Tomasz Waldoch im Interview

»Ich will Trainer werden«

Sieben Jahre lang hielt Tomasz Waldoch seine Knochen für den FC Schalke 04 hin. Jetzt sucht der ehemalige polnische Nationalspieler einen Job auf der Trainerbank. Ein Gespräch über das Ziel Abitur und den verpassten Job als Co-Trainer. Tomasz Waldoch im Interview

Tomasz Waldoch, Sie haben in der vergangenen Zeit in Ihrenm Heimatland Polen gearbeitet. Haben Sie überhaupt noch Zeit, um sich Spiele Ihres ehemaligen Klubs Schalke 04 anzuschauen?

Schalke habe ich diese Saison nur ein einziges Mal live im Stadion  gesehen – ausgerechnet im Derby gegen Dortmund, wo ja drei Polen spielen. Während des Spiels habe ich mir nur die Augen gerieben, weil der BVB mit seiner jungen Mannschaft das ganze Spiel so selbstverständlich dominiert hat – und das auf Schalke! Zu meiner aktiven Zeit hat es das nie gegeben.

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Als ehemaliger Verteidiger muss Sie besonders die Schalker Defensive erschrocken haben?

Oh ja, das tat schon weh. Doch die Probleme der Schalker würde ich nicht allein an der Defensive festmachen. In dem Spiel gegen Dortmund spielte die ganze Mannschaft schwach, da gab es gar kein Zusammenspiel.

Ihr Sohn Kamil spielt im Schalker Nachwuchs und absolvierte auch schon einige Jugend-Länderspiele für Polen. Hat er das Zeug zum Profi?
 
Meinen Sohn habe ich in der Schalker U 17 sogar mal selber trainiert. Jetzt spielt er in der U 19. Das Talent hat er, alles weitere liegt bei ihm. In den Jugendmannschaften der Bundesligisten gibt es schließlich viele Talente, doch nicht alle werden Profis. Fußballerische Fähigkeiten alleine reichen nicht aus. Notwendig sind auch Wille und Ausdauer. Allerdings soll er jetzt erstmal das andere Ziel erreichen.

Das da wäre?

Sein Abitur!

Sie haben eben erwähnt, dass Sie den Schalker Nachwuchs trainiert haben. Wie kam es dazu?


Bei Schalke gibt es sehr gute Bedingungen für die Jugendarbeit. Die Infrastruktur ist perfekt. Und da ich Trainer werden wollte, habe ich die Ausbildung in Deutschland gemacht, wo nicht nur meine Familie lebt, sondern wo ich auch als ehemaliger Bundesligaprofi nicht erst den Trainerschein C machen musste, sondern gleich den Trainerschein B. Seit dem Frühjahr 2010 besitze ich nun auch die UEFA Pro Lizenz, mit der ich Profimannschaften trainieren kann.

Bereits vor einem Jahr sollten Sie Co-Trainer der polnischen Nationalmannschaft werden. Jetzt ist das Jacek Zielinski.

Als Franciszek Smuda im Herbst vergangenen Jahres zum Nationaltrainer ernannt wurde, begann er seinen Trainerstab zusammenzustellen. Er rief mich an und bot mir den Posten des Co-Trainers an. Für mich war es eine große Ehre und ich nahm das Angebot sofort an, ohne auf weitere Konsequenzen zu achten.

Welche Konsequenzen?

Ich fuhr nach Polen, um mir Freundschaftsspiele gegen gegen Rumänien und Kanada anzuschauen. Für die Medien war ich bereits der neue Co-Trainer, das stand formell allerdings noch gar nicht fest. Vor Ort habe ich dann von den Bedingungen erfahren: Smuda zu dem Zeitpunkt noch offiziell Trainer des Erstligisten Zaglebie Lubin. Zwischen ihm und dem Fußballverband PZPN gab es nur eine mündliche Abmachung. So musste ich selber mit dem PZPN verhandeln, ohne dass wir eine Einigung erzielen konnten. Und das lag nicht nur an finanziellen Fragen, wie die polnische Presse bis heute behauptet. Am 4. Januar 2010 kam dann die endgültige Absage vom PZPN. Gleichzeitig endete jedoch auch mein Vertrag auf Schalke. Plötzlich saß ich auf dem Eis, wie man bei uns in Polen sagt. Aber so konnte ich wenigstens in Ruhe meinen Trainerschein an der Sporthochschule Köln zu Ende machen.

