eine einzige Mannschaft, Jugendarbeit existierte nicht. Diese baute ich dann über die Jahre auf. Heute, 30 Jahre später, kann man eine positive Entwicklung erkennen.

Reden wir über die schwierigen Rahmenbedingungen in den Entwicklungsländern. Wo hatten Sie Ihre größte Herausforderung zu meistern?

Jochen Figge: Da gibt es einige. In Guinea musste ich mich zunächst bemühen, dass überhaupt ein Stadionrasen gemäht wird. Dumm nur, dass der einzige Rasenmäher der Stadt im Besitz der Frau vom Präsidenten Sékou Touré war. Diesen sollten wir uns ausleihen. Doch sie wollte den nicht hergeben. Ich bin also vor dem ersten Spiel schnell nach Hause gefahren, um meinen Handmäher zu holen und stutzte in der prallen Sonne selbst den Rasen im Strafraum – vor 20.000 Zuschauern.


Welches war Ihr schwerstes Spiel als Nationaltrainer?


Jochen Figge: 1981 war ich mit Guinea bei einem WM-Qualifikationsspiel in Nigeria. Wir kamen auf dem Flughafen in Lagos an und wurden erst einmal neun Stunden im Flughafen eingesperrt – reine Schikane. Und so ging es weiter: Wir kamen erst um zwei Uhr nachts im Hotel an und die Zimmer waren nicht fertig, sodass wir am nächsten Tag total übermüdet waren. Tags darauf wollte ich mir das Stadion angucken, was mir verweigert wurde. Stattdessen teilte man mir mit, dass das Spiel nicht am kommenden Sonntag stattfindet, sondern jetzt gleich. Drei Stunden später mussten wir total übermüdet in einem Stadion vor 80.000 Fans antreten.

Wie verlief daraufhin das Spiel?

Jochen Figge: Wie viele Fußballer habe ich eine Marotte: Ich betrete immer erst nach den Spielern den Platz. Als wir durch die Katakomben zum Spielfeld wollten, mussten wir ein großes Eisengitter passieren. Meine Spieler waren vorgegangen und auf einmal stand dort ein Zwei-Meter-Mann und zählt, »...18, 19, 20«. Er schließt das Tor vor mir und meinen Betreuern zu und bellt: »Nur 20!« Ich sagte zu ihm: »Du weißt, dass ich der Trainer bin, oder?!« Er antwortete: »Natürlich weiß ich das.« Dann ging er weg.

Sie mussten das Spiel hinter einem Eisengitter verfolgen?

Jochen Figge: Schließlich wurde ich doch auf den Platz gelassen. Das Spiel lief allerdings schon fünf Minuten. Der Anpfiff wurde um ein paar Minuten verschoben, weil sich meine Spieler beschwert hatten. Sie waren mit Geckos beworfen worden.

Es wurde mit Geckos geworfen?

Jochen Figge: Ja, was meinen Sie, was da los ist?! Das ist Voodoo. Da werden Geckos genommen, in Taschentücher gewickelt, mit Benzin überschüttet und angezündet. Die landeten dann reihenweise vor unseren Füßen. Dazu stehen ungefähr 10.000 Fans mit Trommeln hinter einem, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Vor unserer Bank tanzten zudem Zauberer mit Federn. Als diese mir die Sicht auf einen Eckstoß versperrten, habe ich die Nerven verloren und einen der Voodoo-Tänzer in den Graben hinter unserer Bank geworfen.

Wie ist das Spiel ausgegangen?

Jochen Figge: Es ist unmöglich ein solches Spiel zu gewinnen. Wir verloren mit 1:2. Aber Spiele wie diese machen Afrika aus. Das hat Flair.

Berti Vogts, im Jahr 2007 Chefcoach Nigerias, sagte einmal: »Afrikanischen Mannschaften mangelt es an Disziplin.« Und Winfried Schäfer, lange Jahre Trainer in Kamerun, sagte über seine Mannschaft: »Es fehlen die typischen deutschen Tugenden.« Trifft das Chaos-Klischee zu?

Jochen Figge: Manchmal habe ich mich danach gesehnt, mal einen Kreisliga-Verein in Deutschland zu besuchen, in dem der Platzwart den Kabinenschlüssel hat und der Letzte das Licht ausmacht. Es gibt zu viel Korruption in Afrika und im Amateurbereich zu wenig ehrenamtliches Engagement. Die FIFA spricht lediglich in acht von 52 Ländern Afrikas von Profifußball.

Von deutschen Trainern wird also vornehmlich erwartet, dass Sie Disziplin mitbringen?

Jochen Figge: Durchaus. Für mich sind Pünktlichkeit, Disziplin, Anstand und Sitte wichtige Bestandteile des Fußballs. Der Spruch »Football is four and one« verdeutlicht dies: Für den Fußball braucht man die Schiedsrichter, die Administratoren, die Trainer und die Mediziner. Wenn einer nicht da ist, dann kann nicht gespielt werden.

Ihr Freund und Kollege Otto Pfister sagte allerdings: »Zu viel formelle Disziplin tötet die Stärken der Spieler.«

Jochen Figge: Natürlich kann man nicht alles durchsetzen und aus Nigeria Deutschland machen. Aber Disziplin ist der Schlüssel zu Erfolgen. Im Ausland heißt es: »Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt immer Deutschland«. Diese Weisheit bezieht seinen Wahrheitsgehalt aus der Disziplin und Organisation der deutschen Nationalmannschaft. Ein gewisses Maß an Disziplin ist Grundvoraussetzung für wirkliche Erfolge.


In Äthiopien und Namibia hatten Sie Scherereien mit den Verbänden. Gegen Sie wurde der schwere Vorwurf der Urkundenfälschung erhoben. Was steckte dahinter?


Jochen Figge: Ich bin einmal in meinem Leben entlassen worden und das war in Äthiopien – eine sehr unangenehme Angelegenheit. Der Präsident des Fußballverbands wollte mich unbedingt loswerden, nachdem er erfolglos versucht hatte, Einfluss auf meine Aufstellung zu nehmen. Er behauptete daraufhin, dass mein Lebenslauf gefälscht sei und ich keine richtige Fußballlizenz besäße, obwohl sie von der Deutschen Botschaft beglaubigt war und ich FIFA-Repräsentant bin. Ich wurde entlassen.

Haben Sie daraufhin geklagt?

Jochen Figge: Ja, die FIFA hat mir Recht gegeben und der äthiopische Verband wurde zu Kompensationszahlungen verurteilt. Die Denunziation durch den äthiopischen Verband wurde dennoch nicht zurückgenommen und in einer namibischen Zeitung später neu aufgerollt und wider besseren Wissens aufgrund von schlechter Recherche veröffentlicht. Dass niemals damit aufgeräumt wurde, tut mir heute noch weh.

Eine der emotionalsten Stationen Ihrer Trainerkarriere war sicherlich Sambia. Nach viereinhalbjähriger Arbeit als Nationaltrainer legten Sie Ihr Amt nieder und Ihre ehemalige Mannschaft kam kurz danach bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben.

Jochen Figge: Kurz vor dem Unglück hatten wir im heimischen Stadion ein WM-Qualifikationsspiel gegen Mauritius gespielt und gewannen mit 2:1. Kalusha Bwalya, der jetzige Präsident des Fußballverbands, machte das Siegtor. Mauritius verpflichtete vor dem Rückspiel Rudi Gutendorf. Ich wäre gerne mit meiner Mannschaft zum Rückspiel gegen ihn auf Mauritius angetreten.

Wieso traten Sie zu dem Spiel in Mauritius nicht mehr an?

Jochen Figge: Mein Projekt ging in Sambia nach viereinhalb Jahren langsam dem Ende entgegen. Eigentlich wollte ich gerne noch weitermachen, denn die Qualifikation für die WM 1994 war möglich. Aber ich entschloss mich aus privaten Gründen das Projekt vorzeitig an meinen Nachfolger Godfrey Chitalu zu übergeben. Er gewann mit der Mannschaft 3:0 auf Mauritius. Sambia stand mit dieser vielversprechenden Mannschaft alle Türen zur WM 1994 in den USA offen. Auf dem Rückflug passierte die Katastrophe.

