08.06.2014

Toto Schillaci über Italia 90

»Fußball ist seltsam«

Toto Schillaci schoss sich bei der WM 1990 mit sechs Toren in die Herzen der Tifosi. Ein Gespräch über einen kurzen Sommer und ein unvergessliches Jahr.

Interview: Dominik Bardow Bild: Imago

Totò Schillaci, woran denken Sie bei dem geflügelten Wort der »notti magiche«, den »magischen Nächten«?
Jedes Mal, wenn Italien spielt, muss ich an die Zeit der WM 1990 denken. Dann wünschte ich mir, noch mal aufs Feld zurückzukehren, auch wenn die Zeiten längst vorbei und wir alle alt geworden sind. Die WM war ein fantastisches, wunderschönes, unvergessliches Erlebnis.

In Italien ist die WM 1990 bis heute nur unter dem Begriff »magische Nächte« bekannt – wie haben Sie als Mannschaft dieses Turnier erlebt?
Die Euphorie haben wir zunächst nur am Fernseher erlebt. Wir wohnten zurückgezogen in einem Hotel, in das außer uns keiner hinein durfte. Aber am Trainingsplatz waren Menschenmassen. Und wenn wir mit dem Bus zum Olympiastadion in Rom gefahren sind, herrschte um uns eine großartige Stimmung: überall Fahnen und Menschen, die unser Trikot trugen, die mein Trikot trugen.

Was ist vom Sommer 1990 übrig geblieben?
Ein paar Trophäen habe ich noch zu Hause, den »Goldenen Ball« für den besten Spieler der WM zum Beispiel. Dazu Bücher und Zeitungen von damals. Und manchmal krame ich alte Artikel raus, die schon ganz vergilbt sind.

Bei der WM wurden Sie ein Held für die Italiener, vorher war eher das Gegenteil der Fall.
Als ich noch in Turin spielte, haben sie mich oft »Terrone« (»Bauerntölpel«; d.Red.) gerufen, weil ich aus Sizilien komme. Aber ich habe mir das nicht zu Herzen genommen und mir gesagt: Sie beleidigen dich, weil sie dich fürchten.

Und dann hat Sie plötzlich ganz Italien geliebt.
Zu der Zeit konnten selbst die Leute, die mich nicht mochten, nichts mehr sagen. Einige werden dich halt immer hassen, aber damals habe ich sie alle träumen lassen.

Waren es nur die Tore? Oder die Tatsache, dass Sie aus einem der ärmsten Viertel Palermos stammten?
Die Einfachheit, die Bescheidenheit und die Tatsache, dass ich aus dem Nichts kam und plötzlich jemand war – all das hat dazu geführt, dass mich selbst Leute liebten, die vorher gar nicht wussten, wer ich war. Und natürlich die Tore – der Ruhm kommt im Fußball immer über Tore.

Während der WM kam für Sie alles zusammen – auch ihr Sohn wurde im Verlauf des Turniers geboren.
Der Verband hat mir ein Flugzeug zur Verfügung gestellt, und ich bin dann sofort nach dem Spiel, ich glaube, es war gegen die USA oder die Tschechoslowakei, nach Turin ins Krankenhaus geflogen, wo mein Sohn Mattia gerade zur Welt gekommen war. 1990 war wirklich ein unvergessliches Jahr.

Ihr Stern ging gleich im ersten Spiel gegen Österreich auf.
Ich rechnete vorher nicht einmal damit, überhaupt einen Platz auf der Bank zu erhalten. 20 Minuten vor Ende des Spiels sagte mir dann unser Trainer Azeglio Vicini, ich solle mich warmmachen. In diesem Moment dachte ich … ehrlich gesagt, dachte ich an nichts. Ich hatte einfach nur das Glück, gleich dieses Tor zu machen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden