Torwart Nico Pellatz

»Keine Nummer Zwei«

Von Berlin und Bremen über Zypen nach Holland: Der 24-jährige Nico Pellatz war bislang viel unterwegs – gespielt hat er kaum. Wir sprachen mit ihm über die Sorge vor dem ewigen Talent, Fanpartys in Den Haag und Rocky Balboa. Torwart Nico PellatzImago

Nico Pellatz, hören Sie vor Spielen eigentlich immer noch den Soundtrack der »Rocky«-Filme?

Ja, klar. »Eye of the Tiger« habe ich bei jedem Spiel dabei. Das motiviert mich.

Auch wenn Sie momentan bei Ihrem neuen Klub ADO Den Haag nur auf der Bank sitzen?

Ich gehe in jede Partie, als würde ich von Anfang an spielen. Wenn du mit hängendem Kopf das Feld betrittst – ganz egal, ob du Ersatz bist oder Stammspieler –, kannst du gleich die Schuhe an den Nagel hängen.

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Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken: Würden Sie mit dem heutigen Wissen etwas anders machen?

Die Frage habe ich mir schon ein paar Mal gestellt. Und ich komme immer wieder zum selben Ergebnis: Nein!

Bei Hertha BSC und Werder Bremen spielten Sie jahrelang in den zweiten Mannschaften. Sie haben außer auf Zypern, wo Sie vier Ligaspiele bestritten, kein einziges Profispiel absolviert.

Das ist nicht ganz richtig. Ich habe im DFB-Pokal 2009 im Viertelfinale mit Werder gegen den amtierenden Deutschen Meister VfL Wolfsburg gespielt. Wir gewannen 5:2. Das bis ist heute mein absolutes Highlight gewesen – und das Spiel bestätigte mich, ich habe gesehen, dass ich auf diesem Level mithalten kann: Genau dort will ich wieder hin. Und auch wenn mich später meine Kinder mal fragen sollten, warum mir die ganz große Karriere versagt blieb, dann möchte ich ehrlich antworten und voller Überzeugung sagen können: Ich habe es versucht und immer alles gegeben. Vom Anfang bis zum Ende. Vielleicht war ich stets zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht fehlte mir einfach das nötige Glück. Aber ich bin erst 24, noch habe ich Zeit. Heinz Müller hat den Durchbruch auch erst mit 32 geschafft. Ich bin weiter geduldig, meine Zeit kommt noch.

Kommt man als Profi trotzdem mal an den Punkt, wo man sagt, dass ein Gang in die 2. Liga sinnvoller gewesen wäre?

Sehen Sie sich den aktuellen Torwartmarkt an. Da gibt es ehemalige Erstligatorhüter wie Stefan Wessels, die auf einen Job warten – und sicherlich auch die 2. Liga im Auge haben. Oder einen wie Michael Rensing, der beim FC Bayern gespielt hat und in der Champions League zum Einsatz kam. Der Mann ist aktuell vereinslos. Und trotzdem gab es für mich die Möglichkeit, in die 2. Liga zu wechseln. Aber ich wollte unbedingt spielen und die Chancen auf einen Stammplatz waren auf Zypern und sind hier in Holland einfach besser – zudem ist die Erendivisie attraktiv und ein gutes Sprungbrett.

Sie hatten auch ein Angebot von Mainz 05.

Thomas Tuchel nahm mich im Sommer mit ins Trainingslager. Er attestierte mir gute Leistungen – gegen Panathinaikos Athen und Alemannia Aachen absolvierte ich etwa Testspiele und wir spielten jeweils zu Null. Doch dann verletzte sich Heinz Müller und Thomas Tuchel wollte einen erfahrenen Torhüter hinter Christian Wetklo wissen. So verpflichtete der Klub Martin Pieckenhagen. Es tat Tuchel sehr leid.

Wie schwierig ist es, sich in solchen Situationen neu zu motivieren?

Natürlich war diese Nachricht für mich erstmal sehr bitter. Zugleich wollte ich aber nicht in Lethargie verfallen. Es war klar, dass ich, wenn ich meine Chancen verbessern will, den Schritt ins Ausland wagen muss. Stillstehen wollte ich nicht, denn Stagnation ist der Tod für einen Fußballer.

Was lief eigentlich auf Zypern falsch?

Thomas von Heesen holte mich zu Apollon Limassol. Ich startete als Nummer eins in die Saison, doch nach vier Spielen wackelte bereits der Stuhl des Trainers, obwohl wir ungeschlagen Spitzenreiter waren.

Wieso?

Auf Zypern denken einige Leute, die sich mit ein paar tausend Euro einen Sitz im Präsidium erkauft hat, sie seien befugt, dem Trainer in seine Arbeit hineinzureden. Diesem Dilemma bin ich zum Opfer gefallen. Es machte einige Herrschaften nervös, einen so jungen Keeper im Tor zu sehen. Im Gegensatz zu allen anderen Mannschaften in der Ersten Zyprischen Division waren wir das einzige Team, das einen Torwart aufbot, der weit unter 30 Jahre alt war. Trotzdem bereue ich nichts, denn letztlich bin ich mental aus dieser schwierigen Situation als Sieger hervor gegangen. Ich habe mich nicht unter kriegen lassen, jeden Tag diszipliniert an mir gearbeitet und so manche schöne Erinnerung behalten. Beispielsweise haben mich die Fans als besten ausländischen Keeper ins Allstargame gewählt, obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr gespielt habe.

Danach flüchteten Sie nach Den Haag?

Es war auf keinen Fall eine Flucht. Ich wollte weg und habe den Verein gebeten, meinen Zweijahresvertrag aufzulösen. Dem haben sie auch entsprochen. Mit der Entlassung von Thomas von Heesen ist das ganze Konzept in sich zusammengebrochen. Für mich war das, was übrig blieb, nicht attraktiv genug. Es ist aber nicht so, dass ich nur schlechte Erfahrungen auf Zypern gemacht habe. Alleine der Sieg im Derby gegen AEL Limmassol vor ausverkauftem Haus war eine großartige Sache für mich. Nach dem Sieg stürmten die Fans den Platz und später drangen sie in die Kabine. Es gab kein Entrinnen, und so feierten wir gemeinsam bis in die Morgenstunden, ganz so, als wären wir Meister geworden. Die komplette Stadt war in blau-weiß gehüllt.

Seit September stehen Sie bei ADO Den Haag unter Vertrag und haben mit Gino Coutinho den ehemaligen U21-Keeper der niederländischen Nationalelf vor sich. Wie ist Ihr Verhältnis?


Wir sind keine Freunde.

So wie Jens Lehmann und Oliver Kahn.

Nun, so ist es auch wieder nicht. Wir sind Kollegen, aber eben auch Konkurrenten. Wir respektieren und grüßen uns.



ADO Den Haag steht aktuell auf dem sechsten Platz der Eredivisie.

Es ist der beste Saisonstart seit 30 Jahren, die Stadt brennt vor Euphorie. Zumal wir mit einer sehr jungen Mannschaft antreten. Und wenngleich wir mit einem Spieler wie Dmitri Bulykin einen der Toptorjäger der Liga in unseren Reihen haben, setzt unser Trainer nicht auf Stars, er setzt aufs Gefüge.

Der Höhepunkt war der Auswärtssieg bei Ajax Amsterdam?

Auf jeden Fall. Dazu muss man wissen, dass sich die Anhänger von Ajax und Den Haag spinnefeind sind. Nach dem 1:0 in Amsterdam wurden wir auf der Heimfahrt von unseren Fans abgefangen und gewissermaßen entführt. Sie brachten uns zum »Supporters Home«, einer Art Klubheim, wo wir die Nacht durchtanzten. Ein historisches Ereignis.

Es klingt, als fühlten Sie sich sehr wohl?

Peter Niemeyer, den ich aus meiner Zeit bei Bremen sehr gut kenne, erzählte mir ja schon vor meiner Vertragsunterschrift bei ADO einiges von der niederländischen Eredivisie. Er sprach gut von der Liga und auch von meinem Klub, und er untertrieb trotzdem – es ist alles noch viel besser. Ganz ehrlich: Seit ich aus Berlin weg bin, ist es zum ersten Mal so, dass ich mich wieder richtig wohl fühle. Die Mannschaft, der Trainer, die Stadt – alles passt.

Wie äußert sich das?

Vorteilhaft für mich ist die junge Altersstruktur der Mannschaft. Hier bin ich einer von ihnen. Im Gegensatz dazu war ich bei meinen vorigen Vereinen unter den vielen alten Männern immer der kleine Junge. Außerdem vermittelt einem der hiesige Jugendstil das Gefühl, dass es jeder schaffen kann, solange er nur richtig an sich arbeitet.

Wie sehr beschäftigt Sie eigentlich Ihr Status als Ersatzkeeper?

Ich bin keine Nummer Zwei. Das weiß ich. Und ich glaube fest daran, dass, wenn ich meine Chance bekomme, sie auch nutzen werde. Natürlich ist man als Torwart in einem steten Zwiespalt: Einerseits hofft man auf diese eine Chance, andererseits spielen dabei auch äußere Faktoren eine große Rolle.

Sie meinen eine mögliche Verletzung Ihres Konkurrenten.

Unter anderem. Ich wünsche niemandem eine Verletzung – und doch würde sie mir eine große Chance eröffnen.

Wenn heute ein Scout vor Ihnen stünde: Wie würden Sie sich anpreisen? Was sind Ihre Stärken?

Einmal habe ich das Glück gehabt, mit vielen erfahrenen und guten Torhütern zusammenzuarbeiten. Ich spielte und trainierte in meinem Ex-Vereinen mit Tim Wiese, Gabor Kiraly und Christian Fiedler, in den Jugendnationalmannschaften mit Manuel Neuer oder Florian Fromlowitz. Überall versuchte ich mir, die für mich adäquaten Eigenschaften abzuschauen. Sei es das Spiel auf der Linie bei Tim Wiese oder die präzise und hart geschlagenen Abschläge von Christian Fiedler. Außerdem bin ich relativ ruhig auf dem Platz, ich habe Gedanken und Nerven im Griff und stark im eins gegen eins. Im Herauskommen und bei hohen Bällen habe ich mich verbessert, doch da ist durchaus noch Luft nach oben.

Nico Pellatz, Sie sind 24 Jahre und haben bereits in drei verschiedenen Ligen Europas gespielt. Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Aktuell habe ich die Chance, mich in einer sehr starken euopäischen Liga zu beweisen. Ich bin also – im Gegensatz zu meiner Zeit auf Zypern – wieder im Blickpunkt. Auf gar keinen Fall will ich meine Karriere als Fußballnomade fortsetzen. Ich bin nun in Den Haag, und ich bin gekommen, um zu bleiben und zu spielen.

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