Zu dem Zeitpunkt des sogenannten »Gabon Air Disaster« waren Sie wieder in Deutschland. Was ging in Ihnen vor, als Sie davon erfuhren?

Jochen Figge: Ich war gerade mit einem Freund in einer Bar und plötzlich kamen zwei Polizisten in das Lokal und fragten, ob ich Jochen Figge sei. Ich hatte kein Telefon und musste von der Telefonzelle aus das NOK (Nationales Olympisches Komitee, d. Red.) anrufen. Als ich erfuhr, was passiert war, wurde mir schlecht. Ich hatte die jungen Spieler, mit denen ich in den vergangenen Jahren trainiert hatte, vor Augen. Ich bin sofort zurück nach Sambia geflogen.

Wie war die Stimmung im Land?

Jochen Figge: Der Botschafter sagte mir, dass ich im Hotel bleiben sollte, da die Straßen wegen des Unglücks überfüllt waren. Ich bin im Namen des DFB und NOK erst am nächsten Tag zur Beerdigung gegangen. Die Spieler wurden direkt vor dem Stadion beerdigt. Es kamen 250.000 Menschen und es war fast unmöglich, dorthin zu gelangen. Die Stimmung war sehr bedrückend. In dem Stadion wurden über Jahre hinaus keine Spiele mehr ausgetragen.

Der sambische Verband bat nach dem Unglück den DFB um Aufbauhilfe.

Jochen Figge: Der DFB hat zugestimmt mich bis zum Ende der WM-Qualifikation erneut dort einzusetzen. Allerdings wollte der sambische Verband mich nur für weitere drei Jahre verpflichten. Das Auswärtige Amt stellte sich quer, da ich schon viereinhalb Jahre dort gewesen war. Die FIFA bestand allerdings auf eine Austragung der restlichen Spiele. Ich hatte glücklicherweise in den Jahren zuvor ein zweites Team als Olympiamannschaft aufgebaut, das die folgenden Spiele bestreiten konnte. Trainer wurde zunächst der Engländer Ian Porterfield und kurz darauf der Däne Roald Poulsen. Ich selbst war 2009/2010 noch einmal neun Monate in Sambia, allerdings nur als technischer Direktor und Berater.

Herr Figge, was ist eigentlich das Schönste an Ihrem Job?

Jochen Figge: Ich fühle mich sehr reich. Es war mir vergönnt, so viele Kulturen und Menschen kennenzulernen. Ich bin sehr dankbar, dass ich so viele Erfahrungen auf allen Kontinenten sammeln durfte. Wenn man Hinduisten, Buddhisten, Muslime und andere kennengelernt hat, hat man nicht nur ein besseres Verständnis für Menschen, sondern auch sehr erfüllende Einblicke in Welten, von denen ich sonst nur hätte träumen können.

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Die Trainerstationen von Jochen Figge
1981-83 Guinea
1985 Nepal
1985-88 Papua-Neuguinea
1989-93 Sambia
1995 Trinidad und Tobago
1999-01 Botswana
2002-03 Äthiopien
2004-05 Eritrea

Als FIFA-Instruktor (Auswahl):
2006 Mosambik
2007 Eritrea
2008 Uganda
2008 Swasiland
2009-10 Sambia

(Außerdem war Jochen Figge in Kurzeinsätzen als Berater oder Coach tätig in: Ägypten, Bangladesch, Barbados, Bermuda, Dominica, Gabun, Grenada, Iran, Jamaika, Jemen, Kirgistan, Kongo, Lesotho, Liberia, den Malediven, Nordkorea, Oman, Rumänien, Sudan, Surinam, Sierra Leone, Singapur, Tadschikistan, der Ukraine, St. Vincent und den Grenadinen, Zentralafrika)

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