10.01.2011

»Titel machen süchtig«

Lira Bajramaj über ihre Karriere

Heute Abend wird die Weltfußballerin des Jahres 2010 gekürt. Lira Bajramaj ist neben Marta und Birgit Prinz unter den Top 3. Wir sprachen mit ihr über ihre Vergangenheit als Kriegsflüchtling, die Integrationsdebatte und ihre Fußballkarriere.

Interview: Maike Schulz und Benjamin Kuhlhoff Bild: Darius Ramazani
Lira Bajramaj, was sagt Ihnen Bambi?

Meinen Sie das Reh oder den Preis?

Mesut Özil bekam kürzlich den erstmals verliehenen Integrations-Bambi.

Es gibt viele, die den Preis verdient hätten. Auch Cacau, der DFB-Botschafter für Integration ist, engagiert sich sehr. Aber Mesut steht nun mal mehr im Fokus der Medien, gerade wenn es um die Türkei und Deutschland geht. Er ist das Aushängeschild.



Auch Sie hätten aufgrund Ihrer Biografie den Preis verdient.

Freut mich, dass Sie es so sehen. Was den Frauenfußball angeht, stehe ich oft im Fokus. Ich gebe mir also Mühe, ein gutes Bild abzugeben, um den Mädchen, die zu mir aufschauen, ein positives Vorbild zu sein.

Was meinen Sie mit »ein gutes Bild abgeben«?

Als Deutsche mit Migrationshintergrund habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich, wenn man sich der Kultur anpasst, viele Möglichkeiten für die Entwicklung in einem fremden Land ergeben.

Hand aufs Herz: Nervt das Thema Integration manchmal?

In Deutschland darf eben jeder seine Meinung sagen. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen, und ich habe eine klare Meinung dazu: Viele Migranten sind wirklich zu faul sich anzupassen. Das Buch von Herrn Sarrazin hat hohe Wellen geschlagen, und viele Themen, die er anschneidet, kommen einem ja nicht fremd vor im täglichen Leben.

Inwiefern?

Viele Migranten vergessen, dass wir hier als Gäste hergekommen sind und aus einer schlimmen Situation in unserer Heimat geflohen sind. In Kreuzberg oder Neukölln ist es teilweise wie in der Türkei, diese Abspaltung finde ich bedenklich. Was mich stört, ist das Kalkül, mit dem Sarrazin sein Buch veröffentlicht hat. Er wusste, dass die Deutschen solche Themen lieben. Und das Traurige ist: Er ist bei weitem nicht der Einzige, der so krass denkt.

Sie sind im Alter von vier Jahren mit Ihrer Familie aus dem Kosovo
geflüchtet. Haben Sie noch Erinnerungen an die Heimat?


Ich habe sehr gute Erinnerungen an den Kosovo, weil ich dort eine schöne Kindheit hatte. Von den schlimmen Dingen habe ich wenig mitbekommen. Der Kosovo ist meine Heimat. Manchmal vermisse ich die Sonne und das leckere Essen sehr.

Welche Bilder von Ihrer Flucht nach Deutschland haben Sie noch
im Kopf?


Daran kann ich mich schwach erinnern. Es ging alles sehr schnell. Ich weiß, dass wir am ersten Tag mit sieben Leuten in einem Auto saßen. Es war eng, heiß und stickig. Wir hatten große Angst, weil wir nicht wussten, wo es hingeht. Schließlich landeten wir in einem Asylantenheim in Remscheid.

Das muss ein Kulturschock gewesen sein.

Oh ja, wir hatten im Kosovo gelernt, Angst vor der serbischen Polizei zu haben. Wenn wir in Remscheid draußen spielten und die Polizei vorbeifuhr, sind wir schnell ins Zimmer gelaufen und haben uns versteckt. Ich habe manchmal vor Angst geweint. Wir Kinder haben nicht verstanden, dass die Polizei in Deutschland uns schützt. Außerdem verstand ich die Sprache nicht.

Zwei Jahre lang haben Sie heimlich Fußball gespielt, weil Sie Angst hatten, dass Ihr Vater es Ihnen verbietet. Wieso sind Sie nicht aufgeflogen?


Eigentlich war es nicht so schwierig. Ich habe mir die Stutzen von meinem Bruder Flakron genommen, T-Shirt und kurze Hosen hatte ich selber, Schuhe habe ich von den anderen Jungs aus dem Verein bekommen. Wenn ich abends heimkam, konnte ich die dreckigen Sachen ruhig zeigen. Die hätten ja auf dem Spielplatz genauso dreckig werden können wie auf dem Fußballplatz.

Aber Sie brauchten sicher Komplizen.

Alle Jungs aus meiner Mannschaft wussten Bescheid. Die haben im Garten auf mich gewartet, und dann sind wir zusammen zum Training gelaufen. Einmal musste ich die Unterschrift für den ersten Spielerpass fälschen. Ich habe in Grundschulschrift unterschrieben, in riesigen Druckbuchstaben. Das muss dem Verein aufgefallen sein, doch die
Schiedsrichter haben immer nur gezwinkert und den Pass akzeptiert. Irgendwann hat mein Vater es dann herausgefunden. Ich hatte mir umsonst Sorgen gemacht, denn einen Tag später fuhr er mit mir zum Sportgeschäft und ich durfte mir Schuhe und ein Trikot aussuchen.

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