Toto Schillaci über Italia 90

»Fußball ist seltsam«

Toto Schillaci schoss sich bei der WM 1990 mit sechs Toren in die Herzen der Tifosi. Ein Gespräch über einen kurzen Sommer und ein unvergessliches Jahr.

Totò Schillaci, woran denken Sie bei dem geflügelten Wort der »notti magiche«, den »magischen Nächten«?
Jedes Mal, wenn Italien spielt, muss ich an die Zeit der WM 1990 denken. Dann wünschte ich mir, noch mal aufs Feld zurückzukehren, auch wenn die Zeiten längst vorbei und wir alle alt geworden sind. Die WM war ein fantastisches, wunderschönes, unvergessliches Erlebnis.

In Italien ist die WM 1990 bis heute nur unter dem Begriff »magische Nächte« bekannt – wie haben Sie als Mannschaft dieses Turnier erlebt?
Die Euphorie haben wir zunächst nur am Fernseher erlebt. Wir wohnten zurückgezogen in einem Hotel, in das außer uns keiner hinein durfte. Aber am Trainingsplatz waren Menschenmassen. Und wenn wir mit dem Bus zum Olympiastadion in Rom gefahren sind, herrschte um uns eine großartige Stimmung: überall Fahnen und Menschen, die unser Trikot trugen, die mein Trikot trugen.

Was ist vom Sommer 1990 übrig geblieben?
Ein paar Trophäen habe ich noch zu Hause, den »Goldenen Ball« für den besten Spieler der WM zum Beispiel. Dazu Bücher und Zeitungen von damals. Und manchmal krame ich alte Artikel raus, die schon ganz vergilbt sind.

Bei der WM wurden Sie ein Held für die Italiener, vorher war eher das Gegenteil der Fall.
Als ich noch in Turin spielte, haben sie mich oft »Terrone« (»Bauerntölpel«; d.Red.) gerufen, weil ich aus Sizilien komme. Aber ich habe mir das nicht zu Herzen genommen und mir gesagt: Sie beleidigen dich, weil sie dich fürchten.

Und dann hat Sie plötzlich ganz Italien geliebt.
Zu der Zeit konnten selbst die Leute, die mich nicht mochten, nichts mehr sagen. Einige werden dich halt immer hassen, aber damals habe ich sie alle träumen lassen.

Waren es nur die Tore? Oder die Tatsache, dass Sie aus einem der ärmsten Viertel Palermos stammten?
Die Einfachheit, die Bescheidenheit und die Tatsache, dass ich aus dem Nichts kam und plötzlich jemand war – all das hat dazu geführt, dass mich selbst Leute liebten, die vorher gar nicht wussten, wer ich war. Und natürlich die Tore – der Ruhm kommt im Fußball immer über Tore.

Während der WM kam für Sie alles zusammen – auch ihr Sohn wurde im Verlauf des Turniers geboren.
Der Verband hat mir ein Flugzeug zur Verfügung gestellt, und ich bin dann sofort nach dem Spiel, ich glaube, es war gegen die USA oder die Tschechoslowakei, nach Turin ins Krankenhaus geflogen, wo mein Sohn Mattia gerade zur Welt gekommen war. 1990 war wirklich ein unvergessliches Jahr.

Ihr Stern ging gleich im ersten Spiel gegen Österreich auf.
Ich rechnete vorher nicht einmal damit, überhaupt einen Platz auf der Bank zu erhalten. 20 Minuten vor Ende des Spiels sagte mir dann unser Trainer Azeglio Vicini, ich solle mich warmmachen. In diesem Moment dachte ich … ehrlich gesagt, dachte ich an nichts. Ich hatte einfach nur das Glück, gleich dieses Tor zu machen.


Wie erinnern Sie sich an das entscheidende 1:0?
Eine Flanke aus Richtung der Eckfahne, scharf angeschnitten. Ich stand zwischen zwei österreichischen Riesen, sprang hoch und köpfte ein.

Das erste von sechs Toren im Turnier. Welches war das schönste?
Ach wissen Sie, alle Tore sind schön. Was zählt, ist ihre Bedeutung. Es gibt da keinen Liebling, aber das Tor, das mir alle Wege geebnet hat, war jenes gegen Österreich. Denn es verschaffte mir das Vertrauen des »Mister« (des Trainers; d.Red.), wieder spielen zu dürfen.

Im italienischen Sturm bildeten Sie ein Traumduo mit Roberto Baggio. Was war Ihr Geheimnis?
Wir verstanden uns einfach blind, liefen Spielzüge aus dem Gedächtnis. Auf dem Feld waren wir wie Komplizen, wir waren jung, es war unsere erste WM – das verlieh uns Kraft.

Am Ende wurde Italien nur Dritter – eine Enttäuschung?
Wir waren die stärkste Mannschaft und hätten den Titel verdient gehabt. Keiner hat uns besiegt, nur die Argentinier im Elfmeterschießen. Leider hat unser Torwart Walter Zenga damals ausgerechnet im Halbfinale in Neapel seinen einzigen Fehler im ganzen Turnier gemacht. Manchmal ist der Fußball schon seltsam.

Apropos Fußball sei seltsam: Am Ende gewann Deutschland den Titel.
Beim Finale habe ich die Deutschen angefeuert, weil Thomas Häßler und Stefan Reuter dabei waren. Wir haben uns damals bei Juventus Turin sehr gut verstanden, beides super Jungs, sehr zuverlässig und professionell.

Nach der WM ging Ihr Stern fast genauso schnell unter, wie er aufgegangen war, auch wegen vieler Verletzungen. Im Rückblick: Hätten Sie mehr erreichen können?
Es gibt Spieler, die spielen 20 Jahre, und schaffen nicht das, was ich erreicht habe. Es war nur ein Sommer, na und? Es gibt Schlimmeres im Leben. Die Erfolge mit der Nationalmannschaft erlauben es mir, bis heute noch überallhin zu reisen und die Welt zu sehen. Ich bin zufrieden.

Sie betreiben heute eine Fußballschule auf Sizilien. Wissen die Kinder überhaupt noch, wer Sie sind?
Nein, nein, die haben keine Ahnung. Aber manchmal zeigen wir ihnen alte Filme von der Weltmeisterschaft 1990. Dann haben sie auf einmal dieses Leuchten in den Augen, lächeln und denken: Was wäre, wenn ich es einmal so weit bringen könnte?

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