Tomislav Piplica im Interview

„Ich bin kein Typ, der weint“

Tomislav Piplica, der Keeper von Energie Cottbus, ist in dreierlei Hinsicht ein Pirat: seinem Äußeren nach, in der Art, wie er zwischen Kreis- und Weltklasse hin- und hersegelt, und in seiner Furchtlosigkeit. „Angst?“, fragt er. „Was bedeutet das?“ Imago

Herr Piplica, Sie haben als 12-Jähriger zum ersten Mal gegen einen Ball getreten, damals noch als Feldspieler. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Zeug zum Torwart haben?

Das war irgendwann beim Jugendtraining in meiner bosnischen Heimat Bugojno. Beide Stammtorhüter waren verletzt, und ich hatte Lust, das mal auszutesten, also habe ich mich reingestellt. Kopfbälle konnte ich als Feldspieler sowieso nie leiden. Am nächsten Tag hat mich der Trainer zu einer Sonderschicht Torwarttraining bestellt.

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Hatten Sie damals ein Vorbild?

Mein damaliger Torwarttrainer. Er war der Beste (lacht).


Wie sah in den Anfangsjahren ihr Training aus?

Bei Iskra Bugojno (Heimatverein von Tomislav Piplica, Anm. d. Red.) wurde viel mit dem Ball trainiert. Fußball war und ist in Bosnien bis heute die populärste Sportart. Damals haben sich die Kinder nach der Schule einfach auf der Straße getroffen und angefangen zu kicken. Heute sieht man das leider viel zu wenig. Wer Glück hatte wie ich, durfte später zu einem richtigen Verein wechseln und dort mittrainieren.

Wie oft sind Sie noch in ihrer bosnischen Heimat?

Die Zeit wird natürlich immer knapper, um in Bugojno vorbeizuschauen. Wenn ich es doch mal schaffe, treffe ich mich gerne mit Freunden und Verwandten. Das ist mir wichtig.

Was hat sie 1998 dazu bewogen, nach Cottbus zu wechseln?


Vor meinem Wechsel zu Energie habe ich einige gute Angebote abgelehnt, weil ich einen lukrativen Vertrag bei meinem damaligen Verein Segesta Sisak in Kroatien hatte. Im letzten Jahr steckte ich finanziell in einer Krise und wollte weg. Ein Wechsel nach Belgien scheiterte 1997 daran, dass der Verein keine Ablösesumme zahlen wollte. Irgendwann kam das Angebot aus Cottbus, und ich habe zugesagt.

Was unterscheidet den zwölfjährigen Jungen von damals vom erfahrenen Tomislav Piplica heute?

Ich bin nicht mehr so jung wie mit zwölf. Was ich früher mit Krafttraining kompensiert habe, mache ich heute mit dem Kopf. Damals dachte ich, es gäbe keine Situation, die ich nicht bewältigen könnte. Ich freue mich über beide Piplicas, weil ich nichts ausgelassen habe, was mir Spaß macht.

Sie sind vor kurzem 38 geworden und haben genau 101 Erstligaspiele für Energie absolviert. Was bedeuten ihnen diese Zahlen?

Insgesamt habe ich mehr als 250 Mal für Energie gespielt, dazu kommen die Spiele in Bosnien und Kroatien. Es ist natürlich etwas Besonderes, wenn jemand über hundert Spiele in der Bundesliga macht – und das immer hundert Prozent über 90 Minuten. Ich freue mich, vor 80.000 Zuschauern gegen große Gegner wie Bayern oder Dortmund zu spielen. Außerdem bin ich der einzige Spieler, der für Energie mehr als einhundert Erstligaspiele bestritten hat. Das ist schon toll.

In der Vergangenheit haben Sie gelegentlich Weltklasse-Leistungen gezeigt. Wie groß sind ihre Ambitionen nach zwölf Jahren Energie Cottbus noch?

Für einen Torwart aus Kroatien bedeutet es großes Glück, wenn er neun Jahre in der Bundesliga spielen darf. Auch für mich ist das etwas Besonderes. Nur Mladen Pralija vom HSV und Tihomir Bulat von St. Pauli haben das für kurze Zeit geschafft. In meinem Land erfährt man dafür sehr großen Respekt.



Sie gelten als lustiger, geselliger Typ. Wie schaffen Sie es, den großen Druck, der auf einem Bundesligatorwart lastet, zu kompensieren?

