»Titel machen süchtig«

Lira Bajramaj über ihre Karriere

Heute Abend wird die Weltfußballerin des Jahres 2010 gekürt. Lira Bajramaj ist neben Marta und Birgit Prinz unter den Top 3. Wir sprachen mit ihr über ihre Vergangenheit als Kriegsflüchtling, die Integrationsdebatte und ihre Fußballkarriere. »Titel machen süchtig«Darius Ramazani
Heft#110 01/2011
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110

Lira Bajramaj, was sagt Ihnen Bambi?

Meinen Sie das Reh oder den Preis?

Mesut Özil bekam kürzlich den erstmals verliehenen Integrations-Bambi.

Es gibt viele, die den Preis verdient hätten. Auch Cacau, der DFB-Botschafter für Integration ist, engagiert sich sehr. Aber Mesut steht nun mal mehr im Fokus der Medien, gerade wenn es um die Türkei und Deutschland geht. Er ist das Aushängeschild.

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Auch Sie hätten aufgrund Ihrer Biografie den Preis verdient.

Freut mich, dass Sie es so sehen. Was den Frauenfußball angeht, stehe ich oft im Fokus. Ich gebe mir also Mühe, ein gutes Bild abzugeben, um den Mädchen, die zu mir aufschauen, ein positives Vorbild zu sein.

Was meinen Sie mit »ein gutes Bild abgeben«?

Als Deutsche mit Migrationshintergrund habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich, wenn man sich der Kultur anpasst, viele Möglichkeiten für die Entwicklung in einem fremden Land ergeben.

Hand aufs Herz: Nervt das Thema Integration manchmal?

In Deutschland darf eben jeder seine Meinung sagen. Aber ich weiß, worauf Sie hinauswollen, und ich habe eine klare Meinung dazu: Viele Migranten sind wirklich zu faul sich anzupassen. Das Buch von Herrn Sarrazin hat hohe Wellen geschlagen, und viele Themen, die er anschneidet, kommen einem ja nicht fremd vor im täglichen Leben.

Inwiefern?

Viele Migranten vergessen, dass wir hier als Gäste hergekommen sind und aus einer schlimmen Situation in unserer Heimat geflohen sind. In Kreuzberg oder Neukölln ist es teilweise wie in der Türkei, diese Abspaltung finde ich bedenklich. Was mich stört, ist das Kalkül, mit dem Sarrazin sein Buch veröffentlicht hat. Er wusste, dass die Deutschen solche Themen lieben. Und das Traurige ist: Er ist bei weitem nicht der Einzige, der so krass denkt.

Sie sind im Alter von vier Jahren mit Ihrer Familie aus dem Kosovo
geflüchtet. Haben Sie noch Erinnerungen an die Heimat?


Ich habe sehr gute Erinnerungen an den Kosovo, weil ich dort eine schöne Kindheit hatte. Von den schlimmen Dingen habe ich wenig mitbekommen. Der Kosovo ist meine Heimat. Manchmal vermisse ich die Sonne und das leckere Essen sehr.

Welche Bilder von Ihrer Flucht nach Deutschland haben Sie noch
im Kopf?


Daran kann ich mich schwach erinnern. Es ging alles sehr schnell. Ich weiß, dass wir am ersten Tag mit sieben Leuten in einem Auto saßen. Es war eng, heiß und stickig. Wir hatten große Angst, weil wir nicht wussten, wo es hingeht. Schließlich landeten wir in einem Asylantenheim in Remscheid.

Das muss ein Kulturschock gewesen sein.

Oh ja, wir hatten im Kosovo gelernt, Angst vor der serbischen Polizei zu haben. Wenn wir in Remscheid draußen spielten und die Polizei vorbeifuhr, sind wir schnell ins Zimmer gelaufen und haben uns versteckt. Ich habe manchmal vor Angst geweint. Wir Kinder haben nicht verstanden, dass die Polizei in Deutschland uns schützt. Außerdem verstand ich die Sprache nicht.

Zwei Jahre lang haben Sie heimlich Fußball gespielt, weil Sie Angst hatten, dass Ihr Vater es Ihnen verbietet. Wieso sind Sie nicht aufgeflogen?


Eigentlich war es nicht so schwierig. Ich habe mir die Stutzen von meinem Bruder Flakron genommen, T-Shirt und kurze Hosen hatte ich selber, Schuhe habe ich von den anderen Jungs aus dem Verein bekommen. Wenn ich abends heimkam, konnte ich die dreckigen Sachen ruhig zeigen. Die hätten ja auf dem Spielplatz genauso dreckig werden können wie auf dem Fußballplatz.

