17.10.2009

Timoschtschuk im Interview

»Leben ist ein täglicher Kampf«

Der Millionen-Neuzugang Anatolij Timoschtschuk kommt beim FC Bayern derzeit nicht zum Zug. Im Interview spricht er über den Stil von Louis van Gaal, einen Einsatz als Rechtsverteidiger und Meisterfeiern ohne Weißbier.

Interview: Johannes Aumüller Bild: Imago
Anatolij Alexandrowitsch, Sie sind mehr als drei Monate in Deutschland. Haben Sie sich an München gewöhnt?

Ja, alles ist in Ordnung, nur spielen wir derzeit alle drei Tage in den Klub-Wettbewerben oder wie jetzt mit der Nationalmannschaft. Und da gibt es keine Zeit, mal in die Stadt zu gehen.

Sie haben endlich einen Lehrer gefunden und angefangen, regelmäßig Deutsch zu lernen. Wie unterhalten Sie sich mit Ihren Mitspielern?

Unterschiedlich. Mit einigen auf Deutsch, mit einigen auf Englisch, manchmal auch auf Kroatisch und mit Miroslav Klose auf Polnisch. Und mit Ivica Olic natürlich auf Russisch.

Welchen Unterschied haben Sie zwischen dem russischem und dem deutschen Fußball bemerkt?

In erster Linie in der ganzen Organisation rund um den Fußball. Die Infrastruktur, die Spielfelder, die Stadien, das Verhältnis der Leute zueinander insgesamt, das alles ist professioneller als in Russland. Überall sind die Stadien voll, überall entsprechen die Spielfelder allen Anforderungen. Ich denke, Fußballer arbeiten immer gerne unter solchen Bedingungen.

Und mit Blick auf die fußballerischen Qualitäten? Oft heißt es, dass es in Deutschland keine leichten Gegner gibt, während man in Russland nur ein paar Mal pro Saison richtig gefordert ist.

Nein, auch in Russland ist jedes Spiel schwer. Fahren Sie doch einmal nach Tomsk oder nach Naltschik und schauen Sie, ob es da einfach ist. In Deutschland haben viele Mannschaften einen sehr guten Kader. Ich denke aber, dass die Bundesliga in der nächsten Zeit noch stärker wird.

Wie schwer war es für Sie, als Sie in den ersten Spielen nicht spielten und auch zuletzt nur auf der Bank saßen?

Diese Situation ist für jeden Spieler schwer, zumindest für jeden Profi, der es gewohnt ist, immer zu spielen und seiner Mannschaft zu nutzen.

Aber Ihre Situation ist eine besondere. Als Sie zu Bayern wechselten, erwarteten alle von Ihnen, dass Sie die Mannschaft anführen könnten.

Sowohl im Spiel als auch im Training versuche ich, Verantwortung zu übernehmen. Ob das dann für die Startelf reicht, hängt vom Trainer und seinen Vorstellungen vom Fußball ab. Aber das Leben als Ganzes ist ein täglicher Kampf mit irgendwelchen Schwierigkeiten. Und ich bin immer bereit zu kämpfen.

Haben Sie oft mit dem Trainer über Ihre Situation gesprochen?

Was soll der Trainer sagen? Der Trainer hat seine Prinzipien und es ist manchmal schwer für ihn, Entscheidungen zu treffen, weil in seiner Mannschaft 25 Spieler stehen, die alle eine hohe Qualität haben. Ich als Spieler kann nur versuchen, meine Arbeit zu machen, eine Situation zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen.

Es gibt zwei Typen von Trainern. Die einen entscheiden nur, die anderen sprechen viel mit den Spielern und erklären ihre Maßnahmen. Zu welchem Typ gehört van Gaal?

Van Gaal kommuniziert viel mit der Mannschaft und mit den Spielern. Es braucht auch einfach ein bisschen Zeit, um die Qualität der Mannschaft zu erhöhen.

Wenn van Gaal entscheidet, wer auf der Bank sitzt, erklärt er dann konkret: Anatolij, du sitzt heute aus diesem oder jenen Grund auf der Bank.

Nein, es wird nur die Aufstellung genannt.

Aber vielen Spielern ist es in diesem Moment sehr wichtig, eine Erklärung zu bekommen.

Ich verstehe, was Sie meinen, aber erklären kann man alles, nicht wahr? Man kann das eine denken, und das andere denken. Ich glaube, ein Spieler, der sich objektiv beurteilt, fühlt selbst, inwieweit er in diesem Moment bereit ist zu spielen und wie gerecht die eine oder andere Situation ist.

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