Bis vor wenigen Tagen waren Sie Sportdirektor beim polnischen Erstligisten Gornik Zabrze, gleichzeitig der Klub, bei dem Sie vor Ihrem Wechsel in die Bundesliga spielten. Wie sind Sie dort gelandet?

Kurz nach den gescheiterten Verhandlungen mit dem PZPN riefen mich Vertreter der Allianz-Polska an, denen Gornik seit Juli 2007 gehört. Wir haben uns einige Male getroffen und haben uns über die weitere Entwicklung der Mannschaft unterhalten. Ziemlich schnell wurde uns klar, dass wir ähnliche Vorstellungen haben. Wir wollten beide, dass Gornik sich erst einmal wieder in der Liga etabliert, langfristig aber oben mitspielt und bald auch auf der europäischen Bühne präsent ist.

Warum haben Sie diesen Posten überhaupt übernommen? Die Arbeit eines Sportdirektor dürfte mit der Arbeit eines Trainers nicht viel zu tun haben.

Das stimmt, es gibt gewaltige Unterschiede zwischen beiden Berufen. Doch falls Sie meinen, ich bedauere es, Sportdirektor gewesen zu sein, muss ich Sie enttäuschen. Ich habe zwar lange überlegt, ob ich das Angebot von Gornik annehme, aber nur deshalb, weil meine Familie weiterhin in Deutschland lebte. Langfristig möchte ich natürlich auf die Trainerbank zurückkehren.

1994 sind Sie von Gornik Zabrze zum VfL Bochum gewechselt. Was hat sich seitdem in Zabrze verändert?

In der Stadt hat sich einiges getan. Doch im Verein selber hat sich bis auf einige neue Gesichter nicht viel verändert. Das Stadion ist 16 Jahre älter geworden, ohne dass es in den vergangenen Jahren großartig modernisiert wurde. Seit drei Jahren gibt es aber Pläne für ein neues Stadion, dessen Bau im Frühling 2011 endlich beginnen soll. Ein Stadion, das 34.000 Zuschauern Platz bieten soll und wirklich beeindruckend ist.

Und wie hat sich die Liga seit ihrem Weggang verändert?

Die Mannschaften sind gleichwertiger geworden. Im Gegensatz zu früher, als Teams wie Wisla Krakau, Legia Warschau und Lech Posen die Liga dominierten, gibt es keine klassischen Spitzenteams mehr. Es gibt einige Klubs, die keine Stars haben, dafür aber eine solide Mannschaft. Bestes Beispiel dafür ist der Tabellenführer Jagiellonia Bialystok. Problematisch ist nur, dass die meisten Vereine zu schwach für die europäischen Wettbewerbe sind. Unsere einzige Visitenkarte ist Lech Posen, der erst neulich Manchester City mit 3:1 besiegt hat.

Kann sich mit der anstehenden  EM, die Polen 2012 gemeinsam mit der Ukraine austrägt, die Situation des polnischen Fußballs verändern?

Die EM ist eine sehr große Chance für den polnischen Fußball. Und dass sich etwas tut, merkt man schon heute. Es entstehen neue Stadien, und dies nicht nur an den Spielorten. Es kommen wieder mehr Fans zu den Begegnungen und das Interesse der Sponsoren hat enorm zugenommen, wodurch die Vereine reicher und professioneller werden.

Macht sich diese Entwicklung auch schon in der Nachwuchsarbeit bemerkbar?

Die Ausbildung der jungen Spieler leidet leider immer noch. Der Verband hat zwar für die Profivereine das Lizenzierungsverfahren verschärft, die demnächst mehr Jugendmannschaften führen müssen, doch das ist nur ein erster Schritt. Was vor allem geschaffen werden muss, sind entsprechende Rahmenbedingungen.

Was meinen Sie damit?

Es fehlt an Trainingsplätzen und ausgebildeten Trainern, die sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren, und nicht nach zwei Stunden gehen, weil sie noch Sport in der Schule unterrichten müssen.

Letzte Frage: Wer wird Europameister 2012?

Das weiß ich nicht, aber ich habe ein Wunschfinale: Deutschland gegen Polen. Und dann möge bitte der Bessere gewinnen...

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