Aber Sie brauchten sicher Komplizen.

Alle Jungs aus meiner Mannschaft wussten Bescheid. Die haben im Garten auf mich gewartet, und dann sind wir zusammen zum Training gelaufen. Einmal musste ich die Unterschrift für den ersten Spielerpass fälschen. Ich habe in Grundschulschrift unterschrieben, in riesigen Druckbuchstaben. Das muss dem Verein aufgefallen sein, doch die
Schiedsrichter haben immer nur gezwinkert und den Pass akzeptiert. Irgendwann hat mein Vater es dann herausgefunden. Ich hatte mir umsonst Sorgen gemacht, denn einen Tag später fuhr er mit mir zum Sportgeschäft und ich durfte mir Schuhe und ein Trikot aussuchen.



Gerade in den Neunzigern war Deutschland ein ungemütliches
Pflaster für Ausländer. Es gab die Anschläge in Hoyerswerda und
Mölln, Rassismus war alltäglich.


Einmal habe ich mit meinem großen Bruder gespielt, da muss ich sieben gewesen sein. Plötzlich kamen vier Jungs auf uns zu, die hatten Glatzen, schwere Stiefel und Bomberjacken. Sie packten meinen Bruder und schrien: »Ihr Scheißausländer dürft hier nicht spielen!« Ich habe überhaupt nicht verstanden, was los war. Die anderen Kinder haben uns erklärt, dass wir vor Jungs mit Glatze und Stiefeln weglaufen sollen. Auch später in Mönchengladbach wurde ich auf dem Fußballfeld ein paarmal angepöbelt. Anfangs haben wir uns das gefallen lassen, aber irgendwann war mein Bruder so groß, dass alle Angst vor ihm hatten.

Haben Sie die Bomberjacken von damals jemals wieder getroffen?

Ja. Die gehen heute mit gesenktem Kopf an mir vorbei, vielleicht aus Respekt. Zumindest die Haare haben sie sich wachsen lassen, vielleicht haben sie mittlerweile aus ihrer Dummheit gelernt.

Derzeit erleben Sie eine Art zweiter Integration: Nachdem Sie in
Ihrer Kindheit in einem völlig neuen Land ankamen, sind Sie vor
einem Jahr von Ihrer Familie in Gladbach fortgezogen und haben
eine neue Herausforderung bei Turbine Potsdam gesucht.


So viele Unterschiede zu damals gab es gar nicht. Anfangs habe ich die neuen Leute um mich herum erst einmal beobachtet. Ich war regelrecht schüchtern, beinahe wie damals im Kindergarten. Wenn ich Anweisungen bekam, habe ich sie umgesetzt. Doch meine Kolleginnen haben es mir leichtgemacht, ich gehörte schnell dazu. Jetzt bin ich fast noch deutscher als manch andere: Disziplin und Respekt sind mir sehr wichtig.

Sie leben erstmals weit weg von Ihrer Familie. Wie wichtig ist dieser
Schritt für Ihre Entwicklung?


An erster Stelle stand der Fußball.Bei Potsdam ist alles noch ein bisschen professioneller als bei meinem alten Verein in Duisburg. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, deswegen fiel mir die erste Zeit in Potsdam auch schwer. Aber jetzt merke ich, dass mich dieser Schritt weiterbringt. Ich bin erwachsener geworden und sehe viele Dinge anders. Waschen, kochen: Alles, was Mama früher gemacht hat, muss ich jetzt selber machen.

Wie war es anfangs im neuen Umfeld?

Zu Hause war immer jemand da, nun musste ich mir überlegen, was ich mit meiner Freizeit anstelle. Ich koche mittlerweile sehr gerne. Oft treffe ich mich abends mit ein paar Mitspielerinnen. Hier habe ich angefangen, Sushi zu essen. Das fand ich in Gladbach noch total eklig.

Vermissen Sie Ihren alten Bolzplatz?

Das war eine wilde Zeit. Jeden Tag ging es nach der Schule raus in den Käfig. Im Sommer haben wir barfuß gespielt und uns mit Tricks überboten. Einer sagte: »Ich kann den Zidane-Trick.« Ich konterte mit einem Trick, den ich bei Ronaldo gesehen hatte. So habe ich mir die Technik antrainiert, die mich heute auszeichnet.

