27.10.2011

Trainer-Globetrotter Jochen Figge über Fußball in Afrika

»Sie bewarfen uns mit brennenden Geckos«

Jochen Figge hat über 30 Jahre als Fußballtrainer gearbeitet. Er engagierte sich in Guinea, Nepal oder Sambia. Für unsere Reihe »Trainer-Globetrotter« sprachen wir mit ihm über ein Flugzeugunglück, kuriose Wurfgeschosse und Handrasenmäher.

Interview: Anja Konrad und Gareth Joswig Bild: Figge/Obermann

Welches war Ihr schwerstes Spiel als Nationaltrainer?


Jochen Figge: 1981 war ich mit Guinea bei einem WM-Qualifikationsspiel in Nigeria. Wir kamen auf dem Flughafen in Lagos an und wurden erst einmal neun Stunden im Flughafen eingesperrt – reine Schikane. Und so ging es weiter: Wir kamen erst um zwei Uhr nachts im Hotel an und die Zimmer waren nicht fertig, sodass wir am nächsten Tag total übermüdet waren. Tags darauf wollte ich mir das Stadion angucken, was mir verweigert wurde. Stattdessen teilte man mir mit, dass das Spiel nicht am kommenden Sonntag stattfindet, sondern jetzt gleich. Drei Stunden später mussten wir total übermüdet in einem Stadion vor 80.000 Fans antreten.

Wie verlief daraufhin das Spiel?

Jochen Figge: Wie viele Fußballer habe ich eine Marotte: Ich betrete immer erst nach den Spielern den Platz. Als wir durch die Katakomben zum Spielfeld wollten, mussten wir ein großes Eisengitter passieren. Meine Spieler waren vorgegangen und auf einmal stand dort ein Zwei-Meter-Mann und zählt, »...18, 19, 20«. Er schließt das Tor vor mir und meinen Betreuern zu und bellt: »Nur 20!« Ich sagte zu ihm: »Du weißt, dass ich der Trainer bin, oder?!« Er antwortete: »Natürlich weiß ich das.« Dann ging er weg.

Sie mussten das Spiel hinter einem Eisengitter verfolgen?

Jochen Figge: Schließlich wurde ich doch auf den Platz gelassen. Das Spiel lief allerdings schon fünf Minuten. Der Anpfiff wurde um ein paar Minuten verschoben, weil sich meine Spieler beschwert hatten. Sie waren mit Geckos beworfen worden.

Es wurde mit Geckos geworfen?

Jochen Figge: Ja, was meinen Sie, was da los ist?! Das ist Voodoo. Da werden Geckos genommen, in Taschentücher gewickelt, mit Benzin überschüttet und angezündet. Die landeten dann reihenweise vor unseren Füßen. Dazu stehen ungefähr 10.000 Fans mit Trommeln hinter einem, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Vor unserer Bank tanzten zudem Zauberer mit Federn. Als diese mir die Sicht auf einen Eckstoß versperrten, habe ich die Nerven verloren und einen der Voodoo-Tänzer in den Graben hinter unserer Bank geworfen.

Wie ist das Spiel ausgegangen?

Jochen Figge: Es ist unmöglich ein solches Spiel zu gewinnen. Wir verloren mit 1:2. Aber Spiele wie diese machen Afrika aus. Das hat Flair.

Berti Vogts, im Jahr 2007 Chefcoach Nigerias, sagte einmal: »Afrikanischen Mannschaften mangelt es an Disziplin.« Und Winfried Schäfer, lange Jahre Trainer in Kamerun, sagte über seine Mannschaft: »Es fehlen die typischen deutschen Tugenden.« Trifft das Chaos-Klischee zu?

Jochen Figge: Manchmal habe ich mich danach gesehnt, mal einen Kreisliga-Verein in Deutschland zu besuchen, in dem der Platzwart den Kabinenschlüssel hat und der Letzte das Licht ausmacht. Es gibt zu viel Korruption in Afrika und im Amateurbereich zu wenig ehrenamtliches Engagement. Die FIFA spricht lediglich in acht von 52 Ländern Afrikas von Profifußball.

Von deutschen Trainern wird also vornehmlich erwartet, dass Sie Disziplin mitbringen?

Jochen Figge: Durchaus. Für mich sind Pünktlichkeit, Disziplin, Anstand und Sitte wichtige Bestandteile des Fußballs. Der Spruch »Football is four and one« verdeutlicht dies: Für den Fußball braucht man die Schiedsrichter, die Administratoren, die Trainer und die Mediziner. Wenn einer nicht da ist, dann kann nicht gespielt werden.

Ihr Freund und Kollege Otto Pfister sagte allerdings: »Zu viel formelle Disziplin tötet die Stärken der Spieler.«

Jochen Figge: Natürlich kann man nicht alles durchsetzen und aus Nigeria Deutschland machen. Aber Disziplin ist der Schlüssel zu Erfolgen. Im Ausland heißt es: »Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt immer Deutschland«. Diese Weisheit bezieht seinen Wahrheitsgehalt aus der Disziplin und Organisation der deutschen Nationalmannschaft. Ein gewisses Maß an Disziplin ist Grundvoraussetzung für wirkliche Erfolge.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden