10.01.2011

»Titel machen süchtig«

Lira Bajramaj über ihre Karriere

Heute Abend wird die Weltfußballerin des Jahres 2010 gekürt. Lira Bajramaj ist neben Marta und Birgit Prinz unter den Top 3. Wir sprachen mit ihr über ihre Vergangenheit als Kriegsflüchtling, die Integrationsdebatte und ihre Fußballkarriere.

Interview: Maike Schulz und Benjamin Kuhlhoff Bild: Darius Ramazani


Gerade in den Neunzigern war Deutschland ein ungemütliches
Pflaster für Ausländer. Es gab die Anschläge in Hoyerswerda und
Mölln, Rassismus war alltäglich.


Einmal habe ich mit meinem großen Bruder gespielt, da muss ich sieben gewesen sein. Plötzlich kamen vier Jungs auf uns zu, die hatten Glatzen, schwere Stiefel und Bomberjacken. Sie packten meinen Bruder und schrien: »Ihr Scheißausländer dürft hier nicht spielen!« Ich habe überhaupt nicht verstanden, was los war. Die anderen Kinder haben uns erklärt, dass wir vor Jungs mit Glatze und Stiefeln weglaufen sollen. Auch später in Mönchengladbach wurde ich auf dem Fußballfeld ein paarmal angepöbelt. Anfangs haben wir uns das gefallen lassen, aber irgendwann war mein Bruder so groß, dass alle Angst vor ihm hatten.

Haben Sie die Bomberjacken von damals jemals wieder getroffen?

Ja. Die gehen heute mit gesenktem Kopf an mir vorbei, vielleicht aus Respekt. Zumindest die Haare haben sie sich wachsen lassen, vielleicht haben sie mittlerweile aus ihrer Dummheit gelernt.

Derzeit erleben Sie eine Art zweiter Integration: Nachdem Sie in
Ihrer Kindheit in einem völlig neuen Land ankamen, sind Sie vor
einem Jahr von Ihrer Familie in Gladbach fortgezogen und haben
eine neue Herausforderung bei Turbine Potsdam gesucht.


So viele Unterschiede zu damals gab es gar nicht. Anfangs habe ich die neuen Leute um mich herum erst einmal beobachtet. Ich war regelrecht schüchtern, beinahe wie damals im Kindergarten. Wenn ich Anweisungen bekam, habe ich sie umgesetzt. Doch meine Kolleginnen haben es mir leichtgemacht, ich gehörte schnell dazu. Jetzt bin ich fast noch deutscher als manch andere: Disziplin und Respekt sind mir sehr wichtig.

Sie leben erstmals weit weg von Ihrer Familie. Wie wichtig ist dieser
Schritt für Ihre Entwicklung?


An erster Stelle stand der Fußball.Bei Potsdam ist alles noch ein bisschen professioneller als bei meinem alten Verein in Duisburg. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, deswegen fiel mir die erste Zeit in Potsdam auch schwer. Aber jetzt merke ich, dass mich dieser Schritt weiterbringt. Ich bin erwachsener geworden und sehe viele Dinge anders. Waschen, kochen: Alles, was Mama früher gemacht hat, muss ich jetzt selber machen.

Wie war es anfangs im neuen Umfeld?

Zu Hause war immer jemand da, nun musste ich mir überlegen, was ich mit meiner Freizeit anstelle. Ich koche mittlerweile sehr gerne. Oft treffe ich mich abends mit ein paar Mitspielerinnen. Hier habe ich angefangen, Sushi zu essen. Das fand ich in Gladbach noch total eklig.

Vermissen Sie Ihren alten Bolzplatz?

Das war eine wilde Zeit. Jeden Tag ging es nach der Schule raus in den Käfig. Im Sommer haben wir barfuß gespielt und uns mit Tricks überboten. Einer sagte: »Ich kann den Zidane-Trick.« Ich konterte mit einem Trick, den ich bei Ronaldo gesehen hatte. So habe ich mir die Technik antrainiert, die mich heute auszeichnet.

Stirbt die Spezies Straßenfußballer auch bei den Frauen aus?

So langsam schon. Ich finde das schade. Wenn ich an den Bolzplätzen vorbeigehe, sehe ich kaum noch Mädchen mitspielen.

Wo sind die alle?

Die guten Talente sind längst in den Internaten der Klubs. Der Rest spielt schon in jungen Jahren im Verein. Das ist natürlich wichtig für die Ausbildung, doch alles, was Fußball für mich so besonders macht – Tricks, schnelles Handeln, Robustheit –, habe ich im Käfig beim Spiel gegen die Jungs gelernt.

Sie würden allen empfehlen, auch mal auf den Ascheplatz nebenan zu gehen?

Nehmen wir unsere U 17 in Potsdam. Die Mädchen leben größtenteils im Internat. Wenn ich sie morgens sehe, tragen alle die gleiche Kleidung. Sie haben einen geregelten Tagesablauf: morgens und abends Training, dazwischen Schule. Denen fehlt die Freiheit, irgendwo hinzugehen und Jungs anzusprechen, ob sie mitspielen dürfen. Aber so etwas bringt dich auch weiter, man muss sich trauen zu fragen und sich durchsetzen. Es härtet ab, wenn man sich gegen einen überlegenen Gegner durchsetzt. Immer nur gut geplantes Training kann auch ermüden.

Wer war Ihr erstes Vorbild?

Zinédine Zidane. Und er ist es auch heute noch. An ihm kommt keiner vorbei. Ich mag ihn auch, weil er sich nie in die Medien gedrängt hat. Außer mit seiner Kopfnuss hat man ihn doch nie abseits seiner sportlichen Leistung wahrgenommen. Er ist ein Familienmensch, der zurückgezogen gelebt hat. Auf dem Platz ist er dann explodiert.

Und bei den Frauen?

Marta. Als ich das erste Mal gegen sie gespielt habe, war ich total nervös. Ich erinnere mich, wie sie an mir vorbeiging und meine Knie weich wurden. Ich wollte unbedingt ihr Trikot haben, habe mich aber nicht getraut, sie zu fragen.

Hält man sich im Spiel gegen das Vorbild auf dem Platz eher zurück?

Im Gegenteil. Ich habe mich immer extra reingehängt. Es gibt doch nichts Geileres, als deinem Vorbild den Ball abzunehmen oder mit einem Trick einfach stehenzulassen. Marta ist eine Weltfußballerin, da ist man extra motiviert.

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