Stirbt die Spezies Straßenfußballer auch bei den Frauen aus?

So langsam schon. Ich finde das schade. Wenn ich an den Bolzplätzen vorbeigehe, sehe ich kaum noch Mädchen mitspielen.

Wo sind die alle?

Die guten Talente sind längst in den Internaten der Klubs. Der Rest spielt schon in jungen Jahren im Verein. Das ist natürlich wichtig für die Ausbildung, doch alles, was Fußball für mich so besonders macht – Tricks, schnelles Handeln, Robustheit –, habe ich im Käfig beim Spiel gegen die Jungs gelernt.

Sie würden allen empfehlen, auch mal auf den Ascheplatz nebenan zu gehen?

Nehmen wir unsere U 17 in Potsdam. Die Mädchen leben größtenteils im Internat. Wenn ich sie morgens sehe, tragen alle die gleiche Kleidung. Sie haben einen geregelten Tagesablauf: morgens und abends Training, dazwischen Schule. Denen fehlt die Freiheit, irgendwo hinzugehen und Jungs anzusprechen, ob sie mitspielen dürfen. Aber so etwas bringt dich auch weiter, man muss sich trauen zu fragen und sich durchsetzen. Es härtet ab, wenn man sich gegen einen überlegenen Gegner durchsetzt. Immer nur gut geplantes Training kann auch ermüden.

Wer war Ihr erstes Vorbild?

Zinédine Zidane. Und er ist es auch heute noch. An ihm kommt keiner vorbei. Ich mag ihn auch, weil er sich nie in die Medien gedrängt hat. Außer mit seiner Kopfnuss hat man ihn doch nie abseits seiner sportlichen Leistung wahrgenommen. Er ist ein Familienmensch, der zurückgezogen gelebt hat. Auf dem Platz ist er dann explodiert.

Und bei den Frauen?

Marta. Als ich das erste Mal gegen sie gespielt habe, war ich total nervös. Ich erinnere mich, wie sie an mir vorbeiging und meine Knie weich wurden. Ich wollte unbedingt ihr Trikot haben, habe mich aber nicht getraut, sie zu fragen.

Hält man sich im Spiel gegen das Vorbild auf dem Platz eher zurück?

Im Gegenteil. Ich habe mich immer extra reingehängt. Es gibt doch nichts Geileres, als deinem Vorbild den Ball abzunehmen oder mit einem Trick einfach stehenzulassen. Marta ist eine Weltfußballerin, da ist man extra motiviert.



Zuletzt haben Sie mit Turbine Potsdam im Achtelfinale der Champions League mit 9:0 gegen den SV Neulengbach aus Österreich gewonnen. Macht das überhaupt Spaß?

So ein hohes Ergebnis ist im ersten Moment schön. Nach dem 9:0 haben wir uns natürlich gefreut, aber später in der Kabine hat jemand gesagt: »Die armen Zuschauer, die sich das ansehen mussten.« Die Freude ist halt anders als nach einem 1:0-Sieg. Ich glaube, dem Frauenfußball würde ein bisschen mehr Spannung guttun.

Sie haben mit 22 Jahren bereits alles gewonnen, sind Welt- und
Europameisterin, Champions-League- und UEFA-Cup-Gewinnerin.
Jetzt kommt die WM im eigenen Land. Falls Sie auch diesen Titel
holen: Was soll dann noch kommen?


Der WM-Triumph 2011 ist der größte Traum meiner sportlichen Karriere, doch danach geht es weiter. Ich will bei Olympia 2012 dabei sein und die Goldmedaille gewinnen, 2013 kommt wieder eine EM. Mit meinem Verein kann ich Meisterschaften und europäische Titel holen. Titel zu gewinnen macht süchtig. Das lässt niemals nach.

Dabei haben Sie nach dem WM-Triumph 2007 gesagt: »Erst will ich
Weltmeisterin 2011 werden und dann ein Kind bekommen.«


Um ein Kind zu bekommen, braucht man ja erst mal den richtigen Mann. Das schaffe ich bis dahin nicht mehr, deswegen kann man das streichen. Der WM-Titel 2011 bleibt mein Traum, aber danach werde ich auf jeden Fall weiterspielen. Ich glaube sogar, nach der WM geht meine Karriere erst richtig los.

Während die Herren bei der Heim-WM 2006 als vermeintlicher Außenseiter die Herzen der Fans im Sturm eroberten, ist die Frauenmannschaft Topfavorit auf den Titel. Eigentlich können Sie nur verlieren.

