Timo Zahnleiter über seine Zeit in Griechenland

»Sie schmissen Backsteine«

Lange bevor Hans-Dieter Zahnleiter in den achtziger Jahren als Trainer in der Bundesliga arbeitete, spielte er bei AEK Athen in der höchsten griechischen Liga. Ein Gespräch über Fanatismus, Pionierarbeit und die Elf des Milleniums. Timo Zahnleiter über seine Zeit in GriechenlandImago

Timo Zahnleiter, herzlichen Glückwunsch nachträglich.

Wozu?

Sie sind in Griechenland in die Elf des Milleniums gewählt worden.

Ach ja?

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Sie wissen davon nichts?

Da war was, ja. Lassen Sie mich überlegen... (überlegt).

Eine griechische Zeitung – ich erinnere nicht mehr welche – fragte einst nach besten Ausländern, die je in Griechenland aktiv waren. In dieser Abstimmung wurde ich in die Top-10 gewählt, das stimmt. Schöner finde ich aber, dass ich mit Walter Wagner der erste Deutsche war, der in Griechenland gespielt hat.

Sie gingen 1974 vom damaligen Zweitligisten 1860 München zu AEK Athen. Wie kam es dazu?

Die Sechziger spielten damals in der Zweiten Liga und hatten gerade einen neuen Trainer verpflichtet: Max Merkel. Der wollte eigentlich, dass ich bleibe. Das schmeichelte mir natürlich, doch ich wollte gerne höherklassig spielen. Als wir ein Trainingslager in Griechenland abhielten, bekam ich diese Chance.

Erzählen Sie.

Wir machten ein Testspiel gegen AEK Athen. Auf Seiten der Griechen stand ein Spieler, der mir gleich auffiel. Ich fragte, wo er herkäme. Er antwortete: »From Germany, I played for Frankfurt.« Ich lachte und sagte: »Da könne wir ja deutsch babbeln.«

Sie sprechen von Walter Wagner.
 
Richtig. Walter absolvierte damals ein Probetraining bei AEK. Wir verstanden uns auf Anhieb. Also steckte ich ihm noch während des Spiels, dass mein Vertrag ausläuft und ich gerne wechseln würde. Er musste die Werbetrommel allerdings kaum rühren: In jenem Testspiel machte ich hintereinander drei Gegenspieler nass, die allesamt ausgewechselt wurden.

AEK verpflichtete Sie – und Sie spielten endlich erstklassig.

Wobei die erste Liga in Griechenland in den siebziger Jahren nicht mit der in Bundesliga vergleichbar war. Alles war ein bisschen rauer, ein bisschen ursprünglicher. Es gab keinen wirklichen Profifußball. Doch ich wollte dorthin, zum einen, weil ich stets neugierig war, andererseits, weil ich glaubte, endlich mal eine gute Entscheidung gemacht zu haben.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte bis dahin so viele falsche Entscheidungen getroffen. Mein größter Fehler war mein Wechsel zu 1860 München. Ich hatte damals, Anfang der Siebziger, ein Angebot vom FC Bayern vorliegen. Ich erinnere, wie man mich zu einem Trainingslager bestellte und ich einem Bayern-Scout erklären sollte, wer der beste Zweitligaspieler auf der rechten Abwehrseite sei. Ich dachte noch: Warum bestellt er mich hier her? Als Berater? Ich zählte dennoch ein paar Namen auf. Dann unterbrach der Scout mich und sagte: »Stopp, alles falsch. Sie san der Beste!«

Warum gingen Sie denn zu 1860?

Ich hatte an der Grünwalder Straße bereits einen Vorvertrag unterschrieben und kannte mich mit juristischen Dingen überhaupt nicht aus. Ich dachte, ich würde vertragsbrüchig werden, wenn ich nun zum FC Bayern wechselte. Heute würde natürlich jeder Berater oder Manager sagen: Egal was oder wo unterschrieben wurde, wenn ein Angebot vom FC Bayern vorliegt, gehst du dahin!

