27.10.2011

Trainer-Globetrotter Jochen Figge über Fußball in Afrika

»Sie bewarfen uns mit brennenden Geckos«

Jochen Figge hat über 30 Jahre als Fußballtrainer gearbeitet. Er engagierte sich in Guinea, Nepal oder Sambia. Für unsere Reihe »Trainer-Globetrotter« sprachen wir mit ihm über ein Flugzeugunglück, kuriose Wurfgeschosse und Handrasenmäher.

Interview: Anja Konrad und Gareth Joswig Bild: Figge/Obermann
Jeder kennt Fußball-Weltreisende wie Rudi Gutendorf, Otto Pfister oder Dettmar Cramer. Doch wer sind eigentlich Jochen Figge, Horst Kriete oder Burkhard Pape? Wie haben sie den Fußball in Afrika oder Asien geprägt und verändert? Holger Obermann, ebenfalls Trainer auf Weltreisen (über 50 Stationen, u.a. Afghanistan und Osttimor), kennt diese und zahlreiche andere Fußball-Entwicklungshelfer. Zuletzt schrieb er über seine Erfahrungen und Abenteuer eine Kolumne auf 11freunde.de. Und er fragte: »Warum macht ihr nicht mal was über all diese vergessenen Trainer?« Ja, warum eigentlich nicht? Wir starteten gemeinsam mit Holger Obermann die 11FREUNDE-Serie »Trainer-Globetrotter«.

Nachdem Eckhard Krautzun vergangene Woche den Anfang machte, unterhielten wir uns nun mit Jochen Figge, der als Trainer und technischer Berater der FIFA auf fünf verschiedenen Kontinenten aktiv war. Ursprünglich studierte Figge Sport in Kiel und an der Sportschule Malente. Während seines Studium wurde er von Hans Merkle gefördert und trainierte zunächst Schleswig-Holsteins U18. Seine A-Lizenz machte er 1976 zusammen mit Jupp Heynckes und Klaus Sieloff. Als Figge 1978 seine Ausbildung zum Fußballlehrer absolvierte, lernte er seinen langjährigen Freunde Otto Pfister kennen, der ihn später beim DFB für Auslandsaufgaben empfahl.



Jochen Figge, sind Sie neidisch auf Rudi Gutendorf oder Otto Pfister?

Jochen Figge: Nein, warum sollte ich?

Wenn es in den Medien um Fußballentwicklungshelfer geht, werden die Namen Gutendorf und Pfister stets als erste genannt. Sie, Herr Figge, sind trotz Ihrer Verdienste kaum bekannt.

Jochen Figge: Zum einen ist es mir nicht wichtig, häufig in den Medien aufzutauchen. In Deutschland genieße ich es vielmehr, mit Freunden unerkannt am Stammtisch zu sitzen und ein Bierchen zu löffeln. Dafür ist die mediale Aufmerksamkeit in den jeweiligen Ländern umso höher. Ein Botschafter in Guinea sagte einmal zu mir: »Ich habe gerade 30 alte Bundeswehr-LKWs verschenkt und bekomme dafür nur einen sechszeilige Meldung in der Zeitung. Doch Sie stehen jeden Tag drin.« Ich antwortete: »Tja, 420 Gramm Schweinsleder (Gewicht des Balls, d. Red.) und die Hütte ist mit 60.000 Menschen voll. Da können Sie so viele LKWs übergeben, wie Sie wollen.«

60.000 Zuschauer bei einem Spiel in Afrika?

Jochen Figge: Wir hatten manchmal bis zu 10.000 Fans beim Training. Fußball ist in Afrika Religion. Und nicht nur dort: Als ich kürzlich in der Mongolei war, konnten mir einige Fans alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft aufsagen.

Sie waren in Entwicklungsländern wie Guinea, Sambia, Eritrea, Nepal und Papua-Neuguinea im Einsatz. Kann der Fußball gerade unter schwierigen Verhältnissen eine integrative Kraft entwickeln?

Jochen Figge: Mehr als das. Man kann sich kaum vorstellen, was für Menschenmassen in Afrika von Fußballspielen angezogen werden. Bei einem Abendspiel kann es vorkommen, dass in bestimmten Stadtteilen der Strom abgeschaltet wird, damit genug Power für das Flutlicht zur Verfügung steht.

Ihren ersten Einsatz als Fußballexperte im Ausland hatten Sie Anfang der achtziger Jahre in Guinea. Was reizte Sie an einem Trainerjob im Ausland?

Jochen Figge: Die Herausforderung. 1980 rief der DFB und fragte: »Kannst Du Französisch?« Ich antwortete »Klar!«, obwohl ich höchstens »Rien ne va plus« aus dem Casino kannte. Ich machte also einen Crash-Kurs und ging 1981 nach Guinea. Dort gab es eine einzige Mannschaft, Jugendarbeit existierte nicht. Diese baute ich dann über die Jahre auf. Heute, 30 Jahre später, kann man eine positive Entwicklung erkennen.

Reden wir über die schwierigen Rahmenbedingungen in den Entwicklungsländern. Wo hatten Sie Ihre größte Herausforderung zu meistern?

Jochen Figge: Da gibt es einige. In Guinea musste ich mich zunächst bemühen, dass überhaupt ein Stadionrasen gemäht wird. Dumm nur, dass der einzige Rasenmäher der Stadt im Besitz der Frau vom Präsidenten Sékou Touré war. Diesen sollten wir uns ausleihen. Doch sie wollte den nicht hergeben. Ich bin also vor dem ersten Spiel schnell nach Hause gefahren, um meinen Handmäher zu holen und stutzte in der prallen Sonne selbst den Rasen im Strafraum – vor 20.000 Zuschauern.

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