Der Druck wurde so groß, weil es nicht mehr nur um den Sport geht. Ich denke, selbst wenn man unter Druck steht, sollte man das Leben genießen und Spaß haben an dem, was man tut. Man kann nie wissen, was morgen kommt.

Interessieren Sie Fangesänge gegen ihre Person überhaupt noch?

Manchmal trifft mich das schon noch, aber so ist das Geschäft. Man muss lernen, damit umzugehen.

Haben Sie Rituale?

Ja klar. Jeder Spieler oder Torwart hat etwas, was er vor dem Spiel macht. Für mich ist es aber wichtiger, beim Spiel oder im Training gesund zu bleiben. Alles andere, denke ich, kommt von alleine.

Eine Einladung in die kroatische Nationalmannschaft haben Sie einmal ausgeschlagen, weil der Trainer von ihnen eine Kurzhaarfrisur verlangte. Wie wichtig ist es ihnen, ihren eigenen Kopf durchzusetzen?

Ich war noch jung und habe nicht so reagiert, wie ein 38-jähriger Mann reagiert hätte. Lange oder kurze Haare, das ist für mich unwichtig, völliger Quatsch! Der Trainer konnte mir damals keine Garantie geben, ob ich spielen darf. Das lief so auf die Art: Schneide mal deine Haare, dann kriegst du vielleicht auch eine Chance.

Bereuen Sie manchmal Ihre Entscheidung?

Ich bin ein glücklicher Mann und kann damit leben. Ich habe für zwei Nationalmannschaften gespielt, erst für die jugoslawische U-21 und dann neun Mal für meine Heimat Bosnien. Ich bin vielleicht der einzige Spieler, dessen Name in einem Spiel von 35.000 Bosniern gerufen wurde. Nach dem Krieg gibt es in Ex-Jugoslawien nicht so viele, die das von sich behaupten können.

In Cottbus sind Sie mittlerweile zu einer Art Urgestein geworden. Haben Sie nie an einen Wechsel gedacht?

2001 hatte ich ein Angebot von Austria Wien. Heute bin ich froh, dass ich in Deutschland geblieben bin. Alles, was Energie Cottbus in den letzten Jahren erreicht hat, hat mit meinem Namen zu tun. Bei der Wahl zum besten Energie-Spieler aller Zeiten 2005 wurde ich von den Energie-Fans auf Platz zwei gewählt (die Wahl gewann Detlef Irrgang, Anm. d. Red.). Für mich als Nicht-Deutschen, der so lange für Cottbus gespielt hat, ist das ein klasse Ergebnis.

Zusammen mit den anderen ausländischen Energie-Spielern wohnen Sie in einer Mulit-Kulti-Reihenaussiedlung im Cottbuser Vorort Sielow. Sind Sie für zu einer Art Integrationsfigur für die anderen Spieler geworden?

Als ich vor zwölf Jahren nach Cottbus gezogen bin, hatten wir das Glück, viele andere Leute vom Balkan zu treffen. Trotzdem kommen die Spieler nicht zu mir und fragen nach Rat. Als allererstes musst du lernen, die Deutschen und ihr Land zu akzeptieren, dann kommst du ohne Probleme weiter. Ich hatte in den ganzen Jahren kein einziges Mal Ärger mit Rassismus. Ich glaube, Cottbus ist für Ausländer weitaus weniger gefährlich, als die Leute denken. In anderen Großstädten wie Berlin zum Beispiel hätte ich mehr Angst um meine Kinder.

Wie war ihre Einstellung gegenüber Ede Geyer?

Ede Geyer ist bekannt dafür, ein harter Trainer zu sein. Er hat einen guten Job gemacht, aber irgendwann hat er selbst gemerkt, dass es so nicht weiter gehen kann. Er hat mich nach Cottbus geholt, daher habe ich einen Riesenrespekt vor ihm. Ohne ihn hätte ich den Vereinsrekord von hundert Spielen nie geschafft.

Wie schwer fiel ihnen die Trennung, als Geyer Ende 2004 gehen musste? War das auch für Sie eine Art Neuanfang?

Vielleicht wäre mir die Umstellung schwerer gefallen, wenn ein ganz neuer Trainer nach Cottbus gekommen wäre. Petrik Sander kannte die Mannschaft und den Verein durch seine Arbeit als Co-Trainer. Er hat einen ganz anderen Stil als Geyer und spricht mehr mit uns Spielern. Unter Geyer musste man im Training jedes Mal hundert Prozent geben. Wer weiß, vielleicht wäre meine Karriere ohne diese Art von Training kürzer gewesen.


Ärgert es Sie manchmal, dass sie immer noch mit ihrem legendären Kopfballtreffer ins eigene Netz in Verbindung gebracht werden?

Das Tor selbst wurmt mich heute nicht mehr. Es ärgert mich aber, wenn immer nur dieser eine Treffer im Fernsehen gezeigt wird. Ich hätte keine Probleme damit, wenn die Leute auch mal meine guten Aktionen zeigen würden. Man kann sich nicht immer auf das Negative konzentrieren, sondern sollte unseren Kindern auch Beispiele geben, wie es nach Niederlagen weiter geht. Die Leute lieben das Negative. Ich weiß nicht, warum das so ist. Meiner Meinung nach gehören Niederlagen dazu.

In der Gunst der Fans schwanken Sie zwischen Publikumsliebling und „Pannen-Piplica“. Trotzdem sind Sie einer der wenigen Bundesliga-Keeper mit eigenem Fanschal. Polarisieren Sie gerne?

Leistungsschwankungen sind bei jedem Spieler ganz normal. Wenn ich mir die Leistungen der anderen Torhüter anschaue, verstehe ich nicht, warum mein Eigentor gegen Gladbach heute noch so viel Theater macht. Anscheinend schreiben die Journalisten über meine Fehler lieber als über die Fehlgriffe der anderen Torhüter. Ich bin mit Energie zweimal aufgestiegen und habe in meinen Augen mehr gute als schlechte Spiele abgeliefert. Wie gesagt, so ist das Geschäft. Ich habe gelernt, damit zu leben.

Am letzten Spieltag der Zweitligasaison 2004/05 wäre Cottbus fast in die Regionalliga abgestiegen. Letztes Wochenende hat ihr Team Werder Bremen ein Remis abgetrotzt. Und nun 3:1 in Frankfurt gewonnen. Was trauen Sie der Mannschaft in den kommenden Jahren noch zu?

Der Moment, als wir in Karlsruhe auf dem Platz standen und auf das Ergebnis aus Trier warten mussten, war für viele von uns ganz bitter. Im nächsten Jahr sind wir aufgestiegen, obwohl uns einige Experten nicht mal eine einprozentige Chance eingeräumt haben. Die Teams haben gelernt, uns zu respektieren, obwohl wir so einen kleinen Etat haben.

Sie sind jetzt Ende dreißig. Wie lange wollen Sie noch Fußball spielen?

Das kann ich nicht sagen. Ich bin gesund, fühle mich fit, und jedes Training macht mir Spaß. Ich sehe kein Problem darin, noch weiter zu machen. Vielleicht passiert morgen etwas, und ich habe kein Bock mehr. Grundsätzlich bin ich ein Typ, der nicht gerne so lange im Voraus plant. Ein, zwei Wochen, mehr kannst du nicht überblicken. Ich lebe von Tag zu Tag, damit komme ich am besten zurecht.

Haben Sie heute Angst davor, dass ihre Leistung irgendwann nicht mehr ausreichen könnte, um in der 1.Bundesliga zu spielen?

Angst, was bedeutet Angst? Nach so vielen Spielen habe ich keine Angst davor zu sagen: Okay, jetzt spiele ich noch eine Saison und danach setze ich mich auf die Bank. Andere Torhüter haben ihr ganzes Leben lang auf der Bank gesessen. Ich bin mehr als zwanzig Jahre Profi, das ist mein Leben.

Gibt es schon konkrete Pläne für die Zeit nach ihrer Profikarriere? Reizt Sie vielleicht die Aufgabe eines Trainerjobs bei Energie Cottbus?

Es gab schon positive Gespräche über meine Zukunft im Verein. Eine konkrete Entscheidung habe ich noch nicht getroffen. Ich würde mich freuen, einem Verein, für den ich so viele Spiele absolviert habe, auch nach meiner aktiven Karriere weiter helfen zu können.

Ihr Cottbusser Torwart-Kollege Gerhard Tremmel gab nach dem Spiel gegen Hertha zu, nach dem Schlusspfiff vor Glück geweint zu haben. Wie wichtig sind Ihnen Gefühle beim Fußball?

Ich bin kein Typ, der weint. Ich habe schon mit gebrochenem Zeh und einer dreifach gebrochenen Schulter gespielt, und alle haben gesagt: Das ist das Ende seiner Karriere. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal geweint habe.


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Hier findet Ihr ein Interview mit Petrik Sander www.11freunde.de/bundesligen/18844

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