Der FC Bayern wurde in den nächsten Jahren mehrfach Meister, gewann den Europapokal der Landesmeister und den Weltpokal.

Das meine ich. 1860 war und ist auch ein toller Verein, keine Frage, damals waren die Löwen sogar der beliebtere Klub in München. Doch ich glaube heute: Wenn ich zum FC Bayern gegangen wäre, wäre meine Karriere anders verlaufen.

Griechenland sollte ein Neuanfang werden?

Vielleicht. Auch wenn anfangs vieles ungewohnt war. So musste ich etwa bald heiraten, weil mein Verein darauf drängte. Die Klub-Oberen waren gegen die wilde Ehe und so wurde der damalige Präsident Loukas Barlos quasi mein Trauzeuge. Auch der Enthusiasmus der Fans war ein ganz anderer als ich es aus Deutschland gewohnt war. Beim Training standen plötzlich 10.000 Fans am Rand, bei Testspielen gegen die dritten Herren von AEK kamen mitunter 25.000 Zuschauer ins Stadion.

Gab es damals schon den Fanatismus, den man heute aus Griechenland kennt?

Es gab Rivalitäten, aber Kloppereien habe ich nie erlebt. Ganz anders war es, als ich in den neunziger Jahren als Trainer in Griechenland arbeitete. Ich habe viele brutale Dinge gesehen, Prügeleien vor dem Stadion, auf Wiesen, Gewalt auf den Tribünen, brennende Blöcke. Einmal war ich bei einem Spiel zwischen Olympiakos und AEK, es war eine aufgeheizte Stimmung im Karaiskakis-Stadion. Irgendwann gab es eine Ecke für AEK und mit einem Mal schmissen die Fans Backsteine aufs Feld. Sechs oder sieben dicke Backsteine prasselten auf den Spieler an der Ecke nieder.

Das Spiel wurde abgebrochen?

Wo denken Sie hin? Nein, es wurde weitergespielt. Es folgte ein Durchsage, bitte keine Backsteine mehr zu werfen. Solche Szenen waren nicht selten. Manchmal ging es damals sogar so weit, dass Spieler sich weigerten, die Ecken zu treten – ihnen wurde dann erlaubt, den Eckball von der anderen Seite auszuführen.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an Ihre aktive Zeit bei AEK?

Wir wurden in jener Zeit leider nie Meister. Doch international spielten wir unglaublich. In der Saison 1976/77 schieden wir im Uefa-Cup erst im Halbfinale gegen Juventus Turin aus. Zuvor besiegten wir Mannschaften wie Roter Stern Belgrad, Dynamo Moskau, Derby County. Das größte Spiel fand allerdings gegen die Queen's Park Rangers statt. Wir hatten das Hinspiel 0:3 verloren. Im Rückspiel egalisierten wir – und gewannen 7:6 im Elfmeterschießen. Unser Trainer wechselte kurz vor Schluss der Verlängerung dafür extra unseren Nationaltorwart aus und brachte einen 36-Jährigen Routinier. Der hielt drei Elfmeter.

Würden Sie denn für einen Trainerjob nach Griechenland zurückgehen?

Ich würde es mir auf jeden Fall überlegen.

Die Fans mögen Sie scheinbar.

Ich bin jedenfalls noch nicht vergessen. Das zeigt mir eine Begegnung, die ich einmal am Flughafen von Athen erlebte. Es kam dort zu Verzögerungen, und eine Stewardess erklärte, dass zunächst ein prominenter Staatsmann einsteigen müsse. Wir warteten also. Dann blickte ich nach rechts, und da stand der griechische Verteidigungsminister, den ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte. Als wären wir alte Bekannte begrüßte er mich: »Hallo Herr Zahnleiter, wie geht's Ihnen denn?« Ich antwortete etwas perplex: »Sie kennen mich?« Er klopfte mir auf die Schulter: »Klar, damals AEK.« Damals AEK – das ist nun fast 40 Jahre her.

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