Wir haben natürlich einen enormen Druck, schließlich können wir zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. Alle jagen uns, das wissen wir. Aber ich sehe diesen Druck positiv, dadurch bleibt man konzentriert auf das Wesentliche.

Druck kann aber auch hemmen.

Natürlich kann es hemmen, wenn ein ganzes Land auf uns schaut. Man muss sich das mal vor Augen führen: 2007 sind wir ohne Gegentor Weltmeister geworden. Ich glaube aber, wir müssen uns davon freimachen. Gegentore sind vollkommen normal. Und wir dürfen auch mal ein schlechtes Spiel machen.

Durch Ihre Leistungen, aber auch durch Ihr extrovertiertes Auftreten
abseits des Platzes, stehen Sie oft im Rampenlicht. Wie gehen
Sie damit um?


Mich freut, dass das Interesse am Frauenfußball steigt, doch manchmal überschreiten die Fans gewisse Grenzen. Es kommt vor, dass sie einen Menschen vereinnahmen und erschrocken sind, wenn man sich dagegen wehrt. Von uns wird auf dem Platz respektvolles Verhalten verlangt, genau das verlangen wir auch von unseren Fans. Es muss gegenseitiger Respekt da sein. Ich mag es nicht, wenn die Leute zu aufdringlich werden. Ich glaube, dass ich nicht nur für mich spreche, wenn ich sage, dass wir Spielerinnen immer versuchen, alle Autogramm- und Fotowünsche versuchen zu erfüllen.

Sind das Momente, wo alles zu viel wird?

Natürlich gibt es das. Wenn alle im Bus sitzen und warten, und ich komme einfach nicht weg. Da denkt man schon mal: »Ist es das, was du wirklich willst?« Aber ich habe in solchen Situationen einen Mechanismus entwickelt: Ich zähle langsam bis zehn, atme einmal durch und bleibe den Menschen gegenüber offen und freundlich.

Auch die Medien lieben Sie. So titelte die »Bild« einst »Lira Bajramaj:
Deutschlands schönstes Fußballmodel«.


Was für ein Quatsch! Ich bin kein Model, ich bin Fußballerin. Natürlich ist es ein Kompliment, wenn anderen mein Aussehen gefällt. Aber ich stehe lieber auf dem Rasen als auf dem Laufsteg.

Sie sind gläubige Muslima. Wie würde die muslimische Gemeinde
reagieren?


Natürlich gibt es dort welche, die mir absprechen, eine richtige Muslima zu sein. Eben weil ich in kurzen Hosen spiele und so offen auftrete. Aber ich kann diesen Menschen nur sagen: Man muss kein Kopftuch tragen, um eine Muslima zu sein.

Wie wichtig ist der Glauben in Ihrem Alltag?

Ich bete regelmäßig, das ist mir wichtig. Ich habe auch versucht zu fasten, aber nur vier Tage durchgehalten. Das geht einfach nicht, wenn man Leistungssport treibt. Aber ich interpretiere meinen Glauben modern. Ich bin jung, gehe auch mal feiern und trinke ein Glas Sekt. Meine Mutter hat mich nach dem Koran erzogen, sie hat mir viel von Gott erzählt und mir den Islam nähergebracht. Sie hat mich aber nie zu etwas gezwungen.

Glauben Sie, dass der Islam in Deutschland falsch verstanden wird?

Die meisten Menschen können doch gar nichts für ihr Bild vom Islam. Die lesen jeden Tag Horrormeldungen von Terroristen, Bombenanschlägen und Steinigungen. Das wird immer in Zusammenhang mit dem Islam gebracht, so entsteht dieses einseitige Bild. Viele verstehen nicht, dass sich das alles verrückte Extremisten ausgedacht haben. Da kann man erzählen, was man will, das Bild ist zementiert: Jeder Moslem ist gefährlich.

Die FIFA will Kopftücher im Fußball verbieten. Das iranische Frauenteam sollte bestraft werden, weil die Spielerinnen mit Kopftuch aufliefen. Wie stehen Sie dazu?

Zuallererst ist es ein Wunder, dass diese Frauen in einem solch strengen Land überhaupt Fußball spielen können. Wenn die FIFA ernsthaft über ein Verbot der Kopftücher nachdenkt, werden die Iranerinnen sicher nicht mehr spielen dürfen. Auch darüber sollte die FIFA nachdenken.

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